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Muslime melden sich zu Wort

Brief des Tages: Replik auf "Keine Stimme des Bedauerns", Leserbrief, von Pfarrer Wolfgang Pucher, 22. März

Pfarrer Wolfgang Pucher vermisst in einem veröffentlichten Leserbrief eine klare Verurteilung des Mordes an dem irakischen Erzbischof Paulos Faradj seitens der Muslime in Österreich. Nun ist es mir ein Anliegen, dies nicht nur als Muslim, sondern auch als einer, der aus dem Irak stammt, zu tun. Die Behauptung, dass wir uns nie zu Angriffen gegen Kirchen in der islamischen Welt geäußert haben, entspricht nicht der Wahrheit. Es dürften nicht all unsere Stellungnahmen bis zu ihm durchgedrungen sein.

Allerdings sollten wir die Situation im Irak genauer betrachten. Dort herrscht seit dem Einmarsch der US-Truppen vor fünf Jahren ein regelrechter Bürgerkrieg. Opfer sind Muslime und Christen, Araber und Kurden, Sunniten und Schiiten und andere Minderheiten. Jede Gruppe hat einen hohen Blutzoll geliefert und mit vielen Opfern bezahlt. Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht im Schnitt 50 Menschen durch Terrorangriffe ihr Leben verlieren. Wollten wir jede dieser Taten verurteilen, müssten wir fast stündlich solche Meldungen veröffentlichen. So zu tun, als wäre die Situation im Irak eine reine Hetzjagd gegen Christen, ist eine Verkennung der Situation und der Sicherheitslage des Iraks.

Es ist auch eine Frage der Zuständigkeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Als der israelische Minister Liebermann die israelischen Araber "Fünfte Kolonne" nannte und ihren Transfer - ein Euphemismus für ethnische Säuberungen - forderte und die arabischen Knesset-Abgeordneten mit Hamas-Kontakten als Verräter hingerichtet werden sollen; oder als sich in Polen konservative Kräfte Sorgen um die Wertevermittlung des Kinder-TV machten und die Teletubbies verdächtigten, Kindern homosexuelle Verhaltensweisen nahezubringen; oder als der mittlerweile verstorbene US-evangelikaler Hassprediger Pat Robertson zur Liquidation des venezolanischen Staatspräsidenten durch US-Elitesoldaten aufrief, kam niemand auf die glorreiche Idee, die israelitische Kultusgemeinde, die katholische Kirche oder sonst eine andere kirchliche Institution Österreichs aufzufordern, diese Aussagen zu kommentieren oder sich davon zu distanzieren. Und das ist richtig und gut so. Auch als George Bush und seine Evangelikalen mit "christlichem Eifer" sich berufen fühlten, einen "Kreuzzug" zu führen, nahmen wir es nicht als eine christliche Einstellung und forderten niemanden auf, sich mit den Worten "Jetzt reicht's mir" zu distanzieren.

Die IGGiÖ ist eine österreichische Institution, die vor allem die religiösen Belange österreichischer Muslime verwaltet und vertritt. Sie meldet sich selbstverständlich zu FPÖ-Aussagen, wenn diese die Muslime mit Aussagen wie "Daham statt Islam" angreift, oder um Susanne Winters unselige Aussagen zurückzuweisen.

Es dürfte dem Herrn Pfarrer entgangen sein, dass wir nicht zu Demonstrationen gegen die Karikaturen aufgerufen haben und dass wir nach der Regensburger Rede des Papstes zum Tag des Dialogs statt zum Tag des Zornes aufgerufen haben. Die Österreichische Imame-Konferenzen deklarierten sich eindeutig gegen Gewalt und für Religionsfreiheit.

Es ist nicht unsere Aufgabe, wöchentlich Aussagen oder Rülpser Bin Ladens oder von wem auch immer in der Welt zu kommentieren. Unsere Aufgabe ist es, solch extremistisches Gedankengut zu bekämpfen.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi Integrationsbeauftragter der IGGiÖ

 

 

 

Eine Frage der Zuständigkeit

Replik auf den Gastkommentar von Christian Ortner (23. Juni).

Der israelische Minister Liebermann nennt die israelischen Araber "Fünfte Kolonne" und fordert ihren Transfer, ein Euphemismus für ethnische Säuberungen. freigelassene palästinensische Gefangene wolle er mit Bussen an einen Ort bringen, "von dem aus sie nicht zurückkehren" mögen. Und die arabischen Knesset-Abgeordneten mit Hamas-Kontakten sollen als Verräter hingerichtet werden.

In Polen machen sich konservative Kräfte Sorgen um die Wertevermittlung des Kinder-TV. Die Teletubbies sind in den Verdacht geraten, Kindern homosexuelle Verhaltensweisen nahe zu bringen. Diese Frage hat Ewa Sowinska, die polnische Ombudsfrau für Kinder, nun zu einer Untersuchung der Fernsehserie veranlasst.

Pat Robertson, ein 75-jähriger US-evangelikaler Hass-prediger, ruft zum "take out" (Liquidation) des venezolanischen Staatspräsidenten durch US-Elitesoldaten. Dies ist nach seiner fundamentalistisch-christlichen Güterabwägung billiger als ein Krieg.

Niemand kam auf die glorreiche Idee, die israelitische Kultusgemeinde, die katholische Kirche oder sonst eine andere kirchliche Institution Österreichs aufzufordern, diese Aussagen zu kommentieren oder sich davon zu distanzieren. Und das ist richtig und gut so. Wenn allerdings der Religionsminister Pakistans Ijaz-ul-Haq sich zu Rushdie meldet, erwartet Christian Ortner eine sofortige Stellungnahme der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).

Die IGGiÖ ist eine österreichische Institution, die vor allem die religiösen Belange österreichischer Muslime verwaltet und vertritt. Sie meldet sich selbstverständlich zu FPÖ-Aussagen, wenn diese die Muslime mit Aussagen wie "Daham statt Islam" angreift ein Kopftuchverbot fordert.. Und wenn der Irak im Terror zwischen Sunniten und Schiiten versinkt, so ist es wichtig, den hier lebenden Muslimen aller Rechtsschulen eine klare Stellung zu vermitteln. Und wenn wie im vorigen Sommer eine große Anzahl österreichischer Muslime beim Urlaub bei Verwandten im Südlibanon zwischen die Fronten geraten und unter Todesangst festsitzen, so war es selbstverständlich unsere Aufgabe, nicht nur ihnen bei der Evakuierung zu helfen, sondern auch Stellung zu beziehen.

Dass wir selbstbewusst im politischen Diskurs Stellung beziehen, bedeutet nicht, dass wir eine Plattform des Beleidigtseins geworden sind, vielmehr ist es ein Zeichen der Emanzipation und der gelungenen Integration. Es dürfte Ortner entgangen sein, dass wir nicht zu Demonstrationen gegen die Karikaturen aufgerufen haben, und nach der Regensburger Rede des Papstes zum Tag des Dialogs statt zum Tag des Zornes aufriefen. Die drei legendären Imame-Konferenzen, die in Graz und Wien stattfanden, wurden von der IGGiÖ organisiert und die dort verabschiedeten Deklarationen realisiert. Diese waren eben nicht nur Floskeln sondern unaufgeforderte entsprechende öffentliche Gesten.

Es ist nicht unsere Aufgabe, wöchentlich Aussagen oder Rülpser Bin Ladens oder von wem auch immer in der Welt zu kommentieren. Unsere Aufgabe ist es, solch extremistisches Gedankengut zu bekämpfen.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi ist Integrationsbeauftragter der IGGiÖ.

Mittwoch, 27. Juni 2007

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