Abendland: Von der emotionalen Aufladung zu einem politischen Schlagwort

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Thursday, 14 May, 2009
Abendland: Von der emotionalen Aufladung zu einem politischen Schlagwort

„Abendland“ ist weniger inhaltlich definiert, als emotional zum identitätsstiftenden Kitt, mitunter Kampfbegriff aufgeladen worden. Somit verwundert die Wiederverwendung in einer Zeit, da man EU- weit um ein gemeinsames Selbstverständnis ringt, kaum. Der FPÖ mit Islamfeindlichkeit als politischem Programm passt „Abendland“ als Projektionsfläche ins Konzept. In Verbindung mit dem Wiener „Anti-Islamisierung“- Slogan baut sich eine aggressive Stimmung gegen alles Muslimische auf. Das Suggerieren eines Bedrohungsszenario soll die moralische Rechtfertigung für Diskriminierung liefern.

So sehr ist „Abendland“ als Chiffre etabliert, dass zunächst nicht auffiel, wie mit „in Christenhand“ dezidiert auch Juden und generell Andersgläubige abgelehnt werden. Während in diesen Tagen der Ruf „Nie wieder!“ an die Verbrechen der Nazizeit erinnert, treffen wir hier auf eine Rhetorik, die bewusst Menschen gegeneinander ausspielt.

Daher war die klare Zurückweisung solcher Hetze durch die christlichen Kirchen von größter Bedeutung. Daran müsste sich ein breiter Diskurs anschließen, inwieweit eine verkürzte Wahrnehmung rund um das Thema „Islam“ aggressiver Propaganda den Boden bereitet. Wenn zu diversen Anlässen an das „jüdisch –christliche Erbe Europas“ erinnert wird, blendet dies das muslimische Element zu Unrecht aus und vergibt einen Anknüpfungspunkt in der Integrationsdebatte. Der Begriff „Leitkultur“ weckt Reminiszenzen an koloniales Überlegenheitsgehabe. Panikmache vor „Islamismus“ kulminiert neuerdings in der Verdächtigung, jedes gesellschaftspolitische Engagement religiöser Muslime in Europa diene eigentlich der Unterwanderung. Doch Ängste müssen ernst genommen werden.

Darum ist bedauerlich, dass der bisherige Verlauf der Wertedebatte kaum auf das Herausstreichen von Gemeinsamkeiten angelegt war. Es gilt der Versuchung zu widerstehen, aus menschlichem Fehlverhalten Einzelner mit ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen religiösen Zitaten als pseudowissenschaftlicher Legitimation die Nichtexistenz zentraler Werte im Islam zu konstruieren. Anstatt angesichts sozialer Herausforderungen ein „Hand in Hand“ zu propagieren, würde man sich so wieder nur in Abgrenzungsfantasien verrennen

Je ne auch vorhandene geistige Tradition, die Abendland und Morgenland in ihrer Verflochtenheit aufzeigt und in anerkennendem Respekt auf Kulturleistungen eingeht, verdient Beachtung. Österreichische Namen wie Joseph von Hammer Purgstall stehen dafür ebenso wie Johann Wolfgang von Goethes viel zu wenig bekannte Beschäftigung mit dem Islam. Er sei abschließend zitiert: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Carla Amina Baghajati;

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