Beten für die arabische Revolution

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Donnerstag, 22 Dezember, 2011
Beten für die arabische Revolution

Vor einem Jahr begann der Arabische Frühling - arabischsprachige Moscheen thematisieren ihn häufig

Von Stefan Beig

  • In einzelnen Wiener Moscheen ist der Arabische Frühling das Dauerthema.

Der revolutionäre Flächenbrand, den die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in der arabischen Welt ausgelöst hat, ist auch an den Wiener Moscheen nicht spurlos vorübergegangen. "Verschiedene Imame, wie auch ich, haben den Aufbruch in Tunesien schon vor dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali thematisiert", erzählt Tarafa Baghajati, der unter anderem in der Taiseer Moschee im zehnten Wiener Gemeindebezirk gepredigt hat.

Bouazizis Suizid warf auch islamrechtliche Fragen auf: Selbstmord ist im Islam verboten. Die Al-Azhar-Universität in Kairo und saudi-arabische Gelehrte verurteilten deshalb umgehend die Tat. "Wir befinden uns in klarer Gegnerschaft zu diesen Fatwas (Rechtsgutachten)", sagt dazu Baghajati. "Unsere Meinung über ihn ist: Er ist ein Märtyrer für Gerechtigkeit, aber seine Tat ist absolut nicht nachahmenswert. Sein Handeln geschah im Affekt." Anerkannte islamische Institutionen seien "leider zu Sprachrohren des jeweiligen Regimes verkommen. Bei Al-Azhar macht sich nach der Revolution erfreulicherweise ein politischer Wandel bemerkbar."

Häufig predigte auch der bekannte palästinensische Imam Adnan Ibrahim in der Schura-Moschee in Wien-Leopoldstadt über die politischen Ereignisse. "Scheich Adnan war von Anfang an für die Revolution und hat sich gleich für die Seele von Bouazizi ausgesprochen", erzählt Salih, ein junger Moscheebesucher. Salih schätzt, dass mindestens 600 Personen in den an jedem Freitag bis auf den letzten Platz gefüllten Raum passen, viele davon sind wie Ibrahim gebürtige Palästinenser. Bis zu zwei Stunden dauern Adnan Ibrahims Freitagspredigten - länger als sonst irgendwo. "Deshalb gehe ich so gerne zu ihm hin: Er untermauert alle seine Aussagen mit Belegen und wird dafür auch von Muslimen geschätzt, die nicht seine Meinung teilen", erzählt Salih. Andererseits macht es das auch schwierig, Ibrahims Ausführungen zu folgen, wie er einräumt.

Eigentlich "fast immer" wurde der Arabische Frühling in den Freitagsgebeten der Hidaya-Moschee am Wiener Nestroyplatz angesprochen, erzählt ein Austro-Syrer. "Letzte Woche pries der Imam Ibrahim Demerdash den Gründer der Muslimbrüder Hassan al-Banna, und zitierte viele seiner Aussagen. Viele Besucher dort sind als Muslimbrüder bekannt." Er selber zähle sich nicht zu den Muslimbrüdern, gehe aber gerne hin, weil die Predigten gut und verständlich seien und oft von aktuellen politischen Ereignissen handeln. Auch der vertraute Rahmen gefalle ihm. Vier- bis fünfhundert Personen passen in die Hidaya-Moschee.

Manche Besucher der Hidaya-Moschee kommen auch zu den wöchentlichen Protesten gegen das syrische Regime am Stephansplatz. "Dazu hat der Imam die Besucher auch ermutigt", erzählt der Austro-Syrer. Fern blieben sie hingegen einer Demonstration, die vor einigen Monaten die in Deutschland verbotene islamische Partei Hizb-ut-Tahrir organisiert hat. Hizb-ut-Tahrir wettert seit Jahrzehnten gegen die Politik der Diktatoren in islamischen Ländern. Im Gegensatz zum Großteil der arabischen Diaspora sieht sie aber die Lösung für die islamische Welt nicht in "Demokratie und westlichen Menschenrechten", sondern in der Wiedererrichtung eines "rechtgeleiteten islamischen Kalifats". Shaker Assem, der Sprecher von Hizb-ut-Tahrir, betont: "Nur unter der Flagge des Propheten können wir demonstrieren. Wir lehnen die nationalen Flaggen ab, weil sie die Muslime spalten." Die religiösen Minderheiten Syriens seien ein Beweis für die Toleranz des Islam. "Gerade das islamische Modell garantiert den Schutz anderer Religionsgemeinschaften."

Obwohl Assem im Gegensatz zu vielen Arabern zurzeit nicht auf Demokratie hofft, befürwortet er die Proteste: "Die Leute sind vor allem gegen den Despotismus auf die Straße gegangen. Wir begrüßen den Sturz der Diktatoren. Nun ist eine direkte intellektuelle Auseinandersetzung möglich." Viele Araber in Österreich würden in ihrer Denkweise noch "den Strukturen Mubaraks nachhängen". Positiv findet Assem den neuen Enthusiasmus der arabischen Jugend in Österreich. "Sie hat sich vom Arabischen Frühling inspirieren lassen und Veranstaltungen dazu organisiert."

In Österreichs größter Moschee, dem Islamischen Zentrum am Hubertusdamm, in das bis zu 1500 Personen passen, wurde der Arabische Frühling hingegen nur ganz selten angesprochen. Meistens drehen sich Freitagspredigten dort um rein religiöse Themen. Nur einmal wetterte der Imam gegen Syriens Präsident Bashar al-Assad, kurz nachdem Saudi-Arabien seinen Botschafter von Syrien abgezogen hatte. Die Moschee wurde Ende der 70er Jahre mit einer Geldspende des saudischen Königs finanziert.

"Was bedeutet das für uns?"

Entscheidend ist für Baghajati vor allem eins: "Was bedeuten diese Ereignisse für uns hier und heute?" Seine Antwort: "Wenn der Wille und der Mut zu Reform und Veränderung da ist, hat jeder Mensch das Potenzial und die Kraft, um selbst in kürzester Zeit Leistungen zu vollbringen, die ansonsten Jahre oder Jahrzehnte benötigen würden." Für Europas muslimische Jugend solle das eine wichtige Motivation für Partizipation in der Zivilgesellschaft und starkes Selbstvertrauen sein. "Sogar in der Justizanstalt Josefstadt, wo ich ebenfalls predige, sage ich zu den Häftlingen: Kopf hoch, wenn Ihr draußen seid! Sie sollen ihr vorhandenes Potenzial maximal ausschöpfen." Wichtig sei, dass der Imam von den Zuhörern nichts verlangt, das außerhalb von deren Reichweite ist.

Darüber hinaus sei der Arabische Frühling "das beste Mittel im Kampf gegen Islamfeindlichkeit." Dieses gründe auf zwei Säulen. "Erstens: Der Islam anerkenne weder Freiheit noch Pluralismus. Zweitens: Die Muslime fühlen sich in der Unterdrückung wohl, weil sie im Namen des Islam geschehe. Diese beiden Fundamente wurden durch den Arabischen Frühling weggespült."

© 2011 Wiener Zeitung

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