Irak

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Omar Al-Rawi: Entsetzt über Gewalt und Terror

Wiener SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich verurteilt Terroranschläge

Wien (SPW) - "Schockiert und entsetzt" zeigte sich am Freitag der Wiener SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Omar Al-Rawi angesichts der jüngsten Eskalation von Gewalt und Terror in Marokko, Algerien und im Irak. Er verurteile die Anschläge mit aller Entschiedenheit, so Al-Rawi, und drückte den Angehörigen der Opfer seine aufrichtige Anteilnahme aus.****

Al-Rawi sprach zudem von "höchst bedauerlichen Rückschritten auf dem Weg zur nationalen Versöhnung in diesen Ländern", nichtsdestotrotz müsse der "ursprünglich erfolgsversprechende eingeschlagene Weg unbedingt weitergeführt werden". Denn weder im Irak noch in den Maghreb-Staaten noch in anderen islamischen Ländern seien die Menschen an einer Unterstützung von Gewalt und Terrorismus interessiert, ganz im Gegenteil: "Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in diesen Ländern möchte ganz einfach ein Leben in Frieden!" Und eben dieses Ziel gelte es auch zu unterstützen. "Denn das haben sich alle Menschen auf der Welt verdient!"

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Rache statt Gerechtigkeit?

Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte - ein Kommentar der anderen aus muslimischer Sicht von Tarafa Baghajati Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte: die Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein aus muslimischer Sicht.

Die Vollstreckung eines Todesurteils erscheint heute generell - zu Recht - diskussionswürdig. Im Falle Saddam Husseins umso mehr, als hier auch politische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen.

Dass er genau in jenen Stunden hingerichtet wurde, in denen weltweit die Muslime zu ihrem höchsten Feiertag Opfertiere schlachten, um so des Propheten Abraham und der an ihn gerichteten Botschaft Gottes "Keine Menschenopfer!" zu gedenken, wirft Fragen auf. Wäre eine Hinrichtung genau zu Weihnachten, Karfreitag oder Ostern in einem mehrheitlich christlichen Land vorstellbar? Gewollt oder ungewollt manifestiert sich hier eine zweifelhafte Symbolik, Attribute wie pietätlos, provokant oder beleidigend drängen sich auf.

Die Bilder von der Verlesung des Gerichtsurteils zeigten, wie die Henker sich wie die Mitglieder einer Bande gebärdeten und immer wieder den Namen des unter Saddams Diktatur getöteten schiitischen Geistlichen Muhammad Baqir al-Sadr riefen, als handelten sie im Zeichen der Rache. Dass das tatsächliche Urteil wegen 148 im Dorf Dujail getöteter Schiiten ausgesprochen worden war, dürfte im Hinrichtungsraum völlig aus dem Blick geraten sein ...

Politischer Prozess

Saddam Hussein wurde, wie von Human Rights Watch und vielen anderen unabhängigen Beobachtern festgestellt, in einem politischen Prozess von seinen Feinden zum Tode verurteilt. Der irakische Premier Nuri al-Maliki musste mit seiner Unterschrift hastig einspringen, weil sich Präsident Talabani geweigert hatte, zu unterzeichnen.

Mit dieser Unterschrift hat al-Maliki die ohnehin geringe Chance, sich mit seiner Führung als glaubhafter Gegner jeder Form politischer Willkür zu profilieren und so als Wahrer der Rechtsstaatlichkeit in die Geschichte einzugehen, vertan. Es muss in Erinnerung gerufen werden, dass Saddam Hussein im Kriegszustand nicht von den Irakern, sondern von Amerikanern inhaftiert wurde und bis zu seiner Hinrichtung in US-Gewahrsam blieb. Der Irak ist bis heute weit davon entfernt, ein freier und unabhängiger Staat zu sein. Die Verantwortung für die Sicherheitspolitik des Landes liegt auch laut der umstrittenen UN-Sicherheitsresolution 1546 vom 8. Juni 2005 weiterhin in den Händen der Besatzungsmächte.

Kontraproduktiv

Die jetzige Regierung hat sich nun endgültig selbst disqualifiziert. Dazu kommt, dass die schnelle Exekution wohl auch vor dem Hintergrund zu sehen ist, dass es den USA gelegen scheint, eine wirkliche Aufarbeitung der irakischen Vergangenheit, vor allem der Kriege gegen den Iran und Kuwait und der damit in Verbindung stehenden eigenen Verflechtung, zu untergraben.

Unfair wäre es hingegen, schlicht von einem Racheakt Schiiten gegen Sunniten auszugehen. Die schiitische Tradition kennt mit den Tugenden Gerechtigkeit, Mut und Größe zur Verzeihung drei wesentliche Elemente, die alle von al-Maliki ignoriert wurden. Die im Fernsehen gezeigten spärlichen "Siegesfeiern" von Schiiten fallen in die gleiche Kategorie wie das "Straßenfest" in Bagdad als Willkommensakt für die US-Soldaten am 9. April 2003.

Mulmiges Gefühl

Nicht minder unangemessen wäre es auch, gegen das Urteil aufgebrachte Bürger als "Anhänger Saddams" oder "Baathisten" abzutun. Man muss kein Anhänger des Ex-Diktators sein, um ein mulmiges Gefühl bei seiner Hinrichtung zu bekommen. Auch jene, die ihn zum Märtyrer erklären, rechtfertigen großteils keinesfalls seine tyrannischen Taten, sondern sehen ihn als Symbol der Ablehnung militärischer US-Übermacht. Wäre eines der vielen versuchten Attentaten gegen ihn während seiner Regierungszeit geglückt, dann wären gewiss keine Tränen geflossen. Erst die amerikanischen Besatzer und der machtlose Premier haben es geschafft, Saddam in den Augen vieler Iraker zum Märtyrer zu erheben.

Nun scheint sich der Irak in Richtung einer Neuauflage eines autoritären Regimes zu bewegen. Die Teilung des Landes ist zumindest in den Köpfen vollzogen, ethnische und religiöse Gewichtungen bestimmen längst das Geschehen. Dabei müssten ganz im Gegenteil politische Kräfte Auftrieb erhalten, die sich nicht als Wasserträger für irgendwelche Lobbys verstehen, sondern ohne ethnische oder religiöse Scheuklappen nur für die übergeordneten Interessen des Landes arbeiten. Alles andere wird den Irak weiter in den Abgrund ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe 2.1.2007)

Drehscheibe Wien?

Als die Amerikaner ihren Krieg gegen den Irak begannen, ging eine Meldung in der Flut der Nachrichten unter. Die Bombardierung von angeblichen Al-Kaida-Stellungen im Norden des Iraks. Zum ersten Mal hörten wir von einer Gruppe namens „Ansar el Islam“. Kurz darauf lieferten uns die Satellitensender die Bilder von einem zerstörten Dorf und Interviews mit Betroffenen, die berichteten, dass auch kurdische Einheiten an dem Angriff beteiligt gewesen waren. Seitdem mehren sich die Spekulationen, ob es sich dabei nicht um interne Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden kurdischen Gruppen gehandelt habe, die sich rechtzeitig Machtpfründe in Post-Saddams Irak sichern wollten. Haben die USA ihren kurdischen Alliierten dafür Luftunterstützung geliefert? Fest steht jedenfalls, dass es sich bei dieser Gruppe um eine kurdisch-islamische Formierung handelt, deren Anhänger mittlerweile im Irak verstreut sind. Dass sie die Amerikaner nach dem Luftangriff nicht als Befreier empfunden haben, ist nachvollziehbar, dass Österreich zu ihrer neuen Drehscheibe wurde, ist allerdings mehr als nur unwahrscheinlich.

In Österreich gibt es Muslime aller Nationalitäten. Dementsprechend sind auch türkische, bosnische, arabische, albanische, mazedonische, iranische, pakistanische Moscheen zu finden, aber bezeichnenderweise keine einzige kurdische. Dies liegt daran, dass sich die kurdischen Vereine und Parteien meist auf politische und soziale Aufgaben konzentrieren und die kurdischen Muslime in den anderen Moscheen integriert sind – türkische, arabische und iranische.

Österreich hat den Islam als erstes europäisches Land 1979 offiziell anerkannt. Seitdem gibt es islamischen Religionsunterricht in den Schulen, Schächten und das Tragen von Kopftüchern geben keinen wirklichen Anlass zu gröberen Debatten, die religiöse Praxis ist rechtlich gut abgesichert. Die Muslime sind in der Gesellschaft größtenteils integriert und nicht ausgegrenzt. Dementsprechend werden sie zu wichtigen Themen (z. B. Österreich-Konvent, Tierschutzgesetz) angehört und partizipieren auf politischer, kultureller und wirtschaftlicher Ebene. All dies sind keine Voraussetzungen, um einen Nährboden für Extremismus gedeihen zu lassen. Auf dieser Grundlage soll man nun Rekrutierungen für Attentäter durchführen wollen? Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass in Wien nach dem 11. September wiederholt Treffen zwischen Vertretern der Islamischen Gemeinde und der US-Botschaft stattgefunden haben. Ein sehr kritischer, aber durchaus korrekter Dialog – der in Europa und vielleicht weltweit wahrscheinlich einzigartig blieb – war das Ergebnis.

Bei vielen Meldungen der vergangenen Zeit kann man darüber diskutieren, ob es sich bloß um Terrorhysterie – die von manchen Medien bereitwillig getragen wird – oder um den Ausdruck begründeter Vorsicht handelt. Man sollte aber jedenfalls in Hinblick auf die vorbildliche Situation in Österreich Bedacht darauf nehmen, dass ein beispielhaft funktionierendes, friedliches und auf gegenseitigem Respekt basierendes Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen durch unbegründete Angstmache gefährdet werden könnte.

Gewalt im Irak

Dass man keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden würde, wusste man im Voraus. Eine Demokratisierung wollte man trotz negativer Erfahrungen wie in Afghanistan erreichen. Was wir heute allerdings erleben, ist ein neuer Gewaltherd mit erschreckendem Ausmaß. Den Analysten bereitet die Tatsache, dass sich die Anschläge im Irak weder in ein bis dahin bekanntes Terrorprofil einordnen, noch eine eindeutige Motivation oder ein Ziel erkennen lassen, Kopfzerbrechen. Die Anschläge der El Kaida richten sich fast ausschließlich gegen amerikanische Einrichtungen. Die Anhänger Saddams kommen als Selbstmordattentäter nicht wirklich in Frage. Katastrophale Sicherheits- und Lebensbedingungen, Destabilisierung – kurz der Zerfall des Iraks, so befürchte ich – sind die Folge.

Wer könnte der Nutznießer des allgemeinen Chaos sein? Begonnen hatte die Gewalt mit dem Pöbel, den die Nachkriegswirren zu Plünderungen und willkürlichen Zerstörungen hinriss. Es folgten gezielte und politisch motivierte Mordanschläge an führenden Politikern.

Betroffen waren vor allem Persönlichkeiten mit Integrationscharakter, die über alle Grenzen und Lager Anerkennung genossen. Dann kam der klassische Widerstandskampf gegen Besatzer. Absolut unverständlich für alle der Angriff gegen die UNO und internationale Hilfsorganisationen.

Eine lange Besatzungszeit scheint unter diesen Umständen unausweichlich. Welche Rolle spielt die über Nacht aufgelöste irakische Armee? Und wer ist verantwortlich für diesen schweren Fehler, militärisch bestens geschulte Kräfte in die Arbeitslosigkeit zu schicken? Ein zehnjähriges Embargo war schuld an der Verrohung einer Gesellschaft.

Menschenunwürdige Lebensbedingungen ließen die Wahrscheinlichkeit immer größer werden, dass jene Menschen, denen man Stück um Stück die Würde nahm, endlich selbst menschenunwürdig zu agieren beginnen würden. Dann kam der Fall Bagdads, wo man Ministerien, Bibliotheken und Museen den Plünderern überließ.

Ein Libanon-Schicksal droht. Das Horrorszenario eines ethnisch und religiös motivierten Bürgerkriegs zeichnet sich ab. Ein Konglomerat von Gruppen, die verschiedene Interessen verfolgen, bildet den Regierungsrat. Schiiten, die als Mehrheit eine Form des Staates vor Augen haben, die die Amerikaner sicher nicht goutieren, Sunniten, die sich noch formieren und sich dabei vom alten Regime zu emanzipieren versuchen. Kurden, die sehr zum Missfallen der Türkei eine lose Konföderation anstreben.

George Bush braucht dringend eine „Exit Strategie“, sonst ereilt ihn des Schicksal seines Vaters, nur eine Amtsperiode zu regieren.

Bitterer Preis für einen neuen Irak

Drei Iraker in Österreich im Gespräch über Chaos, Besatzung, Widerstand, Wahlen und Hoffnung in ihrer Heimat.

Die Furche: Was halten Sie von der Abhaltung der irakischen Wahlen zu diesem Zeitpunkt?

Omar Al-Rawi (islamische Glaubensgemeinschaft): In so einer angespannten Situation sind keine fairen Wahlen möglich. Durch die andauernden Anschläge werden sowohl Wahlkommissionen als auch Wähler eingeschüchtert. Im Festhalten an diesem Termin sehe ich das verzweifelte Greifen nach einem Strohhalm. Das Problem ist, dass die  us-Besatzer nicht kapieren, worum es eigentlich geht: Ohne eine konkrete Aussicht auf Beendigung der Besatzung wird es zu keiner Befriedung kommen.

Fuad Khaffaf (Islamic Daawa Party): Man darf sich durch diese Anschläge nicht einschüchtern lassen und muss unbedingt am 30. Jänner als Wahltag  festhalten. Den Termin zu verschieben, bringt nichts. So etwas wäre nur  im Interesse der Terroristen. Ihr Ziel ist es, Unruhe, Chaos und Angst zu verbreiten. Sie wollen, dass sich der Irak nicht normalisiert, sie
wollen erreichen, dass wir der Zeit Saddams nachtrauern. Aber auch wenn wir Millionen Opfer geben müssen, auch wenn das Elend noch größer wird – das akzeptieren wir Iraker, das ist der Preis für die Demokratie, das ist der Preis für die Freiheit, das ist der Preis für einen neuen Irak.

Mazin Al-delaimi (Irakhilfswerk): Ich bin nicht gegen Wahlen, ich bin für Demokratie und Freiheit im Irak. Aber die derzeitige Situation ist zu unsicher, um korrekte Wahlen abhalten zu können. Ich war vor kurzem mit einer Hilfslieferung im Irak. Die Leute dort wissen nicht, wer zur Wahl steht und für welches Programm diese Kandidaten eintreten. Die Parteien haben keinen richtigen Wahlkampf machen können. Es fehlt an Wahlwerbung, es fehlt an Information.

Khaffaf: Das ist nicht richtig, alle zur Wahl stehenden Personen und Parteien sind im Irak und in der Diaspora bekannt. Die Kandidaten sind schon seit Jahrzehnten in der Politik tätig. Das sind keine Unbekannten, die meisten waren schon während der Saddam-Herrschaft als
Oppositionelle tätig.

Al-Rawi: Insgesamt gibt es 111 Parteien – gut, es mag sein, dass es zu Beginn jeder Demokratie eine solche Vielfalt gibt, aber ich verstehe Herrn Delaimi, wenn er sagt, dass sich keiner mehr auskennt.

Die Furche: Es heißt, die Wahl könnte zur Volkszählung verkommen: Schiiten werden nur Schiiten, Kurden nur Kurden wählen, und die Sunniten werden der Wahl fernbleiben.

Al-Rawi: Tatsache ist, dass die größte sunnitische Partei ihre Kandidatur zurückgezogen hat. Vielerorts gibt es wahltechnische Probleme, vielerorts sind die Wahlkommissionen zurückgetreten. Unter diesen Umständen fürchte ich, dass die Wahl zu einer Farce degradiert wird. Für mich ist es nicht bedenklich, wenn eine kurdische oder schiitische Partei die Wahlen gewinnt, aber bedenklich ist, wenn die Wahl in großen Provinzen nicht stattfinden kann.

Khaffaf: Ich hasse das Auseinanderdividieren zwischen Schiiten und Sunniten. Der Irak besteht schon seit jeher aus dieser Mischung, wir sind ein Volk, die Sunniten sind unsere Brüder. Ich rechne damit, dass viele Iraker zur Wahlen gehen. Und die, die nicht wählen, tun das nicht, weil sie Sunniten oder Schiiten sind, sondern weil sie noch nicht von der neuen Zeit überzeugt sind. Aber die Mehrheit wird zur  Wahl gehen, denn die Mehrheit weiß ganz genau: Das ist der erste Schritt auf dem richtigen Weg. Es gibt keinen anderen Weg. Anders kriegen wir die Amerikaner nicht los. Nur auf diesem Weg bekommen wir unsere Freiheit und Demokratie.

Al-Rawi: Auch für mich ist nie die Tatsache, ob jemand Sunnit, Schiit oder Kurde ist, im Vordergrund gestanden. Aber die politische Landschaft im Irak ist entlang dieser Linien geteilt. Mir hätte es  besser gefallen, wenn sich ein kurdisch-schiitischer Block zur Wahl gestellt hätte. Aber bleiben wir realistisch: Die Iraker werden blockweise nach ethnischer und religiöser Herkunft wählen. Der Krieg hat den Irak auch ethnisiert.

Khaffaf: Man wollte den Irak nach ethnischen und religiösen Linien trennen, aber das ist nicht gelungen. Und heute ist nicht der Islam die maßgebende Kraft im Irak, sondern der Patriotismus.

Al-Rawi: Ein zusätzliches Problem sehe ich darin, dass jeder gebürtige Iraker, auch wenn er keine irakische Staatsbürgerschaft mehr hat und im Ausland lebt, zu dieser Wahl gehen kann. Das finde ich nicht richtig: Die Menschen, die heute im Irak leben, wissen über die Bedürfnisse dieses Landes am besten Bescheid. Allein diese Menschen und nicht die vielen Auslandsiraker haben das Recht, die Geschicke ihres Landes zu bestimmen. Nicht wir, die wir seit 20, 30 Jahren wunderbar und in Saus und Braus in Europa leben.

Khaffaf: Die Millionen Iraker, die im Ausland leben, haben ihr Land in den letzten Jahrzehnten nicht freiwillig verlassen. Diese Leute fühlen sich nach wie vor sehr mit dem Irak verbunden und deswegen bestehen sie darauf, dass sie zur Wahl gehen dürfen.

Al-delaimi: Ich werde nicht zur Wahl gehen. Mir ist auch von der Botschaft kein Informationsmaterial zugesandt worden. Aber zur Situation im Irak: Es fehlt an allem, und wenn das Notwendigste für ein sicheres Leben fehlt, wundert es mich nicht, dass sich viele keine Gedanken über die Wahl machen. Wer darüber nachdenken muss, wie er morgen überleben kann, denkt nicht an Wahlen.
 
Khaffaf: Die Leute sollen durch die Anschläge eingeschüchtert werden. Aber wir geben nicht nach, wir geben nicht auf, wir werden nicht zulassen, dass diese Terroristen ihre Ziele erreichen.

Al-Rawi: Der Chef des irakischen Geheimdienstes schätzt die Zahl der Aufständischen im Irak auf 200.000 Menschen. Es ist unmöglich, dass das alles Terroristen sind. Den ganzen Aufruhr im Irak nur als Terror hinzustellen, geht völlig an den Tatsachen vorbei. Das ist die Sprachregelung der Amerikaner. Im Irak gibt es auch Widerstand aus der Bevölkerung gegen das Besatzungsregime.

Die Furche: Legitimen Widerstand?Al-Rawi:

Laut uno-Charta steht jedem besetzten Volk das Recht auf  Widerstand zu – und die Amerikaner halten den Irak besetzt. Und kein Volk der Welt möchte nicht in Freiheit leben.

Al-delaimi: Mein Leben im Irak ist sehr billig – bei meiner letzten Fahrt bin ich drei Mal von Amerikanern in lebensgefährliche Situationen  gebracht worden. Aber niemand kann die Amerikaner dafür vor Gericht stellen. Die Amerikaner machen im Irak, was sie wollen. Heute sind auch die Iraker, die vor einem Jahr noch für die Amerikaner waren, gegen sie. Warum sollen sie auch noch für die Besatzer sein, sie haben nichts Gutes gesehen: keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, nur Tote. Unter Saddam war es besser – das habe ich bei meinem letzten Besuch oft gehört.

Khaffaf: Wir waren nie für die Besatzung. Aber wenn vor allem unschuldige Iraker unter den Anschlägen dieser angeblichen Opposition gegen die Besatzer zu leiden haben – dann ist das keine Opposition mehr, dann ist das Terrorismus. Widerstand gegen die Besatzer heißt nicht zuerst und unbedingt mit der Waffe in der Hand. Und warum passieren diese Dinge jetzt? Warum leistet man Widerstand auf Kosten der Iraker? Wo sind diese Leute vorher gewesen?

Al-Rawi: Das ist eine Auslegung, die davon ausgeht, dass diese Anschläge von Terror-Touristen ausgeübt werden. Aber das stimmt nicht, der überwiegende Teil der Anschläge gegen die Besatzungstruppen wird von Irakern ausgeübt. Und wenn als Antwort darauf ganze Städte bombardiert und man die Opfer als Kollateralschäden abtut, wird der Graben noch größer, noch tiefer werden. Ob es gelingt, mit soviel Toten, mit soviel Zerstörung das Land wieder aufzubauen? – Ich kann es mir schwer vorstellen. Ohne dass die Amerikaner sagen, wie souverän, wie frei der Irak einmal sein wird – ohne diese klare Vision ist auch diese Wahl eine Wischi-Waschi-Geschichte. Nur wenn die Wahl ein glaubhafter Anfang für eine Exit-Strategie der usa ist, sehe ich einen Hoffnungsschimmer. Ansonsten wird der Glauben an einen friedlichen Irak noch mehr als bisher verloren gehen.

Das Gespräch moderierte Wolfgang Machreich.

 

Demokratie als Waffe

Die Philosophin und Publizistin Isolde Charim und der Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete und gebürtige Iraker Omar Al-Rawi debattieren über die Zukunft des Irak und das Verhältnis zwischen Islam und westlichem Demokratieverständnis.

Die Furche: Braucht der Irak jetzt westlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie?

Isolde Charim: Allein in der Formulierung Ihrer Frage steckt schon die eigentliche Problematik: Nämlich die vielerorts gängige Meinung, dass Demokratie in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Stande kommt. Die Situation, kann aber nicht mit der Deutschlands oder Japans nach 1945 verglichen werden.

Die Furche: Gerade dieser Vergleich wird aber von den USA stets als positives Beispiel angestellt.

Charim: Und er ist falsch. In Deutschland hat das „Tausendjährige Reich“ zwölf Jahre gewährt und davor gab es eine Demokratie. Die Alliierten konnten auf demokratische Institutionen zurückgreifen, die es so im Irak nicht gibt. Dort war die erste Befreiung, die Demonstrationen der Schiiten haben es gezeigt, eine religiöse Befreiung. Die Frage, die sich uns jetzt stellt, lautet: Lässt sich dieser religiöse Aufbruch mit einem säkularen Demokratiemodell vereinbaren?

Omar Al-Rawi: Sowohl Frieden als auch Demokratie sind keine abstrakten Werte, sondern basieren auf gewissen, genau definierbaren Voraussetzungen: soziale Sicherheit, ein gewisser Lebensstandard, Pressefreiheit, die Existenz von politischen Parteien… All diese Voraussetzungen fehlten bislang im Irak und fehlen noch immer. Wie will man Demokratie installieren, ohne vorher diese Voraussetzungen zu schaffen?

Charim: Ich gebe Ihnen Recht, man muss zuerst die Voraussetzungen für Demokratie schaffen. Nur, wer soll dieser „man“ sein? Und ein weiteres Problem sehe ich: Letztlich operieren Sie mit einem nicht neutralen Demokratiebegriff: Respektierung der Menschenrechte, Pressefreiheit und soziale Sicherheit,… Nicht. dass ich nicht alle diese Werte unterstütze. Aber was passiert, wenn es im Irak zu einem Demokratisierungsprozess kommt, der ganz anders ausschaut als wir es uns vorstellen? Wie reagieren wir auf eine Demokratie, die ein ganz anderes als das von uns gewohnte Gesicht hat? Wie reagiert eine Demokratie westlichen Zuschnitts auf eine islamische Demokratie? Das ist es doch, worum jetzt gerungen wird.

Die Furche: Sehen Sie Vorbilder  für eine solche islamische Demokratie?

Charim: Jetzt treffen zwei Kräfte aufeinander: Die Besatzer und die traditionellen irakischen Kräfte. Zweitere artikulieren sich vor allem religiös. Was bei diesem Kräftemessen herauskommt, ist jetzt nicht absehbar. Dass es zwischen diesen beiden Polen aber zu starken Reibungen kommen wird, das lässt sich schon heute prognostizieren. Und ich kann nicht sehen, dass die Amerikaner für diese Auseinandersetzung auch nur irgendwie vorbereitet sind.

Al-Rawi: Es muss im Irak nicht eins zu eins das westliche Demokratiemodell herauskommen. Wichtig ist das Ziel: Fundamentale Menschenrechte und ein Leben in Würde müssen garantiert sein. Die Spezifika, die sich darüber hinaus entwickeln, sind das Recht jedes Volkes, den richtigen Weg für sich zu suchen und zu finden.

Die Furche: Gibt es also doch so  etwas wie demokratische Grundbausteine, die in jeder Art von Demokratie vorkommen müssen? Darüber hinaus kann es jedoch zusätzliche, spezielle, individuelle Ausformungen geben.

Charim: Die Frage ist: Sind diese von Herrn Al-Rawi zurecht genannten Werte neutrale Begriffe? Man hat ja versucht den Demokratiebegriff von allen Essenzen zu befreien und auf ein rein prozedurales Vorgehen zurückzuführen. Aber ist es mit dem Prozedere allein getan? Das ist ja eine Frage, die auch in unserer Gesellschaft immer wieder auftaucht. Und das Beispiel Irak wird erneut zeigen, dass es mit formalen Vorgehensmustern nicht getan ist. Andererseits bezweifle ich, dass es überhaupt möglich ist, einen Konsens darüber zu finden, was demokratische Mindeststandards angeht.

Al-Rawi: Der Schutz des Lebens, des Eigentums, das Nicht-Angst-haben-Müssen… Ich meine auf diese Dinge können sich doch alle Menschen einigen. Demokratie kann nicht von oben verordnet werden, sondern muss von unten zu wachsen beginnen. In den Bezirken, Kommunen, Betrieben, in den Hochschulen muss damit begonnen werden, demokratische Strukturen aufzubauen. Aber was passiert bei einem Wahlausgang im Irak, der dem Westen nicht gefällt? Das ist schon einmal in Algerien passiert. Eine islamistische Partei – in sehr gemäßigter Form – hat die Wahlen gewonnen, und das Militär putschte mit Tolerierung des Westens. Was herausgekommen ist, wissen wir: eine humanitäre Katastrophe.

Charim: Wir operieren hier so euphorisch mit dem Begriff Demokratie. Das ist sozusagen der Lichtblick nach einer dunklen Zeit. Gleichzeitig muss man sagen: Demokratie wird von den USA hier auch als Waffe eingesetzt. Und es ist die Frage zulässig: Kann es im Irak überhaupt zu einer Demokratie kommen, die nicht pro-amerikanisch ist?

Die Furche: Ist es zu spät, dass sich die UNO oder die EU noch als Gegenpol bzw. Korrektiv positionieren?

Charim: Wir erleben mit großem Bedauern, das die UNO weder im Vorfeld noch in der derzeitigen Situation die ihr einmal zugedachte Rolle wahrnehmen kann. Und ein noch größeres Problem scheint mir zu sein, dass die Spaltung, die es in Europa gibt, durch die teilweise Einbindung Polens in die irakische Nachkriegsordnung noch in die Zukunft hinein aufrecht erhalten bleibt. Für eine Einigung auf eine gemeinsame europäische Außen- , Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist eine solche Entwicklung natürlich fatal.

Die Furche: Im Irak ist es jetzt vor allem die Religion, die dazu imstande ist, die auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln.

Al-Rawi: Die Demonstrationen, die in den Moscheen ihren Ausgang nehmen und hier in Europa als Geburtsstunde des Fundamentalismus interpretiert werden, sind für mich viel eher die Geburtsstunde der irakischen Zivilgesellschaft. Im politischen Vakuum nach Saddam Hussein rufen  die religiösen Führer zur nationalen Einheit und zum zivilen Ungehorsam gegen die Besatzer auf. Gleichzeitig wird in den Predigten appelliert, doch keinen Keil zwischen Muslimen und Christen, Sunniten und Schiiten, zwischen Arabern und Kurden treiben zu lassen. Die Religion übernehmen eine Rolle, die niemand anderer im Moment erfüllen kann. Diese Predigten in den Moscheen sind ein unschätzbar wichtiges Sprachrohr für die Menschen, um sich an irgendetwas halten zu können.

Die Furche: Wenn sich die religiösen Führer als Kitt für die irakische Gesellschaft profilieren, werden damit im Westen doch auch Befürchtungen einer Iranisierung des Iraks geweckt.

Al-Rawi: Für mich, als einen der die Situation kennt, ist das keine Befürchtung. Die Bilder von den schiitischen Prozessionen haben mich nicht schockiert. Das war eine natürliche Reaktion auf das jahrelange Verbot dieser religiösen Rituale. Anderswo im arabischen Raum findet man keine Prozessionen in dieser Form mehr. Selbst im Iran sind diese blutigen Rituale und Selbstgeißelungen nicht mehr gern gesehen.

Die Furche: Weniger diese martialischen Rituale machen den USA Sorge als vielmehr eine Annäherung des Iraks an das Regime in Teheran.

Al-Rawi: Das ist etwas, was auch der Westen wahrnehmen muss. Würde es heute freie Wahlen in all diesen arabischen Ländern geben, wären die islamischen Parteien die Wahlsieger. Das ist eine normale Entwicklung, ein verständlicher Pendelschlag. So wie in Osteuropa nach dem Fall des Kommunismus überall die Christdemokraten an die Macht gekommen sind.

Die Furche: Alle Ihre Wortmeldungen deuten auf ein islamisches Regime im Irak. Ein solches werden die Amerikaner aber wohl kaum akzeptieren. Zeichnet sich vor diesem Hintergrund schon der nächste Konflikt ab?

Charim: Was die Amerikaner wollen, ist zunächst eine pro-amerikanische Regierung. Ich meine, sie würden dafür sogar eine islamische in Kauf nehmen. Aber die Chancen dafür stehen schlecht. Das einzige Wort, das mir Hoffnung auf einen guten Ausgang im Irak gibt, ist das Wort Vielfalt. Dass es eine Vielzahl an Bewegungen in diesem Land gibt, . das scheint mir noch am ehesten in Richtung einer Demokratisierung zu weisen.

Die Furche: Wie sehr können die zurückkehrenden Exilanten ihre Heimat auf dem Weg in Richtung Demokratie unterstützen?

Al-Rawi: Es ist keine Lösung, Leute, die seit vierzig Jahren nicht mehr im Irak gelebt haben, jetzt einfach in das Land einzufliegen. Die  haben null Ahnung von den Sehnsüchten, Bedürfnissen und Vorstellungen dieses Volkes. Ich merke es bei mir selbst. Ich bin seit 24 Jahren fort aus dem Irak. Ich spreche perfekt Arabisch, trotzdem merke ich, dass meine Sprache auf dem damaligen Stand stehen geblieben ist. Wenn ich heute Iraker treffe, sagen sie mir, ich spreche altmodisch. Und diese Diskrepanz zwischen heute und damals betrifft nicht nur die Sprache. Und das gilt für alle Exiliraker, die ihre Heimat seit Jahrzehnten nur mehr vom Hörensagen und aus den Medien kennen.

Charim: Die erste Bewegung, die nach dem Sturz Saddam Husseins aus dem irakischen Volk hervorgegangen ist, waren die Plünderungen. Damit sind die Iraker mit dem Ende dieser Diktatur an einem absoluten gesellschaftlichen Nullpunkt angelangt, und es hat als trauriger Schlusspunkt des Saddam-Regimes noch eine völlige Auflösung jedes Gesellschaftsvertrages stattgefunden. Die Geburtsstunde dieser Demokratie war somit nicht der Aufstand, das gemeinsame Vorgehen, sondern das Plündern. Und von da weg ist es ein sehr weiter Weg bis zu einer demokratischen Gesellschaft.

Al-Rawi: Es haben aber auch sofort Gegenreaktionen eingesetzt: Bürgerwehren wurden gebildet, die diese Plünderungen nicht akzeptiert haben. Und allein das gibt mir auch wieder Zuversicht.

Das Gespräch moderierte Wolfgang Machreich.

Der Karikaturenkonflikt - Chance für Reflexion und Veränderungen

Bilder und ihre Wirkung

Die mediale Globalisierung verwandelt die Welt in das viel zitierte „global village“. Bilder sind dabei eine abgekürzte Kommunikation, die tieferes Verständnis nicht voraussetzt. Sie sind deshalb so erfolgreich, weil sie schneller als Gedanken sind und lange wirken. Die Macht der Bilder zeigt sich immer wieder, ob gedruckt oder beweglich.

Weil Bilder so stark das Gemüt ansprechen, können sie leicht missbraucht werden, und ganz gezielte Impressionen vermitteln. Wie weit soll das, was mit Bildern gezeigt und ausgesagt wird, aber gehen dürfen?

Diese Fragestellung kann nicht ganz einfach und allgemein beantwortet werden. Sie hängt von vielen Faktoren und vom gesamten Kontext ab. Grundsätzlich wird die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit auch von Muslimen in keiner Weise in Frage gestellt. Die islamischen Quellen fordern übrigens – im modernen Sprachgebrauch gesagt – zu Zivilcourage auf. Es muss ungestraft möglich sein, Kritik zu üben, zu hinterfragen und dies auch mit Humor tun zu können. Eine  Berücksichtigung und Würdigung von Empfindlichkeiten jeder Art ist dabei nicht Zeichen von Schwäche oder Feigheit, sondern Ausdruck des Respekts. Aufgrund der politischen Strukturen ist Meinungsfreiheit in vielen Ländern der islamischen Welt leider nicht Wirklichkeit.

„Etwas ist faul im Staate Dänemarks“ [1]

Die dänischen Karikaturen waren nicht einfach irgendwelche Bilder zu irgendeinem Anlass. Sie bedeuteten die Zuspitzung einer in Dänemark seit Jahren betriebenen, ausländer- und insbesondere islamfeindlichen, von der rechtsgerichteten Zeitung Jyllands-Posten unterstützten Stimmungsmache, aus der politisches Kapital geschlagen werden konnte. Es ist in Dänemark mittlerweile salonfähig geworden, den Islam öffentlich als „Krebsgeschwür“, die Muslime als „Unkrautsamen“ zu bezeichnen. Und wie sich zeigt, ist die Strategie zielführend – die rechte dänische Volkspartei hat nach Umfragen seit Beginn des Konflikts über 4% an Stimmen zugelegt.

Jyllands-Posten bezeichnete ihre Aktion ursprünglich als „Test“ zur Überprüfung der Meinungsfreiheit. Man wusste um das Abbildungsverbot (es wurde sogar bei strikten Imamen von der Redaktion nachgefragt!), man wusste um die Problematik und Empfindlichkeit vieler Muslime in diesem Punkt, die den Propheten Mohammed als ideales menschliches Vorbild verehren und ihm starke Gefühle entgegen bringen. Trotz geduldiger Bemühungen und Proteste der muslimischen Dänen nach dem Abdruck der Karikaturen wurde jeder Dialog verweigert. Es gehe dabei um eine „notwendige Provokation zur Verteidigung der Meinungsfreiheit“ unterstützte Ministerpräsident Rasmussen die Aktion und lehnte ein Treffen mit 11 muslimischen Botschaftern ab.  Diese Behandlung müsse man in einer Demokratie ertragen können. Eine ganz offene und gewollte Provokation mit Unschuldsmiene. Es war klar, dass eine breite, in die Tiefe gehende mediale Auseinandersetzung – im Gegensatz zu Bildern – große Bevölkerungsteile nicht erreichen konnte. Deshalb war auch die Reaktion vieler Europäer auf die muslimische Empfindlichkeit vorauszusehen, nämlich Unverständnis und mehr Ablehnung alles Islamischen. Auf beiden Seiten wurden durch Verkürzungen die irrationalen und rein emotionalen Ebenen gereizt. Differenzierung hatte keinen Platz mehr. Und genau das war gewollt.

So ist es leicht, die Muslime unterschiedslos als gemeingefährlich und gewaltbereit vorzuführen und sich hinter der Meinungsfreiheit zu verstecken. Wenn es tatsächlich um inhaltliche Kritik geht, kann diese in gleicher Schärfe auch mit anderen, weniger verletzenden Mitteln zum Ausdruck gebracht werden, ohne dabei die Würde von anderen anzugreifen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es bei den Protestaktionen in Europa keine Ausschreitungen gab und die Gewalt durchgehend von allen religiösen Autoritäten – auch in der islamischen Welt - verurteilt wurde. Dies blieb allerdings kaum beachtet und änderte nichts daran, dass vielerorts über 1 Milliarde Muslime für einige wenige radikale Gruppen, die medial große Aufmerksamkeit ernteten, in Geiselhaft genommen wurden.

Zunehmende Islamfeindlichkeit

Doch nicht nur die dänischen Muslime beobachten seit längerem ein besorgniserregendes Ansteigen der Islamfeindlichkeit in Europa. Diskriminierende Fragebögen für einwanderungswillige Muslime (nur für diese!) in Baden-Württemberg, Ungleichbehandlung der Religionen (nicht in Österreich, wo der Islam gesetzlich anerkannt ist), islamfeindliche Parolen, besonders in Wahlkämpfen, wie zuletzt bei den Wiener Wahlen vergangenen Herbst, geschändete muslimische Friedhöfe und zunehmende Ressentiments geben Muslimen in ganz Europa Anlass zur Sorge. Nach einer Erhebung in Deutschland (Allensbach) im Jahr 2004 bringen 83% der Deutschen den Islam mit Terror in Verbindung. 82% halten Muslime für fanatisch und radikal, 70% für gefährlich.

Man darf gerade jetzt nicht vergessen, wozu es führen kann, wenn Verhetzung religiöser oder anders denkender Minderheiten betrieben oder geduldet wird. Die Ereignisse in der nationalsozialistischen Zeit müssen als ewige Mahnung stets präsent sein.

Pressefreiheit – freie Medien?

Eine wesentliche Rolle bei der Bewusstseins- und Meinungsbildung spielt die Pressefreiheit. Sie wurde in der westlichen Welt hart erkämpft und ist eine wichtige Errungenschaft. Medien und Presse unterliegen gewissen eigenen Gesetzmäßigkeiten. So lässt sich beobachten, dass Aggressivität besonders medienwirksam ist und kräftigere Anstöße liefert, um die Aufmerksamkeit der Massen zu bewirken oder Sensationslust zu befriedigen. Das Wissen darum, wie die Medien „funktionieren“, birgt aber auch in offenen Gesellschaften die Gefahr der Instrumentalisierung. Medienfachleute und Journalisten tragen enorme Verantwortung.

Wie frei sind die westlichen Medien nun tatsächlich? Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass meint dazu, dass hier Selbstbetrug betrieben werde. Die Zeitungen lebten von Anzeigen und müssten Rücksicht darauf nehmen, was bestimmte wirtschaftliche Kräfte diktieren. Die Presse selbst sei oft Teil riesiger Unternehmensgruppen, die die öffentliche Meinung monopolisierten. Grass konstatiert, der Westen hätte das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen. Man könne nicht dieses geltend machen, ohne zu analysieren, wie es damit wirklich stehe.

Andere Beobachtungen stimmen ebenso nachdenklich: z.B. die „embedded journalists“ im Irak-Krieg und eine allgemeine Tendenz, über das Sterben im Krieg und das Leid der Bevölkerung nicht oder nicht ausreichend zu informieren. Nach dem 9.11. wurde Journalisten ein Maulkorb umgehängt, indem in ihre Arbeitsverträge die Verpflichtung zur Solidarität mit den USA aufgenommen wurde. Auch deutsche Journalisten waren davon betroffen. Während der Kriege in Afghanistan und im Irak wurden sowohl in Kabul als auch in Bagdad die Büros des Senders Al-Djazeera bombardiert und dabei Mitarbeiter des Kanals getötet. Die Bilder des Senders waren an fast alle westlichen Fernsehanstalten verkauft worden. Das war sicher kein Zufall oder Zeichen des Respekts vor der Pressefreiheit. In einigen EU-Staaten sind Rundfunksender parteipolitisch gefärbt. Auch im Westen hat man also Grund, über die Pressefreiheit nachzudenken. Das Beeinflussungspotential auf die Medien und durch die Medien ist unbestreitbar.

Entwicklung durch islamische Erneuerung

Häufig hört man den Ruf nach Aufklärung in der islamischen Welt. Trotz Aufklärung geschah in Europa der Holocaust. Aufklärung ist nicht das Allheilmittel, für das sie oft gehalten wird. Sie hat zur europäischen Geistesentwicklung und zum gesellschaftlichen Emanzipationsprozess zweifelsohne wesentlich beigetragen. Doch Aufklärung muss sich ständig selbst erneuern und darf nicht arrogant auf das bisher Erreichte pochen. Neue und alte Vorurteile und Unterdrückungsmechanismen in moderneren Gewändern müssen laufend weiter hinterfragt werden. Man darf dabei ebenso nicht übersehen, dass sich die europäische Entwicklung nicht auf Länder und Kulturen übertragen lässt, die vollkommen andere gesellschaftliche Strukturen, andere Probleme und eine ganz andere Geschichte hinter sich haben. Vor allem scheint die Forderung nach Aufklärung meist eine grundsätzliche zivilisatorische  Minderwertigkeit zu implizieren. Im Westen wird oft so getan, als seien die häufig beschworenen „europäischen Werte“ hier erfunden worden und in anderen Kulturen unbekannt oder negativ konnotiert.

Die meisten liberalen wie konservativen islamischen Gelehrten sind sich darin einig, dass die islamische Welt in einer Krise steckt. Sie sehen die notwendige Erneuerung aber nicht in einer „Wegsäkularisierung“ der Religion, sondern in Form einer Neuinterpretation der islamischen Quellen. Demokratische Regeln und Menschenrechtsstandards können aus dem Islam selbst abgeleitet werden. Die in den Quellen angelegte Dynamik erlaubt seit jeher Ausgestaltung entsprechend den jeweiligen Herausforderungen der Zeit.  Die Krise liegt sicher auch darin begründet, dass die Vernunft, die im islamischen Denken immer eine zentrale Rolle spielte, heute zu stark vernachlässigt wird. Viele Ursachen der Krise liegen in der islamischen Welt selbst. Es hilft nicht weiter, die Schuld nur bei anderen zu suchen. Doch alles, was von außen aufoktroyiert wird, ist schwer annehmbar. Ein wichtiger Schlüssel ist dagegen Interaktion: das bedeutet, gleichberechtigte, ehrliche Wechselbeziehung, aufeinander bezogen sensibel denken und handeln.

Europas Anteil an der Krise der islamischen Welt

In Europa soll man seinen Anteil an den Entwicklungen nicht vergessen. In einem viel beachteten Artikel forderte die amerikanische Kolumnistin Susan Sontag nach dem schrecklichen 11.9. „ein Körnchen historischen Bewusstseins“ ein, das dabei helfen könne, das Geschehene und das Kommende zu verstehen.

Schließlich haben die früheren Kolonialmächte ein schweres Erbe hinterlassen. Sklaverei und Ausplünderung, weit gehende innere Einmischungen, indem Regierungen ein- und abgesetzt, Bürgerkriege angezettelt wurden, je nachdem, wie es den Herrschenden gerade opportun war. Noch heute müssen die Länder der dritten Welt ihren Tribut an ihre ehemaligen Beherrscher zahlen in Form von Strukturanpassungsprogrammen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Form von Marktöffnung und Handelsliberalisierung, in Form von Entstaatlichungs- und Privatisierungsprogrammen – tödlich in einer Welt der Ungleichheit. Zudem sind in großen Teilen der islamischen Welt 50% der Bevölkerung unter 20 Jahre und ohne Perspektiven. Es gibt keine soziale Gerechtigkeit. Die autoritären Regime wurden und werden oft vom Westen aus Eigeninteresse unterstützt. Vor diesem Hintergrund sind die Ausschreitungen in Teilen der islamischen Welt zu betrachten. Sie hatten zweifelsohne Ventilfunktion.

Zu umfassender Betrachtung gehört auch ein Blick auf den Welthandel. Dieser wird zu 81% von den USA, der EU, Kanada und Japan kontrolliert. Die Erhaltung des Wohlstandes der Reichen geht meist auf die Kosten der Armen. Obwohl die Weltlandwirtschaft zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, es also keinen objektiven Mangel gibt, sterben laut UN-Ernährungsbericht jeden Tag 100.000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Auch das Waffengeschäft spielt eine maßgebliche Rolle. Gewalt fördert die Wirtschaft. Es liegt der Schluss nahe, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR deshalb nicht abgerüstet wurde. Man suchte ein Feindbild und es war einfach, mit Hilfe alter Vorurteile und Klischees ein Neues zu kreieren: „Den Islam“.

Krieg braucht Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Angst der Menschen, bedroht zu sein, einen Feind zu haben, führt zu dieser Akzeptanz. Und der Krieg findet nicht im Westen statt.

Kein „Clash of Civilisations“

Die Geschehnisse rund um die Karikaturen sollten zu einem tieferen Nachdenkprozess führen. Das Aufbauen von Feindbildern wird unsere Welt nicht friedlicher machen. Doch sowohl „der Islam“ als auch „der Westen“ sind keine monolithischen Blöcke, die einander feindlich gegenüber stehen. In beiden Kulturkreisen gibt es mannigfache Ausprägungen von Lebensweisen  und -auffassungen und eine bunte Vielfalt in der Bevölkerung. In beiden Sphären leben zahllose Menschen aus den jeweils anderen Kulturen als Brückenbauer. Die gegenseitige Befruchtung von Orient und Okzident, damals wie heute, wird oft verdrängt.

Lassen wir uns nicht täuschen. Erst im Erkennen von Mechanismen einer Verhetzungs- und Feindbildunkultur liegt die Chance, diese zu durchbrechen. Leider gibt es keine einfachen Rezepte. Doch setzen wir unsere Hoffnung in das Erstarken einer  „planetarischen Zivilgesellschaft“ (Jean Ziegler), in die sich jeder entsprechend seinen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringen soll – und sei es nur durch deren moralische Unterstützung und das Bemühen um Differenzierung.

Wien, am 7. März 2006


[1]  „Hamlet“, Shakespeare

Doppelmoral & Scheinheiligkeit

Ich bin in Bagdad geboren. Im Februar 1991 begegnete ich auf der Mariahilferstraße einer Friedensdemo gegen den Irakkrieg. Nicht sehr groß, ein paar hundert. Schließlich dachten damals viele, auch ich, dass Saddam seinen größten aber auch letzten Fehler begangen habe, und wir und das irakische Volk ihn ein für alle Mal los würden.

Die nächsten Wochen belehrten mich aber eines Besseren. Nach schwerer Bombardierung und Zerstörung der Infrastruktur, von Kläranlagen, Elektrizitätswerken, Wasseraufbereitungsanlagen und Brücken blieb die US-Armee vor Bagdad stehen. In der Folge richtete sich ein Embargo gegen die Zivilbevölkerung, das seinesgleichen in der Geschichte sucht. Verbunden mit unvorstellbarem Leid, Entbehrungen, Krankheiten und vor allem 1 Million toter Kinder, die an in Europa oft leicht heilbaren Krankheiten starben, verursacht u. a. durch mit Uran angereicherten Geschossen.

Mehr als ein Jahrzehnt danach marschieren Millionen weltweit. Keiner glaubt mehr an die Notwendigkeit und Legitimität dieses Krieges. Fast zynisch klingt die Verlautbarung der Amerikaner, knapp vor dem Waffengang eine friedliche Lösung für das Palästinaproblem finden zu wollen. Irgendwie haben wir das schon knapp vor dem Afghanistankrieg als Köder für Allianzen gehört, geschehen ist aber außer Versprechungen nichts.

Der Krieg wird wieder menschliches Leid, große Umweltschäden und eine schwere Wirtschaftskrise verursachen. Ein Flächenbrand in der Region ist nicht ausgeschlossen, und der Graben zwischen der arabischen islamischen Welt und dem Westen wird immer größer. Während man Rechtsstaatlichkeit fordert, ignoriert man das Völkerrecht, und während man Demokratie fordert, erlebt man die Macht der Amerikaner im Weltsicherheitsrat. Dass man auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte des Volkes keine Rücksicht nimmt, erscheint nur noch nebensächlich. Die Großkonzerne in Amerika sind schon mit dem Wiederaufbau beauftragt. Die Zeche werden das irakische Volk und Europa zahlen.

Besinnen wir uns unserer Werte wie Neutralität, und denken wir daran, dass die EU ein Friedensprojekt war und ist. Und dass der Urgedanke "Nie wieder Krieg!" nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt gelten soll.

Abschluss-Auftritt Cindy Sheehans in Wien:

Berührendes Treffen mit der muslimischen Gemeinde in der Schura Moschee

Kurzbericht der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Trotz Erschöpfung nach der langen und erfolgreichen Demo – siehe http://www.stopbush.at nahm Cindy Sheen gerne den Vorschlag Omar Al Rawis und Ahmad Hameeds (Irakhilfswerk) an, in der Schura-Moschee den über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Imam Scheich Adnan Ibrahim und viele andere MuslimInnen zu treffen. Dies bot sich auch darum an, weil die Schura Moschee am Mittwochabend, ergänzend nach der Demo, zu einer interreligiösen Begegnung mit seiner Eminenz Vater Athala Hana, Archimandrite der Orthodoxen Kirche Jerusalems, eingeladen hatte.

Der Empfang war überaus herzlich. Scheich Adnan Ibrahim berichtete für die Gemeinde die Geschichte von Cindy Sheehan, der amerikanischen Mutter eines im Irak gestorbenen Soldaten im Detail. Voller Bewunderung erzählte er, wie sie zum Symbol der Antikriegsbewegung wurde , ja der Friedensbewegung, nicht nur in den USA.

Tarafa Baghajati (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen) gab einen kurzen Gesamtüberblick über den Verlauf der Demonstration: „Wien kann stolz auf diesen Tag sein. Die mehr als 20.000 DemonstrantInnen haben gezeigt, dass die Haltung gegen Krieg, Ausbeutung, Besatzung und Unterdrückung und die Solidarität mit den unterdrückten Völkern, allen voran das palästinensische und das irakische Volk, kein Minderheitenprogramm in dieser Stadt ist. Man kann nur hoffen, dass diese solidarische Haltung der Bevölkerung auch ein Echo in der Politik Österreichs und der EU findet"

Cindy Sheehan brachte ihre Freude über diese Stunde zum Ausdruck. Mit Tränen in den Augen ließ sie die Menschen teilhaben an ihrer Geschichte. Das muslimische Publikum konnte die Tränen auch nicht mehr zu unterdrücken. Vater Athala Hana bekundete die Wichtigkeit, das andere Gesicht Amerika zu kennen und äußerte sein Wunsch, Persönlichkeiten wie Cindy bald in Palästina begrüßen zu dürfen. Denn das palästinensische Volk sollte sehen und spüren, nicht allein gelassen zu sein: „Ihr Sohn ist unsere Sohn und wir möchten hiermit unser Beileid bekunden". Alle empfanden die kaum zu beschreibende Stimmung von Spiritualität sehr stark. Mit Rücksicht auf die Müdigkeit von Cindy wurde die Begegnung möglichst kurz gehalten. Doch dauerten der Abschied und die Aufnahmen mit den BesucherInnen der Moschee genauso lange. Die VertreterInnen der MJÖ, Muslimische Jugend Österreichs wie viele andere nutzten die Gelegenheit intensiv, ganz direkt und unverkrampft mit Cindy über alles Mögliche zu sprechen. Ahmed Al Taher, Vorstandmitglied der Schura Moschee versicherte Cindy detailliert alle am Abend nicht anwesenden ca. 1200 regelmäßige MoscheebesucherInnen über dieses Ereignis zu informieren.

„Wir sind alle deine Familie" waren seine Abschiedsworte.

Cindy meinte zum Schluss den Höhepunkt ihres Besuchs in Wien erlebt zu haben. Auf die Anfrage, ob dies der erste Aufenthalt in Wien gewesen sei, sagte sie: „ Ja, aber sicherlich nicht das letzte Mal".

Köpfe wichtiger als Kopftücher

Banden von Geiselnehmern im Irak mischen sich nun in die Innenpolitik europäischer Staaten ein. Sie beschäftigen sich nicht mehr primär mit den US-Truppen, sondern widmen sich der "Solidarität" mit den Kopftuch tragenden Musliminnen in Frankreich. Der Schönheitsfehler bei dieser "Solidarität" ist, dass hier zwei Menschenleben auf dem Spiel stehen. Einhellig verurteilten die Muslime überall und vor allem in Frankreich diese Tat und legten somit Zeugnis ab, dass ihnen die Köpfe der zwei unschuldigen Journalisten wichtiger seien als die eigenen Kopftücher. Die Mails und Anrufe, die es auf den Sender al-Jazeera hagelte, tragen alle die gleiche Botschaft an die Entführer, die sich via Internet als "Islamische Armee im Irak" vorstellen: Aufhören! Es bleibt nur zu hoffen, dass die Entführer diese Aufrufe nicht als eine Verschwörungstheorie abtun, sondern zu sich kommen und den Amoklauf beenden. Mag sein, dass der Aufruf verschiedener der Sympathie mit den Besatzern unverdächtiger theologischer Autoritäten im Irak, sowohl von sunnitischer wie schiitischer Seite, zur Befreiung beitragen kann.

Was die meisten in Europa nicht wissen: Entführungen treffen längst nicht nur Ausländer. Die totale Anarchie und Gesetzlosigkeit macht es möglich, dass sich kleine Banden formieren, die auskundschaften, wer Verwandte im Ausland hat oder einfach nach Geld riecht. Dann wird ein Familienmitglied oder der "Wohlhabende" selbst entführt. Makaber ist, dass sich hier eine Art "Markt" entwickelt. Kurz nach der Entführung bekommt die Familie der Geiseln einen Zettel mit der Forderung nach einer Geldsumme, je nach Recherche der Entführer festgelegt zwischen 50.000 und 250.000 Euro. Eine Familie musste Schulden bei Bekannten in den Arabischen Emiraten aufnehmen, um die verlangten 200.000 Dollar zu finanzieren. Anderswo gelang es, die Forderung von 100.000 auf 50.000 Dollar herunter zu verhandeln. Beide Vorfälle hatten laut den Erzählungen von Irakern in Wien zum Glück keinen tödlichen Ausgang. Weder die USA, die an sich als De-facto-Besatzungsmacht völkerrechtlich verpflichtet wären, für die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu sorgen, noch die provisorische Regierung sind im Stande, noch besitzen sie den Willen, solchen Verbrechen nachzugehen. Jeder ist viel zu beschäftigt sich selbst zu schützen. Der Ausweg aus der Krise ist längst bekannt: Baldigste freie Wahlen einer Volksvertretung und Beendigung der militärischen Besatzung. Jeder weitere Tag unter den herrschenden Umständen macht die Sache nur noch schlimmer.

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