"Pummerin statt Muezzin": Gibt es wirklich keine Kirchen in muslimischen Ländern?

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Montag, 13 September, 2010
"Pummerin statt Muezzin": Gibt es wirklich keine Kirchen in muslimischen Ländern?
  • Nahost-Kenner betont: "Diese Vorurteile sind falsch"
  • Islam-Experten klären über Ängste und Mythen auf

Immer wieder kommt es in vielen Ländern Europas zu hitzigen Debatten über den Islam. Österreich bildet da keine Ausnahme. Ob es um das Kopftuch geht, den Bau neuer Moscheen oder die FPÖ mit Wahlkampfslogans wie "Pummerin statt Muezzin" Stimmen fangen will, eines wird dabei deutlich: Mit Vorurteilen wird nicht gespart. Es gibt ja auch keine Kirchen in islamischen Ländern, lautet ein gängiges Argument von Islam-Gegnern. "Diese Vorurteile sind falsch. Jeder, der in islamische Länder reist, weiß, dass es dort Kirchen gibt", betont der Islam-Experte und Wiener Politologe Thomas Schmidinger. Und es gibt noch mehr Dinge, die dringend einer Aufklärung bedürfen ...

Der Islam hat sich hier zu Lande nach der katholischen Kirche zur zweitgrößten Glaubensgemeinschaft entwickelt. Geschätzte 500.000 Muslime leben derzeit in Österreich. Doch warum bietet diese Thema eigentlich so viel Zündstoff? Und woher kommen diese Vorurteile?

Sicherlich haben unter anderem "Ereignisse, wie 9/11 und die verstärkten Auseinandersetzungen zwischen westlichen und islamischen Staaten oder auch Terrorgruppen" eine Rolle gespielt, erklärt Schmidinger. Die Vorurteile blühen jedenfalls und manche Mythen halten sich hartnäckig, auch wenn sie offensichtlich falsch sind. NEWS.at ist den fünf brennendsten Fragen mit Hilfe von Experten auf den Grund gegangen:

1. Gibt es überhaupt Kirchen in islamischen Ländern?
"Es ist wirklich schade, dass man so beharrlich übersieht, wie viele Kirchen in Ländern der muslimischen Welt stehen", sagt Carla Amina Baghajati, Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs (www.derislam.at) Egal ob in Syrien, der Türkei, dem Iran, Ägypten oder dem Libanon, an christlichen Bauten herrscht dort kein Mangel. "Wenn man die Altstadt von Damaskus besucht, sieht man ganz oft ein Minarett direkt neben einem Kirchenturm. Und akustisch mischt sich zu Mittag der Klang der Kirchenglocken mit dem des Muezzin," erzählt Baghajati.

2. Muss jede muslimische Frau ein Kopftuch tragen?
Natürlich sei es ein Teil der islamischen Religion, aber eben nur ein kleiner, stellt Baghajati klar. Die Reduzierung der muslimischen Frau auf das Kopftuchtragen sei eine fürchterliche Verkürzung, mahnt sie: "Das Selbstbestimmungsrecht der Frau ist uns wichtig, das gilt auch in Fragen des Kopftuches."

Dass es in Bezug auf die Rolle der Frau im Islam, noch einiges zu ändern gilt, davon ist die Expertin überzeugt. Eine eindeutige Verbindung zwischen frauenfeindlichen Bildern und Religion weist sie allerdings zurück. "Frauenfeindliche Tendenzen, die tatsächlich auch in muslimischen Gesellschaften existieren, haben wenig mit Religion, sondern sehr viel mit Tradition und Kultur zu tun. Zwangsheirat, Ehrenmord oder weibliche Genitalverstümmelung werden von der islamischen Glaubensgemeinschaft ganz klar verurteilt", so Baghajati.

3. Sind alle Muslime Extremisten?
Islam-Gegner würden an dieser Stelle wohl entgegnen: Aber es gibt sie doch, die negative Seite. Schließlich existieren extremistische islamische Organisationen wie die al-Quaida und Schlagworte wie "Jihad" oder "Heiliger Krieg". Themen, die auch aufgrund ihrer medialen Präsenz in den Köpfen der Menschen herumgeistern. "In jeder Religion steckt das Potential zu extremistischen Auslegungen und gewaltsamen Methoden. Das gibt es im Christentum, im Judentum und auch im Buddhismus. In bestimmten historischen Momenten tritt dieses Potential in einer Religion stärker auf als in einer anderen. Das liegt an historischen Entwicklungen und politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen, aber nicht an der Religion selbst", analysiert Islamkenner Schmidinger die Situation. Es komme vor allem auf die interpretierenden Akteure an.

4. Was bedeutet eigentlich "Jihad"?
Dass der Islam keine Religion der Gewalt ist, wird die islamische Glaubensgemeinschaft nicht müde zu betonen und verurteilt den Extremismus scharf. "Der eigentliche Gedanke unserer Religion ist ein toleranter. Es ist ein Gebot des Islams, dass Vielfalt gottgewollt ist", so die Sprecherin. Und auch über den Mythos "Jihad" klärt sie auf. "Jihad" bedeutet nicht "Heiliger Krieg", erklärt Baghajati. Vielmehr kann man dieses Wort mit "sich Einsetzen auf dem Weg Gottes" übersetzen. Die Interpretationen reichen dabei von der "Selbstüberwindung fürs Gute" (großer Jihad) über das "kultivierte Streitgespräch" bis hin zu "militärischem Widerstand im Verteidigungsfall" (kleiner Jihad), der keinesfalls selbstermächtigt ausgerufen werden darf, wie es von Seiten der Islamischen Glaubensgemeinschaft heißt.

Politikwissenschafter Schmidinger sieht in diesen Auslegungen jedoch nur eine von vielen: "Gerade der Jihad-Begriff wird unter Muslimen sehr unterschiedlich ausgelegt. Die Interpretation als 'Heiliger Krieg' verkürzt zwar massiv die lange Tradition der inhaltlichen Debatten, ist aber durchaus eine von mehreren auch unter Muslimen vorhandenen Interpretationen. Wenn islamistische Gruppen oder islamische Staatschefs zum Jihad aufrufen, ist damit selten ein friedliches Streitgespräch gemeint."

5. Sind islamische Mitbürger zur Integration fähig?
Wenn man die falschen Vorurteile und Ängste beiseite räumt, hat vielleicht auch die Integration, oder besser formuliert das gemeinsame Zusammenleben, eine Chance. Zu verbessern gibt es noch genug, so die Experten. "Es ist der starke Wunsch da, dieses Gastarbeiter-Image loszuwerden und aufzuzeigen, dass wir ein lebendiger, selbstverständlicher, nützlicher Teil dieser Gesellschaft sind", zieht Baghajati Bilanz.

In einem Punkt sind sich beide Experten einig: Nur ein Gespräch, ein echtes Auseinandersetzen mit dem Anderen kann die Situation verbessern und helfen, Spannungen, Vorurteile und Ängste abzubauen. "Das Entscheidende ist, dass die Akteure im Alltag miteinander ins Gespräch kommen", ist sich Schmidinger sicher.

Carina Pachner

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