Säkularismus auf Französisch

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Werden durch das Verbot von Kopftuch, Kippa und Kruzifix an öffentlichen Schulen Probleme gelöst oder neue geschaffen?

Nun hat die von Präsidenten Chirak eingesetzte Expertenkommission ein durchaus überraschendes Ergebnis vorgelegt. Dem Präsidenten wird ein Gesetz empfohlen, dass nicht nur das Kopftuch der muslimischen Mädchen in den Schulen verbietet, sondern den jüdischen Schülern ihre Kipa und den ChristInnen ihre Kreuze. Damit niemand auf der Idee kommt, im laizistischen Frankreich die christlichen Feiertage per Gesetz ersatzlos abzuschaffen, tritt die Kommission weise und vorsorglich für die Einführung zweier zusätzlicher offizieller Feiertage  im Jahr ein, einen zum jüdischen Yom Kipur und den anderen zum islamischen Opferfest. Somit setzt  der strenge Laizismus eine tolerante Geste gegenüber den Religionsgemeinden. Schon jetzt bezweifelt niemand, dass der Präsident der ersten Hälfte des Vorschlags zustimmen wird. Mit den Feiertagsangelegenheiten wird er sich dagegen eher Zeit lassen oder eine Ausweichvariante überlegen.

Der Vorschlag mag auf den ersten Blick ganz logisch wirken, enthält er doch keine gesonderte Diskriminierung einer bestimmten Religion und scheint alle gleich zu behandeln. Einige Haken hat es trotzdem. In Frankreich haben bis jetzt die muslimischen Schulerinnen in der Regel die staatlichen Schulen besucht. Islamische Privatschulen hatten bis dato im Gegensatz zu den christlichen, aber auch jüdischen Schulen keine Tradition. Nun würde sich die Situation binnen kürzestem grundlegend ändern. Muslimische Privatschulen werden im Falle, dass dieses Gesetz beschlossen würde, wie die Schwammerln aus dem Boden schießen. Denn dort werden muslimische Mädchen ihre Kopftücher selbstverständlich tragen dürfen. Nun, was wäre damit erreicht: Die Trennung wird nicht zwischen Staat und Religion, sondern zwischen den Religionsgemeinden bzw. zwischen den Religiösen und nicht Religiösen innerhalb einer Religionsgemeinschaft vollzogen. Denn es steht zu erwarten, dass auch bei den anderen Religionen die Privatschulen eine neue Blüte erleben. Was ist aber dann für die Integration und das friedliche Zusammenleben erreicht?

Ohne hier voreilige nationalistische Gefühle des Stolzes erwecken zu wollen, soll in diesem Zusammenhang durchaus erwähnt werden, dass Österreich mit dieser Sache klug, pragmatisch praktisch, aber vor allem mit Respekt umgeht. Auch wenn das Thema von einigen Seiten angeheizt wurde, hat die Politik gelassen reagiert. Außer ein paar unqualifizierter Zwischenrufe aus den mittleren Reihe der FPÖ wie z.B. von Herrn Tilg aus Tirol, der als müden letzten Wahlkampfsager das islamische Kopftuch „zur Wahrung des Christentums“ verbieten wollte, war in der Politik diesbezüglich nichts zu merken. Der Bundeskanzler formulierte es im Interview mit der Zeitschrift Profil einfach und zutreffend: „Hier kann jeder tragen was er will, niemand darf dazu gezwungen werden“. Der zweite Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer bat die muslimische Gemeinschaft vor einigen Wochen zu einem Iftar (Fastenbrechen) Mahl im Ramadan, vor ihm war Bürgermeister Häupl am ersten Tag dieses besonderen Monats am Zug. Beide haben viele unverkrampfte Gespräche mit MuslimInnen geführt, wobei das Kopftuch keineswegs im Mittelpunkt stand. Großbritannien ist in Sachen Gleichstellung noch um einiges voraus. Dort machen muslimische Polizistinnen ihren Dienst mit einem für sie entwickeltem Kopftuch, welches das Muster des Amtskapperls aufgreift.

Ist es so schwierig, gegen jeglichen Zwang und Druck auf die Frauen einzutreten und dabei eine durchaus kritische Haltung einzunehmen, gleichzeitig aber muslimischen Frauen und Mädchen, die dieses Kleidungsstück aus freier Entscheidung tragen möchten, die gleichen Chancen einzuräumen wie allen anderen, was Bildung und berufliche Karriere betrifft? Das Thema wird auch nach Vorlage des Berichts der Expertenkommission in Frankreich nicht aus der Welt geschaffen zu sein.

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