Search:
 
      Hauptseite arrow Dokumente arrow Konferenz Europ?ischer Imame und Seelsorgerinnen Wien 2006 Friday, 24 November 2017      
 
Newsflash
Konferenz Europ?ischer Imame und Seelsorgerinnen Wien 2006 PDF Print E-mail
Written by Islamischen Glaubensgemeinschaft in ?sterreich   
Saturday, 16 June 2007




Konferenz Europäischer Imame und Seelsorgerinnen Wien 2006
 
Veranstaltet von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Außenministerium, der Stadt Wien

und der Europäischen Islamischen Konferenz

 
 
 
Wiener Erklärung

 
Den Islam in Europa theologisch als kompatibel mit den Prinzipien der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, des Pluralismus und der Menschenrechte zu verorten, ist der Standortbestimmung der „Konferenz Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa“ im Jahre 2003 in der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Graz gelungen. Gleichzeitig wurden jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus klar verurteilt. Damit wurde nicht nur innermuslimisch ein wichtiges Zeichen der Orientierung gesetzt, sondern es sollte auch der Integrations- und Identifikationsprozess der Muslime, die in der Vielfalt ihrer ursprünglichen Herkunft ca. 50 Millionen Personen in Gesamteuropa umfassen, durch die Betonung des Partizipationsgedankens befördert werden. Als Zeugnis muslimischen Selbstverständnisses sollte aber auch nach außen ein wichtiges aufklärendes Signal getätigt werden, das Ängsten und Vorbehalten entgegenwirken könnte, um das friedliche und von gegenseitigem Verständnis und Respekt getragene Miteinander zu bestärken.

 
2006 muss von den Konferenzteilnehmern nüchtern festgestellt werden, dass es noch großer Anstrengungen auf allen Seiten bedürfen wird, um die Akzeptanz der Muslime in der Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. In verschiedenen europäischen Ländern sind soziale und wirtschaftliche Spannungen gleichzeitig in Zusammenhang mit einer oft aggressiv und emotional geführten „Ausländerdebatte“ zu bringen. Muslime werden pauschalierend benutzt, um ein Bild des „Fremden“ entstehen zu lassen, das in Zeiten der Unsicherheit Halt in einer negativen Abgrenzung bietet. Es scheint, als solle damit ein „Wir“-Gefühl erzeugt werden, das Gesellschaften, die massiv unter einem Verlust des sozialen Zusammenhangs leiden, zunehmend abhanden kommt.

 
Gleichzeitig sehen sich Muslime einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, da nach dem Prinzip „bad news is good news“ in der öffentlichen Wahrnehmung die Krisenberichterstattung Bilder von Aggression und Gewalt, oft an außereuropäischen Schauplätzen, in den Vordergrund rückt. In der Diskussion tauchen immer wieder Kritikpunkte auf, die anhand einzelner Missstände eine Unverträglichkeit „islamischer“ mit „westlichen“ Werten zu konstruieren suchen. Hier wird es von Seiten muslimischer Gelehrter nicht genügen, sich mit dem Verweis, dass solcherlei negative Erscheinungsformen im Gegensatz zur islamischen Lehre in überkommenen Traditionen wurzelten, als nicht weiter zuständig zu erklären. In der theologischen Argumentation liegen schließlich große und erprobte Möglichkeiten, nachhaltige Bewusstseinsveränderungen herbeizuführen. Diese sollen als Teil der Lösung aber auch erkannt, respektiert und im öffentlichen Diskurs gefördert werden.

 
Die Moderne rückt die persönliche Verantwortung jedes einzelnen mündigen Bürgers stärker als je in den Mittelpunkt. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, was die Bewahrung von Frieden und Sicherheit, die Frage sozialer Gerechtigkeit und den Erhalt der Umwelt betrifft. Die Religionen leisten mit ihrem Appell zu verantwortlichem Handeln, das vom Gedanken an das Wohl anderer getragen sein soll, einen entscheidenden Beitrag. Sie können einen positiven Ausgleich zu auf Konsum ausgerichteten, an der individuellen Spaßoptimierung abgestellten Lebenseinstellungen schaffen.

 
Der Islam trägt einen lösungsbezogenen Ansatz in sich, indem Vielfalt als gottgewollt nicht in Frage gestellt werden soll, sondern gelassen in mehr Kenntnis mündend nutzbar zu machen ist. „Gute Werke“ bilden eine Maxime des Handelns. Wie eng Friede und Gerechtigkeit zusammen liegen, zeigt der Anspruch diskriminierungsfreien, gerechten Umgangs miteinander auf, unabhängig von Herkunft, Religion, gesellschaftlichem Ansehen oder Alter:

 
„Diejenigen, die glauben und ihren Glauben nicht mit Unrecht vermischen, sie sind es die Sicherheit haben und sie sind es, die rechtgeleitet sind.“ (Sure 6, Vers 82)

 
Die Konferenz beschäftigte sich in Arbeitsgruppen detailliert mit einzelnen Aspekten:

Daraus gingen folgende Überlegungen hervor:

 
Integration
  1. Der religiöse Anspruch persönliche Bereitschaft zu zeigen, Verantwortung für das Allgemeinwohl zu übernehmen, bildet die Grundlage eines integrativen Zugangs, der den jeweiligen Lebensmittelpunkt zum vordringlichen Radius macht. So ist es natürlich, dass Muslime das Gastarbeiterimage zu überwinden suchen. Sie betrachten sich nicht als „Fremdkörper“, sondern als lebendigen Teil Europas. Große historisch gewachsene muslimische Populationen sind eine Tatsache. Der Islam ist auch aus der Leistung seines großen wissenschaftlichen und kulturellen Erbes direkter Bestandteil der europäischen Identität.
  2. Integration und Assimilation dürfen als Begrifflichkeiten nicht vermischt werden, wie dies bisher oft der Fall ist. Die Interaktion mit der Mehrheitsgesellschaft darf nicht zur Voraussetzung haben, bedingungslos Religion, Kultur und sprachliche Vielfalt aufgeben zu sollen. Die mit Assimilationsforderungen implizierte Annahme der Minderwertigkeit des „anderen“ führt zu Abkapselung und Ghettoisierung.
  3. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern als beidseitiger Prozess zu verstehen. Als aktiver und sichtbarer Teil suchen sich Muslime auf allen Gebieten bereichernd und ergänzend zu beteiligen: wirtschaftlich, kulturell, wissenschaftlich, politisch, sozial. Voraussetzung hierzu ist die Beherrschung der Landessprache als Instrument der Kommunikation. Von der Mehrheitsgesellschaft erwarten wir ein Bekenntnis zu Diversität, eine Haltung gegen Tendenzen von Rassismus und Diskriminierung. Anreize und Möglichkeiten der verbesserten Partizipation liegen in der erleichterten Einbürgerung bei gelungener Integration, bei der Familienzusammenführung, beim Zugang zum Arbeitsmarkt, diversitiy management, positiver Diskriminierung und Quoten, der Nostrifizierung ausländischer Bildungsgänge, der demokratischen Teilhabe (z.B. kommunales Wahlrecht).
  4. Bei der Definition und der Verwendung des Begriffs „Parallelgesellschaft“ soll mehr Sorgfalt gehegt werden. Die berechtigte Pflege von Kultur und Religion innerhalb eines geschützten Raumes soll nicht bereits unter den Generalverdacht von bewusster Abkapselung gestellt werden. Die Querverbindungen, Vernetzungen und der Dialog nach draußen zeigen, dass es hier nicht um eigene Abschottung, sondern um „community“-Bildung geht, deren Ziele, etwa in der Aufgabe sozialer Aufgaben, der Gesellschaft zugute kommen können. In einer Zeit wachsenden Pluralismus wäre es von Vorteil, wenn sich eine Einstellung durchsetzen könnte, die es als selbstverständliche Gegebenheit betrachtet, dass die Bevölkerung verschiedenste Interessens- und Neigungsgruppen umfasst, die möglichst in Ergänzung und Bereicherung vielfältige Überlappungen und Schnittstellen bilden.
  5. Unter diesem Aspekt sind auch Anstrengungen von muslimischer Seite zu betrachten, die Institutionalisierung eigener Einrichtungen anzustreben. Kindergärten, Schulen oder auch die Moscheeaktivitäten dürfen nicht als „antiintegratives Gegenmodell“ mit einer Vorverurteilung belegt werden. Denn erste Erfahrungen beweisen, dass kluge und pädagogisch ausgereifte Konzepte, die auch Elemente der Kooperation und Vernetzung mit anderen Einrichtungen aufweisen,  das Empowerment der jungen Generation stärken können, aber auch Brückenbaufunktionen übernehmen können.
  6. Moscheen stellen einen wesentlichen Aspekt im muslimischen Gemeindeleben dar. Ihre Unabhängigkeit, auf geistig-moralischer Ebene wie finanziell, ist ein Schlüssel für die authentische Entwicklung der Identität eines „Islam in Europa“. Imame und andere Funktionsträger, Männer und Frauen, innerhalb der muslimischen Community sind wichtige Multiplikatoren und haben Vorbildfunktion. Die Beteiligung von Frauen ist zu fördern. Um die Lebenswirklichkeit der Gemeinde in der Arbeit aufgreifen zu können, ist nicht nur sprachliche Kompetenz (Erwerb der Landessprache) eine Voraussetzung, sondern auch Wissen um gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen. Denn im Islam sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen unbedingt bei der Beantwortung religiöser Fragen auf Basis der Quellen zu berücksichtigen. In der Aus- und Fortbildung der Imame steckt in Europa noch ein großes Entwicklungspotenzial. Sie sollen aus der Rolle der Respektperson heraustreten und zur Vertrauensperson werden, wozu es vermehrter sozialer Kompetenz bedürfen wird. Gebraucht werden eigene Bildungsinstitutionen, aber auch gezielte Weiterbildungsprogramme, die an den lokalen Bedürfnissen orientiert sind. Die Moschee soll auch in ihrer traditionellen Rolle als sozialer Knotenpunkt ins allgemeine Bewusstsein treten, indem entsprechende Aktivitäten von einer offenen Haltung nach draußen begleitet werden.
    Viel versprechend erscheinen hier die Ansätze von Bradford / England, wo eine Einbindung der lokalen Moschee-Gemeinden und Imame in Fortbildungsprojekte erfolgt.
  7. Presse- und Meinungsfreiheit sind ein unverzichtbares und allgemeines Gut. Es besteht kein Widerspruch zur Religionsfreiheit, da beide eng miteinander verknüpft sind. Meinungsfreiheit soll in Verantwortung ausgeübt werden und in Beachtung gegenseitigen Respekts. In Europa hat sich – von Land zu Land teilweise auch mit Unterschieden- doch ein gewisser gesellschaftlicher Konsens gebildet, wo Bereiche liegen, die eines besonderen Feingefühls bedürfen. Auch Gesetze kennen – wieder in unterschiedlicher Form – Paragraphen mit Schutzbestimmungen. Wir sehen, dass sich im Umgang mit dem Islam ein solcher Konsens erst noch bilden muss. Da wir uns zum Dialog als beste Lösung im Konfliktfall bekennen, sehen wir hier auch die beste Möglichkeit mehr gegenseitiges Verständnis zu erreichen.  
 
 
Bildung
  1. Bildung ist im Islam geradezu eine Lebenseinstellung, da lebenslängliches Lernen vorausgesetzt wird. Die Zugänglichkeit ist unabhängig von der sozialen Schicht zu gewährleisten. Viele Probleme ließen sich über Bildungsmaßnahmen konstruktiv angehen, indem damit eine Stärkung der Persönlichkeit, die Fähigkeit zu Selbstreflexion und Eigenkritik einhergeht.
  2. Horizonte zu erweitern wird aber auch gezielter Förderung der Mehrheitsgesellschaft bedürfen. Die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems ist in vielen europäischen Staaten problematisch, wovon Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders betroffen sind. Die Problematik von „Ghettoschulen“ oder die hohe Zahl von Migrantenkindern in Sonderschulen soll vor dem sozialen Hintergrund gesehen werden und nicht als kulturell oder religiös bedingtes Phänomen.
  3. Chancengleichheit muss aktiv gefördert werden. Dazu gehören Investitionen in frühzeitigen Spracherwerb, Lernbegleitung und Lernberatung und beidseitige interkulturelle Kompetenz. Moscheen und muslimische Vereine können hier aktiv eingebunden sein. Gleichzeitig geht es um den Abbau von Rassismus und Islamfeindlichkeit. Schulbildung prägt fürs Leben, weshalb Stereotypen, die über den Islam auf diesem Wege verbreitet wurden, besonders schwer zu überwinden sind, wie eine Schulbuchstudie von Frau Prof. Susanne Heine für Deutschland und Österreich nachwies. Heute bemüht man sich stärker und der Problematik bewusster um einen einfühlsamen und aufklärerischen Ansatz bei der Behandlung des Islam in Schulbüchern. Diese Tendenz ist noch zu verstärken und unterstützen.
  4. Unbestritten ist die positive Rolle des Kindergartens auf die Entwicklung des Kindes. Die Vorteile für sprachliche und soziale Entwicklung sind so groß, dass hier der Keim für ein späteres positives Fortkommen liegt. Die Empfehlung für den Kindergartenbesuch ist verbunden mit dem Hinweis, dass die Attraktivität für muslimische Eltern wesentlich zu steigern wäre, könnte auf ihre speziellen Bedürfnisse unter den Stichworten Interkulturalität und Beachtung religiöser Praxis (halal-Speiseangebot) besser eingegangen werden. Muslimische Kindergärten, die hier ein maßgeschneidertes Angebot haben, können oft gerade Kinder erreichen, deren Eltern sonst von einem Besuch Abstand genommen hätten. Als Programm zur späteren besseren Integration in die Regelschule sollen sie mehr Förderung erfahren.
  5. Religionsunterricht im Islam im Rahmen des Regelunterrichts an öffentlichen Schulen soll endlich als wirksames Instrument der Integration wahrgenommen werden. Die sichtbare Gleichstellung mit anderen Religionsgemeinschaften wirkt sich günstig auf das Zugehörigkeitsgefühl aus. Der in seiner Bedeutung unbestrittene Dialog der Religionen wird sich nur an die Basis tragen, wenn auch seine Mitglieder religiöse Wurzeln und Werte kennen. Darüber hinaus trägt Religionsunterricht zur Identitätsbildung aktiv bei, indem Unterschiede zwischen religiöser Lehre und kulturell bedingten Traditionen aufgezeigt werden und das Bewusstsein als Teil der europäischen Gemeinschaft gestärkt wird. Realitätsbezogener Unterricht in der jeweiligen Landessprache soll extremistische Meinungen als solche bloßstellen und einer Selbstethnisierung durch sprachliche oder vom Ursprungsland herrührende Ghettoisierung vorbeugen. Diese Qualität des Unterrichts soll sich auch auf die Entwicklung der Koranschulen in den Gemeinden mit ihrem zusätzlichen Angebot vor allem auf dem Gebiet der Koranrezitation und der Pflege der Muttersprache positiv niederschlagen. Dabei ist besonderes Augenmerk auf die Entwicklung didaktisch geeigneter Lehrmaterialien zu legen. Liedtexte, Kopiervorlagen und Bücher sollen im Einklang mit dem offiziellen approbierten Lehrplan und seiner Zielrichtung stehen. Die Lehrpläne und Lehrbücher werden ständig reformiert und an die neuen Gegebenheiten angepasst.
  6. Erwachsenenbildung ist mehr als einzig Sprachunterricht. Hier sollen gezielte Programme sinnvolle Freizeitgestaltung fördern.
 
 
Politik
  1. Eine Wurzel von großen Missverständnissen liegt in dem Vorwurf an die Muslime, ein gespaltenes Verhältnis zum Staat zu haben, indem sie den Gedanken der Trennung von Macht- und Aufgabenbereichen zwischen politischer und geistlicher Führung nicht vollzogen hätten. Hier wäre ein historisch genaueres Bewusstsein sehr hilfreich, das auch die Entwicklung der islamischen Länder berücksichtigt, was in den schulischen Lehrplänen fast völlig vernachlässigt wird. Dieses Wissen könnte von Muslimen vielfach als überheblich empfundene eigenzentrierte Sichtweisen positiv erweitern und die prinzipielle Vergleichbarkeit historischer Abläufe hinterfragen, die jetzt unter dem Stichwort „mangelnde Aufklärung“ im europäischen Diskurs zum Allgemeinplatz wurde. Die Aufgeschlossenheit gegenüber den Wissenschaften wurde ein wesentlicher Faktor für die Entwickeltheit islamischer Gesellschaften, von der auch Europa gerade als Impulse für die Aufklärung profitierte. De facto war die politische Führung über weiteste Strecken der islamischen Geschichte autonom und gestaltete sich nicht in Personalunion mit den religiösen Würdenträgern.
  2. Umgekehrt kann besseres historisches Verständnis der europäischen Geschichte Muslimen gewisse Befindlichkeiten erklären und das gegenseitige Verständnis vertiefen.
  3. Auch der Begriff „Scharia“ wird immer wieder völlig falsch interpretiert (etwa als „Strafrecht“) und angewendet, woraus große Ängste und Abwehrhaltungen   resultieren. Auch hier appellieren wir an die gebotene Sachlichkeit und korrekte Definition, die in der Betonung des dynamischen Charakters bei der Auslegung der Quellen gerade geeignet ist, Vorurteile zu entkräften.  Wie kontraproduktiv Scheinwissen ist, zeigt die wiederholt laut gewordene Forderung nach „Abschaffung der Scharia“, die völlig absurd ist, da die Scharia die Glaubenspraxis auf Grundlage der Quellen regelt, also etwa Fragen nach der Gebetswaschung, der Höhe der sozial-religiösen Pflichtabgabe für Bedürftige usw. Solche unqualifizierten Äußerungen können dem nötigen vertrauensbildenden Prozess nur abträglich sein, da er von Muslimen als Ruf nach Abschaffung des Islam verstanden werden muss.
  4. Die Vereinbarkeit einer demokratischen Ordnung mit dem Islam wurde wiederholt durch offizielle muslimische Erklärungen unterstrichen. Die Identifikation mit dem Staat ist dann naturgemäß besonders hoch, wenn eine größtmögliche Deckungsgleichheit mit persönlichen Wertvorstellungen damit einhergeht. Somit ist das Modell des Anerkennungsstatus für den Islam, wie es in Österreich besteht, tatsächlich besonders geeignet, da es über die emotionale Ebene der Zugehörigkeit einen institutionalisierten Dialog mit sich bringt. Damit wird mit und nicht über Muslime geredet, können Sachfragen im Lande geklärt werden, ohne dass man auf ausländische Gutachten zurückgreifen müsste, die immer die Problematik in sich bergen, weder der konkreten Situation völlig angemessen zu sein, noch eigenständig aus der lokalen muslimischen Community erwachsen zu sein, die sich statt mit der geforderten Eigenständigkeit oft „von außen“ bestimmt sehen würde.
  5. Die Teilhabe von Menschen mit muslimischem Hintergrund an demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen soll gesteigert werden. Die Imame weisen nicht nur darauf hin, passiv persönlich vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, sondern auch aktive Möglichkeiten der Partizipation z.B. in Elternvertretungen von Schulen oder bei ArbeitnehmerInnenvertretungen aktiv zu unterstützen, aber auch innerhalb der Parteienlandschaft.
  6. Die Politik ist gefordert ihren Part im beidseitigen Prozess der Integration ernst zu nehmen. Hand in Hand mit integrationspolitischen Maßnahmen sollten solche zum Abbau von Fremdenfeindlichkeiten in all ihren Erscheinungsformen, auch jener der Islamfeindlichkeit, greifen. Mit Besorgnis sind Tendenzen festzustellen, wo diskriminierende Haltungen gegen Muslime in die Politik Eingang finden. Hier soll es keine Sondergesetze geben, denn Muslime dürfen nicht mit einer Art Generalverdacht belegt werden. Die Beweislastumkehr ist ein Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit.
  7. Rassismus ist Unrecht und jede Herrschaft, die darauf gründet, ist illegitim. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind aufarbeitungsbedürftig. Auch Muslime sind nicht vor Rassismus gefeit. Die Imamekonferenz spricht sich gegen jede Form von Rassismus und von ethnischer Diskriminierung innerhalb der muslimischen Gemeinden Europas aus.
 
Wirtschaft

  1. Wohlstand soll im Islam nicht auf Kosten anderer erworben werden, sondern mitVerantwortung verbunden sein - Gesellschaftlich unter dem Aspekt soziale Gerechtigkeit und ökologisch unter dem Gesichtspunkt nachhaltigen Wirtschaftens, das sorgsam mit den Ressourcen umgeht und die Schöpfung zu pflegen und zu bewahren sucht.
  2. Menschenwürdiges Leben in Gegenwart und Zukunft zu sichern ist aus islamischer ökonomischer Sicht mit einer Reihe ethischer Richtlinien verbunden. Dazu gehören ein Zinsverbot, ein Monopolverbot, das Verbot von Spekulationen und die Pflicht zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Konsum und Rohstoffen.
  3. Islamische Wirtschaftsgebote setzen darauf, dass Geld im Fluss bleiben soll. Parallel dazu ist auch die dritte Säule des Islam zu sehen, die als sozial-religiöse Pflichtabgabe einen Anteil von 2,5% des stehenden Vermögens als zu leistende „Reinigung“ an Bedürftige abzugeben befiehlt. Hier geht es um Umverteilung im Sinne der Sicherung der Grundbedürfnisse jedes einzelnen Mitglieds der Gemeinschaft.
  4. Zinsgeschäfte bringen durch den damit verbundenen Mechanismus des Kapitalhortens durch Banken mit sich, dass Geld im Umlauf fehlt. Die Reduzierung des Investitionsvolumens kann Arbeitslosigkeit verursachen, den Wettbewerb verfälschen, gesellschaftliche Spannungen verursachen. Staatverschuldung ist ein gewaltiges Problem nicht nur der dritten Welt. Ruin und Verelendung betreffen ganz Bevölkerungsgruppen.
  5. Alternativen zum Zinsgeschäft wären durch Muslime weiterzuentwickeln und zu fördern. Die Nachfrage zeitigte bereits jetzt, dass westliche Banken islamische Geschäftszweige anbieten und dabei muslimische Experten beschäftigen.
  6. Muslime in Europa werden als Konsumenten ein immer stärkerer Faktor. Der Markt reagiert zunehmend, etwa auf dem Lebensmittelsektor, wo Halalzertifizierung  Bedürfnisse dieser Käuferschicht decken soll. Das islamische Reinheitsgütesiegel wäre europaweit in standardisierter Form zu verwenden und sollte nach einheitlichen Kriterien vergeben werden, um hier muslimischen Konsumenten Sicherheit zu gewähren.
 
 
Frauen
  1. Mann und Frau sind im Islam gleichwertige Partner, die gegenseitige Verantwortung tragen und gleich an Menschenwürde sind. Das Recht auf Lernen und Lehre, das Recht auf Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit, aktives und passives Wahlrecht, Teilhabe im gesellschaftlichen Diskurs sind  Pfeiler, die den Status absichern sollen. Chancengleichheit und mündige und freie Orientierung soll Frauen ermöglicht werden. Diese grundsätzlichen Aussagen der vorausgegangenen Konferenzen sollen im Folgenden weiter vertieft werden. Denn Frauenanliegen sind von gesamtgesellschaftlichem Interesse.
  2. Daher soll jede Form von Verletzung von Frauenrechten kritisiert und bekämpft werden.  Zwangsehe, FGM, Ehrenmorde und familiäre Gewalt haben keine Grundlage im Islam.
  3. In der Außensicht manifestiert sich am Bild der Frau im Islam häufig die Einstellung gegenüber der Religion an sich. Begründet wird damit oft eine Position der Überlegenheit seitens der Mehrheitsgesellschaft.  Mangelndes Wissen erschwert eine sachliche Auseinandersetzung. Werden Musliminnen vor allem als „Opfer“ wahrgenommen, so drängt sie dies in ein Rollenklischee. Sich daraus zu lösen gelingt paradoxerweise schwer, solange die Mehrheitsgesellschaft an der Vorstellung der „religiös gefesselten“ passiven muslimischen Frau festhält und Barrieren bereithält, will sie als sichtbar den Glauben praktizierende aktive Muslimin das Klischee brechen.
  4. Hier sollen wir zu einer solidarischen Denkens- und Handlungsweise finden. Frauenfeindliche Strukturen haben verschiedene Ausformungen. Religions- und kulturübergreifendes Denken wendet sich gemeinsam gegen familiäre Gewalt und strukturelle Benachteiligungen von Frauen. Die Reflexion über traditionelle Rollenzuschreibungen und Stereotype kann diese überwinden und Vernetzung und Zusammenarbeit fördern.
  5. Eine stärkere Differenzierung zwischen Religion und Tradition, die häufig Frauen benachteiligt und dem Islam zuwiderläuft, ist unabdingbar. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Religion pauschal verantwortlich für Missstände gemacht wird und man übersieht, welche theologischen Argumentationsschienen gerade aufklärend und derartige Traditionen überwindend angezeigt sind. Gleichzeitig wäre eine Verengung auf eine einzig religiöse Perspektive unzulässig. Denn die Lebenswirklichkeit von muslimischen Frauen in Europa ist geprägt von diversen Faktoren, die als solche analysiert werden müssen.
  6. Der Ehrbegriff soll von Imamen analysiert und aus der Religion, im Gegensatz zu lokalen traditionellen und kulturbedingten Vorstellungen, begreiflich gemacht werden.
  7. Die verstärkte Partizipation muslimischer Frauen bedarf durchdachter politischer Konzepte, die Ausgrenzungstendenzen und Diskriminierungen entgegen treten. Maßnahmen zur Mädchen- und Frauenförderung, die eine religiöse Grundhaltung anerkennen, wären ein solcher Schritt. Staatlich geförderte kultur- und religionssensible Beratungs- und Hilfseinrichtungen von und für muslimische Frauen bieten ein besonders niederschwelliges Angebot und setzen Impulse der Selbstermächtigung. Frauen sollen frei von Abhängigkeitsverhältnissen sein.  Der ungehinderte Zugang zum Arbeitsmarkt ist dabei vordringlich. Unabhängigkeit ist stark an finanzielle Ungebundenheit und damit Beschäftigung gebunden, wobei die Politik ausgleichende und gerechte Vorkehrungen treffen kann, damit Väter und Ehemänner nicht vordringlich als Versorger betrachtet werden müssen.
  8. Kopftuchverbote sind kontraproduktiv, da sie Frauen von wesentlichen Bereichen des Lebens ausschließen. Im Widerspruch zum Recht auf freie Religionsausübung grenzen sie islamisch gekleidete Frauen aus und bewirken damit in vielen Fällen genau jenen Rückzug, den sie zu bekämpfen vorgeben. Zusätzlich laden Verbote die Diskussion emotional weiter auf und festigen Klischees, indem sie ihre Begründung just aus der Argumentation beziehen, die Kopftuchträgerinnen mit ihrem sichtbaren Teilhaben an der Gesellschaft überwinden können: Das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung und des Zwangs, ein politisches Zeichen für eine extremistische Haltung und nicht konform mit europäischen Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses. Die Bevormundung muslimischer Frauen, indem ein Teil der Glaubenspraxis von außen interpretiert und verurteilt wird, spricht ihnen ihre Mündigkeit ab und kann damit Polarisierungstendenzen verschärfen. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau soll aber außer Frage stehen – nach innen wie nach außen.
  9. Auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft besteht vermehrter Handlungsbedarf. Bewusstseinsbildung gegen jeden Missbrauch von Religion soll gefördert werden. Gleichzeitig bekennt sich die Konferenz dazu, dass auch im Bereich Ehe und Familie auf Herausforderungen der Moderne auf dem Boden der Theologie neue islamische Antworten gefunden werden sollen. Diese können auch in einem Wiederentdecken und neu nutzbar gemachtem Element wie dem islamischen Ehevertrag liegen. Dieser bietet dem Brautpaar die Möglichkeit die Zukunft gemeinsam zu überdenken und Vereinbarungen festzuhalten.
 
Jugend
  1. Jugendliche verkörpern als Zukunftsträger in besonderem Maße die Vision muslimischer Europäer - europäischer Muslime, die durch ihre als selbstverständlich wahrgenommene Identitätszugehörigkeit in beide Richtungen  Brückenbauer und Bindeglieder zwischen den Kulturen sein können.
  2. Die muslimische Jugend soll sich ihrer speziellen Verantwortung in dieser Richtung bewusst sein. Dazu muss ein entsprechendes, ihre besonderen Kompetenzen schätzendes Klima vorhanden sein, das Mehrsprachigkeit, rasche Anpassungsfähigkeit im interkulturellen Bereich und eine aufgeschlossene Grundhaltung als persönliche Werte erkennt und fördert. Die Aufgabe eine solche Wertschätzung zu vermitteln und daran angeknüpft Programme zur gezielten Förderung dieser Talente zu schaffen, liegt sowohl bei den muslimischen Familien und Gemeinschaften, als bei der Mehrheitsgesellschaft. Das Potential der muslimischen Jugendlichen soll anerkannt werden. Ihr Selbstbewusstsein ist zu stärken.
  3. Vorurteile und latente Fremdenfeindlichkeit können zu Abschottung und Isolation führen, durch die wiederum eine ablehnende Einstellung gegenüber „den anderen“ gezüchtet werden kann. Dadurch können sich Polarisierungen aufbauen, die gesellschaftspolitischen Sprengstoff bieten. Diese präventiv anzugehen, bedarf es der im Bereich „Bildung“ angesprochenen Maßnahmen. Muslimische Jugendliche sollen gleiche Möglichkeiten nutzen können wie Jugendliche der Mehrheitsgesellschaft (Beispiel: Europäische Austauschprogramme in Schul- und Berufs/Studienbildung, unabhängig von Staatsbürgerschaft). Jugendliche brauchen eine Perspektive. Sie sollen die gleichen Chancen vorfinden, im Berufsleben Fuß zu fassen oder eine Wohnung zu finden.
  4. Jugendliche Selbstorganisation von Muslimen und ihre Vernetzung mit anderen Jugendorganisationen soll darüber hinaus gefördert werden. Vereine jugendlicher Muslime weisen jene Merkmale auf, die bei jenen der ersten Generation noch nicht zu finden sind: die Landessprache als Kommunikationssprache, keine Einengung der Mitglieder auf ein bestimmtes Herkunftsland, ein auf die Lebenswirklichkeit im Lande verstärkt zugeschnittenes Angebot von Aktivitäten. Hier eine sinnvolle Freizeitgestaltung, emotionale Zugehörigkeit und Verantwortungsgefühl für ein funktionierendes Miteinander zu erfahren, gibt Halt. Damit werden indirekt auch Jugendkriminalität, Drogenkonsum und die Verbreitung von Extremismus wirksam bekämpft.
  5. Die meinungsbildende Rolle der Medien ist besonders bei dem Bereich der Jugend anzusprechen. Die Wissenschaft soll sich verstärkt besonderen Phänomen, die die muslimische Jugend betreffen widmen und mit seriösen Ergebnissen helfen die Diskussion zu versachlichen.
 
Ökologie
  1. Der Mensch trägt in seiner Funktion als Sachwalter der Schöpfung hohe Verantwortung für deren Pflege und Erhalt. Natürliche Ressourcen dürfen daher nur unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit sorgsam genutzt werden.
  2. Der Koran warnt den Mensch vor Überheblichkeit in Ausübung seiner Statthalterschaft:  „Siehe, Wir boten die Verantwortung („amana“ – die Ausübung von freiem Willen und Verstand) den Himmeln und der Erde und den Bergen an, doch weigerten sie sich, sie zu tragen und schreckten davor zurück. Der Mensch lud sie sich jedoch auf; denn er überschätzt sich und ist eingebildet.“ (33.72) Das natürliche Gleichgewicht der Natur soll geschützt und bewahrt werden. Denn so wie sich Wasser, Luft, Erde, belebte und unbelebte Natur, Tier- und Pflanzenreich aufeinander beziehen, wird im Koran ein Kreislauf des Lebens wiedergegeben, bei dem Eingriffe negative Auswirkungen für das gesamte System zur Folge haben könnten. Respekt vor dem Wunder der Schöpfung Gottes ist geboten, aus dem Respekt im Umgang mit dieser resultieren soll. Zur Tierwelt  heißt es etwa: „Es gibt kein Getier auf Erden und keinen Vogel, der auf seinen zwei Schwingen dahinfliegt, die nicht Gemeinschaften wären so wie ihr.“ (6:38)
  3. Die Balance zwischen Nutzbarmachung der Natur und ihrem Schutz schlägt sich häufig zu deren Ungunsten nieder. Umweltzerstörung als Konsequenz menschlicher Gier nach maximaler Ausbeutung wird in 20:41 angesprochen: „In Erscheinung getreten ist Unheil zu Land und Meer als Folge dessen, was die Menschen anrichteten, damit Er sie einiges von ihrem (Fehl)verhalten spüren ließe, auf dass sie umkehren.“ Muslime sind angehalten sich hier durch ihr persönliches Verhalten problembewusst zu zeigen und aktive Beiträge zum Umweltschutz zu leisten.
  4. Um das Wasser kreisen besonders zahlreiche Aussagen. Sparsamkeit im Umgang wird empfohlen. Etwa ist es verpönt bei der Gebetswaschung unnötig Wasser rinnen zu lassen. Es bestehen Regelungen  zum Gewässerschutz. Wasser wird als ein so wichtiges Gut betrachtet, dass ein Grundrecht des Menschen darauf besteht. Trinkwasser soll darum allgemein zugänglich sein, kann nicht zu einem Privateigentum mutieren. Im Bereich der frommen Stiftungen, die testamentarisch von Gläubigen verfügt werden, ist besonders das Schlagen eines Brunnens empfohlen, um für die Nachwelt eine andauernde gute Tat zu setzen.
  5. Das Gebot des „Maßhaltens“ konkretisiert sich rund um das Thema der Nahrung. Verwirklicht werden soll der im Islam empfohlene „Weg der Mitte“, hier zwischen Genuss und Gesundheitsbewusstsein, zwischen Konsum und Bewusstheit für größere wirtschaftliche Zusammenhänge, die nicht zum Schaden der Umwelt, seien es Mitmenschen oder Natur gereichen dürfen. Diese Haltung lässt sich direkt beziehen auf die moderne Forderung nach mündigen Konsumenten, die mit ihren bewussten Kaufentscheidungen nach ethischen Standards („fair trade“) handeln.
  6. Muslime sollen sich verstärkt des Themas „Umweltschutz“ annehmen und aktiv Vernetzungen mit Umweltexperten und zuständigen Abteilungen der Stadtverwaltung für spezifische Projekte eingehen.
  7. Zu beleben sind islamische Traditionen wie die Stiftung für Fütterung und Aufnahme für obdachlose Tiere und die Tradition des Bäume Pflanzens als nachhaltige gute Tat.
  8. Islamische Gebetsstätten sollen das ökologische Bewusstsein der Muslime widerspiegeln und mit ökologisch verträglichem Baumaterial gebaut zu Aushängeschildern dieser Einstellung werden.
  9. Dezidiert zu betonen ist, dass Muslime die negativen Auswirkungen der Kriege und eingesetzter chemischer Waffen auf die gesamte Natur besorgt verfolgen und eine Dokumentation verlangen. Die Kriegsbetreiber sind zur Wiedergutmachung auch dieser Zerstörungen und ihrer Wirkungen auf den Menschen zu fordern.
 
 
Wien, am 8. April 2006

Last Updated ( Sunday, 17 June 2007 )
< Prev
 
  islaminitiative