Korun Alev

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Leserbrief: Arroganz des "Fachmanns"

Original Titel: Die Arroganz des selbsternannten "Experten"

Straches Serben, die SPÖ und der Islam, Gastkommentar von Thomas Schmidinger, 10.6. Thomas Schmidinger behauptet in seinem Kommentar, dass er live meine Ansprache bei der Demonstration gehört und dass ich den Märtyrerkult gehuldigt habe, weil ich angeblich die palästinensischen Opfer erwähnt habe, deren Kampf weitergeführt werden sollte.

Dies ist eindeutig unwahr. Herr Schmidinger hat anscheinend meine Rede nicht wirklich gehört, sondern bediente sich der APA-Meldung, die von Internetmedien sofort übernommen worden ist. Es ist jedoch seiner Aufmerksamkeit entgangen, dass diese Meldung einen Fehler aufwies und die APA diesen Fehler umgehend korrigierte. Denn ich habe nicht von den bisher umgekommenen palästinensischen Opfern des Nahost-Konfliktes gesprochen, sondern von den neun toten Friedensaktivisten. Interessant sind die Methoden der letzten Tage, die gegen meine Person angewandt werden. Ein einstimmiger Gemeinderatsbeschluss - eingebracht von allen Parteien - wird zum Anlass genommen, mit Unwahrheiten, Unterstellungen und Diffamierungen zu arbeiten. Hier wird anscheinend der Versuch unternommen, jemanden einzuschüchtern bzw. mundtot zu machen, anstatt sich mit dem Inhalt der Sache politisch auseinanderzusetzen.

Schmidinger möchte zwar Migranten in der Politik haben, aber es dürfen aus seiner Sicht nicht die falschen sein. Dass die von ihm angesprochene Politikerin Alev Korun von den Grünen sich einem internen Wahlverfahren stellen musste, spielt für ihn ebenso wenig eine Rolle wie die von mir erreichten Vorzugsstimmen bei den Wahlen, als ich immer der Drittplazierte war. Anscheinend liegen nicht nur die Parteien falsch, die uns aufgestellt haben, sondern auch die Wählerinnen und Wähler, die falsch gewählt haben. Ein seltsames Demokratieverständnis eines Politikwissenschaftlers. Thomas Schmidinger bezeichnete sich einst selbst als "Philozionisten". Deswegen verwundert es mich nicht, dass er in die gleiche Kerbe schlägt wie viele seiner Zeitgenossen der letzten Tage.

Hier werden Strache, die Serben und andere erwähnt, um zum Eigentlichen zu gelangen: mich wegen meiner Einstellung zum Nahost-Konflikt zu attackieren und gleichzeitig auch die Islamische Glaubensgemeinschaft zu denunzieren. Ein Strickmuster, das er bereits auch in der Auseinandersetzung während des Irak-Krieges bedient hat. Persönliche Animositäten und politische Gegnerschaft enden bei Schmidinger stets in persönlicher Diffamierung. Viel mehr verwundert mich, dass Qualitätsmedien wie "Die Presse" dieses Spiel eines Pseudo-Wissenschaftlers nicht durchschauen und ihm ein Forum bieten, um seine persönliche Agenda zu verbreiten.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi Abgeordneter zum Wr. Landtag und Gemeinderat der Stadt Wien

Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Burkaverbot: virtuelle Debatte ohne Bodenhaftung

Aus Gründen der Verkehrssicherheit will Staatssekretärin Christine Marek ein Burkaverbot. Unnötig, sagen die Grünen, Wiener SPÖ und die Islamische Glaubensgemeinschaft

Wien - Die Forderung nach einem Burkaverbot ist nicht neu. Steht in einem EU-Land, wie am Donnerstag in Belgien, eine Abstimmung dazu an, gilt dies als willkommener Anlass, dies auch wieder für Österreich zu fordern. Diesmal war es Familienstaatssekretärin und Wiens ÖVP-Chefin Christine Marek, die sich für ein generelles Burkaverbot im öffentlichen Raum aussprach. "Wir können uns dem Thema nicht nur nicht verschließen, sondern müssen es aktiv angehen", erklärte sie.

Marek will auch den "Sicherheitsaspekt" berücksichtigen. Es könne ihrer Meinung nach weder sein, dass verschleierte Frauen im öffentlichen Verkehr nicht erkannt werden, noch, dass sie Auto fahren: "Eine Burka ist ja schließlich auch eine Sichteinschränkung." Und so zählt sie zum öffentlichen Raum nicht nur Gerichte, Amtshäuser, Spitäler, Banken, oder Geschäfte, sondern auch den öffentlichen und den Individualverkehr. Bei Missachtung eines Burkaverbots müssten Sanktionen folgen.

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Honsek (SPÖ) wünscht sich ebenfalls eine "breite Diskussion" über ein Burkaverbot. "Ich will mich der Debatte nicht verschließen, weil eine Ganzkörperverschleierung Frauen massiv diskriminiert", antwortete sie auf Mareks Vorstoß. Man sollte "ernsthaft" darüber reden, wie damit in Österreich umzugehen ist.

"Virtuelle Debatte"

Carla Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, kann ihr nur zustimmen. Denn die Burkaverbots-Diskussion ist für sie eine "virtuelle Debatte ohne Bodenhaftung". Wenn sie so "die Vereinszene in Wien durchgeht, fallen mir maximal zwölf Musliminnen ein, die eine Burka tragen". In Wien könne man nicht einmal Burkas kaufen. Grundsätzlich vertrete zwar auch die Islamische Glaubensgemeinschaft den Standpunkt, das Tragen eines Gesichtsschleiers sei keine theologische Notwendigkeit. Dass diese Meinung im gelebten Alltag vorherrsche, zeige sich jedenfalls im österreichischen Straßenbild. "Eine Burkaträgerin wurde noch nie gesichtet", erklärt Baghajati.

Alev Korun, Menschenrechtssprecherin der Grünen, lehnt ein Verbot ab, da "mit Bekleidungsvorschriften das Problem von Frauendiskriminierung nicht zu lösen ist". Die Wiener Frauen- und Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) geht noch einen Schritt weiter: Diese Debatte habe nur ein Ziel, "bewusst Ressentiments zu schüren. Denn es werden genau jene Vorurteile bedient, die suggerieren, dass alle Migrantinnen unterdrückte und bildungsferne Frauen sind".

Erfreut über Mareks Vorstoß zeigten sich FPÖ und BZÖ. Wobei die Blauen mit dem Burkaverbot auch ein Kofptuchverbot verbinden. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.4. 2010)

"Es ist Feuer am Dach"

Erst verschweigen, dann lavieren: Auch Muslime üben am Krisenmanagement ihres Oberhaupts Anas Schakfeh in der jüngsten Islamdebatte Kritik

In der islamischen Community brechen unterschwellige Konflikte auf

Wien - "Das ist ein Armutszeugnis für die Glaubensgemeinschaft" : Omar Al-Rawi geht mit seinen Glaubensbrüdern hart ins Gericht. "Sie hätte selbst an die Öffentlichkeit gehen müssen, statt hinterher zu hinken" , sagt er. Und zu "beschönigen" gebe es schon gar nichts: "Die Ergebnisse sind schockierend. Es ist Feuer am Dach."

Al-Rawi ist kein wadlbeißender Außenseiter, sondern Integrationssprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ). Worüber er sich echauffiert, ist der Umgang mit jener Studie, laut der ein rundes Viertel der muslimischen Religionslehrer Demokratie und Menschenrechte ablehnt. Obwohl die Resultate ihnen schon länger bekannt sein müssen, haben die Verantwortlichen geschwiegen. Als sie doch noch publik wurden, lavierte Präsident Anas Schakfeh herum. Folge: In der Community scheinen nun unterschwellige Konflikte aufzubrechen. Es geht um Kritikfähigkeit, Machtkämpfe und demokratische Reformen.

Mittwochabend im Kunstzentrum Depot in Wien-Neubau. Die Präsentation eines Buches der über die Glaubensgemeinschaft erfreut sich über unerhofften Zulauf. Während Al-Rawi auf dem Podium seine Kritik loswird, lauschen andere muslimische Vertreter im Publikum mit skeptischem Blick. Mouddar Khouja, Referent Schakfehs, meldet sich zu Wort. "Manche sind in Österreich nicht angekommen" , räumt er ein, um im nächsten Atemzug aber die Wissenschaftlichkeit der Studie in Zweifel zu ziehen. Tarafa Baghajati, ein anderer prominenter Repräsentant der Gemeinde, ergänzt nach einleitender Klage über den "Skandaljournalismus" : "Die Fragen in der Studien suggerieren die Antworten." Da schaltet sich die Politologin Sieglinde Rosenberger ein - und attestiert der umstrittenen Arbeit einwandfreie Qualität.

Kaum ein Muslim zahlt

Die Enthüllungen sind für die Glaubensgemeinschaft auch deshalb unangenehm, weil der Religionsunterricht zu den wenigen Bereichen zählt, wo sie direkt Einfluss ausüben kann. Alle Gläubigen vertritt die IGGiÖ nur in den Augen des Gesetzes. Tatsächlich haben viele der 400.000 Muslime mit ihr wohl noch nie Kontakt gehabt. Wer Muslim werden will, muss sich nirgends registrieren lassen, sondern "nur" ein Bekenntnis ablegen. Lediglich ein Bruchteil zahlt Mitgliedsbeiträge an die IGGiÖ. Buchautorin Maja Sticker ("Sondermodell Österreich?" , Verlag dravaDiskurs) kam bei ihrer Recherche auf die Zahl 1000.

Für Kritiker ein Beleg, dass die IGGiÖ die Muslime eigentlich nicht wirklich vertrete. Sprecherin Amina Baghajati hält entgegen: "Wir erreichen viele Menschen auch über die Kooperation mit den Dachverbänden." Die großen Verbände, die die meisten Moscheen betreiben, schnapsen sich in der Regel auch die Einheitsliste für die Wahlen aus, an deren Spitze 2001 Schakfeh stand. Votieren darf dann die Handvoll zahlende Mitglieder.

Eine neue Verfassung soll nun ein offeneres, föderaleres System bringen - wenn sie jemals kommt. Verschiedene Gruppen - von den Türken bis zu den Schiiten - ringen um Einfluss, auch juristische Schnitzer verzögern das Projekt. Das Unterrichtsministerium erhob Einspruch, weil Entwürfe schlicht und einfach der österreichischen Verfassung widersprochen hätten.

Eigentlich ist Schakfehs Amtszeit längst abgelaufen, doch ohne neue Verfassung keine Wahl. Günther Ahmed Rusznak, Leiter des Islamischen Informationszentrums in Linz, hält das für Verzögerungstaktik des Präsidenten und hat die IGGiÖ verklagt, auf dass die Republik diese unter Kuratel stelle. Allerdings gilt Rusznak als Einzelkämpfer ohne großes Standing bei den Muslimen. Ein Insider: "Bei drei Viertel der Konflikte geht es in Wahrheit um gekränkte Eitelkeit."

Emotional entwickelt sich auch die abendliche Debatte im Depot. Tarafa Baghajati ärgert sich, dass Religionslehrer wegen fehlender Ausbildung angegriffen werden: "Die drei angesehensten Koranlehrer von Damaskus sind ein Apotheker, ein Mediziner und ein Falafelverkäufer." Der grünen Abgeordneten Alev Korun sträuben sich die Haare: "Wer auf unsere Kinder losgelassen wird, muss wohl eine Qualifikation vorweisen."

Vorzugsstimmen: Al-Rawi und Yimaz stark

Strache erhielt in Wien die meisten Vorzugsstimmen. Aber auch Schüssel und türkische Kandidaten waren stark.

WIEN. Der Titelverteidiger hat gesiegt. FP-Chef Heinz-Christian Strache räumte bei der Nationalratswahl wieder die meisten Vorzugsstimmen in Wien ab. Das stand am Montag bereits fest, während noch die allerletzten Wahlkarten ausgezählt wurden.

Die Sympathie-Bekundung der Wähler in Form von Vorzugsstimmen zeigt auch überraschende Ergebnisse. Obwohl die Grünen in Wien deutlich an Stimmen verloren haben, kommt Ex-Bundessprecher Alexander Van der Bellen mit 10.313 Vorzugsstimmen auf Platz zwei; knapp vor einem weiteren „Ex“: Wolfgang Schüssel, künftiger Ex-Klubchef der ÖVP, konnte mit 9269 Vorzugsstimmen Platz drei in Wien erobern. Die Leistung Schüssels ist deshalb bemerkenswert, weil er nur in seinem Wahlkreis (Hietzing, Penzing, Rudolfsheim, Liesing) kandidierte, nicht wie Strache und Van der Bellen zusätzlich auf der Landesliste, und trotzdem Platz drei in der Vorzugsstimmen-Gesamtwertung belegen.

Anders sieht es aus, wenn nur die Vorzugsstimmen der Landesliste betrachtet werden. Hier schlägt SP-Chef Werner Faymann Strache etwas überraschend um 116 Stimmen (5606 Vorzugsstimmen). Auf den „Gesamtsieg“ hatte Faymann keine Chance, da er nur auf der Landesliste, und nicht in einem Bezirk kandidiert hatte. Hinter Faymann und Strache lauert eine weitere Überraschung: Omar Al-Rawi eroberte den dritten Platz. Der SP-Mandatar ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft und in der Community fest verankert; was diese bei der Wahl zum Ausdruck gebracht hatte. Damit schlägt Al-Rawi prominente Gegner wie Wissenschaftsminister und Wiens VP-Chef Johannes Hahn, Eva Glawischnig und Alexander Van der Bellen (beide Grüne).

Was noch auffällt: Nurten Yilmaz, SP-Kandidatin mit türkischen Wurzeln, erreicht in ihrem Wahlkreis fast doppelt so viele Vorzugsstimmen wie die dortige FP-Spitzenkandidatin Dagmar Belakowitsch-Jenewein. Insgesamt kommt die Austro-Türkin auf respektable 2533 Vorzugsstimmen. Für den Einzug in den Nationalrat war das aber zu wenig. Die zweiten Migranten-Vertreterin Alev Korun dagegen hatte bereits im Vorfeld ein fixes Ticket der Grünen und zieht in den Nationalrat ein. Sie erreichte 1599 Vorzugsstimmen.

Detail am Rand: die nichtamtsführende VP-Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager, die über eine hohe Bekanntheit in ihrer Partei verfügt, unterlag in ihrem Bezirk bei den Vorzugsstimmen VP-Gemeinderat Wolfgang Aigner. Cortolezis-Schlager wurde auch von Adi Hasch überholt, dem hemdsärmeligen Leopoldstädter Vizebezirksvorsteher der Grünen.

Auf einen Blick

Die letzten Wahlkarten wurden am Montag ausgezählt, womit die Zahl der Vorzugsstimmen feststeht. Eine hohe Zahl an Vorzugsstimmen bedeutet nicht nur ein gutes Partei-Image, sondern zeigt, ob ein Politiker bei den Menschen in seinem Wahlkreis gut verankert ist; was sich automatisch auf dessen Einfluss in der Partei auswirkt. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)

Die Furche:Politischer Islam in Österreich? Ein - umstrittenes - Buch

  • Politischer Islam in Österreich? Ein – umstrittenes – Buch will den heimischen Islamismus aufdecken.
    Von Otto Friedrich
  • Mouhanad Khorchide und Omar Al-Rawi:
    Kritische Anmerkungen zum „Handbuch des politischen Islam“

Beiträge, siehe unten:


Wie politisch ist der Islam? (I)

Politischer Islam bei Österreichs Muslimen? Ein – umstrittenes – Buch will den heimischen Islamismus aufdecken.

von Otto Friedrich

http://www.furche.at/system/showthread.php?t=574

Ramadan ist. Die große Zeit der Einkehr und des Fastens für die Muslime, auch in Österreich. Letzten Sonntag ereignete sich – wenig bemerkt – Bahnbrechendes für die politische Präsenz von Muslimen: Mit Alev Korun auf Platz drei der grünen Bundesliste wird aller Voraussicht nach die erste Muslima in den nächsten Nationalrat einziehen.

Während also in der alltäglichen Politik Menschen mit muslimischem Hintergrund langsam sichtbar werden, kommt die Frage nach dem Islam und seinem Verhältnis zur Politik auf einer anderen Bühne wieder ins Rampenlicht. Ein „Handbuch des politischen Islam“, so dessen Untertitel, will die politischen Implikationen dieser Religion in Österreich offenlegen und den Islamismus in den Hinterhöfen oder hinter einer sich respektabel gebenden Fassade aufzeigen.

„Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ haben die Herausgeber, die Wiener Politikwissenschafter Dunja Larise und Thomas Schmidinger, den Band genannt, in dem die beiden gemeinsam mit 14 Student/inn/en, die Mehrzahl davon mit muslimischem Hintergrund, den „politischen Islam“ im Lande aufzuspüren suchen.

Kein homogener Islam
Es sei ihnen vor allem um einen Klärungsprozess gegangen, meint Herausgeberin Dunja Larise im Gespräch mit der Furche. Der Islam in Österreich werde homogenisiert wahrgenommen, in Wirklichkeit sei er aber differenziert zu betrachten. Und da ist es den Autor/inn/en darum zu tun, diejenigen Gruppen und Persönlichkeiten zu beleuchten, für die die Religion auch Politik und politisches Engagement bestimmt. Religiöser Integralismus, also der Versuch, einen Primat des Islam über die Gesellschaft aufzuspüren, sei eines dieser Anliegen, so Larise.

So haben die Autor/inn/en ein Jahr lang Internetauftritte, Publikationen und Vereinsstatuten jener Gruppierungen und Persönlichkeiten hergenommen, die unter dem „Verdacht“ stehen, einem „politischen Islam“ anzuhängen. Nur solche Gruppen habe man aufgenommen, denen man diese Ausrichtung dann auch nachweisen konnte, versichert Larise: Das Projekt sei ehrenamtlich abgewickelt worden, es habe keine privaten Sponsoren, kein öffentliches Geld dafür gegeben.

Kein leichtes Unterfangen, denn was politischer Islam ist und für wie gefährlich man diesen einschätzt, das ist die Gretchenfrage, und – siehe den Beitrag von Mouhanad Khorchide auf Seite 3 – schon bei der Definitionsfrage dazu können sich die Geister scheiden.

Die Geister scheiden sich tatsächlich an der Bewertung des Buches: „In Summe ein gelungenes Werk, das erstmals eine umfassende, wenn auch nicht vollständige Darstellung der österreichischen Szene liefert“, resümiert die Wiener Zeitung und erwartet sich gleich einen „ähnlich detaillierten Bericht“ vom Verfassungsschutz. In ein ähnliches Horn stößt der – politisch bekanntlich ganz anderswo beheimatete – Falter, der den Band als „eine Mischung aus Wissenschaft und Journalismus, ein Handbuch eben für Journalisten“ qualifiziert: „Die Autoren ergänzen die großteils bekannten Fakten über den politisierten Islam mit spannenden Details und verorten die einzelnen Gruppen anhand hilfreicher Analysen in ihren jeweiligen Bewegungen.“

Einige der im Buch Beschriebenen können solchem Urteil nichts abgewinnen. Carla Amina Baghajati, Mediensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, wirft vor allem Ko-Herausgeber Thomas Schmidinger Voreingenommenheit und mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Außerdem habe Schmidinger sich selbst im öffentlichen Diskurs „immer wieder als politischer Gegner“ positioniert.

In der Tat wird die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich sehr kritisch beleuchtet und klar unter „politischer Islam“ subsumiert. Andere muslimische Großorganisationen, wie etwa der vom türkischen Religionsministerium (!) organisierte Verband ATIB (u. a. der Betreiber der Moscheebauten in Telfs und Bad Vöslau) fallen aber nicht unter dieses Verdikt der Autor/inn/en. Herausgeberin Larise argumentiert, man habe nur solche Gruppierungen aufgenommen, wo es in schriftlichen Unterlagen nachprüfbare und dokumentierte Belege gegeben habe.

Kommt somit jemand wie die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“ wegen ihrer öffentlichen Wahrnehmung in die Schublade „politischer Islam“? Dunja Larise konzediert, dass es über medial präsente Gruppen eben das meiste Material gebe, es könne da schon sein, dass „klandestine Gruppen“ nicht im „Handbuch des politischen Islam“ aufscheinen: Man habe sich auf das begrenzen müssen, was öffentlich vorhanden sei.

Omar Al-Rawi, einer der umtriebigsten Muslime im Land, klagt, dass seine Aktivitäten im Buch selektiv und unter dem Blickwinkel, er stünde der Muslimbruderschaft nahe, wahrgenommen würden. Seit Jahren versucht der Wiener SP-Abgeordnete diese Vorwürfe, die ihm Mitherausgeber Schmidinger immer wieder macht, zu entkräften (vgl. Seite 3). Überhaupt ist „Muslimbruder“ die große Chiffre, mit der operiert wird, und die für die „Gefährlichkeit“ des politischen Islam steht.

Problematisch finden Kritiker wie Mouhanad Khorchide die Bewertung von religiösem Engagement an sich, wie sie im Buch entgegentritt. Dunja Larise will den religiösen Integralismus, der gegen die Trennung von Staat und Religion arbeite, aufdecken. Eine der Kategorien des politischen Islam wird als „Reformismus“ bezeichnet; gemeint ist, dass dessen Protagonisten ihre Ziele mit legalen Mitteln zu erreichen suchen. Heißt das also, dass religiöse Menschen, die ihre Werte aufgrund ihres Glaubens in den öffentlichen Diskurs demokratischer Gesellschaften einbringen, gleich verkappte Fundamentalisten (konkret also: Islamisten) sind?

„Reformist“ = Islamist?
Dunja Larise meint, es sei ihr und dem Buch darum zu tun, auf die Gefahr des Integralismus auch in diesem Diskurs hinzuweisen. Sie nennt ein Beispiel: Käme etwa die Forderung nach islamischen Krankenhäusern auf, in denen – nach islamischem Recht – Frauen nicht mehr ohne Begleitung von einem Arzt untersucht werden dürften, so würde das zu einer „vertikalen Trennung der Gesellschaft nach Gender“ führen. Das gelte es aufzuzeigen. Sie kritisiert in dieser Hinsicht den muslimischen Star-Denker Tariq Ramadan, eines der liebsten Feindbilder im Buch, dessen Blutsverwandtschaft zum Gründer der Muslimbrüder, Hassan al-Banna, wiederholt betont wird.

Schließlich umfasst die eingeschränkte Wahrnehmung auch Zitate, die dastehen, ohne das Umfeld zu beleuchten. So wird etwa die Kritik des österreichischen Muslim Günther Ahmed Rusznak am Umfeld der Islamischen Glaubensgemeinschaft wiedergegeben, ohne anzuführen, dass es da eine lange Konfliktgeschichte gibt und was die Hintergründe dieser Auseinandersetzungen sind. Auch wird Rusznaks „Islamisches Informations- und Dokumentationszentrum“ kommentarlos angeführt, ohne dass der Leser weiß, worum es sich dabei handelt: um „politischen Islam“ wie bei anderen offenbar nicht, aber warum nicht?

Ideologie des Argwohns
All die angesprochenen und von den Kritikern monierten Defizite lassen die Bewertung dieses „Handbuchs“ durchwachsen erscheinen. Den Autoren ist zu konzedieren, dass sie keinesfalls behaupten, in Österreichs Hinterhöfen würden Selbstmordattentäter herangezogen. In den theoretischen Kapiteln zu Islam und Politik finden sich interessante Zusammenhänge und Querverbindungen, aber der unkundige Leser wird hier mehr mit einer Ideologie des Argwohns, denn mit Nüchternheit und notwendiger Distanz bedient. Zu den Muslimbrüdern oder dem Star des selbstbewussten Euro-Islam Tariq Ramadan ist die Lektüre anderer Publikationen zum Thema nötig.

Das Buch „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ unternimmt aber immerhin den – wie gezeigt wurde: auch fragwürdigen – Versuch, die Heterogenität der muslimischen Milieus in Österreich anzudeuten. Die Einteilung einzelner Organisationen nach dem Migrationshintergrund (arabisch, türkisch, bosnisch etc.) ist ein legitimes Ordnungsprinzip. Die Kategorisierung als „politischer Islam“ hingegen erweist sich als die eigentliche Schwachstelle des Unterfangens. Abgesehen davon, dass dem Buch jede Art von Register fehlt, wäre ein „Handbuch des Islam in Österreich“ ohne das Attribut „politisch“ die sicher lohnendere Lektüre, aber zweifelsohne nicht mehr durch „ehrenamtliche“ Autor/inn/en zu bewältigen.

Natürlich sind auch die Institutionen des „offiziellen“ Islam in Österreich zu hinterfragen und in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Allerdings sollten die Prämissen der Kritik weniger fragwürdig sein als im gegenständlichen Buch.

ZWISCHEN GOTTESSTAAT UND DEMOKRATIE
Handbuch des politischen Islam
Hg. Thomas Schmidinger, Dunja Larise
Deuticke Verlag, Wien 2008
320 Seiten, kt., € 20, 50


http://www.furche.at/system/showthread.php?t=575

Wie politisch ist der Islam? (II)

Eine antireligiöse Ideologie? 
Anmerkungen zum „Handbuch des politischen Islam“.

Von Mouhanad Khorchide

Der Begriff „Islamismus“ bzw. „politischer Islam“ ist ein breit gefasster Begriff, der heute oft auf eine inflationäre Weise verwendet wird. Im Buch „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ bezeichnet Thomas Schmidinger Bewegungen und Gruppierungen, die den Islam als Richtschnur politischen Handelns verstehen, als Islamisten. Jeder Muslim, der sein politisches Handeln für sich mit dem Islam begründet, gerät demnach in den Islamismusvorwurf. So wirft Schmidinger allen islamischen Vereinen in Österreich, ausgenommen den beiden nationalistischen (dem türkischen ATIB und dem bosnischen Dachverband), vor, sie würden die Islamisierung der Gesellschaft anstreben. Was den politischen Islam ausmacht, ist jedoch nicht, wie Schmidinger definiert, die islamische Begründung von Handeln, denn welcher gläubige Mensch – Muslim, Christ, Jude usw. – möchte sein Handeln nicht in Einklang mit seinem Glauben bringen und sucht daher sein Handeln durch den Glauben zu begründen?

Falsche Kritik und …
Der politische Islam bzw. Islamismus ist durch die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gekennzeichnet. Islamisten lehnen es ab, diese Grundordnung mit ihrem Glauben in Harmonie zu bringen, denn sie sehen in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung einen Widerspruch zu ihrer Auffassung vom Islam. Die Grenze zwischen Islam und Islamismus liegt nicht in einer religiösen versus weltlichen Begründung politischen Handelns, sondern in der Anerkennung versus Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufgrund religiöser Überzeugungen. Es entsteht der Eindruck, dass das Buch eine antireligiöse Ideologie verfolgt, die jegliches Handeln, das sich religiös begründet, verurteilt.

… berechtigte Kritik
Dennoch weist das Buch berechtigte Kritik an muslimischen Organisationen und Personen auf, die soziale und religiös begründete Probleme in der muslimischen Community in Österreich nicht wahrnehmen wollen und bemüht sind, in der Öffentlichkeit ein heiles Bild zu vermitteln. Die Autor/inn/en übersehen aber, dass es sich hierbei nicht immer um ein Phänomen des politischen Islam handelt, sondern zum Teil um Machtinteressen innerhalb der Community, aber vor allem um das Gefühl vieler Muslime, eine Minderheit zu sein, und die daraus resultierende Verunsicherung und Angst, die eigene Identität zu verlieren. In der Überbetonung mancher Muslime des Eigenen verbirgt sich weniger das Streben nach einer Islamisierung der Gesellschaft, sondern vielmehr die Selbstvergewisserung der eigenen Identität.

Um den Islam als Teil gemeinsamer europäischer Kultur zu erfassen, sind zum einen die Muslime in Europa gefordert, moderne demokratische Werte religiös zu begründen, und zum anderen europäische Gesellschaften, der auch jüngst bei einem Vortrag in Wien formulierten Forderung des Theologen Christian Troll SJ nach Anerkennung der Muslime als in Europa gleichberechtigte Partner nachzukommen.

Der Autor ist Islamwissenschafter und Imam in Wien-Ottakring.


http://www.furche.at/system/showthread.php?t=576

„Wir betreiben keine Islamisierung!“

Von Omar Al-Rawi

Die Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen IMÖ entstand 1999 als Reaktion auf den fremdenfeindlichen Wahlkampf der FPÖ. Wir wollten uns als Muslime Österreichs aus dem Diskurs nicht ausklinken. Am Herzen lag uns, die Partizipation der Muslime zu fördern, um so zur Integration beizutragen. Ein loser Haufen von nichtorganisierten intellektuellen Muslimen bildete dieses Netzwerk, das sich im Lauf der Jahre vieler Projekte annahm. Die Vereinsgründung geschah erst 2008. So gesehen waren wir hochpolitisch im Sinn des gesellschaftspolitischen Diskurses. Aber sicher kein „politischer Islam“ (der lt. Definition Schmidingers die Islamisierung der Gesellschaft anstrebt).

Weder Politik islamisieren …
Wir wollten Brückenbauer sein, mit Nichtmuslimen arbeiten und uns vernetzen. Gemeinsame Projekte begannen, mit „SOS Mitmensch“ oder der Initiative „Land der Menschen“. Durch gemeinsame Erfahrungen und Projekte wie die „Tage der offenen Tür“ in Wiener Moscheen, aber auch durch die Mobilisierung für Demos gegen Rassismus begann die Vernetzung mit muslimischen Vereinen.

Plötzlich vergrößerte sich der Aktionsradius. Humanitäre Projekte waren ein Teil der Arbeit (Kochen für Obdachlose, Spendensammeln für die Hochwasseropfer) wie auch die Übernahme der Verantwortung für die Krankenhausseelsorge, Empowerment für Frauen oder der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Innerislamisch avancierten wir – bedingt durch die mediale Präsenz, aber auch die unabhängige und ausschließlich in deutscher Sprache agierende Gruppe, die nicht als ein in politischer oder auch religiöser Richtung punzierter Verein auftrat – zu einer Art Sprachrohr. Somit wurde von uns erwartet, zu allem und jedem Stellung zu beziehen. Durch diese Aktivitäten bekamen wir auch offizielle Funktionen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Über die IMÖ wurden zum ersten Mal Frauen in den Obersten Rat der IGGiÖ gewählt. Das offizielle Gesicht der IGGiÖ ist mit Amina Baghajati eine Frau. Es gab zum ersten Mal ein Frauenreferat, Menschenrechts- und Integrationsbeauftragte. Es war unserer Initiative zu verdanken, dass die vielbeachteten Imamekonferenzen stattgefunden haben, bei denen klar das Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechten und Pluralismus im Zentrum steht, Wege der Integration besprochen wurden und eine Absage an Terror und Gewalt erfolgte: Darauf sind wir stolz.

Der Versuch, uns als eine Gruppe, die Islamisierung der Politik und der Gesellschaft betreibt, zu bezeichnen, ist wirklich nicht nachvollziehbar. Wir wollen weder die Politik islamisieren noch den Islam politisieren.

… noch Islam politisieren
Hassan Al-Turabi, ein Reformer der Muslimbruderschaft, fordert die Wiederbelebung des Idschtihad, der zeitgemäßen Interpretation des Koran. Auch Tarafa Baghajati tritt dafür ein. Aber die Behauptung, die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“, der Baghajati angehört, sei ein Teil der Muslimbruderschaft, ist ungefähr so viel wert wie die Feststellung, dass Juden und Muslime der gleichen Religion angehören, weil beide kein Schweinefleisch essen und ihre Tiere schächten.

Ich halte viel von Max Webers „Postulat der Zurückhaltung persönlicher Überzeugungen im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit“. Dies ist Thomas Schmidinger in dem von ihm mitherausgegebenen Buch „Gottesstaat und Demokratie“ nicht gelungen.

Der Autor ist Integrationsbeauftragter der Islam. Glaubensgemeinschaft u. SP-Abgeordneter in Wien.

IMÖ: Alev Korun voraussichtlich erste Parlamentsabgeordnete mit Migrationshintergrund

Stellungnahme der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Die IMÖ - Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, freut sich über die Nominierung Alev Koruns an einem sicheren Listenplatz und übermittelt ihr und den Grünen die herzlichsten Glückwünsche. Endlich bekommt Österreich eine Parlamentsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Alev Korun hat sich mit ihren langjährigen Erfahrungen als Spezialistin für Menschenrechtsfragen einen Namen gemacht. Ihre konsequente  Haltung für die Rechte von MigrantInnen und gegen Rassismus hat ihr ganzes politisches Leben begleitet.

Dass die erste migrantische Vertretung im österreichischen Parlament eine Frau sein wird, ist besonders erfreulich. Für die muslimischen Communities in Österreich ist auch ein wichtiges Zeichen, dass sie Muslimin ist. So sieht Integration aus, wie wir sie verstehen als „Integration durch Partizipation“. Das Eintreten gegen Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit wird mit der kultiviert entschiedenen Art Alev Koruns im Parlament einen  wichtigen neuen Impuls erhalten.

Dieser Schritt sollte nur ein Anfang sein. Wir hoffen, dass auch die SPÖ und ÖVP, bzw. die anderen im Parlament vertretenen Parteien diesem Beispiel folgen und kompetente KandidatInnen mit Migrationshintergrund nicht nur zur Zierde an aussichtsloser Stelle reihen. Es sollte zur Normalität werden, dass die Zusammensetzung des österreichischen Parlaments ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Diversität ist.

Wir gratulieren Alev Korun zu ihrem Erfolg und wünschen weiterhin eine gute Zusammenarbeit zum Wohle aller Menschen in Österreich.

Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Tarafa Baghajati

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