Texten für die Wochenzeitung DIE FURCHE von Carla Amina Baghajati

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Freitag, 15 August, 2008
Texten für die Wochenzeitung DIE FURCHE von Carla Amina Baghajati

Monatlich schreibt Carla Amina Baghajati eine Kolumne für die Wochenzeitung „Die Furche“. Hier eine Zusammenstellung der Texte von Dez. 07 bis Aug. 08

FURCHE- Kolumne im Dezember 2007

Muslimisches soziales Engagement als Schlüssel zur Integration

Religionen und ihre Verantwortung für den Frieden – ein oft zwiespältig empfundenes Thema. Die wortreichen theologischen Ausführungen zum Friedensauftrag können das Unbehagen nicht überdecken, wenn angesichts einer gar nicht so friedlichen Welt nur der knappe Hinweis auf „Missbrauch“ der Religionen erfolgt. Anpacken statt Herumreden ist gefragt.

Im interreligiösen Dialog hat sich längst die praktische Zusammenarbeit als unersetzlich neben tiefsinnigen Diskursen erwiesen, auch als Weg die viel besprochene Basis direkter zu erreichen. Umso mehr ist zu begrüßen, dass anlässlich des heurigen Jahrestages des ökumenischen Sozialwortes eine bewusste Öffnung zum Judentum und Islam stattfand und beide Religionen bei einer Feier am 15. November eingeladen wurden, sich hier einzubringen.

Glauben ins soziale Handeln zu übersetzen ist mehr als eine Frage der Glaubwürdigkeit nach außen, sondern zuerst eine der kritischen Selbstreflexion. Im Koran heißt es in 2:177, dass wahre Frömmigkeit nicht darin bestehe, sich im Gebet nach Osten oder Westen zu richten – leere Rituale sind unerwünscht. Es folgt eine Aufzählung von Glaubensartikeln mit der Mahnung zu spenden, zu helfen, zu beten und die sozial-religiöse Pflichtabgabe Zakat zu geben, Wort zu halten und geduldig zu sein.

Für Muslime ist die auf Ehrenamtlichkeit basierende Tätigkeit eine große Herausforderung. Zwar feiert die Seelsorge im AKH oder in Gefängnissen stille Erfolge. Aber eine stärkere Institutionalisierung wird angestrebt, wie sie im Bildungsbereich mit der Islamischen Fachschule für soziale Bildung stattgefunden hat. Soziales Engagement ist direkt mit Integration verknüpft. Wollen Muslime als Teil der Gesellschaft betrachtet werden, ist ihr aktiver Part unerlässlich.


FURCHE- Kolumne im Jänner 08

Guter Vorsatz – gute Tat

Zum Jahreswechsel treffen die Mekkapilger wieder in Österreich ein. Der muslimische Mondkalender lässt das Opferfest derzeit in den Winter fallen, fast parallel zu den christlichen Weihnachten - ideal die Ferien für die Hadsch zu nutzen. Schlagzeilenfrei:  Nach tragischen Todesfällen im Massengedränge hat man in Saudi Arabien die Infrastruktur weiter verbessert. Umgeben von Betonpisten und riesigen Bauten mag für ein romantisches Zurückversetzen in die Zeiten der Propheten kaum noch Raum sein – der Sicherheit ist jedoch gedient. Und der spiritus loci wird spätestens beim Tawwaf um die Kaaba wach, bei der Umkreisung des nach dem Islam ersten, von Abraham errichteten Hauses für den Einen Gott.

Keine Toten – kein Nachrichtenwert? Dabei könnte die Hadsch von den Riten im Gedenken an den Propheten Abraham bis zu deren tieferer Bedeutung als Schule für soziales Verhalten und Friedenserziehung ein wichtiges Licht auf den Islam werfen.

Die frischen Hadschis dürfen sich wie neugeboren fühlen. Nach dem Islam hat Gott ihnen eine Art „Neustart“ gegeben, vorausgesetzt man ist mit dem Leben vor der Pilgerfahrt im Reinen, vor allem im Zwischenmenschlichen. Theologisch verlangt die angestrebte Vergebung Gottes die vorherige Verzeihung eines von einer schlechten Tat Betroffenen, bzw. die Wiedergutmachung. Gute Vorsätze begleiten die Pilger – und halten wie lange dem Alltag stand? Tröstlich, vielleicht auch in Bezug auf die jetzt getroffenen Neujahrsziele: Schon der ehrlich gefasste Vorsatz zum Guten wird als gute Tat gewertet. Motivation zum positiven Denken spirituell wie rational: Positive Veränderungen erfordern eine Haltung der (selbst)vertrauenden Zuversicht, auch im Wissen um eigene Unzulänglichkeiten. Keine Resignation – zupackende Hoffnung.


FURCHE- Kolumne im Februar 08

Was ist Scharia?

Mit Vehemenz wurde die Überlegung des anglikanischen Oberhaupts Rowan Williams, Teile der Scharia im englischen Rechtssystem zu berücksichtigen, zurückgewiesen. Aber von was reden wir da? – Scharfmacher, die gerne vor der „Islamisierung Europas“ warnen, setzen darauf, dass Assoziationen zu einem archaischen starren Kodex Ängste wach halten.

Dagegen ist die Scharia etwas höchst Dynamisches. Der „Weg zum Wasser“ (wörtlich) beschreibt jenes nie abzuschließende Beantworten von Fragen der religiösen Praxis, wie sie durch Wechsel von Zeit, Ort und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entstehen. Basis dazu sind der Koran als Wort Gottes, das damit eine Konstante darstellt – nicht aber die Exegese, die inzwischen Bibliotheken füllt. Zweite Quelle ist die Sunna, vorbildhafte Handlungsweisen des Propheten Muhammad. Geschmeidigkeit zeigt die Scharia durch Prinzipien wie „Was nicht verboten ist, ist erlaubt“ oder „Religion als Erleichterung“. Lebensgefahr als Notsituation könnte Verbote (Schweinefleisch) vorübergehend aufheben.

Die Scharia beschäftigt sich in erster Linie mit gottesdienstlichen Handlungen. Darum zeugt die Forderung nach „Abschaffung“ von Ignoranz. Wirklich fruchtbar könnte dagegen eine Analyse sein, wie auch im säkularen Staat ein „Diözesengericht“ seinen Platz hat und kanonisches Recht parallel für die Muslime zu handhaben wäre. Nachdenken statt Populismus. Die Flexibilität (und doch nicht Beliebigkeit) der Scharia ermöglicht Muslimen in Österreich dank ihres Anerkennungsstatus eigenständige und zugleich authentische Entwicklung. „Islam in seiner Kernbotschaft, in seiner Aufgeschlossenheit den Wissenschaften gegenüber und seinem Bildungsgebot enthält den ständigen Aufklärungsaspekt.“ (Imamekonferenz 2003)


FURCHE- Kolumne im April 08

Chancengleichheit für Musliminnen

Der vierte Geburtstag des österreichischen Antidiskriminierungsgesetzes nähert sich. Demnach genießen muslimische Frauen unter dem Titel „keine religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz“ Schutz. Auch wenn in der Praxis die Stelle für Kopftuchträgerinnen dann „leider schon vergeben“ ist – Gesetze wirken Bewusstsein bildend. Bewerberinnen unterschiedlicher Religion Chancengleichheit zu verweigern ist ein Unrecht.

In der Praxis trauen sich viele Frauen gar nicht, Diskriminierungserfahrungen anzuzeigen. Zu resignierend werden die Aussichten in einem Verfahren betrachtet, das im Zuge öffentlicher Aufmerksamkeit das Opfer womöglich noch zur Täterin („Fundamentalistin“…) macht. Selbst wenn sie Recht bekäme – würde das nicht zusätzlich Hass heraufbeschwören? Populisten leisten derzeit ganze Arbeit aus muslimischer Sichtbarkeit Angstszenarien zu bauen.

Normalität – das wünschen sich gerade die jungen MuslimInnen. Das braucht Signale. Staatssekretärin Marek schuf den MiA Award, eine Auszeichnung für Frauen mit Migrationshintergrund. Auch Frauen mit Kopftuch wurden vor den Vorhang gebeten.

Anders Bundesminister Hahn. Als Gast eines Migrantenvereins bekannte er auf  die Frage nach muslimischen Bundesbediensteten: „Ich habe mit dem Kopftuch kein Problem.“ Parallel wurde jene Zeitung gedruckt, in der er dann für ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Dienst eintrat.

Putzfrau ja, berufstätige Akademikerin nein? Also ja nicht am Bild der unterdrückten, ungebildeten Frau rütteln? Eigentlich hatte sich der Diskurs mit dem Schlüsselwort „Selbstbestimmungsrecht“ eine gute Richtung weg von jeglicher Ideologisierung gegeben. Eine neue Generation steht in den Startlöchern, um den Beweis anzutreten, wie ein Leben als Muslimin mit dem hier Dazugehören zu verbinden ist. Und ihre Chancengleichheit?


FURCHE- Kolumne im Mai 08

Muslime in China

Uiguren, Muslime aus China, hat man bei der vergangenen Hadsch vermisst. Der chinesischen Regierung schien es wohl zu heikel, kurz vor Olympia Schlagzeilen über die Unterdrückung der Uiguren zu produzieren, die anlässlich der  Pilgerfahrt etwas „ausplaudern“ könnten.

Nachzulesen ist die dramatische Situation des ca. 8 Mio. zählenden Turkvolkes im Bericht „Vernichtende Schläge: Religiöse Repression der Uiguren in Xinjiang“ von Human Rights Watch. Er enthüllt die komplexe politische Strategie in Xinjiang, die sich gegen die religiöse Freiheit und gegen die Vereinigungs-, Versammlungs- und Redefreiheit wendet. Seit Ölfunden in der Provinz steht der Wunsch nach Entfaltung der eigenen Identität erst Recht im Ruch des „Separatismus“, was mit Terror gleichgesetzt wird. Brad Adams von HRW: „Der weltweite Krieg gegen den Terrorismus lieferte Peking einen fadenscheinigen Grund, härter denn je in Xinjiang durchzugreifen.“

Geht diese Rechnung auf? Trotz (oder wegen) des Augenmerks auf die Menschenrechtssituation in China, vor allem beim Thema Tibet – wer weiß schon im Westen von den Umerziehungsprogrammen für missliebige Uiguren, den Arbeitslagern, willkürlichen Verhaftungen ohne faires Verfahren, vollstreckten Todesstrafen? Dass Imame jährlich bei „Reflexionstreffen“ beweisen müssen, wie konform ihre Lehren mit der marxistischen Ideologie sind? Eine Art gleichgeschalteten Staatsislams in Verleugnung der uigurischen Kultur implementiert werden soll? HRW spricht von einem mehrstufigen Unterdrückungssystem, das mit nächtlichen Kontrollen bis in die Familien hineinreicht.

Einige Empfehlungen von HRW: Uigurische Asylwerber keinesfalls nach China rückzuführen, China drängen, die selbst eingegangenen UN-Menschenrechtsverpflichtungen einzuhalten.


FURCHE- Kolumne im Juni 08

Abdullah Karl Hammerschmidt – Gründer des Roten Halbmondes

Gab die erste Platzbenennung in Wien nach einem Muslim – der Muhammad Asad Platz – wohl den Anstoß nach weiteren Spuren muslimischer Österreicher zu suchen? Jedenfalls stieß Galib Stanfel auf Abdullah Karl E. Hammerschmidt, den Gründer des Roten Halbmondes, und wurde zur treibenden Kraft, dass just zum 140. Jahrestag am 11. Juni eine Gedenkveranstaltung in Kooperation von Islamischer Glaubensgemeinschaft, Rotem Kreuz, türkischer Botschaft und dem humanitären Verein Carima stattfinden konnte. Der Geehrte hätte wohl seine Freude an einer derartigen Vernetzung gehabt.

Dass Muslime sich zunehmend im doppelten Wortsinn in Österreich verorten, verstärkt den Trend weg vom Klischee des „Gastarbeiters“. Gleichzeitig rückt die Suche nach muslimischen Spuren in der österreichischen Geschichte ins Interesse. Wo bieten sich historische Integrationsfiguren im Sinne einer muslimisch-österreichischen Identität an?

Karl Eduard Hammerschmidt verschlug es nach seinem Engagement in der Revolution von 1848 ins Osmanische Reich. Als Arzt hatte er bereits wegweisende Forschung im Bereich der Äthernarkose betrieben und arbeitete sowohl in diesem medizinischen, als im naturwissenschaftlichen Bereich weiter. Er konvertierte zum Islam und nahm den zusätzlichen Vornamen „Abdullah“ an. 1868 gründete er die Schwesterorganisation des Roten Kreuzes im islamischen Raum, den Roten Halbmond. Schließlich gelang auch die Versöhnung mit der alten Heimat und er starb hoch dekoriert mit Orden der Donaumonarchie. Der Türkei war sein Andenken vor vierzig Jahren die Herausgabe einer eigenen Briefmarke wert. In Wien wird die Islamische Fachschule für Soziale Bildung künftig zusätzlich seinen Namen führen.


FURCHE- Kolumne im Juli 08

Eine Kernfrage der Menschenrechte

Babygeschrei in der U-Bahn. Peinlich berührte Gesichter bei nicht enden wollendem forderndem Gebrüll. Kann diese Mutter nicht endlich den Säugling beruhigen? Babyweinen scheint einen emotionalen Hilfsreflex auszulösen, so wie da das Recht auf Unterstützung lauthals eingefordert wird. „Neun tote verdurstete Kleinkinder“ - Wer als Ablenkung einen Blick in die Zeitung wirft, dem wird der Bericht über die Flüchtlingstragödie vor der Küste Spaniens akustisch untermalt. Wirft viel größere Fragen auf. Wie lange haben diese Kinder vorher um Wasser geschrieen? Wie haben sich die Mütter gefühlt, beim Sterben zusehen zu müssen?

Und: Wie unbeteiligt sind wir hier in der „Festung Europa“? Wenn den überlebenden Flüchtlingen angesichts der dramatischen Umstände das Bleiberecht zugesprochen wird, kann das nicht vergessen machen, wie viele andere bereits ertrunken sind oder nach ähnlichen Erfahrungen wieder zurückgeschickt werden. So hat das eher den Charakter einer Geste, die das schlechte Gewissen beruhigen soll, Menschlichkeit signalisiert, wo eigentlich hartherzig nur die eigenen Interessen verteidigt werden.

„War denn die Erde Gottes nicht weit genug, dass ihr auf ihr hättet auswandern können?“ heißt es in der vierten Sure des Korans im Zusammenhang mit Menschen, die unter inhumanen Lebensbedingungen leben. Ist es nicht nachvollziehbar, dass wo Krieg, Hunger und Unterdrückung das Leben bedrohen, die Flucht angetreten wird? Auch wenn wir im Westen gerne und viel über Menschenrechte reden: Genau jene Kernfrage eines Rechtes sich selbst einen menschenwürdigen Ort wählen zu können, die die reichen Länder herausfordern würde, ist dabei ausgespart.


FURCHE- Kolumne im August 08

Verdacht auf „Kulturdelikte“

„Kulturdelikte“ – kein Wahlkampf in Österreich ohne das Ausländerthema. So entstehen derartige Wortungeheuer. Nicht von der FPÖ, sondern von der ÖVP, der neuen Innenministerin Fekter, die gleich kategorisiert: Ehrenmorde, weibliche Genitalverstümmelung (FGM) und Zwangsheirat.

Zunächst erfreulich, dass Religion aus dem Spiel gelassen wird. Der inzwischen in den Diskurs gewanderte Begriff „schädliche Traditionen“ hat wohl geholfen, Differenzierung einzufordern. Andererseits: Längst ist ein Code entstanden, der genau diese drei Gewalttaten eindeutig und zu Unrecht so gut wie ausschließlich mit dem Islam assoziiert. Diesen nutzt Fekter, ähnlich wie bei den „Moscheebauverhinderungsgesetzen“ (auch mit ÖVP-Handschrift), die ohne „Islam“ oder gar „Moschee“ auskommen. Bei einem einzigen Ehrenmord in Österreich steht ihre Wortschöpfung in Unrelation zur Realität. Die ÖVP hatte nachhaltiges muslimisches Engagement gegen FGM unterstützt – man frage etwa die Damen Rauch-Kallat und Ferrero Waldner. Gegen häusliche Gewalt, zu der Zwangsheirat gehört, wäre ein eigener Aufenthaltstitel für Frauen entscheidend, der sie unabhängig vom Mann macht. Wollte die Innenministerin tatsächlich Chancengleichheit und Gewaltabbau, könnte sie hier leicht initiativ werden, anstatt populistische Augenauswischerei zu betreiben.

Sündenbockpolitik provoziert schließlich auch die Retourkutsche. Soll von pauschal der „Kulturdelikte“ Verdächtigten jetzt eine Debatte über „österreichische Kulturdelikte“ losgetreten werden - „Gewaltverbrechen nach Trunkenheit“, „Eifersuchtsmorde“ etc?  Wir brauchen doch wirklich keinen „Kulturkampf“, der Probleme, die als Gewaltphänomene zu behandeln sind, auf andere abwälzen will, sondern ein gemeinsames Eintreten für Frauenrechte.
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