Mein Wien: Antwort auf Ungarns Kanzleramtsminister János Lázár

Diese Homepage wurde mit einem neuem CMS aufgesetzt und befindet sich daher in Arbeit ...

Mein Wien

Von Tarafa Baghajati, 8. März 2018

Nachdem  Wien und Budapest städtebaulich durchaus Anknüpfungspunkte für einen Vergleich hätten, disqualifiziert sich Ungarns Kanzleramtsminister János Lázár mit seinem Hetzvideo erst recht. Gerade die Bereiche in Favoriten, die er dabei zeigt, sind ein Beweis für eine unglaublich positive Stadtentwicklung in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten. Wer von uns erinnert sich nicht an die vielen ungepflegten Ecken in diesem Teil der Stadt! Schon in den Achtzigern, als ich als Student aus Rumänien nach Wien zu Besuch kam, waren der Südtirolerplatz und Keplerplatz, vor allem im Bereich der düsteren Unterführungen, hässlich. Aber auch das gesamte Brunnenmarkt-Gebiet wirkte auf mich fast noch abstoßender als heruntergekommene Bereiche in Bukarest. Und gerade diese zwei Beispiele können heute sogar in Europa und der Welt ein nachahmenswertes Beispiel abgeben, wie man neue Grätzel schafft und aus den vorhandenen, aber versteckten Ressourcen komplett Neues entstehen kann. Jeder, der am Abend in Reumannplatznähe in den sommerlichen Abendstunden spazieren geht und die Urbanität erlebt oder ein Kulturprogramm in der Brunnenpassage genießt, würde dies bestätigen.

Ja sogar im Vergleich zum ersten Bezirk und seiner Kärntnerstraße, die zunehmend auf die Touristen schielt, ist das authentisch Wienerische eher in Favoriten und Ottakring zuhause.

Natürlich ändert sich die Demografie in einer lebendigen Stadt, das war seit Jahrhunderten so und wird auch so bleiben. Und natürlich trifft man heute in Wien vieles, was früher nicht bekannt war - kulinarisch, sprachlich und kulturell. Wichtig ist,  dass es hier zu keiner Ghettobildung gekommen ist, was Wien zu verhindern wusste. Nicht zuletzt in den Cafehäusern und Lokalen zeigt sich dies, wo man die hiesige Bevölkerung in allen ihren Schattierungen und ihrer Vielfalt trifft. Der ungarische Minister hat sicherlich eine gute Wiener Mahlzeit genossen und dabei erlebt, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit und ohne Migrationshintergrund, Frauen und Männer locker nebeneinander sitzend eine schöne Zeit genießen.

Natürlich durfte in seinem Video der „Lieblingsfeind“ nicht fehlen und mussten Muslime und Flüchtlinge als die „Bösen“ identifiziert werden. Auch hier zeigt sich, dass die ideologische Brille dem Faktencheck nicht standhält. Viele der bisher schlecht laufenden Geschäftslokale wurden von Flüchtlingen, meist aus Syrien, übernommen und finden heute eine dankbare Kundschaft, die sich über die Wiederbelebung einst toter Geschäftszeilen freut. Nur einen Steinwurf von seinem Standort entfernt  hätte Herr Lázár leicht Dutzende solcher Supermärkte, Modegeschäfte und kleinen Restaurants finden können. Flüchtlinge agieren hier nicht als Sozialhilfeempfänger, sondern als stolze Jungunternehmer, Arbeitgeber und Steuerzahler in dieser schönen Stadt. Für einen neuen Haarschnitt wäre dem Orban-Minister ein Besuch im Frisierladen eines syrischen Flüchtlings zu empfehlen gewesen. Der Name des Salons lautet übrigens „Danke Wien“.

Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer  Österreicher-innen, lebt seit 1986 in Wien, geboren in Damaskus

 

Datum: 
Dienstag, 12 Februar, 2019
Share