TARGET

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TARGET JAHRESBRIEF 2009 samt Textausschnitte

Kurzfilme dazu können Sie auf http://www.target-human-rights.de anschauen.

Ausschnitte aus dem Jahresbrief:

15./16. APRIL 2009 – ADDIS ABEBA

Hundert islamische Geistliche sitzen im großen Konferenzraum des Sheraton-Hotels in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Neun Landesfl aggen an den Seitenwänden zeugen von den Herkunftsländern der Gäste: Äthiopien, Djibouti, Sudan, Somaliland, Mauretanien, Ägypten, Katar, Österreich und Deutschland. Thema dieser illustren Gelehrtenkonferenz, zu der TARGET gemeinsam mit dem Äthiopischen Rat für Islamische Angelegenheiten geladen hatte: „DAS GOLDENE BUCH für Ostafrika“ – Grundlage zur Abschaffung Weiblicher Genitalverstümmelung. TARGET setzt bei seinem Kampf ausschließlich auf die Kraft des Islam – weil 85% der Betroffenen Muslimas sind.

Die Flügeltüren zum Saal schwingen auf, das Lied „Allahu Akbar“ erklingt feierlich über dem Raum. 19 festlich gekleidete Afar-Mädchen tragen ein Transparent zwischen den Reihen von Imamen und Muftis nach vorn. Alle diese Mädchen haben den brutalen Brauch ertragen müssen. Voraus schreitet unser Patenkind Amina, in ihren Händen der Mittelpunkt der Konferenz, TARGETs GOLDENES BUCH. Auf dem Transparent steht die Fatwa von Kairo: „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen, das gegen die höchsten Werte des Islam verstößt.“ Sie ist unterzeichnet von Prof. Dr. Ali Gom’a, Großmufti von Ägypten. Nach der Eröffnung spricht der deutsche Botschafter Dr. Claas Dieter Knoop: „Die Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen gegen die Würde der Frauen. Weibliche Genitalverstümmelung ist ein krimineller Angriff gegen islamische Werte und ist in vielen Ländern, wie auch hier in Äthiopien, bereits unter Strafe gestellt.“ Dann beginnen die Reden der Gelehrten. TARGETs Strategie ist, den obersten Religiösen des Islam eine Plattform zu geben, ausschließlich zu diesem Thema zusammenzukommen, zu diskutieren, die Imame zu sensibilisieren und im Gedankenaustausch letztlich den Schutz der Mädchen durch die Religion zu erreichen. Das Thema ist schwierig und birgt viel Zündstoff in ihren Kreisen. Schon gleich nach den ersten Reden ist die Stimmung angespannt. Die Seite derer, die jede Form von Verstümmelung beenden wollen, sah sich denen gegenüber, die am Brauch festhalten. Filmbeiträge werden gezeigt und sollen zur Klarheit verhelfen: Der Großmufti von Ägypten, Prof. Ali Gom’a, zuständig für islamisches Recht, hatte in einem Fernsehinterview ganz klar Stellung bezogen: „Es ist Haram, Haram, Haram! – Es ist Sünde!“

Sheikh Yusuf Al-Qaradawi aus Katar, der gerade in Afrika sehr gehört wird, schickte sogar ein Grußwort an die Versammlung. Darin bekennt er sich voll und ganz zur Unversehrtheit der Mädchen. Mehr noch, er bittet die Addis-Versammlung, gegen das Verbrechen zu stimmen. Ein elfjähriges Afar-Mädchen, Eri, erzählt vor der Versammlung von ihrer Verstümmelung, unsere Dolmetscherin Ebadi berichtet als Betroffene schonungslos von den entsetzlichen Folgen, unter denen sie und die Frauen ihr Leben lang zu leiden haben. Dennoch – am Ende des ersten Tages für uns die bittere Erfahrung: Alles ist offen. Am zweiten Tag geht es emotionsgeladen weiter. Unser Konferenzleiter Tarafa Baghajati aus Österreich kämpft wie ein Löwe für die Mädchen. Selbst in den Pausen mischt er sich unter die Hardliner und scheut keine Auseinandersetzung. Die Aussagen der höchsten Gelehrten Ali Gom’a und Qaradawi geben ihm die besten Argumente. Er macht uns immer wieder Mut, zuversichtlich zu sein. Schließlich berichtete Prof. Dr. Yusuf Lukman, führender Gynäkologe in der Universitätsfrauenklinik in Addis, von den verheerenden seelischen und körperlichen Schäden für die Mädchen und Frauen. Er spricht als Wissenschaftler und als Moslem. Dann, am späten Nachmittag, geschieht für uns ein Wunder: Die Versammlung spricht sich ohne Gegenstimme für DAS GOLDENE BUCH aus!

In der Schlusserklärung heißt es: „Im Namen Gottes des Erbarmers. Einstimmig wurde nach den Vorträgen und Diskussionen in Addis Abeba beschlossen, dass die Verstümmelung und Schädigung der weiblichen Genitalien durch unsere Religion verboten – „Haram“ (Sünde) – ist, und dass sie gestoppt werden muss. Besser heute als morgen.“ Am 17. April um 11.00 Uhr ist die Premiere: In der Sheikh- Mogolle-Moschee in Addis Abeba wird aus dem GOLDENEN BUCH gepredigt. Die Männer lauschen im Inneren der Moschee und über den Frauen und Mädchen, die sich im Vorhof zum Gebet versammelt haben, ertönte die frohe Botschaft weit in die Stadt hinaus.

Krönender Abschluss für Annette und Rüdiger Nehberg sowie die Teilnehmer der TARGET-Konferenz in Addis Abeba war ein Empfang in der Deutschen Botschaft. „Heute ist ein herausragender Tag für Äthiopien, vor allem für die Frauen in diesem Land und vom Horn von Afrika“, betonte der deutsche Botschafter Dr. Claas Dieter Knoop in seiner Begrüßungsansprache an seine zahlreichen internationalen Gäste. „Es ist gut, dass diese neue Botschaft gegen Weibliche Genitalverstümmelung jetzt hier in Äthiopien über DAS GOLDENE BUCH verbreitet wird“, würdigte Dr. Knoop die Arbeit von TARGET. Und er ergänzte: „Für die Menschen ist es wichtig zu erfahren, dass sie kein Gebot des Islam brechen, wenn sie den Brauch beenden.“

Der Botschafter hob hervor, wie bedeutsam es sei, die Religion mit einzubeziehen: „Das ist TARGET gelungen. Es ist ein erfolgversprechender Weg, den Rüdiger und Annette Nehberg gehen.“

Die Tradition der Weiblichen Genitalverstümmelung ist in Äthiopien nach wie vor weit verbreitet, besonders auf dem Lande. Meist sind dort mehr als 90% der Frauen betroffen. Annette Nehberg überreichte dem Botschafter ein persönliches Exemplar des GOLDENEN BUCHES. Es erhielt einen Ehrenplatz neben dem Äthiopien-Bildband, der das Hilfswerk des ehemaligen Schauspielers Karlheinz Böhm dokumentiert. Nachdem Rüdiger ein paar Worte des Dankes gesprochen hatte, ergriff Haji Babekr Ahmed, ein Gelehrter aus der Gambela- Region (Äthiopien), das Wort. Der hagere alte Mann sagte an die TARGET-Gründer gewandt: „Vielen Dank für diese wichtige Konferenz. Wir haben sehr viel gelernt, und ich sehe es als meine religiöse Pfl icht an, das mir anvertraute Wissen auch weiterzutragen.“

Auch für Dr. Knoop und Gattin war der Empfang im Hinblick auf die Gäste etwas Besonderes. 70 Imame waren selbst für die Deutsche Botschaft ein absolutes Novum. Treff beim Scheich Qaradawi:

Er gilt als der bekannteste Islamgelehrte der Welt, ist 82 Jahre jung, hat Energie wie zwei Vierzigjährige und residiert in Doha (Katar) am Arabischen Golf. Dort hat er als Vorsitzender der „Internationalen Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter“ die renommierte „Islamische Universität“ gegründet. Jede Woche spricht er eine Stunde lang auf Al-Jazeera. Sein Name: Yusuf Al-Qaradawi. Sein Wort hat in der islamischen Welt, gerade auch in Afrika, höchstes Gewicht, seine Rechtsgutachten („Fatwas“) prägen den Islam. Man nennt ihn das „wandelnde Lexikon des Islam“ und „Sprachrohr Afrikas“.

Wenn ein Mensch die Muslime dazu bewegen kann, den blutigen Brauch der Weiblichen Genitalverstümmelung aufzugeben, dann ist es dieser Rechtsgelehrte aus Katar. Auf unserer Internationalen Gelehrten-Konferenz 2006 in Kairo hatte Qaradawi für die bahnbrechende Fatwa gestimmt. Die Weibliche Genitalverstümmelung wurde darin von den Konferenzteilnehmern als „Verbrechen wider höchster Werte des Islam“ geächtet. Auf der Homepage von Yusuf Al-Qaradawi hielt sich dennoch hartnäckig sein alter Standpunkt, dass die Entfernung der Klitoris hinnehmbar sei. Und genau auf diese Homepage beriefen sich Befürworter der Verstümmelung. Für uns war klar: TARGET muss mit Yusuf Al-Qaradawi sprechen. Yusuf Al-Qaradawi ist in der westlichen Welt nicht unumstritten. Er bekommt zurzeit keine Einreisegenehmigung in die USA und die Europäische Union, weil er u.a. den Streit um die in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienenen Mohammed-Karrikaturen massiv forciert hat.

Nach zweijährigem Bemühen war es endlich soweit. Die Einladung nach Doha kam kurzfristig für den 2. März. TARGETs langjähriger Vertrauter, der österreichische Imam Tarafa Baghajati, begleitete Rüdiger als Berater und Übersetzer. Aus den gewährten dreißig Minuten wurden fünf Stunden! Dann hatte Qaradawi seine „Fatwa“ formuliert. Er stand zu seiner

in Kairo geäußerten Meinung und ächtete die Weibliche Genitalverstümmelung als „Teufelswerk“, als Sünde, die ein gläubiger Moslem nicht begehen dürfe. Wörtlich heißt es darin: „Weibliche Genitalbeschneidung ist eine Änderung der Schöpfung Gottes und damit ein von Gott verbotenes Werk des Teufels.“

Rüdiger: „Dass sich Qaradawi so klar geäußert hat, ist ein großer Erfolg. Dass ein 82-jähriger Gelehrter seine lebenslang vertretene Meinung ändert, hat mich Demut gelehrt.“ Dass Gelehrte sich bisher immer wieder für den Brauch ausgesprochen hatten, erklärte der Sheikh mit einem bisher unzureichenden medizinischen Wissensstand. Deshalb hatte TARGET renommierte Mediziner nach Kairo geladen. Diese erklärten unmissverständlich jede Form Weiblicher Genitalverstümmelung als schwersten gesundheitlichen Schaden.

Abschließend sprach der Sheikh ein Grußwort an die Gelehrten unserer Konferenz von Addis Abeba in die Kamera. Dies wurde ein wichtiger Beitrag für deren Gelingen. Drei Tage nach dem Besuch in Doha stand Qaradawis „Fatwa“ auf dessen Homepage. Auf unserer Homepage stehen die Fatwa, der Link zur Qaradawi- Seite („Aktuelles“) und sein Grußwort („Filme“).

TARAFA BAGHAJATI, Österreicher, in Syrien geboren und ein Kämpfer für TARGET und die Mädchen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Von Beruf Bauingenieur lebt er jetzt in Wien, hat die „Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen“ gegründet und ist auch als Imam und Gefängnisseelsorger ehrenamtlich tätig. Er spricht vier Sprachen fl ießend und wurde ein wichtiger Berater von TARGET.

Sein Rede- und Verhandlungsgeschick stellte er 2006 zum ersten Mal in Kairo während TARGETs Azhar-Konferenz unter Beweis. 2009 leitete er unsere Gelehrtenkonferenz mit rund hundert hochrangigen Delegierten der Horn-von-Afrika-Länder in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Dabei ging es darum, den Geistlichen TARGETs GOLDENES BUCH vorzustellen. Mit seinem diplomatischen Geschick und seinem Wissen um die Stärken und Empfi ndlichkeiten seiner geistlichen Brüder gelang es ihm, auch die größten Befürworter der Verstümmelung schließlich für den gemeinsamen Schutz der Mädchen zu gewinnen.

Und es war Tarafa, der Rüdiger Nehberg am 2. März 2009 zum Termin beim Großsheikh Yusuf Al-Qaradawi nach Katar begleitete und das Gespräch zum erhofften Erfolg führte. An dieser Stelle einen herzlichsten Dank auch an Dich, Freund Tarafa, besonders im Namen der Mädchen von Afrika!

Ansprechpartner in Deutschland

Annette Weber, Target (Info, Fotos, O-Töne Nehberg)
info [at] target-nehberg.de

Ansprechpartner in Österreich

Tarafa Baghajati
baghajati [at] aon.at

Hoffnung für die Mädchen Afrikas

In vielen Ländern ist die Genitalverstümmelung weit verbreitet - Abenteurer Rüdiger Nehberg bekämpft sie gemeinsam mit Islamgelehrten

Berlin - In Aishas Haushalt gibt es keine Rasierklingen. Das könnte die 43-Jährige nicht ertragen, ihr Mann benutzt einen Trockenrasierer. Aisha (Name v. d. Red. geändert) lebt heute in Köln, doch das, was ihr im Alter von fünf Jahren angetan wurde, verfolgt sie bis heute. "Mir wurde damals erzählt, es solle ein toller Tag werden", erinnert sich die Frau aus Dschibuti, einem kleinen Wüstenstaat im Nordosten Afrikas. Sie werde ihren Verwandten niemals verzeihen, dass sie sie alle belogen haben. Denn an diesem Tag wurden ihr - mithilfe der Menschen, denen sie am meisten vertraute - die äußeren Genitalien abgeschnitten, dann wurde sie zugenäht. Ein normales Leben wird Aisha nie führen können.

So wie Aisha geht es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 140 bis 150 Millionen Frauen weltweit, täglich werden weitere 8000 Mädchen verstümmelt. Nun gibt es für die nachfolgenden Generationen Hoffnung in Form eines Buchs, in dem Islamgelehrte die Tradition zu dem erklären, was sie ist: ein Verbrechen. Die Tradition existiert seit vielen Tausend Jahren - die brutalste Form, wie sie Aisha erlebt hat, wird auch als "pharaonisch" bezeichnet -, dennoch berufen sich viele Verfechter auf den Islam. Dabei ist im Koran weder von Beschneidung noch von Verstümmelung die Rede.

Rüdiger Nehberg will sich damit nicht abfinden. Der Menschenrechtsaktivist und Survival-Experte aus Rausdorf bei Hamburg durchquerte im Jahr 1977 die Danakil-Wüste im Norden Äthiopiens. Die Bevölkerung dort ist muslimisch. Auf seiner Wüstentour erfuhr der heute 74-Jährige von einer Frau erstmals etwas über Genitalverstümmelung. Der Entschluss, selbst etwas zu unternehmen, reifte bei Nehberg 1999 mit dem Buch "Wüstenblume" von Waris Dirie, einem Nomadenmädchen aus Somalia, das zum Supermodel wurde. "Das hat mich tief berührt, und mir wurde klar, dass das Problem noch viel schlimmer ist, als mir bereits bewusst war." Im Jahr darauf gründete er seine eigene Hilfsorganisation, Target. Nehberg bezieht sich damit auf die islamisch geprägten Regionen mit Verstümmelungspraxis. "Ich kenne den Islam gut, und ich habe die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen in den Ländern dort immer wieder erlebt", sagt Nehberg. Er wolle mit dem Vorurteil aufräumen, der Islam sei nicht dialogfähig.

Männliche Befürworter des Brauchs verweisen gern darauf, dass Männer ja auch beschnitten würden. Dieser Vergleich ist falsch. Zwar wird mancher Frau nur die Klitorisvorhaut entfernt. Meist gehen die Verstümmlerinnen, die alles von Rasierklingen über Glasscherben bis zu Deckeln von Konservendosen benutzen, jedoch viel weiter. So werden meist die äußeren und/oder inneren Schamlippen sowie die Klitoris weggeschnitten. Die Verstümmlerinnen genießen ein hohes Ansehen und verdienen gut.

Bei der pharaonischen Variante geht es noch um etwas anderes: die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Aisha erinnert sich, wie ihre Tanten damals ihrer Mutter zu Hilfe kamen. "Sie setzten sich auf meine Arme und Beine, während mir die alte Frau alles wegschnitt", erzählt Aisha. Ohne Narkose. "Dann wurden mir die Beine zusammengebunden, und ich musste vier oder sechs Wochen so liegen." In dieser Zeit soll die Wunde, die mit einem Faden oder Akaziendornen verschlossen wird, zuwachsen. Ein hineingesteckter Ast oder Strohhalm sorgt dafür, dass eine winzige Öffnung bleibt.

Die Liste der meist lebenslangen körperlichen Folgen ist lang: Das Urinieren kann eine halbe Stunde dauern, die Periode zwei Wochen, es kommt zu Infektionen, oft chronisch. Das führt häufig zu Sterilität. "Und in allen Fällen liegt die Säuglingssterblichkeit deutlich höher, um etwa 55 Prozent", sagt Professor Heribert Kentenich, Chefarzt der Frauenklinik der DRK-Kliniken in Berlin. Manchmal ist eine normale Geburt nicht möglich, doch kein Arzt für einen Kaiserschnitt in der Nähe. Wie viele Mädchen durch die Verstümmelung verbluten, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie viele sich aus Scham und Schmerzen das Leben nehmen.

Bei der "pharaonischen" Variante kommt ein grausamer Aspekt hinzu: In der Hochzeitsnacht müssen die Frauen aufgeschnitten werden, wenn die Öffnung zu klein ist. "Zum Teil geschieht dies durch die Verstümmlerinnen, meistens aber durch die Ehemänner, die Messer und Scheren zu Hilfe nehmen", sagt Kentenich. Häufig verletzten sie dabei Darm oder Blase. Aisha erzählt nur, dass ihre Hochzeitsnacht schlimm gewesen sei, weiter geht sie nicht. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, beide mit Kaiserschnitt in Deutschland geboren.

Mit dem Islam, das will Nehberg zeigen, lassen sich diese Schicksale nicht rechtfertigen. Auch wenn sich immer noch der Mythos hält, entsprechende Anweisungen stünden im Koran. Der Grund sind wahrscheinlich Hadithe, Aussprüche, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden. Nehberg und andere Verstümmelungsgegner hingegen verweisen darauf, dass entsprechende Hadithe unglaubwürdig sind. Außerdem seien die Töchter Mohammeds nicht beschnitten oder verstümmelt gewesen.

Der Aktivist und Abenteurer Nehberg ging auch in seinem neuesten Kampf den direkten Weg. "Ich wollte führende Geistliche des Islam zusammenrufen, damit sie die Genitalverstümmelung verurteilen", sagt Nehberg. Wenn der ehemalige Kampfschwimmer erzählt, ist sein Elan ansteckend. So wurde die Idee im November 2006 Wirklichkeit: An der Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der angesehensten Bildungseinrichtungen der islamischen Welt, kamen die international höchsten Gelehrten des Islam zu einer zweitägigen Konferenz zusammen. Nach teilweise heftigen Diskussionen wurde die weibliche Genitalverstümmelung mit einem Rechtsgutachten (Fatwa) als unvereinbar mit dem Islam geächtet.

Doch wie überbringt man diese Nachricht vielen Millionen Menschen, die häufig in den entlegensten Gegenden leben? Nehberg entwickelte die Idee des "Goldenen Buchs". Es enthält die Fatwa, die Reden der Gelehrten sowie die gängigsten Vorurteile zum Thema und deren Widerlegung - in Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch - sowie die Kernaussagen in Bildern. Tarafa Baghajati, ein in Syrien geborener und in Wien lebender Imam, hält den Ansatz für sehr effizient. "Nichts ist schwieriger, als gegen verfestigte Traditionen anzukämpfen, zumal wenn sie religiös untermauert sind", sagt der 48-Jährige, der ebenfalls an der Konferenz in Kairo teilgenommen hatte. Deshalb sei die Fatwa so wichtig.

Zum Erfolg der Konferenz mag auch Scheich Yusuf al-Qaradawi aus Katar beigetragen haben, obwohl er sein Versprechen von Kairo zunächst nicht einhielt. Qaradawi, der in Ägypten geboren wurde und an al-Azhar studierte, gilt als einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten der Gegenwart. Im Westen wurde er durch seine Verurteilung der Mohammed-Karikaturen und den Boykottaufruf gegen Dänemark bekannt. Auf seiner Homepage tolerierte der 83-Jährige noch lange eine "kleine Form" der Verstümmelung, die Entfernung der Klitoris. "Wir haben ihn immer wieder angeschrieben und angemailt", erzählt Nehberg. Dann, nach insgesamt zwei Jahren, habe der Staatspräsident von Mauretanien kurzfristig einen Termin vermittelt. "Was mich in dem fünfstündigen Gespräch mit Qaradawi am meisten beeindruckt hat, war, dass dieser Gelehrte die Größe aufgebracht hat, seine lebenslang vertretene Meinung zu revidieren." Er wisse, dass Qaradawi umstritten sei, sagt Nehberg. "Aber seine Fatwa wird helfen, immer mehr Frauen vor einem grausamen Schicksal zu retten." Imam Baghajati stimmt dem zu: "Gerade in Afrika gelten die Al-Azhar-Universität und deren Absolventen als erste Instanz."

Nun wird die Nachricht in Form des Goldenen Buchs verbreitet, an Imame, Islamschulen und Gelehrte in Mauretanien, Dschibuti, Äthiopien. Mali, der Sudan, Somaliland und der Tschad sollen folgen. Erste Erfolge sind zu vermelden. Verstümmlerinnen am Rande der Danakil-Wüste ließen sich zu Hebammen umschulen, in der Stadt Barahle haben 60 Mütter bei Allah geschworen, ihre Töchter nicht verstümmeln zu lassen. Wichtig für eine nachhaltige Abschaffung sind auch die Imame, Clanchefs und Bürgermeister. Denn in den Gesellschaften, in denen der Brauch verbreitet ist, gelten unverstümmelte Frauen als unrein und nicht verheiratbar - und fallen damit als Altersversorgung für die Eltern aus. Erst mit einem "Machtwort" von oben kann sich dies ändern.

Das Ehepaar Nehberg wurde für seine Erfolge im Kampf gegen die Genitalverstümmlung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, aber Rüdiger Nehberg geht das alles trotzdem nicht schnell genug. "Zusätzlich möchte ich die Fatwa gern über den TV-Sender al-Dschasira bekannt machen. Meine größte Vision wäre die Verkündung der Fatwa in Mekka, gemeinsam mit dem saudischen König, zur Zeit der großen Hadsch", sagt er mit einem Leuchten in den Augen. Millionen Muslime aus aller Welt, die zum höchsten Heiligtum des Islam nach Saudi-Arabien pilgern - die ideale Plattform. Saudi-Arabien ist eines der konservativsten islamischen Länder, weibliche Beschneidung wird dort jedoch nicht praktiziert.

Aisha ist zuversichtlich. In Dschibuti werde jetzt viel darüber gesprochen, dass Verstümmelung Sünde sei. "Das ist neu, und ich weiß, dass das von Target kommt und von unseren Imamen. Wenn das überall bekannt ist, kann ich vielleicht mit meiner Tochter irgendwann zu meinen Verwandten fahren."

"Galileo Spezial" sendet auf Pro 7 am 20.12.2009 um 19.10 Uhr einen Beitrag über Rüdiger Nehbergs Initiative

Addis Abeba Anti-FGM Konferenz mit IMÖ-Beteiligung

Internationale Konferenz in Äthiopien - "Goldenes Buch" widemt sich dem Thema in mehreren Sprachen

Wien / Addis Abeba - Noch bis morgen, Freitag, findet in Addis Abeba eine islamische Gelehrtenkonferenz zum Thema weibliche Genitalverstümmelung ("Female genital mutilation"; FGM) statt. Die dreitägige Konferenz in Äthiopiens Hauptstadt wurde vom deutschen Menschenrechtsaktivisten Rüdiger Nehberg und seiner Organisation Target ins Leben gerufen.

"Islam gebietet Schutz"

"Viele Gelehrte haben das Thema als solches bisher gar nicht wahrgenommen", erklärt Tarafa Baghajati von der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. Baghajati referiert als einziger muslimischer Europäer bei der Konferenz: "Es gilt klar auszusprechen, dass der Islam den Schutz des menschlichen Körpers gebietet und das Recht der Frau auf eine gesunde, erfüllte Sexualität unterstreicht."

Um diese Botschaft auch möglichst niederschwellig zu verbreiten, wird bei der Konferenz unter anderem ein "Goldenes Buch" präsentiert, das sich dem Thema in mehreren Sprachen widmet. Da es in den Regionen, in denen FGM noch immer weit verbreitet ist, einen hohen Anteil an Analphabeten gibt, auch in Comicform. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD/Printausgabe 16.04.2004)

Anti-FGM Gelehrtenkonferenz in Addis Ababa: FGM ist mit den Grundlehren des Islam unvereinbar und deshalb Sünde

Islamische Gelehrte Ostafrikas öffnen ihre Moscheen für Targets Goldenes Buch

(Hamburg/Addis Abeba, 21.04.2009) Diese von den Hamburgern Rüdiger Nehberg und Annette Weber (TARGET e.V.) ersehnte Verkündung der Botschaft des Goldenen Buches wurde am 17. April beim Freitagsgebet in der Sheikh-Shogolle-Moschee von Addis Abeba vor Hunderten von Gläubigen Wirklichkeit. Sie bedeutet einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Wege zur Beendigung des seit fünftausend Jahren existierenden Verbrechens und verspricht neue Hoffnung für Millionen von Mädchen in Somalia, Sudan, Dschibuti, Äthiopien und Somaliland.

Diese Botschaft ist das Ergebnis einer zweitägigen Konferenz mit islamischen Gelehrten, die von Rüdiger Nehberg und Annette Weber (TARGET e.V.) sowie Sheikh Ahmedin vom Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten Äthiopiens am 15. und 16. April in Addis Abeba veranstaltet wurde. Zu Beginn der Konferenz sprach der deutsche Botschafter Dr. Claas Dieter Knoop. Nach zunächst kontroversen Diskussionen beschlossen die 120 islamischen Geistlichen aus Ostafrika einstimmig, sich kraft der Religion und mit Hilfe des Goldenen Buches für die Abschaffung des Brauchs in ihren Ländern einzusetzen.

Dieses von Target herausgebrachte Werk enthält Kernaussagen der bedeutendsten Islamgelehrten der Welt gegen die Weibliche Genitalverstümmelung. Es soll in alle Moscheen der 35 betroffenen Länder verteilt werden und den Imamen als Grundlage für ihre Predigten dienen. In der Sheikh-Shogolle-Moschee in Addis Abeba wurde das Buch vor Hunderten von Gläubigen in der wichtigen Freitagspredigt am 17. April erstmals öffentlich vorgestellt. Nehberg und Weber: "Uns hat die Begeisterung überwältigt, mit der das Goldene Buch angenommen wurde." - "Schicken Sie uns vorerst 10.000 Bücher, wir werden sie in jede Moschee tragen", sagten die Gesandten aus dem Sudan. Äthiopien orderte 45.000 Exemplare.

In der Konferenz kam es zu hitzigen Diskussionen und starken Emotionen. Vertreter aus Äthiopien und Sudan wollten den Brauch in abgeschwächter Form, der sogenannten. Sunna-Beschneidung beibehalten. "Sunna" meint die Abtrennung von Teilen der Klitoris mit der Begründung, dass dies die Frau ehre. Zwanzig betroffene Mädchen trugen in einer beeindruckenden Zeremonie ein großes Transparent mit dem Rechtsgutachten der ehrwürdigen Al-Azhar zu Kairo in den Saal: "Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen, das gegen höchste Werte des Islam verstößt." Ein elfjähriges Mädchen vom Volk der Afar erzählte offen von ihren grausamen Erinnerungen. Eine Frau schilderte vor der Versammlung von den Qualen der Empfängnis und Geburt. Hochkarätige Referenten aus Theologie und Medizin, Filmbeiträge mit Statements höchster Rechtsgelehrter wie dem Großmufti Ägyptens, Prof. Dr. Ali Gom’a, und Sheikh Prof. Dr. Yusuf al-Qaradawi aus Katar, konnten letztendlich die Zweifler überzeugen, sämtliche Formen der Genitalverstümmelung an Mädchen zu verdammen. "Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien ist "Haram" (Sünde). Sie muss verboten und gestoppt werden – besser heute als morgen", verkündete Imam Tarafa Baghajati aus Wien am Ende des zweiten Konferenztages. Der Österreicher kämpft seit drei Jahren an der Seite von Target.

"Das ist ein Durchbruch. Für die Menschen hier ist es wichtig zu erfahren, dass sie kein Gebot des Islam brechen, wenn sie den Brauch beenden", sagte der deutsche Botschafter bei einem abschließendem Empfang für die Konferenzgäste in seiner Residenz.

In Äthiopien und seinen Nachbarländern wird vor allem die schlimmste Form der Verstümmelung praktiziert - die "Pharaonische Verstümmelung". Dabei werden Klitoris und Schamlippen mit Werkzeugen wie Rasierklingen, Dosendeckeln, Glasscherben und ohne Betäubung abgeschnitten und die Scheide zugenäht. Noch immer sind davon in manchen Regionen mehr als 95% der Frauen betroffen. "Die Menstruation ist ein Problem. Die Heirat ein neues. Die Geburten ein weiteres. Das Leid ist unbeschreiblich", berichtete die Äthiopierin Ebadi Mohamed (31) den Delegierten. Als Beschnittene hatte sie ihren Sohn nur per Kaiserschnitt zur Welt bringen können. Diesen "Luxus" haben Frauen auf dem Lande nicht. „Bei Frauen, die kein Krankenhaus in der Nähe haben, ersticken die Kinder im Leib“, berichtete sie. Der Gynäkologe Prof. Dr. Yusuf Lukman (Uniklinik Addis Abeba) erklärte vor der Versammlung: "Die Mädchenbeschneidung hinterlässt schwere lebenslange körperliche und seelische Schäden und beraubt sie ihrer Würde."

TARGET: Qaradawi schreibt: FGM ist ein Werk des Teufels

Einleitung (IMÖ):

Um eine kurze und eindeutige Stellungnahme (Fatwa) zum Thema „weibliche Genitalbeschneidung“ (FGM) wurde der große muslimische Gelehrte Scheich Yusuf Al Qaradawi von Rüdiger Nehberg (Target) und Tarafa Baghajati (IMÖ) bei einem persönlichen Gespräch am 2. März 2009 in Doha/Qatar gebeten.

In dem über 90 Minuten dauernden Gespräch mit Rüdiger Nehberg und Tarafa Baghajati wurde Scheich Qaradawi darüber hinaus zur ganz praktischen Konsequenz für den Alltag gefragt Viele Muslime in jenen Ländern, wo noch immer die weibliche Genitalbeschneidung praktiziert werde seien der vielen Erklärungen und seitenlangen Fatwas zum Thema müde. Der/die einzelne will aus dem Mund der Gelehrten, die das Vertrauen der Bevölkerung genießen, eine Antwort auf die Frage hören: „Soll ich meine Tochter beschneiden lassen oder nicht?“ und zwar ein einfaches Ja oder Nein. Scheich Qaradawi antwortete: „Diese Frage wird von mir mit einem klaren Nein beantwortet: Lass deine Tochter nicht beschneiden!“.


5. März 2009

Zum Internationalen Frauentag am 8. März

Yusuf al-Qaradawi schreibt Fatwa : „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Werk des Teufels“

Doha/Hamburg

Was Sheikh Yusuf al-Qaradawi, der große Rechtsgelehrte aus Katar, sagt, hat in der gesamten islamischen Welt größtes Gewicht. Er gilt als „Sprachrohr Afrikas“, als „wandelndes Lexikon des Islams“. Weltweit bekannt ist der 82-Jährige nicht zuletzt durch seine wöchentlichen Predigten im arabischen Sender Al-Jazeera. Am 2. März gewährte er dem  Menschenrechtler Rüdiger Nehberg, der seit neun Jahren mit seinem Verein TARGET gegen den mehr als 5000 Jahre alten Brauch der Weiblichen Genitalverstümmelung kämpft, in seiner Residenz in Doha eine Audienz. Das Resultat ist ein verbindliches Rechtsgutachten („Fatwa“). Die wichtigste Aussage darin: „Weibliche Genital­be­schneidung ist eine Änderung der Schöpfung Gottes und damit ein von Gott verbotenes Werk des Teufels.“

„So eindeutig hat Qaradawi bisher noch nie Stellung gegen diese grausame Praxis bezogen,“ freut sich Nehberg. „Auf ihn hören die Völker Afrikas. Er ist der gewichtigste Prediger in der islamischen Welt.“ Sheikh Qaradawi, der auch Vorsitzender der „International Union for Muslim Scholars“ ist, hat ganz klar festgehalten, dass in den Heiligen Schriften des Islams keinerlei Beweise für die Verpflichtung, geschweige denn eine Empfehlung für Weibliche Genital­ver­stümmelung bestünden.

Nehberg wurde begleitet von Imam Tarafa Baghajati aus Wien, Vorsitzender der „Initiative muslimischer ÖstereicherInnen“. Er sprach schon auf der von TARGET initiierten Internationalen Gelehrtenkonferenz in der bedeutungsvollen Azhar-Universität zu Kairo (Nov. 2006). „Diese Fatwa ist von unermesslichem Wert für die betroffenen Frauen. Denn noch immer werden nach einer UNO-Schätzung  täglich 8.000 Mädchen verstümmelt. Qaradawis Wort ist für viele Muslime unerschütterliches Gesetz.“

In der Fatwa heißt es weiter:

„Da die sachliche Untersuchung durch neutrale Experten und Spezialisten, die nicht ihren eigenen Interessen, noch Begehrlichkeiten anderer folgen, bewiesen hat, dass die Weibliche Genitalverstümmelung in ihren vorhandenen Formen dem weiblichen Geschlecht körperliche und seelische Schäden zufügt und das eheliche Leben der Frauen stark beeinträchtigt, muss dieser Brauch gestoppt werden, um diesen Schaden zu vermeiden.“

Viele Gelehrte haben bisher anders geurteilt. Qaradawi erklärt es damit, dass sie bislang nicht die Informationen hatten, die heute zur Verfügung stehen. Ein Rechtsgutachten zu ändern, sei aber jederzeit möglich und nötig, wenn sich der Erkenntnisstand ändert. „Hätten die Gelehrten vor uns das erfahren, was wir jetzt wissen, hätten sie ihre Meinung geändert, da sie immer nach der Wahrheit streben“, schreibt er. Er unterzeichnet seine Fatwa mit den Worten: „Der bescheidene Diener Allahs Yusuf al-Qaradawi“.

Qaradawi zu Nehberg und Baghajati: „Wenn Eltern mich fragen, ob sie ihre Tochter beschneiden lassen sollen oder nicht, gibt es nur eine Antwort von mir: ‚Nein, lass’ deine Tochter nicht beschneiden!’“

Annette Weber, Lebenspartnerin Nehbergs und Mitbegründerin von TARGET: „Das ist zum Internationalen Frauentag das größte je da gewesene Geschenk des Islams an die Mädchen.“

Nähere Informationen

sowie die gesamte Fatwa in Original und Übersetzung und Fotos zum download auf der Homepage http://www.target-nehberg.de,  oben rechts „Medien“.

Ansprechpartner für die Medien

Annette Weber (Info, Fotos, O-Töne Nehberg)
info [at] target-nehberg.de

Thomas Reinecke (Filmmaterial)
thomas.reinecke [at] t-online.de

Ansprechpartner für die Medien in Österreich

Tarafa Baghajati
baghajati [at] aon.at

Yusuf al-Qaradawi schreibt Fatwa: „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Werk des Teufels“

Pressemitteilung vom 5.03.2009

Zum Internationalen Frauentag am 8. März

Doha/Hamburg

Was Sheikh Yusuf al-Qaradawi, der große Rechtsgelehrte aus Katar, sagt, hat in der gesamten islamischen Welt größtes Gewicht. Er gilt als „Sprachrohr Afrikas“, als „wandelndes Lexikon des Islams“. Weltweit bekannt ist der 82-Jährige nicht zuletzt durch seine wöchentlichen Predigten im arabischen Sender Al-Jazeera. Am 2. März gewährte er dem  Menschenrechtler Rüdiger Nehberg, der seit neun Jahren mit seinem Verein TARGET gegen den mehr als 5000 Jahre alten Brauch der Weiblichen Genitalverstümmelung kämpft, in seiner Residenz in Doha eine Audienz. Das Resultat ist ein verbindliches Rechtsgutachten („Fatwa“). Die wichtigste Aussage darin: „Weibliche Genital­be­schneidung ist eine Änderung der Schöpfung Gottes und damit ein von Gott verbotenes Werk des Teufels.“

„So eindeutig hat Qaradawi bisher noch nie Stellung gegen diese grausame Praxis bezogen,“ freut sich Nehberg. „Auf ihn hören die Völker Afrikas. Er ist der gewichtigste Prediger in der islamischen Welt.“ Sheikh Qaradawi, der auch Vorsitzender der „International Union for Muslim Scholars“ ist, hat ganz klar festgehalten, dass in den Heiligen Schriften des Islams keinerlei Beweise für die Verpflichtung, geschweige denn eine Empfehlung für Weibliche Genital­ver­stümmelung bestünden.

Nehberg wurde begleitet von Imam Tarafa Baghajati aus Wien, Vorsitzender der „Initiative muslimischer ÖstereicherInnen“. Er sprach schon auf der von TARGET initiierten Internationalen Gelehrtenkonferenz in der bedeutungsvollen Azhar-Universität zu Kairo (Nov. 2006). „Diese Fatwa ist von unermesslichem Wert für die betroffenen Frauen. Denn noch immer werden nach einer UNO-Schätzung  täglich 8.000 Mädchen verstümmelt. Qaradawis Wort ist für viele Muslime unerschütterliches Gesetz.“

In der Fatwa heißt es weiter:

„Da die sachliche Untersuchung durch neutrale Experten und Spezialisten, die nicht ihren eigenen Interessen, noch Begehrlichkeiten anderer folgen, bewiesen hat, dass die Weibliche Genitalverstümmelung in ihren vorhandenen Formen dem weiblichen Geschlecht körperliche und seelische Schäden zufügt und das eheliche Leben der Frauen stark beeinträchtigt, muss dieser Brauch gestoppt werden, um diesen Schaden zu vermeiden.“

Viele Gelehrte haben bisher anders geurteilt. Qaradawi erklärt es damit, dass sie bislang nicht die Informationen hatten, die heute zur Verfügung stehen. Ein Rechtsgutachten zu ändern, sei aber jederzeit möglich und nötig, wenn sich der Erkenntnisstand ändert. „Hätten die Gelehrten vor uns das erfahren, was wir jetzt wissen, hätten sie ihre Meinung geändert, da sie immer nach der Wahrheit streben“, schreibt er. Er unterzeichnet seine Fatwa mit den Worten: „Der bescheidene Diener Allahs Yusuf al-Qaradawi“.

Qaradawi zu Nehberg und Baghajati: „Wenn Eltern mich fragen, ob sie ihre Tochter beschneiden lassen sollen oder nicht, gibt es nur eine Antwort von mir: ‚Nein, lass’ deine Tochter nicht beschneiden!’“

Annette Weber, Lebenspartnerin Nehbergs und Mitbegründerin von TARGET: „Das ist zum Internationalen Frauentag das größte je da gewesene Geschenk des Islams an die Mädchen.“

Nähere Informationen  sowie die gesamte Fatwa in Original und Übersetzung und Fotos zum download auf der Homepage http://www.target-nehberg.de,  oben rechts „Medien“.

Ansprechpartner für die Medien

Annette Weber (Info, Fotos, O-Töne Nehberg)
info [at] target-nehberg.de

Thomas Reinecke (Filmmaterial)
thomas.reinecke [at] t-online.de

Ansprechpartner für die Medien in Österreich

Tarafa Baghajati
baghajati [at] aon.at

Islam-Konferenz gegen FGM/?sterreichische Mitwirkung/Kairo 22. u. 23. Nov.

Österreichische Mitwirkung an "Islam-Konferenz der Hoffnung" am 22./23. Nov. in Kairo: Stopp der weiblichen Genitalverstümmelung durch Aufklärung und Einfluss muslimischer Gelehrter

Islamische Gelehrte und Fachleute aus 13 Ländern, darunter auch eine Vertretung aus Österreich, treffen sich am 22. und 23. November in Kairo, um über die "düstere Wirklichkeit der Genitalverstümmelung an Frauen und die Haltung des Islam zur Gewalt zu beraten", so Großmufti  Prof. Dr. Ali Goma'a von Al Azhar / Kairo, der die Schirmherrschaft über die Konferenz übernommen hat. Eingeladen hat die deutsche Menschenrechtsorganisation TARGET von Rüdiger Nehberg. Seit 2000 kämpfen er und seine Lebenspartnerin Annette Weber mit der von ihnen initiierten "Pro-Islamischen Allianz gegen Weibliche Genitalverstümmelung" für das Ende dieser Tradition.

Aus Österreich ist der Menschenrechtsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, DI Tarafa Baghajati, eingeladen. Dabei wird er stellvertretend jene Position ausführen, die Scheich Mag. Adnan Ibrahim erfolgreich in einem großen Vortrag im Juni 2005 dargelegt hatte. Der Bericht dazu:  

http://www.derislam.at/islam.php?name=Themen&pa=showpage&pid=171 hatte die deutschen Initiatoren der Veranstaltung veranlasst, Wert auf die Teilnahme aus Österreich zu legen.

Bei diesem Ansatz wird theologisch jede Art von Rechtfertigung in Bezug auf FGM (female genital mutilation) durch eine exakte Analyse aller einschlägigen Quellen als falsch zurückgewiesen. Schlüssig und wirkungsvoll ist der Zugang nicht allein über das Argument „Körperverletzung“, sondern der Einstieg in die Ausführungen über das Recht der Ehefrau auf ein erfülltes Geschlechtsleben. Neben der theologischen Beweisführung wird von Tarafa Baghajati auch der Umgang mit dem Thema aus europäischer muslimischer Sicht erörtert.  

Ziel der Konferenz ist es eine klare und breitenwirksame religiöse Ächtung dieser grausamen Praxis zu erreichen, von der nach Schätzungen weltweit 15 Millionen Frauen betroffen sind. Der Einfluss von Multiplikatoren auf muslimischer Seite erwies sich schon in den vergangenen Jahren als zielführend in der Bewusstseinsbildung gegen FGM. Könnte jetzt im Namen der renommierten Al Azhar und der zur Konferenz versammelten höchsten Gelehrten ein Verbot ausgesprochen werden, wäre dies ein weiterer bedeutender Schritt die Genitalverstümmelung zu unterbinden.

Erreichbarkeit von Tarafa Baghajati: Tel. 0664 521 5 80, Hotel Ramsis in Kairo

Weiterer Rückfragehinweis: Amina Baghajati, Tel. 06991 2381075, baghajati [at] aon.at

Mehr Infos und Fotos unter www.targt-human-rights.com

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