Wie eine Hose zum Politikum wird

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Dienstag, 15 September, 2009
Wie eine Hose zum Politikum wird

Der Sudan hat genügend Probleme zu lösen, die Hose von Lubna El-Husseini sollte nicht zu ihnen gehören.

Als die Männerhose in islamischen Ländern Anfang des letzten Jahrhunderts von jungen, meist nicht religiösen Intellektuellen als praktische Bekleidung benutzt wurde, gab es prompt Scheichs (nicht immer Gelehrte), die Dutzende Begründungen aufzuzählen wussten, warum die Hose „haram“ (d.h. islamisch verboten) sei. Die Begründungen reichten von vermeintlichen gesundheitlichen Aspekten (Druck auf Genitalien) bis zu sexuellen (schnelle Erregung durch Reibung) und kulturellen (unstatthaftes Nachäffen westlichen Lebensstils). Alles Argumente, die heute lustig erscheinen. Binnen zwei Jahrzehnten war der Aufreger keiner mehr und wurde die „westliche Hose“ als Kleidungsstück akzeptiert.

Bei den Frauen geistert bis heute noch das Argument „Nachahmen von Männern“ herum, was manche muslimischen Frauen davon abhält, Hosen zu verwenden. Andererseits gehört in manchen muslimischen Kulturen die Hose als traditionelles Kleidungsstück der Frau, kombiniert mit einer langen Tunika, zum normalen Outfit. Die Globalisierung macht auch hier keinen Halt: Hosen, vor allem Jeans mit weiten Oberteilen, sind schon aus praktischen Gründen weltweit anzutreffen. Über all die Jahrzehnte wurde das Thema ausschließlich als eine Modediskussion geführt. Keine Peitschenhiebe, keine Gesetze und keine Moralapostel, die nichts anderes im Kopf hätten, als die weiblichen Hosen zu inspizieren, traten auf den Plan. Und nun wird die Hose von Frau Lubna Hussein, die wohl eine weite, nicht enge und auch nicht transparente Form wählte, im Sudan per Gesetz als ein „unanständiges bzw. unsittliches“ Kleidungsstück angesehen. Das Gesetz wurde schon 1991 beschlossen und besagt „40 Peitschenhiebe für die Person, die grob unschickliche Taten setzt oder Taten, die das allgemeine Schamgefühl verletzen, oder sich unsittlich kleidet.“ Abgesehen davon, dass dieses Gesetz an sich eine Katastrophe darstellt, da es einen unglaublichen Auslegungsspielraum für Richter und Polizei zulässt, muss die Frage gestellt werden: Was ist unsittlich an der Hose von Frau Hussein? Die Antwort lautet natürlich: „Gar nichts.“

140 Euro statt 40 Peitschenhieben

Peinlich wurde die ganze Geschichte für die sudanesische Regierung und Gerichtsbarkeit spätestens angesichts der internationalen Berichterstattung, nicht nur im Westen, sondern vor allem in zahlreichen arabischen Medien. Die physische Strafe wurde auf eine Geldstrafe von 140 Euro als Ersatz für die 40 Peitschenhiebe umgelegt. Auch hier spielte Lubna nicht mit und lehnte die Bezahlung der Strafe ab. Die somit drohende Ersatzfreiheitsstrafe von einem Monat machte die Lage noch peinlicher. Elegant wurde dann die Summe schnell vom regierungsnahen Journalistenverband beglichen. Lubna Hussein musste daraufhin gegen ihren Willen das Gefängnis verlassen. Ihre Freundinnen tröstete sie mit der Erinnerung, dass sie als Menschenrechtlerin bereits dreimal im Gefängnis gesessen war.

Der Schritt der Journalistin, auf die ihr als UN-Mitarbeiterin zustehende Immunität öffentlichkeitswirksam zu verzichten und das Amnestieangebot des Präsidenten Omar Baschir abzulehnen, ist richtig und begrüßenswert. Die Hartnäckigkeit von Lubna Hussein ist als Weckruf gegen unsinnige Gesetze zu würdigen. Denn das „Sittengesetz“, Nr. 152, hat mit dem Islam nichts zu tun. Der sogenannte Sittenwächterberuf, der durch nichts islamisch zu belegen ist, sollte abgeschafft werden. Es ist einer mündigen Gesellschaft einfach unwürdig. Interessant ist die Rolle der sudanesischen Zivilgesellschaft. Dutzende Menschen demonstrierten - nicht ganz ungefährlich - gegen diese Verurteilung.

Für Muslime in Europa ist es besonders bedrückend, dass solche Gesetze scheinbar islamisch legitimiert werden. Ihre Aufklärungsarbeit, warum die islamische Religion in Frauenrechts- und Menschenrechtsfragen durch in ihr liegende Argumente Teil der Lösung sein kann, wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Erfreulich ist aber, dass die innerislamische Kritik zu wirken beginnt. Zu durchschaubar ist es geworden, wenn, um von den großen ungelösten Aufgaben abzulenken, Ersatzpolitik betrieben wird.

Dipl.-Ing. Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer
ÖsterreicherInnen und Vorstandsmitglied der „Platform for
Intercultural Europe PIE“.

meinung [at] diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2009)
 
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