Hussein Saddam

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Rache statt Gerechtigkeit?

Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte - ein Kommentar der anderen aus muslimischer Sicht von Tarafa Baghajati Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte: die Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein aus muslimischer Sicht.

Die Vollstreckung eines Todesurteils erscheint heute generell - zu Recht - diskussionswürdig. Im Falle Saddam Husseins umso mehr, als hier auch politische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen.

Dass er genau in jenen Stunden hingerichtet wurde, in denen weltweit die Muslime zu ihrem höchsten Feiertag Opfertiere schlachten, um so des Propheten Abraham und der an ihn gerichteten Botschaft Gottes "Keine Menschenopfer!" zu gedenken, wirft Fragen auf. Wäre eine Hinrichtung genau zu Weihnachten, Karfreitag oder Ostern in einem mehrheitlich christlichen Land vorstellbar? Gewollt oder ungewollt manifestiert sich hier eine zweifelhafte Symbolik, Attribute wie pietätlos, provokant oder beleidigend drängen sich auf.

Die Bilder von der Verlesung des Gerichtsurteils zeigten, wie die Henker sich wie die Mitglieder einer Bande gebärdeten und immer wieder den Namen des unter Saddams Diktatur getöteten schiitischen Geistlichen Muhammad Baqir al-Sadr riefen, als handelten sie im Zeichen der Rache. Dass das tatsächliche Urteil wegen 148 im Dorf Dujail getöteter Schiiten ausgesprochen worden war, dürfte im Hinrichtungsraum völlig aus dem Blick geraten sein ...

Politischer Prozess

Saddam Hussein wurde, wie von Human Rights Watch und vielen anderen unabhängigen Beobachtern festgestellt, in einem politischen Prozess von seinen Feinden zum Tode verurteilt. Der irakische Premier Nuri al-Maliki musste mit seiner Unterschrift hastig einspringen, weil sich Präsident Talabani geweigert hatte, zu unterzeichnen.

Mit dieser Unterschrift hat al-Maliki die ohnehin geringe Chance, sich mit seiner Führung als glaubhafter Gegner jeder Form politischer Willkür zu profilieren und so als Wahrer der Rechtsstaatlichkeit in die Geschichte einzugehen, vertan. Es muss in Erinnerung gerufen werden, dass Saddam Hussein im Kriegszustand nicht von den Irakern, sondern von Amerikanern inhaftiert wurde und bis zu seiner Hinrichtung in US-Gewahrsam blieb. Der Irak ist bis heute weit davon entfernt, ein freier und unabhängiger Staat zu sein. Die Verantwortung für die Sicherheitspolitik des Landes liegt auch laut der umstrittenen UN-Sicherheitsresolution 1546 vom 8. Juni 2005 weiterhin in den Händen der Besatzungsmächte.

Kontraproduktiv

Die jetzige Regierung hat sich nun endgültig selbst disqualifiziert. Dazu kommt, dass die schnelle Exekution wohl auch vor dem Hintergrund zu sehen ist, dass es den USA gelegen scheint, eine wirkliche Aufarbeitung der irakischen Vergangenheit, vor allem der Kriege gegen den Iran und Kuwait und der damit in Verbindung stehenden eigenen Verflechtung, zu untergraben.

Unfair wäre es hingegen, schlicht von einem Racheakt Schiiten gegen Sunniten auszugehen. Die schiitische Tradition kennt mit den Tugenden Gerechtigkeit, Mut und Größe zur Verzeihung drei wesentliche Elemente, die alle von al-Maliki ignoriert wurden. Die im Fernsehen gezeigten spärlichen "Siegesfeiern" von Schiiten fallen in die gleiche Kategorie wie das "Straßenfest" in Bagdad als Willkommensakt für die US-Soldaten am 9. April 2003.

Mulmiges Gefühl

Nicht minder unangemessen wäre es auch, gegen das Urteil aufgebrachte Bürger als "Anhänger Saddams" oder "Baathisten" abzutun. Man muss kein Anhänger des Ex-Diktators sein, um ein mulmiges Gefühl bei seiner Hinrichtung zu bekommen. Auch jene, die ihn zum Märtyrer erklären, rechtfertigen großteils keinesfalls seine tyrannischen Taten, sondern sehen ihn als Symbol der Ablehnung militärischer US-Übermacht. Wäre eines der vielen versuchten Attentaten gegen ihn während seiner Regierungszeit geglückt, dann wären gewiss keine Tränen geflossen. Erst die amerikanischen Besatzer und der machtlose Premier haben es geschafft, Saddam in den Augen vieler Iraker zum Märtyrer zu erheben.

Nun scheint sich der Irak in Richtung einer Neuauflage eines autoritären Regimes zu bewegen. Die Teilung des Landes ist zumindest in den Köpfen vollzogen, ethnische und religiöse Gewichtungen bestimmen längst das Geschehen. Dabei müssten ganz im Gegenteil politische Kräfte Auftrieb erhalten, die sich nicht als Wasserträger für irgendwelche Lobbys verstehen, sondern ohne ethnische oder religiöse Scheuklappen nur für die übergeordneten Interessen des Landes arbeiten. Alles andere wird den Irak weiter in den Abgrund ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe 2.1.2007)

Bitterer Preis für einen neuen Irak

Drei Iraker in Österreich im Gespräch über Chaos, Besatzung, Widerstand, Wahlen und Hoffnung in ihrer Heimat.

Die Furche: Was halten Sie von der Abhaltung der irakischen Wahlen zu diesem Zeitpunkt?

Omar Al-Rawi (islamische Glaubensgemeinschaft): In so einer angespannten Situation sind keine fairen Wahlen möglich. Durch die andauernden Anschläge werden sowohl Wahlkommissionen als auch Wähler eingeschüchtert. Im Festhalten an diesem Termin sehe ich das verzweifelte Greifen nach einem Strohhalm. Das Problem ist, dass die  us-Besatzer nicht kapieren, worum es eigentlich geht: Ohne eine konkrete Aussicht auf Beendigung der Besatzung wird es zu keiner Befriedung kommen.

Fuad Khaffaf (Islamic Daawa Party): Man darf sich durch diese Anschläge nicht einschüchtern lassen und muss unbedingt am 30. Jänner als Wahltag  festhalten. Den Termin zu verschieben, bringt nichts. So etwas wäre nur  im Interesse der Terroristen. Ihr Ziel ist es, Unruhe, Chaos und Angst zu verbreiten. Sie wollen, dass sich der Irak nicht normalisiert, sie
wollen erreichen, dass wir der Zeit Saddams nachtrauern. Aber auch wenn wir Millionen Opfer geben müssen, auch wenn das Elend noch größer wird – das akzeptieren wir Iraker, das ist der Preis für die Demokratie, das ist der Preis für die Freiheit, das ist der Preis für einen neuen Irak.

Mazin Al-delaimi (Irakhilfswerk): Ich bin nicht gegen Wahlen, ich bin für Demokratie und Freiheit im Irak. Aber die derzeitige Situation ist zu unsicher, um korrekte Wahlen abhalten zu können. Ich war vor kurzem mit einer Hilfslieferung im Irak. Die Leute dort wissen nicht, wer zur Wahl steht und für welches Programm diese Kandidaten eintreten. Die Parteien haben keinen richtigen Wahlkampf machen können. Es fehlt an Wahlwerbung, es fehlt an Information.

Khaffaf: Das ist nicht richtig, alle zur Wahl stehenden Personen und Parteien sind im Irak und in der Diaspora bekannt. Die Kandidaten sind schon seit Jahrzehnten in der Politik tätig. Das sind keine Unbekannten, die meisten waren schon während der Saddam-Herrschaft als
Oppositionelle tätig.

Al-Rawi: Insgesamt gibt es 111 Parteien – gut, es mag sein, dass es zu Beginn jeder Demokratie eine solche Vielfalt gibt, aber ich verstehe Herrn Delaimi, wenn er sagt, dass sich keiner mehr auskennt.

Die Furche: Es heißt, die Wahl könnte zur Volkszählung verkommen: Schiiten werden nur Schiiten, Kurden nur Kurden wählen, und die Sunniten werden der Wahl fernbleiben.

Al-Rawi: Tatsache ist, dass die größte sunnitische Partei ihre Kandidatur zurückgezogen hat. Vielerorts gibt es wahltechnische Probleme, vielerorts sind die Wahlkommissionen zurückgetreten. Unter diesen Umständen fürchte ich, dass die Wahl zu einer Farce degradiert wird. Für mich ist es nicht bedenklich, wenn eine kurdische oder schiitische Partei die Wahlen gewinnt, aber bedenklich ist, wenn die Wahl in großen Provinzen nicht stattfinden kann.

Khaffaf: Ich hasse das Auseinanderdividieren zwischen Schiiten und Sunniten. Der Irak besteht schon seit jeher aus dieser Mischung, wir sind ein Volk, die Sunniten sind unsere Brüder. Ich rechne damit, dass viele Iraker zur Wahlen gehen. Und die, die nicht wählen, tun das nicht, weil sie Sunniten oder Schiiten sind, sondern weil sie noch nicht von der neuen Zeit überzeugt sind. Aber die Mehrheit wird zur  Wahl gehen, denn die Mehrheit weiß ganz genau: Das ist der erste Schritt auf dem richtigen Weg. Es gibt keinen anderen Weg. Anders kriegen wir die Amerikaner nicht los. Nur auf diesem Weg bekommen wir unsere Freiheit und Demokratie.

Al-Rawi: Auch für mich ist nie die Tatsache, ob jemand Sunnit, Schiit oder Kurde ist, im Vordergrund gestanden. Aber die politische Landschaft im Irak ist entlang dieser Linien geteilt. Mir hätte es  besser gefallen, wenn sich ein kurdisch-schiitischer Block zur Wahl gestellt hätte. Aber bleiben wir realistisch: Die Iraker werden blockweise nach ethnischer und religiöser Herkunft wählen. Der Krieg hat den Irak auch ethnisiert.

Khaffaf: Man wollte den Irak nach ethnischen und religiösen Linien trennen, aber das ist nicht gelungen. Und heute ist nicht der Islam die maßgebende Kraft im Irak, sondern der Patriotismus.

Al-Rawi: Ein zusätzliches Problem sehe ich darin, dass jeder gebürtige Iraker, auch wenn er keine irakische Staatsbürgerschaft mehr hat und im Ausland lebt, zu dieser Wahl gehen kann. Das finde ich nicht richtig: Die Menschen, die heute im Irak leben, wissen über die Bedürfnisse dieses Landes am besten Bescheid. Allein diese Menschen und nicht die vielen Auslandsiraker haben das Recht, die Geschicke ihres Landes zu bestimmen. Nicht wir, die wir seit 20, 30 Jahren wunderbar und in Saus und Braus in Europa leben.

Khaffaf: Die Millionen Iraker, die im Ausland leben, haben ihr Land in den letzten Jahrzehnten nicht freiwillig verlassen. Diese Leute fühlen sich nach wie vor sehr mit dem Irak verbunden und deswegen bestehen sie darauf, dass sie zur Wahl gehen dürfen.

Al-delaimi: Ich werde nicht zur Wahl gehen. Mir ist auch von der Botschaft kein Informationsmaterial zugesandt worden. Aber zur Situation im Irak: Es fehlt an allem, und wenn das Notwendigste für ein sicheres Leben fehlt, wundert es mich nicht, dass sich viele keine Gedanken über die Wahl machen. Wer darüber nachdenken muss, wie er morgen überleben kann, denkt nicht an Wahlen.
 
Khaffaf: Die Leute sollen durch die Anschläge eingeschüchtert werden. Aber wir geben nicht nach, wir geben nicht auf, wir werden nicht zulassen, dass diese Terroristen ihre Ziele erreichen.

Al-Rawi: Der Chef des irakischen Geheimdienstes schätzt die Zahl der Aufständischen im Irak auf 200.000 Menschen. Es ist unmöglich, dass das alles Terroristen sind. Den ganzen Aufruhr im Irak nur als Terror hinzustellen, geht völlig an den Tatsachen vorbei. Das ist die Sprachregelung der Amerikaner. Im Irak gibt es auch Widerstand aus der Bevölkerung gegen das Besatzungsregime.

Die Furche: Legitimen Widerstand?Al-Rawi:

Laut uno-Charta steht jedem besetzten Volk das Recht auf  Widerstand zu – und die Amerikaner halten den Irak besetzt. Und kein Volk der Welt möchte nicht in Freiheit leben.

Al-delaimi: Mein Leben im Irak ist sehr billig – bei meiner letzten Fahrt bin ich drei Mal von Amerikanern in lebensgefährliche Situationen  gebracht worden. Aber niemand kann die Amerikaner dafür vor Gericht stellen. Die Amerikaner machen im Irak, was sie wollen. Heute sind auch die Iraker, die vor einem Jahr noch für die Amerikaner waren, gegen sie. Warum sollen sie auch noch für die Besatzer sein, sie haben nichts Gutes gesehen: keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, nur Tote. Unter Saddam war es besser – das habe ich bei meinem letzten Besuch oft gehört.

Khaffaf: Wir waren nie für die Besatzung. Aber wenn vor allem unschuldige Iraker unter den Anschlägen dieser angeblichen Opposition gegen die Besatzer zu leiden haben – dann ist das keine Opposition mehr, dann ist das Terrorismus. Widerstand gegen die Besatzer heißt nicht zuerst und unbedingt mit der Waffe in der Hand. Und warum passieren diese Dinge jetzt? Warum leistet man Widerstand auf Kosten der Iraker? Wo sind diese Leute vorher gewesen?

Al-Rawi: Das ist eine Auslegung, die davon ausgeht, dass diese Anschläge von Terror-Touristen ausgeübt werden. Aber das stimmt nicht, der überwiegende Teil der Anschläge gegen die Besatzungstruppen wird von Irakern ausgeübt. Und wenn als Antwort darauf ganze Städte bombardiert und man die Opfer als Kollateralschäden abtut, wird der Graben noch größer, noch tiefer werden. Ob es gelingt, mit soviel Toten, mit soviel Zerstörung das Land wieder aufzubauen? – Ich kann es mir schwer vorstellen. Ohne dass die Amerikaner sagen, wie souverän, wie frei der Irak einmal sein wird – ohne diese klare Vision ist auch diese Wahl eine Wischi-Waschi-Geschichte. Nur wenn die Wahl ein glaubhafter Anfang für eine Exit-Strategie der usa ist, sehe ich einen Hoffnungsschimmer. Ansonsten wird der Glauben an einen friedlichen Irak noch mehr als bisher verloren gehen.

Das Gespräch moderierte Wolfgang Machreich.

 

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