"Wir sind keine Aktiengesellschaft"

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"Wir sind keine Aktiengesellschaft"

Omar Al-Rawi über die Vorwürfe des Politologen, den Umgang mit Fundamentalisten und die Demokratie in der Glaubensgemeinschaft.

Der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi, weist die Vorwürfe gegen seine Person zurück.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen des Politikwissenschaftlers Thomas Schmidinger, Sie würden der fundamentalistischen Muslimbruderschaft nahe stehen?
Das ist ein Vorwurf, der immer wieder in regelmäßigen Abständen von Schmidinger seit Herbst kommt. Die Muslimbruderschaft ist eine politische Bewegung. Meine politische Heimat ist schon seit vielen Jahren die Sozialdemokratie, nicht erst, seit ich politisch tätig bin. Ich war bei der Österreichischen Hochschülerschaft, bin seit 1992 Betriebsrat bei der Fraktion sozialistischer Gewerkschaftler. Man sollte einen Menschen an seinen Taten, an seinem Lebenslauf messen. Mehr möchte ich nicht hinzufügen, außer, dass Schmidingers Vorwurf nicht der Wahrheit entspricht.

Können Sie sich vorstellen, woher diese Gerüchte kommen?
Da gibt es eine unselige Allianz mit den sogenannten Neocons, die den Irakkrieg befürworten. Ich glaube gar nicht, dass diese Gerüchte von Schmidinger selbst kommen, sondern von Leuten aus dem Irak. Diese Gerüchte entstehen durch die Schubladisierung von Menschen, durch Schwarz-Weiß-Malerei. Ich habe einmal einen Artikel über Kurden in Wien geschrieben, woraufhin mich Herr Schmidinger als Baathisten bezeichnet hat. Also was bin ich jetzt? Baathist oder Muslimbruder? Das Spektrum reicht von linksnational bis religiöskonservativ.

Sie sind Integrationsbeauftragter der Islamischen Gemeinschaft. Besuchen Sie auch fundamentalistisch ausgerichtete Moscheen?
Ich warne erstens davor, Moscheen in eine Richtung einzuordnen. Die Menschen gehen dort hin, weil es die nächstliegende Moschee ist oder weil sie die Sprache verstehen. Das Problem ist der Stempel, der aufgedrückt wird: Das ist diese oder jene Moschee. Zweitens: Es ist immer eine Gratwanderung. Als Integrationsbeauftragter bin ich bemüht, zu so vielen Menschen wie möglich Kontakt zu halten. Gleichzeitig gilt die Sorge jenen Bereichen, wo "rote Linien" überschritten werden, wo verfassungsfeindlich agiert wird und der Staat nicht mehr akzeptiert wird.

Wie gehen Sie mit solchen "roten Linien" um?
Wenn wir radikale, fundamentalistische Ideen bekämpfen wollen, ist es wichtig, zwei Aufgaben zu unterscheiden: Gesetzliche Übertritte sind Aufgabe der Polizei, des Verfassungsschutzes. Unsere Aufgabe ist es, uns mit den Ideologien auseinanderzusetzen und solchen Ideen den Nährboden zu entziehen. Wenn ich eine Chance sehe, werde ich niemals zögern, Menschen zu überzeugen. Vor zwei Jahren, als ich vier Moscheen hervorhob, die wenig mit Integrationsanliegen zu tun haben wollten, wollte die Muslimische Gemeinde diese Leute ins Boot holen. Ich selbst erkannte später, dass es falsch war, mit diesen Leuten nicht zu reden.

Sie sehen den Dialog auch hier als Ihre Aufgabe?
Ja, dort wo es Sinn macht. Wenn Jugendliche auf den falschen Weg geraten sind. Dort, wo es nur dogmatische Diskussionen gibt, verschwende ich allerdings meine Zeit nicht.

Um Vorwürfen entgegenzutreten, wäre es da nicht besser, wenn sich die Glaubensgemeinschaft stärker nach außen öffnen und ihre Tätigkeiten und Organisationsstruktur transparenter machen würde?
Die Moscheen sind offen und für jeden zugänglich. Jeder kann sich selbst davon überzeugen. Aber die öffentlichen Angriffe gegen die Glaubensgemeinschaft bergen eine Gefahr: Dann sagen die Moscheen, dann machen wir wieder zu. Es ist ja nichts dabei, eine offene Diskussion zu führen. Aber wenn Boulevard-Blätter so titeln wie "Hassprediger predigt in Moschee", dann ist das keine rationelle Diskussion mehr. Wenn dann der Preis dafür ist: 'Ich stelle dich öffentlich zur Schau und zerreiß dich', dann ist die Gefahr auch groß, dass man sagt, eigentlich hat man kein Interesse an einer Öffnung. Man sollte über den Tellerrand blicken.

Orten Sie Zerstörungstendenzen gegenüber der Glaubensgemeinschaft?
Ja, wenn die Legitimität der Glaubensgemeinschaft in Frage gestellt wird, wenn zum Beispiel gesagt wird, da war ja nur ein Prozent Wahlbeteiligung. Oder die Forderung nach Auflösung und Neugründung wie von Rusznak gefordert.

Aber das ist ein Faktum, dass die Wahlbeteiligung sehr niedrig war.
Das ist kein Faktum. Weil in der Glaubensgemeinschaft zum Beispiel die Islamische Föderation und viele andere vertreten sind. Die Föderation hat österreichweit immerhin 90 Moscheen inne, das sind nicht ein Prozent.

Muslime sind aber erst wahlberechtigt, wenn sie den Mitgliedsbeitrag bezahlen. Widerspricht das nicht der Verfassung, in der es heißt, dass die Glaubensgemeinschaft alle Anhänger des Islams vertritt?
Zur Wahlberechtigung: Wenn ich wählen will, muss ich mich halt registrieren lassen. Dann muss ich aktives Mitglied werden. Wir haben die Infrastruktur nicht, der Staat gibt uns kein Wählerverzeichnis und sagt: In Gramatneusiedl sitzen drei Muslime, fahrt hin und bringt sie zum Wählen. Es scheitert an den mangelnden Ressourcen, weil einfach kein Geld da ist. Die Meisten arbeiten bei der IGGiÖ ehrenamtlich. Wir sind leider draufgekommen, dass nur sehr wenige Muslime den Mitgliedsbeitrag bezahlen.

Warum ist das so?
Weil es so etwas in den meisten Herkunftsländern institutionell gar nicht gibt. Es gibt keine Kirchensteuer, die Leute kennen das nicht. Dann gehen eben nur 1500, 2600 oder was auch immer, zu den Wahlen.

Was die Organisationsstruktur der Glaubensgemeinschaft betrifft: Es kam immer wieder Kritik, dass im Obersten Rat und im Schurarat dieselben Leute sitzen – in Organen, die sich gegenseitig kontrollieren sollten. Auch seien zu wenige muslimische Gruppen repräsentiert. Ist die Glaubensgemeinschaft überhaupt demokratisch?
Das ist das, was Herr Rusznak vom Islamischen Informationszentrum gern kritisiert. Die Glaubensgemeinschaft ist keine Aktiengesellschaft. Mein größter Wunsch wäre ja ein muslimisches Parlament mit 100, 200 Leuten zu haben. Da könnten wir alle, Frauen, Männer, Senioren, Jugend, Schiiten, Sunniten, einbeziehen. Aber trotzdem ist das Delegierungsprinzip, wie wir es jetzt haben, nichts Schlechtes. Kein Parteimitglied wählt seinen Parteivorsitzenden selbst, da gibt es Delegierte, die das tun. Außerdem gibt es sehr wohl eine Vielfalt: Unter den Vorsitzenden der Religionsgemeinden gibt es Türken, Bosnier, Ägypter.

Finden Sie es gerechtfertigt, dass die Schiiten in der Glaubensgemeinschaft besser vertreten sein wollen?
Ja natürlich, wenn man selbst als Migrant einer religiösen Minderheit angehört und für sich Rechte fordert, kann man das nicht anderen vorenthalten.

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