Interview mit Carla Amina Baghajati: "Österreich ist ein Exportland in Sachen Islam in Europa!"

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Mittwoch, 14 Juli, 2010
Interview mit Carla Amina Baghajati: "Österreich ist ein Exportland in Sachen Islam in Europa!"

In Österreich genießt der Islam den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Schon 1912 wurde er als Religionsgesellschaft anerkannt. Inwiefern kann der österreichische Umgang mit der islamischen Religion für andere europäische Länder – insbesondere für Deutschland – interessant sein?
Zwei Komponenten sind hier besonders interessant: Die sich aus dem rechtlichen Anerkennungsstatus ergebenden Möglichkeiten für die Institutionalisierung des Dialogs und für ein rascher wachsendes Zugehörigkeitsgefühl zugewanderter MuslimInnen.

Das Islamgesetz von 1912 ermöglicht einen Dialog auf „gleicher Augenhöhe“, ja mehr als das: der Islam ist in das österreichische Rechtssystem integriert, so dass sich immer wieder auch ein ganz direkter Austausch ergibt. Besonders augenscheinlich wurde dies im Zuge des Österreichkonvents, als die anerkannten Religionsgesellschaften ins Parlament eingeladen wurden, um ihre Stellungnahmen vorzutragen. (Siehe: http://www.derislam.at/islam.php)

Auch Gesetzesvorlagen, die die vierzehn in Österreich gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften betreffen, werden diesen im Zuge des Begutachtungsverfahrens zur Stellungnahme übermittelt. Ein Beispiel dazu: Als mit der Neueinführung des bundeseinheitlichen Tierschutzgesetzes auch das Thema „Schächten“ neu verhandelt wurde, klinkten sich die Israelitische Kultusgemeinde und die Islamische Glaubensgemeinschaft als offizielle religiöse Vertretungen der beiden betroffenen Gruppen hier ein. Gemeinsam unterhielt man Gespräche im Parlament mit den dafür zuständigen Abgeordneten der Parteien. So konnte gemeinsam eine Gesetzesvorlage erarbeitet werden, die für alle Seiten akzeptabel war und dann 2004 auch angenommen wurde. (Siehe:  http://www.derislam.at/islam.php)

Wenn sich die Vertreter der Religionsgemeinschaft auf oberster Ebene immer wieder zu diversen offiziellen Anlässen treffen, so hat dies auch sehr positive Auswirkungen auf den interreligiösen Dialog, der in vielen Bereichen über das „Reden“ auch ins gemeinsame „Handeln“ führt. Hier ist etwa das kollegiale Verhältnis der SeelsorgerInnen der verschiedenen Konfessionen im Spital oder in den Haftanstalten zu nennen. Solche Impulse wirken auch an die Basis und können wirksam aufzeigen, dass die Religionsgemeinschaften vieles verbindet, das gerade im Sinne des sozialen Engagements für das Allgemeinwohl allen zugutekommt.

Vor allem aber bietet die rechtliche Anerkennung eine Basis für MuslimInnen sich mit Österreich und seinen staatlichen Strukturen identifizieren zu können. Denn sie sind ehrlich eingebunden. Und auch wenn es zwischen rechtlicher Anerkennung und breiter gesellschaftlicher Akzeptanz noch immer eine Kluft zu schließen gilt, so ist doch eine ausgezeichnete Voraussetzung geschaffen, dass sich Muslime aktiv in das bestehende System einbringen können und damit selbst zu einem wichtigen Faktor werden, noch bestehende Missverständnisse oder Ängste durch ihre positive Präsenz überwinden zu helfen.

Kürzlich war die bekannte türkischstämmige Soziologin Nilüfer Göle zu Gast in Österreich, um Material für einen Ländervergleich zu „Islam in Europa“ zu sammeln. Sie lud diverse muslimische VertreterInnen und auch ausgewiesene nicht-muslimische KritikerInnen zu einem sehr ausführlichen Round Table Gespräch. Zuletzt äußerte sie sich vor allem darüber positiv überrascht, dass nie vom „Opferdasein“ die Rede war und die Muslime das Wort „Integration“ von „Partizipation“ abgelöst sehen wollten. Eine Diskussionskultur, in der auch ein zivilisiertes Streiten über unterschiedliche Meinungen dazu gehört, wurde von allen eingehalten. Kleine Anmerkung: Es war ja auch nicht das erste Mal, dass hier etwa AktivistInnen von „Moschee ade“ (Bürgerinitiative zur Verhinderung eines islamischen Kulturzentrums im 20. Wiener Bezirk) mit muslimischen VertreterInnen zum Reden kamen. Dieses muslimische Selbstbewusstsein und das Streben nach „Agieren statt Reagieren“ mögen leichter in einem Rahmen entstehen, der von vornherein durch zumindest gesetzliche Anerkennung geprägt ist.

Laut einer neueren Studie soll es in Österreich etwa 500 000 Muslime geben. 49 Prozent davon sind österreichische Staatsbürger. Sind sie politisch aktiv, gibt es hohe Amtsträger mit muslimischem Hintergrund in Österreich? Haben die politischen Parteien Muslime als spezielle Wählergruppe erkannt?
Die meisten Parteien haben inzwischen Menschen muslimischen Hintergrunds unter ihren aktiven PolitikerInnen. Am bekanntesten ist DI Omar Al Rawi von der SPÖ. Er ist der erste muslimische Politiker, der sich auch als praktizierender Gläubiger in der Öffentlichkeit zeigt. Ihm gelang es Personen, die noch nie an österreichischen Wahlen teilgenommen hatten, für die Politik zu interessieren. 2001 war er ein Neueinsteiger auf hinterem Listenplatz. Durch einen Vorzugsstimmenwahlkampf schrieben mehr als 2500 WählerInnen seinen Namen auf ihren Stimmzettel. Dieser beeindruckende Erfolg ließ ihn bei erster Gelegenheit  in den Wiener Landtag einziehen. Bei den späteren Wahlen steigerte er diese Stimmen auf zuletzt rund 3.900. Das Motto „Integration durch Partizipation“ wurde durch ihn im Sinne der politischen Partizipation – im bestehenden Parteienspektrum  - entschieden vorangetrieben. War vor mehr als zehn Jahren unter kleinen Gruppen von MuslimInnen noch eine Diskussion im Gange, ob das Wählen überhaupt mit dem Islam konform gehe, so ist diese Debatte inzwischen entschieden: Es gehört zur Verantwortung als BürgerIn des Landes durch das Ausüben des Wahlrechtes politisch mitzubestimmen.

Vor allem in der Bundeshauptstadt Wien, wo inzwischen rund 180.000 bis 200.000 MuslimInnen leben, wurde das muslimische Wählerpotential entdeckt. Auch andere Parteien wie die Grünen oder die ÖVP suchen hier Angebote zum machen. Die Grünen beförderten ihre erfolgreiche Wiener Politikerin mit türkischen Wurzeln Alev Korun so vom Wiener Landtag zur Menschenrechtssprecherin und Parlamentarierin im Österreichischen Nationalrat.

Auf der anderen Seite muss aber auch beobachtet werden, wie sich die populistische Angstmache der FPÖ mit ihrem Parteiobmann Heinz Christian Strache an der Spitze auswirkt.  Dieser sucht sich jetzt als Herausforderer des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl (SPÖ) vor der Wiener Wahl am 10. Oktober 2010 in Szene zu setzen. In früheren Wahlkämpfen setzte er stark auf anti-muslimische Ressentiments und plakatierte Slogans wie „Daham statt Islam“ , „Pummerin statt Muezzin“ (Die Pummerin ist die größte Glocke im Stephansdom) oder „Abendland in Christenhand“.  Diese Stimmungsmache bleibt nicht ohne Folgen. Während Strache selbst sich derzeit betont staatsmännisch gibt – seine Botschaften sind ohnehin bekannt – sind seine Themen im Mainstream vor allem der Bundespolitik angekommen. Immer mehr wird das „Ausländerthema“ zu einem angeblichen „Islamthema“. Weniger derb, aber mit der gleichen Richtung forderte etwa die Justizministerin Bandion Ortner vor einigen Wochen eine Strafverschärfung bei „religiös motivierten Delikten“. Indem sie auf Zwangsheirat und Ehrenmorde anspielte, wollte sie wohl ein gewisses Publikum bedienen. Die Islamische Glaubensgemeinschaft weist dagegen immer wieder darauf hin, dass diese Gewalttaten eben nicht religiös zu legitimieren, sondern theologisch zu verurteilen seien. Derartige Meldungen sind also äußerst kontraproduktiv. Siehe auch: http://www.derislam.at/islam.php

Was ist die Funktion der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) und wie repräsentativ ist sie?
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich ist die offizielle Vertretung der religiösen Belange aller Musliminnen und Muslime im Lande. Sie entstand dank des vorausschauenden Weitblicks einiger Muslime, die bereits in den 60er Jahren erkannten, dass das Islamgesetz nach dem Zerfall der Donaumonarchie keinen Ansprechpartner seitens der MuslimInnen gegenüber dem Staat und der Zivilgesellschaft definierte und daher ergänzungsbedürftig war. 1971 wurde so eine Verfassung zur Schaffung einer offiziellen Vertretung dem zuständigen Kultusamt vorgelegt. 1979 konnte die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich dann als Körperschaft öffentlichen Rechts ihre Arbeit aufnehmen. Von Beginn an erkannte man die besondere Herausforderung, die in der Vielfalt der MuslimInnen in Österreich liegt (ethnisch, wie in den sozialen Hintergründen, den religiösen Traditionen…), die sich alle gleichermaßen in ihrer religiösen Vertretung widergespiegelt sehen sollen. Daher sind die Gremien so besetzt, dass diesem Pluralismus Rechnung getragen wird. Vor allem die großen Vereine entsenden Funktionäre als Kandidaten, die dann bei der Wahl bestimmt werden. Durch diese Rückkoppelung an die aktive muslimische Szene entsteht eine große Basisnähe. Über die Islamische Glaubensgemeinschaft wird auch der innermuslimische Dialog angeregt und gepflegt. Selbstverständlich finden die Besprechungen und Konferenzen in der gemeinsamen Sprache Deutsch statt.

Die im Islamgesetz zugesicherte „innere Autonomie, was die Regelungen der inneren Angelegenheiten betrifft“ ist nicht nur ein Recht, sondern auch ein Auftrag. Das Selbstverständnis des Islam als einer dynamischen Religion, deren Gläubige ja nach den sich durch Zeit, Ort und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändernden Fragestellungen neue Antworten auf Basis der religiösen Quellen suchen sollten, kann und sollte aktiv erfüllt werden. Diese Garantie bringt daneben auch eine breite Akzeptanz für den in Österreich bestehenden Säkularismus in Form eines Kooperationsmodelles zwischen dem Staat und den anerkannten Religionsgemeinschaften. Die Vision einer Identität, bei der das Muslimsein und Österreichersein einfach zusammengehören, wird dadurch greifbar. Bereits drei europäische Imamekonferenzen zeugen davon, dass Österreich ein fruchtbarer Boden für den innermuslimischen Diskurs ist. Nachzulesen ist die Schlusserklärung der 3. Konferenz hier:   http://www.europa-imamekonferenz.com

Eine große Herausforderung für die Islamische Glaubensgemeinschaft besteht darin, dass die allermeisten MuslimInnen in Österreich aus ihren Ursprungländern eine vergleichbare, auf demokratische Mitbestimmung aufgebaute offizielle religiöse Vertretung nicht kennen. Inzwischen wird das Wirken der Islamischen Glaubensgemeinschaft sehr breit und positiv wahrgenommen. Dazu trug nicht nur der islamische Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen bei, durch den die Menschen mit der dafür inhaltlich verantwortlichen Islamischen Glaubensgemeinschaft in Berührung kommen. Gleichzeitig  wurden die diversen medialen Debatten, in deren Zuge sich die Islamische Glaubensgemeinschaft zu Wort meldete, ein Faktor, der positiv bemerkbar machte, dass hierzulande nicht nur über Muslime, sondern mit Muslimen geredet wird. Bei den Dauerbrennern „Integration“, „Vereinbarkeit des Islam mit Europa“ oder „Frauenrechte“ herrscht ein breiter Konsens darüber, wie Muslime in Österreich sich hier positionieren sollten: Ja zur Vereinbarkeit von Islam mit den Werten von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Menschenrechten. Schluss damit, immer „den Islam“ für soziale Probleme verantwortlich machen zu wollen. Islam nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung sehen, gerade wenn es um Bewusstseinsbildung geht bei der nötigen Differenzierung zwischen Religion und Tradition.  Darüber hinaus melden sich MuslimInnen direkt bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft, um zu demonstrieren, wie wichtig es ihnen ist, dass sich die Islamische Glaubensgemeinschaft Gehör verschafft, falls es die weltpolitische Lage erfordert, um zu verhindern, dass Islam sich in den Köpfen mit Terror gleichsetzt.

Noch immer aber wird der nötige aktive Schritt sich registrieren zu lassen, um so auch in einem Wählerverzeichnis aufzuscheinen, schlicht „vergessen“. Abhilfe soll die große Verfassungsreform bringen, nach der ab Herbst diesen Jahres  die Gremien der Islamischen Glaubensgemeinschaft ganz neu und durch ein neues Wahlrecht bestimmt werden. Details hierzu finden sich in einem Fragen/Antwortkatalog unter: http://www.derislam.at/haber.php

Wie sieht es mit dem islamischen Religionsunterricht in den österreichischen Schulen aus?

Seit dem Schuljahr 1982/83 gibt es islamischen Religionsunterricht an den öffentlichen österreichischen Schulen. Heute besuchen rund 55.000 Kinder bundesweit diesen Unterricht und werden von 420 LehrerInnen betreut. Seit dem Beginn konnten sehr wesentliche Qualitätsfortschritte verzeichnet werden. In der Stunde null waren weder Lehrbücher, noch sonstige Materialien vorhanden, noch gab es in Österreich zum Islamunterricht ausgebildete Lehrkräfte.

Man musste sich behelfen, indem die theologische, im Ausland erworbene Qualifikation den wesentlichen Schlüssel zum Lehrerberuf darstellte. Doch die pädagogischen Kompetenzen waren oft wenig befriedigend, auch weil das österreichische Schulsystem vor dem Unterrichten nie von innen kennengelernt werden konnte. Lehrkräfte aus der Türkei gezielt anzuwerben, erwies sich auch nicht als ideale Lösung, denn kaum hatten diese Deutsch gelernt, verabschiedeten sich viele wieder. Vor allem aber sollte der Islamische Religionsunterricht ja sein integratives Potential entfalten können und keinesfalls – auch nicht von den Eltern – als „Heimatkunde“ mit nationalem Einschlag des Herkunftslandes betrachtet werden. So war der beste Weg, endlich eine eigene Ausbildungsstätte zu schaffen, die dann ab 1998 in Wien als IRPA, Islamische Religionspädagogische Akademie, inzwischen „Privater Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen“, die LehrerInnenausbildung unternahm.

Die IRPA hat sich unter der neuen Leitung von Frau Mag.a Amena Shakir zu einer Institution entwickelt, die Anziehungskraft bis nach Deutschland ausstrahlt. Etliche deutsche Muslime absolvieren hier ein Studium, wie es in Europa sonst nicht zu finden ist. Starker Wert wird auf Praxisorientierung gelegt, so dass in jedem Semester eigene Lehrerfahrung in den Schulpraktischen Studien gesammelt werden kann. Homepage der IRPA: http://www.irpa.ac.at/home.html Die Früchte sind bereits jetzt mit einer neuen, viel besser theologisch wie didaktisch ausgebildeten Lehrergeneration spürbar.

Der Unterricht wird selbstverständlich in deutscher Sprache abgehalten. Das ist in mehrfacher Hinsicht wichtig - nicht nur aus praktischen Gründen als gemeinsame Kommunikationssprache bei ethnischer Verschiedenheit. Über den Islam auf Deutsch zu hören und zu reden schafft vor allem bei den Volksschulkindern ein echtes Aha-Erlebnis. Denn meistens hatten sie in dieser Sprache „der anderen“ nie etwas über ihre Religion gehört, sondern sich zuhause oder in der Moschee der Muttersprache bedient. So sehen sie, dass Islam eine Religion ist und keine Ethnie. So manches sechsjährige Kind würde auf die Frage: „Was ist deine Religion?“ – „Türkisch!“ antworten. Das ist ein klarer Auftrag für den islamischen Religionsunterricht, hier Muslime unterschiedlicher Herkunft zusammenzuführen. Emotional werden sie beim Benutzen der deutschen Sprache in Sachen Religion ein Stück heimischer und gleichzeitig fitter für den interreligiösen Dialog, der ein Vokabular braucht, wie es die Alltagssprache oft nicht kennt. Im Unterricht gelingt es immer besser, nicht nur Rituale zu vermitteln, sondern vor allem den Sinn dahinter, eigene gute charakterliche Potentiale zu wecken und zu fördern und damit echte Orientierung zu bieten. Auch zur Selbstreflexion wird eingeladen, wenn etwa diskutiert wird, was Religion und was Tradition ist und wie man jeweils dazu steht.

Darum war die Aufregung groß, als eine inzwischen umstrittene Studie über den islamischen Religionsunterricht Anfang 2009 nicht nur positive Ergebnisse zutage brachte. Als einige sensationsheischende Journalisten selektiv jene auf zweifelhaftem Wege zustande gekommenen Ergebnisse zitierten, die manche ReligionslehrerInnen als engstirnig, sogar demokratiefeindlich zeigten, löste dies eine Debatte aus, die unter diesem Aufhänger dann gleich den ganzen konfessionellen Religionsunterricht in Frage stellte. Natürlich triumphierten auch all jene, die schon immer gewusst hatten, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft ja eigentlich „fundamentalistisch“ sei. Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Mehr noch wurde der Wirbel zum Anlass genommen, einige bereits lange in Vorbereitung befindliche Projekte voranzutreiben. So steht u.a. ein völlig neuer, moderner Lehrplan in der Schlussredaktion. Er soll die Ziele des Islamunterrichtes noch besser umsetzen helfen. Diese sind hier im Anschluss an die damalige Aussendung zur Studie nachzulesen: http://www.derislam.at/islam.php

In Deutschland zeigten mehrere Studien, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule schlechter abschneiden. Ist das in Österreich aus so?

Auch in Österreich zeigen Studien immer wieder, wie mangelhaft die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems ist. Hier handelt es sich – wahrscheinlich ähnlich wie in Deutschland – nicht nur um ein Problem für Kinder mit Migrationshintergrund, sondern allgemein um ein Problem sozial schwächerer und bildungsferner Schichten.

Immerhin steigt aber die Zahl jener Kinder mit Migrationshintergrund, die eine Matura (Abitur) ablegen und danach studieren. Es gibt muslimische Jugendorganisationen, die genau diesen Trend fördern wollen. Die Muslimische Jugend Österreich strebt hier durch Programme das Empowerment junger MuslimInnen, auch in Zusammenarbeit mit Ministerien, an. Immer mehr „role models“ gebildeter und erfolgreicher junger Muslime sollen Vorbildwirkung auf andere haben. Siehe auch das Projekt „Fatima“, parallel „Mustafa“ der MJÖ: http://www.fm5.at/Fatima

Wie wurde das Ja der Schweizer zum Minarettverbot in Österreich diskutiert – insbesondere, da es in Österreich bereits früher Gesetzesanträge in die gleiche Richtung gab?

Die Schweizer Abstimmung über das Minarettverbot löste auch in Österreich Debatten aus. Die Islamische Glaubensgemeinschaft äußerte Trauer und Enttäuschung:  "Die Eidgenossen haben damit verabsäumt, ein klares Zeichen für Vielfalt, Religionsfreiheit und Menschenrechte zu setzen und der Politik der Verhetzung, Ausgrenzung, Diskriminierung und dem Populismus eindeutig eine Absage zu erteilen."

Doch eigentlich hatten zumindest zwei österreichische Bundesländer – Kärnten (niedrigster Anteil an Muslimen)  und Vorarlberg - bereits Gesetzesinitiativen durchgebracht (nicht nur mit den Stimmen der FPÖ, sondern auch der ÖVP), die über die Bauordnung Minarette verhindern sollen. Dies geschah freilich mit weitaus weniger europäischer Resonanz… Genauso zum Verbotsgesetz in der Schweiz wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, wären auch die österreichischen „Moscheebauverhinderungsgesetze“ in der Praxis untragbar. Man denke hier an die Stellungnahme des Europarates.  Rechtsexperten äußerten sich dahingehend, dass es nur eines Präzedenzfalles bedürfe, um die Unrechtmäßigkeit derartiger Bestimmungen auszujudizieren. Aber es geht ja viel weniger um das faktische Bauen, als um die Symbolik hinter der Diskussion. In Österreich gibt es gerade einmal vier baulich als solche sichtbare Moscheen, also mit Minarett. In Wien seit 1979 das Islamische Zentrum (errichtet und verwaltet von den in Wien ansässigen Botschaften muslimischer Länder), dann drei Bauten durch ATIB (parallel zu DITIB in Deutschland jener Verein mit großer Nähe zum türkischen Religionsministerium Diyanet) in den Bundesländern. Europa muss sich damit vertraut machen, dass Muslime ein lebendiger Bestandteil sind – keine “Gastarbeiter“ und vorübergehende Erscheinung. Die zunehmende Sichtbarkeit drängt vielen Menschen diese Tatsache unangenehm ins Bewusstsein, weil es sie zur Auseinandersetzung zwingt, wie ein „Wir-Gefühl“ in Zukunft in Vielfalt entstehen muss.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft betrieb bisher kein Moscheebauprojekt. Es standen die Errichtung von Bildungsinstitutionen im Vordergrund, neben der erwähnten IRPA auch die Islamische Fachschule für soziale Berufe. Geträumt wird von einer Moschee, die auch architektonisch nicht eine „Heimwehmoschee“ ist, indem sie den Baustil dieses oder jenes Ursprunglandes zitiert. Vielmehr sollte sich – wenn dies denn finanziell auch möglich ist – im Bau das Muslimsein in Österreich zeigen, sei es durch die Materialien, sei es durch eine Formensprache, die auch das Spezifische einer in sich bunten Gemeinde spiegelt. Denn natürlich sollte dies keine Moschee für nur eine ethnische Gruppe, sondern für alle MuslimInnen gleichermaßen sein….

In Österreich haben vor allem die Evangelischen an Parallelitäten der Moscheebaudebatte in der Geschichte erinnert: Den Protestanten war der Bau von Kirchtürmen und das Läuten der Glocken bis weit ins 19. Jh. hinein verwehrt. Das Toleranzgesetz von 1782 unter Joseph II. war sogar schon ein Fortschritt, weil es den „Akatholischen“ überhaupt erst die Religionsausübung zusicherte, aber in unscheinbaren, öffentlich nicht sichtbaren „Toleranzbethäusern“. Warum? Die Dominanz des Katholischen sollte deutlich werden. – Diese alten Denkmuster scheinen auch heute noch präsent. Bis dahin, dass man angesichts des bis zum Überdruss wiederholten Argumentes des angeblichen „Hegemonialanspruches des Islam, manifestiert durch Minarette“ an das Sprichwort denken muss: „Wie der Schelm denkt, so ist er“.  Freilich entbindet diese Beobachtung häufig anzutreffender Projektionen MuslimInnen nicht davon, möglichst aktiv im Dialog ihre Standpunkte darzulegen und so jene Strategie aufzulösen, die eine moralische Rechtfertigung zu konstruieren sucht („Gefahr Islam“), warum Religionsfreiheit für Muslime aus Gründen der „Selbstverteidigung“ nicht gelten müsse/dürfe.

Übrigens vertritt die katholische Kirche in Österreich keine ganz einheitliche Linie. Sehr prominent ist Kardinal Schönborn immer für das Recht der MuslimInnen auf würdige Orte des Gebetes und eigene Bauten eingetreten. Andererseits sprach sich Bischof Fischer in Vorarlberg anlässlich der dortigen Debatte für das Verhinderungsgesetz aus.

Und wie stehen die Österreicher zu einem Kopftuchverbot in der Schule? Was ist die Position der großen muslimischen Vereinigungen zu diesem Thema?

An österreichischen Schulen gibt es über das Kopftuchtragen von Mädchen und Frauen überhaupt keinen Streit, sowohl was Schülerinnen, als auch was Lehrerinnen betrifft. Ein eigener Erlass bekräftigte 2004 anlässlich einer der zahlreichen aus Deutschland und Frankreich „importierten“ Kopftuchdiskussionen das Recht der Schülerinnen, ihr Kopftuch tragen zu können. Siehe:   http://www.derislam.at/islam.php

Es unterrichten neben den islamischen Religionslehrerinnen auch immer mehr kopftuchtragende Lehrerinnen anderer Fächer an verschiedenen Schulen – ohne dass dies noch groß thematisiert würde. Viel Aufhebens möchten diese Lehrerinnen in der Öffentlichkeit aber auch nicht von sich machen – sensibel ist das Thema schon.

Dass das Kopftuch immer wieder die Gemüter erhitzt, zeigt auch ein zweiter, aus dieser Thematik heraus entstandener Besuch des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Anas Schakfeh, diesmal bei der Innenministerin 2007. Sie bestätigte, dass auch Lehrerinnen in Österreich im Unterricht ein Kopftuch tragen könnten: http://www.derislam.at/islam.php

Diese Beispiele verdeutlichen aber auch viel von der speziellen Situation der Muslime in Österreich und wie der zuerst angesprochene institutionalisierte Dialog funktioniert. Das Kopftuch scheint wie ein Platzhalter, um daran aufgehängt andere Diskussionen zu führen. Daher haben wir uns dieser Debatte auch nie verweigert. Mir selbst war es immer ein Anliegen, nicht nur nach außen Verständnis zu wecken, sondern auch nach innen eine gute Auseinandersetzung anzuregen. So betonten wir seitens der Islamischen Glaubensgemeinschaft sehr stark den Aspekt des Selbstbestimmungsrechtes der Frau. Bei dieser Forderung ist inzwischen ein breiter Konsens entstanden – auch mit Fraueninitiativen ohne religiösen Hintergrund im eher feministischen Spektrum.

Ein guter Nebeneffekt ist, dass es neben dem sehr etablierten interreligiösen, inzwischen auch das zarte Pflänzchen des „interfeministischen Dialogs“ gibt. Aber diese gemeinsame Position des „Selbstbestimmungsrechtes“ half auch gewisse Spannungen in der migrantischen, vor allem türkischstämmigen Community abzubauen. Da es immer eine drohende Gefahr darstellt, dass Konflikte aus den Ursprungsländern importiert werden, konnte dem ein Stück vorgebeugt werden. Unter Musliminnen war uns wichtig nicht in die Falle zu tappen, ideologisierte Debatten zu übernehmen, die dem Kopftuch auf einmal eine Bedeutung beimessen, die es gar nicht haben sollte -als einfaches Stück Stoff und Teil der Glaubenspraxis, aber nicht als Symbol. Wir wollten keine Gräben zwischen muslimischen Frauen mit und ohne Kopftuch aufreißen. Jeder Art von Politisierung in diese oder jene Richtung suchten wir uns zu verweigern, denn es ist schlicht und einfach den Frauen selbst zu überlassen, wie sie es mit diesem Teil der muslimischen Glaubenspraxis halten.

Die jüngsten Burkadebatten (siehe: http://www.derislam.at/islam.php) – so absurd sie häufig sind – zeigen in Österreich auch, dass das Kopftuchtragen muslimischer Frauen von politischer Seite so gut wie nicht in Frage gestellt wird – mit Ausnahme der FPÖ.

Freilich wäre es blauäugig anzunehmen, es gäbe überhaupt keinen Diskussionsbedarf mehr. Noch immer finden mit Kopftuch bekleidete Frauen nur schwierig einen Job, obwohl sie ein Anti-Diskriminierungsgesetz diesbezüglich eigentlich schützen sollte. In den Wiener Bädern wurde schon vor einiger Zeit der muslimische Ganzkörperanzug zugelassen. Trotzdem nutzen dies nur relativ wenige muslimische Schwimmerinnen, so sehr diese Regelung auch als wichtiges Zeichen begrüßt wurde. Denn beim Freizeitvergnügen möchte man sich schräge Blicke oder gar Pöbeleien ersparen, mit denen derzeit zumindest noch zu rechnen wäre.

Alles in allem bleiben gerade die Beobachtungen rund zu der Behandlung des Kopftuches ein Grund, warum es in Österreich unter Muslimen immer wieder heißt: „Wir sollten bloß nicht die verkrampften und verhärteten Diskurse von außen importieren. Im Gegenteil könnten sich andere viel von hier abschauen. Österreich ist ein Exportland in Sachen Islam in Europa!“

Link: www.derislam.at 

Das Interview führte Clémence Delmas von Muslimische-Stimmen.de.

Zur Person:

Carla Amina Baghajati, geboren 1966 in Mainz, ist seit 1987 in Österreich, seit 1989 Muslimin. Sie ist verheiratet mit Tarafa Baghajati, der aus Syrien stammt und hat vier Kinder zwischen 19 und 8 Jahren.

Baghajati ist Gründungsmitglied der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Mitglied des Obersten Rates, Mitgründerin der Plattform Christen und Muslime, Dozentin für die Ausbildung zukünftiger islamischer ReligionslehrerInnen an der IRPA, und Lehrerin an der Islamischen Fachschule für soziale Berufe.

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