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Was macht der Terror mit uns? PDF Print E-mail
Written by www.woman.at   
Sunday, 15 November 2015

Was macht der Terror mit uns?

Diese Frage stellten wir elf Experten nach dem Terrorakt gegen Journalisten des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ im Jänner des heurigen Jahres. Und seit gestern hat sie mehr Gültigkeit denn je.

von Katrin Kuba am 14.11.2015, 16:59

 http://www.woman.at/a/terror-experten-statements

Gestern kurz nach 21 Uhr wurde Paris erneut von einer Anschlagsserie erschüttert. An sechs unterschiedlichen Orten – etwa der Konzerthalle Bataclan, in der auch Geiseln genommen wurden – sprengten sich Attentäter in die Luft. Und rissen bislang 127 Menschen in den Tod. Die ganze Welt trauert. Und gleichzeitig heißt es jetzt, stark zu sein, zusammen zu halten und geeint gegen den Terror aufzutreten.

Wie das aussehen kann? Lies hier noch mal die Antworten jener elf Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit Religion, Politik und Migration zu tun haben …

»Wer weiß, warum der andere anders ist, hält das Anderssein auch besser aus.«

URSULA PLASSNIK, BOTSCHAFTERIN IN PARIS

"KEINE GESELLSCHAFT der Welt ist vor Mördern und Attentätern gefeit ist. Das ist unbequem, aber leider eine Tatsache. Nicht passieren darf jedenfalls, dass wir das perfide Spiel der Mörder mitspielen und uns vor Angst verkriechen oder unser Lebensmodell ändern. Oder aber Muslimen generell mit inneren Vorbehalten begegnen. Da können wir von den Franzosen lernen, wie man sein Entsetzen, aber auch seine Bereitschaft, nicht in die Knie zu gehen, eindrücklich sichtbar macht. Auch in Österreich ist kein Platz für dumpfen Fremdenhass. Ängste ja, Besorgnis ja, Unwissen ja, aber nicht Hass. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, ein guter Nachbar zu sein. Gerade, wenn der Nachbar anders aussieht, anders denkt, anders klingt. Ich glaube an die gute alte Aufklärung: Wer weiß, warum der andere anders ist, hält das Anderssein auch besser aus."

KARIN KNEISSL, NAHOST-EXPERTIN

"ANGST HABE ICH KEINE. Denn: Terrorismus gibt es nicht erst seit gestern. Man darf sich nicht der Panik hingeben. Ich habe einige Zeit im Libanon gelebt und gesehen, wie die Menschen trotz massiver Gewalt weiter arbeiten gehen und ihre Kinder zur Schule bringen. Was bleibt ihnen übrig? Natürlich schüren Attentate wie diese das Misstrauen der Bevölkerung, und strenge Kontrollen vermitteln ein kleines Gefühl der Sicherheit. Wo als Nächstes etwas passiert, kann niemand sagen. Alles hängt mit allem zusammen. Und die vielen Kriege, die in den Nahen Osten hineingetragen wurden, sind nur schwer zu lösen. Was aber jeder tun kann: seinem Umfeld mit Respekt begegnen. In Frankreich wurde die Idee des Citoyen, des Staatsbürgers unabhängig von Religion und Ethnie, geschaffen. Wir dürfen nicht riskieren, wieder in alte religiöse Kategorien zurückzufallen, sondern sollten unser staatsbürgerliches Bewusstsein leben."

BERIVAN ASLAN, GRÜNEN-POLITIKERIN

"PARIS IST WIEN. Wir haben den Nahost-Krieg noch nie so nah erlebt. Ich bin vergangenes Jahr mehrmals aufgrund meiner politischen Tätigkeit mit dem Tod bedroht worden. Aber ich bin Politikerin aus Überzeugung. Ein Chirurg muss seine Emotionen auch hintanstellen, damit er sich auf seinen Job fokussieren kann. Das mache ich auch. Ich möchte keine Sklavin meiner Angst sein. Doch diese Gruppen verbreiten eine Atmosphäre von Furcht. Meine politische Überzeugung, gegen diese Gräueltaten zu kämpfen, hat sich dadurch verstärkt. Jedoch bin ich vorsichtiger geworden und versuche, nicht viel alleine unterwegs zu sein und meine Aufenthaltsorte nicht auf Social-Media-Plattformen zu teilen. Die Attentate wirken sich leider auch negativ auf die Integrationsdebatte aus. Die rechte Gesinnung freut sich, wenn Butter auf ihr Brot geschmiert wird. Sie wird diese Anschläge hervorragend missbrauchen. Solange wir nicht kapieren, dass wir eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung haben und jeder Beitrag gegen den Terror uns mehr Lebensqualität verschafft, wird der Frieden nicht kommen. Wichtig ist auch, dass Frauen mehr in diese Friedensprozesse involviert werden, denn sie sind die Architekten der Demokratie!"

SEBASTIAN KURZ, AUSSENMINISTER

"In der Gesellschaft bemerke ich, dass das Bewusstsein, dass Sicherheit nicht selbstverständlich ist, wieder wächst. Trotz allem: Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Genauso wie bei der Angst vor Verkehrsunfällen. Es gibt nie hundertprozentige Sicherheit; das war aber immer so und wird immer so sein. Ich fordere, dass wir uns vom Terror keinesfalls einschüchtern lassen und unsere Werte verteidigen. Wie es mit einem Lösungsweg für den Frieden aussieht? Dafür braucht es viele kleine Schritte. Ein Zurückdrängen der barbarischen IS-Terroristen in Syrien, humanitäre Hilfe vor Ort und starke Präventionsmaßnahmen hier in Österreich."

JOHANNA MIKL-LEITNER, INNENMINISTERIN

"DAS IST EIN ABSCHEULICHER Anschlag auf das Wertegefüge unserer europäischen Demokratien - auf Freiheit und Toleranz. Der Terrorakt hat uns jedoch ein Mal mehr vor Augen geführt, dass derzeit nirgendwo auf der Welt Anschläge ausgeschlossen werden können. In Österreich haben wir die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Ich warne aber vor einer Massenpanik. Auch, wenn natürlich Veränderungen in unserer Gesellschaft sichtbar werden. Weil Männer und Frauen aus Österreich den Weg in den Dschihad gesucht haben. Und viele von ihnen zurückgekehrt sind. Damit bilden sie ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für unser Land. Nichts davon aber darf die kritische Berichterstattung eingrenzen, sie ist ein wichtiger Eckpfeiler einer demokratischen Gesellschaft. Ebenso Eckpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft: Toleranz und Nächstenliebe. Zudem gilt es, jede Art von Extremismus, egal von welcher Seite, zu verurteilen."

AMINA BAGHAJATI, MEDIENREFERENTIN DER ISLAMISCHEN GLAUBENSGEMEINSCHAFT

"SCHON DAS VERGANGENE Jahr hat mit seinen ständigen Nachrichten über den Terrorwahnsinn Misstrauen und Ängste geschürt. Muslime sagen, es ist schlimmer als nach 9/11. Ich habe Angst, dass Paranoia um sich greift, nicht mehr rational mit Problemen umgegangen wird. Weil genau das die Terroristen erreichen wollen, versuche ich dann gleich zu denken: Nicht mit mir! Der Dialogbedarf ist sehr groß, und das ist gut so. Als Muslime sind wir herausgefordert, Stellung zu nehmen und aufzuklären. Und wir dürfen vor einem Anstieg der Islamfeindlichkeit nicht die Augen verschließen. Vor allem Frauen, die mit ihrem Kopftuch als Musliminnen sichtbar sind, werden oft verbal und auch physisch angegriffen. Ich will mich nicht einschüchtern lassen. Auch nicht, wenn es darum geht, offen darüber zu reden, warum die Extremisten den Islam frontal angreifen, also den Missbrauch von Religion aufzuzeigen. Die Propaganda der Terroristen setzt ja darauf, dass sie Panik auslösen und alle vor ihnen erstarren, über nichts anderes mehr reden. Das zieht Franchisenehmer des Terrors an: Bei den Extremisten wollen sie Allmachtsfantasien ausleben, die jeder religiösen Lehre scharf widersprechen. Sie stellen sich damit über Gott."

KLAUS SCHWERTNER, GESCHÄFTSFÜHRER DER CARITAS WIEN

"Gerade jetzt ist es wichtig, die Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen, konkrete Perspektiven zu schaffen und zu betonen: Die Werte, die bei angegriffen wurden, lassen sich am besten verteidigen, wenn wir diese Werte leben. Einheit und sozialer Zusammenhalt. Darum muss es gehen. Jetzt vermutlich noch mehr als schon zuvor. Überall dort, wo Menschen ins Gespräch kommen, gibt es Begegnung, funktioniert Integration. Ein Anschlag ist der Versuch, das friedliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Gruppen und Religionen zu zerstören. Dem muss ein klares NEIN entgegengesetzt werden. Und wir müssen uns jeden Tag aufs Neue die Frage stellen, was wir dazu beitragen können, für eine gerechtere Welt zu sorgen. Verantwortung lässt sich nicht abschieben. "

CELINE GARAUDY, GENERALDIREKTORIN DER FRANZÖSISCHEN HANDELSKAMMER

"WIE GUT GEHT'S MIR IN ÖSTERREICH! So mein erster Gedanke, als ich von dem Attentat gehört habe. Ich lebe seit 17 Jahren hier und habe mich noch nie unsicher gefühlt. Das hat bestimmt auch mit der langen politischen Geschichte Österreichs zu tun. Frankreich hingegen hat ein riesiges Problem mit Integration. Und jetzt herrscht im ganzen Land große Angst. Weil alle wissen, dass es jeden treffen kann. Ein Verrückter kauft sich irgendwo eine Kalaschnikow und entscheidet sich, Menschenleben einfach so auszulöschen. Auch die Regierung ist mit einer Lösung dieser Problematik überfordert. Was mich allerdings sehr positiv stimmt: Alle französischen Parteien und die Bevölkerung halten zusammen und lassen sich nicht unterkriegen. Und machen damit genau das Gegenteil von dem, was die Dschihadisten beabsichtigen: dass in Frankreich ein Zivilkrieg ausbricht. Stattdessen konzentriert sich Frankreich auf ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Vielleicht musste auch so etwas Schreckliches passieren, damit wir endlich begreifen, wie wertvoll das Leben in einer Demokratie ist."

ESER AKBABA, -MODERATORIN

"BIS JETZT LAG ALLES NOCH in der Ferne, aber wenn das in unmittelbarer Nähe passiert, bekommt man es mit der Angst zu tun. Fragen über Fragen gehen durch den Kopf: Ist Österreich als Nächstes dran?, Wen wird es als Nächstes treffen? Wie können wir uns dagegen schützen? Man beginnt über die eigene Sicherheit nachzudenken. Bis jetzt sind wir geschützt in einer Glaskuppel, aber wie lange noch? Ich war in Istanbul, als ein Mann vor dem Dolmabahce-Palast zwei Handgranaten auf Polizisten geschossen hat, da wurde mir mulmig. Und ich habe nachgedacht über diese Menschen, die verantwortlich sind für diese Anschläge. Was muss in einem vorgehen, um so etwas zu tun? Aber dann denke ich wieder: Was bringt es mir, mich fertig zu machen? Nichts, ich kann so und so nichts daran ändern, wenn es passiert. Ganz wichtig: Dass wir Journalisten unseren Kodex unbedingt einhalten, der da jegliche Diskriminierung von religiösen und ethnischen Werten und Minderheiten voraussetzt, genauso wie die Ablehnung von Hetze gegen Rassen und das Schüren von Fremdenfeindlichket. Für mich ist Kommunikation der Weg zum Frieden. Indem man über Themen, von denen man weniger Ahnung hat, redet, zuhört, recherchiert."

ROBERT PFALLER, PHILOSOPH

"ICH MACHE MIR SORGEN, dass sich die westlichen Gesellschaften nach einem primitiven Freund-Feind-Schema polarisieren. Und dass es in der Folge zu einer verstärkten Feindseligkeit auch gegen völlig friedliche und unbeteiligte Muslime kommt. Schließlich, dass man angesichts des mörderischen Spektakels von ein paar Verrückten die realen und kontinuierlichen Bedrohungen, zum Beispiel durch die US-amerikanische Überwachung und das Freihandelsabkommen TTIP aus den Augen verliert. Was ich ebenfalls feststelle: Dass gerade in dem Moment, als man begonnen hat, die Geheimdienste als Gefahr für Bürgerrechte und Demokratie zu erkennen, ihre Befugnisse nun weiter ausgeweitet werden könnten. Ich selbst werde der Bedrohung elementarer Grundrechte, auch solcher durch vermeintlich gutgemeinte Politik, in Zukunft noch engagierter entgegentreten. Denn man darf nicht übersehen, dass der Westen im Moment stark davon profitiert, dass die radikalsten islamistischen Gruppen in Syrien und im Irak gegeneinander kämpfen. Etwa durch den gefallenen Ölpreis. Ein kleinerer Friede hier könnte jedoch der Beginn für einen größeren Krieg anderswo sein."

KARIN BISCHOF, ZIVILCOURAGE-TRAINERIN

"IN ALL DER EMOTIONALITÄT und Betroffenheit ist es wichtig, bewusst Nerven zu bewahren. Denn: Terrorismus will ja Angst verbreiten. Ich bin besorgt, dass sich über solche unfassbaren Grausamkeiten Menschen aufwiegeln lassen und Werte wie Meinungs-und Pressefreiheit einerseits sowie der Zusammenhalt in einem kosmopolitischen Europa andererseits dadurch gefährdet werden. Am stärksten beunruhigen mich jene Strömungen, die als Reaktion auf solch fürchterliche Taten nicht Besonnenheit wählen, sondern kalkuliert die Ängste der Menschen weiter schüren, einen Keil in unsere Gesellschaft treiben. Angst aber schwächt und spielt den Terroristen in die Hände. Dabei braucht es gerade jetzt mutige, handlungsfähige und kreative Menschen, um die Anforderungen an eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu bewältigen. Im Moment scheint mir am wichtigsten, die Frage zu stellen, wer denn einen Profit aus einer solchen Tat schlagen kann und will. Es ist eine klare Taktik von Al Kaida, IS und Co, sich durch eine weitere Desintegration von Menschen muslimischen Glaubens eine breitere Machtbasis zu schaffen, vermehrt Zulauf zu erfahren. Diesen Plänen müssen wir als ganz Europa zuwider handeln."

Thema: Report



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