Integration ist wie ein Debreziner

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Freitag, 6 Juli, 2007
Integration ist wie ein Debreziner

Was die Integration von Muslimen behindert, warum Zwangsehen nicht islamisch sind und weshalb ein Würstel die Kulturen vereint.

In Österreich leben 400.000 Muslime. Die Forderung nach Anpassung und der Vorwurf mangelnder Integrationswilligkeit an Muslime finden regelmäßig Eingang in den Integrationsdiskurs.

Der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi, macht dabei ein Grundproblem aus: Sowohl die Gesellschaft als auch die Muslime selbst hätten Integration lange mit Anpassung verwechselt. "Die Leute haben Angst, ihre Sprache, ihre Religion, ihre Gewohnheiten zu verlieren", so Al-Rawi. Die Folge: Die Muslime würden sich abkapseln und einigeln. Die Ghettobildung der Muslime ist also vorprogrammiert? Eher ein Generationsproblem, wie der Integrationsbeauftragte findet.

Vernetzung und Partizipation

Die Moscheen werden als Kulturvereine betrieben, dort treffen sich die Leute, trinken in der Kantine Tee, diskutieren und sehen sich Übertragungen von Fußball-Spielen an. Wichtig sei aber: "Community-Bildung darf nicht mit Parallelgesellschaften verwechselt werden". Erst wenn es keine Vernetzung der Community mehr nach außen gäbe, würden letztere entstehen. Das sei aber nicht der Fall. So würden evangelische Pfarrer, Polizisten und Schulklassen die Moscheen besuchen. Interreligiöse Zusammentreffen fänden regelmäßig statt.

Al-Rawi hat einen Leitsatz geprägt: "Integration durch Partizipation". Was er Muslimen zum Teil vorwirft, ist mangelnde Motivation, an der Gesellschaft aktiv teilzuhaben. Viele würden sich beispielsweise erst mit Politik auseinandersetzen, seit er Gemeinderat sei. "Sie fühlen sich gespiegelt". Grundsätzlich sei die rechtliche Anerkennung der Muslime in Österreich zwar ein Vorbild für andere Staaten, aber: "Rechtliche Anerkennung heißt noch nicht gesellschaftliche Akzeptanz." So ortet Al-Rawi das weitaus größere Problem in der gesellschaftlichen Diskriminierung, die Muslimen den Zugang zu Ressourcen verwehrt. Beispielsweise, wenn Frauen aufgrund ihres Kopftuchs keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Die aktive Teilhabe an der Gesellschaft und die Chance zu sozialem und ökonomischem Aufstieg seien Grundpfeiler für Integration.

Emanzipation der Frau

Zum Thema Frauenrechte fordert Al-Rawi die Emanzipation der muslimischen Frau. Wobei wiederum ein politisches Umdenken vonnöten sei: Einerseits müsste der Zugang zu Bildung geschaffen werden, andererseits müssten die Frauen auf dem Arbeitsmarkt ausreichend Chancen haben, um von ihren Ehemännern finanziell unabhängig zu sein. Es gebe aber erfolgreiche Ansätze in Zusammenarbeit mit der Stadt Wien. Sie bietet in Kulturvereinen Deutsch-Kurse für Frauen an, die sehr gut angenommen würden. Die Schwelle sei hier viel niedriger als bei Kursen der Volkshochschulen.

Die "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen", die Al-Rawi mitbegründete, hat sich in den letzten Monaten mit dem Thema Zwangsehe beschäftigt. Dass die Zwangsehe oft als islamspezifisches Phänomen ausgelegt werde, kritisiert Al-Rawi. Zwangsehen kämen in einigen Religionen und in verschiedenen Kulturen vor. "Unsere Aufgabe ist es, Aufklärung bei den Muslimen über die Vorstellung im Islam zu betreiben." Viele Muslime glaubten, dass die Zwangsehe religiös begründet sei. Der Islam sehe aber die Liebe als Grundlage für eine Eheschließung vor. Eine Zwangsehe sei aus religiöser Perspektive als nichtig zu sehen.

Den Grund für das Verheiraten der hier lebenden Töchter und Söhne mit Personen aus dem Herkunftsland sieht Al-Rawi in der Sehnsucht der Eltern nach ihrer Heimat begründet. Es sei aber ein Irrglaube, dass "die Schwiegertöchter- oder söhne in der selben Kultur aufgewachsen sind, nur weil sie im selben Land geboren sind und dieselbe Sprache sprechen."

Multi-Tasking

Statt krampfhaft an der Kultur des Herkunftlandes festzuhalten, die sich dort möglicherweise schon stark verändert hat, spricht sich Al-Rawi für kulturelles Multi-Tasking aus, nämlich für "die Fähigkeit, Dinge aus unterschiedlichen kulturellen Blickwinkeln anzupacken und dadurch unterschiedliche Lösungsstrategien parat zu haben."

Als Mittel gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt wünscht sich Al-Rawi so etwas wie eine "Migranten-Quote", die Anleihe an der Frauenquote nimmt. Wenn "bewusst eine Frau mit Kopftuch als Apothekerin" eingestellt wird, würden Schranken in den Köpfen der Leute fallen.

Was ist letztlich für Al-Rawi der Inbegriff für gelungene Integration? "Der türkische Fleischhacker. Seine Produkte sind halal – islamkonform geschächtet – aber trotzdem typisch österreichisch: Krakauer, Extrawurst, Debreziner."

Zur Person:

Omar Al-Rawi wurde 1961 in Bagdad geboren und lebt seit 1978 in Österreich.
Seit 1999 ist er Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Im selben Jahr gründete er die "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen" mit.
2001 kandidierte Al-Rawi für den Wiener Gemeinderat, seit 2002 ist er Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat.
Artikel vom 06.07.2007, 16:29 | KURIER ONLINE | Nicole Thurn

 

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