Hoffnung für die Mädchen Afrikas

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Samstag, 19 Dezember, 2009
Hoffnung für die Mädchen Afrikas

In vielen Ländern ist die Genitalverstümmelung weit verbreitet - Abenteurer Rüdiger Nehberg bekämpft sie gemeinsam mit Islamgelehrten

Berlin - In Aishas Haushalt gibt es keine Rasierklingen. Das könnte die 43-Jährige nicht ertragen, ihr Mann benutzt einen Trockenrasierer. Aisha (Name v. d. Red. geändert) lebt heute in Köln, doch das, was ihr im Alter von fünf Jahren angetan wurde, verfolgt sie bis heute. "Mir wurde damals erzählt, es solle ein toller Tag werden", erinnert sich die Frau aus Dschibuti, einem kleinen Wüstenstaat im Nordosten Afrikas. Sie werde ihren Verwandten niemals verzeihen, dass sie sie alle belogen haben. Denn an diesem Tag wurden ihr - mithilfe der Menschen, denen sie am meisten vertraute - die äußeren Genitalien abgeschnitten, dann wurde sie zugenäht. Ein normales Leben wird Aisha nie führen können.

So wie Aisha geht es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 140 bis 150 Millionen Frauen weltweit, täglich werden weitere 8000 Mädchen verstümmelt. Nun gibt es für die nachfolgenden Generationen Hoffnung in Form eines Buchs, in dem Islamgelehrte die Tradition zu dem erklären, was sie ist: ein Verbrechen. Die Tradition existiert seit vielen Tausend Jahren - die brutalste Form, wie sie Aisha erlebt hat, wird auch als "pharaonisch" bezeichnet -, dennoch berufen sich viele Verfechter auf den Islam. Dabei ist im Koran weder von Beschneidung noch von Verstümmelung die Rede.

Rüdiger Nehberg will sich damit nicht abfinden. Der Menschenrechtsaktivist und Survival-Experte aus Rausdorf bei Hamburg durchquerte im Jahr 1977 die Danakil-Wüste im Norden Äthiopiens. Die Bevölkerung dort ist muslimisch. Auf seiner Wüstentour erfuhr der heute 74-Jährige von einer Frau erstmals etwas über Genitalverstümmelung. Der Entschluss, selbst etwas zu unternehmen, reifte bei Nehberg 1999 mit dem Buch "Wüstenblume" von Waris Dirie, einem Nomadenmädchen aus Somalia, das zum Supermodel wurde. "Das hat mich tief berührt, und mir wurde klar, dass das Problem noch viel schlimmer ist, als mir bereits bewusst war." Im Jahr darauf gründete er seine eigene Hilfsorganisation, Target. Nehberg bezieht sich damit auf die islamisch geprägten Regionen mit Verstümmelungspraxis. "Ich kenne den Islam gut, und ich habe die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen in den Ländern dort immer wieder erlebt", sagt Nehberg. Er wolle mit dem Vorurteil aufräumen, der Islam sei nicht dialogfähig.

Männliche Befürworter des Brauchs verweisen gern darauf, dass Männer ja auch beschnitten würden. Dieser Vergleich ist falsch. Zwar wird mancher Frau nur die Klitorisvorhaut entfernt. Meist gehen die Verstümmlerinnen, die alles von Rasierklingen über Glasscherben bis zu Deckeln von Konservendosen benutzen, jedoch viel weiter. So werden meist die äußeren und/oder inneren Schamlippen sowie die Klitoris weggeschnitten. Die Verstümmlerinnen genießen ein hohes Ansehen und verdienen gut.

Bei der pharaonischen Variante geht es noch um etwas anderes: die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Aisha erinnert sich, wie ihre Tanten damals ihrer Mutter zu Hilfe kamen. "Sie setzten sich auf meine Arme und Beine, während mir die alte Frau alles wegschnitt", erzählt Aisha. Ohne Narkose. "Dann wurden mir die Beine zusammengebunden, und ich musste vier oder sechs Wochen so liegen." In dieser Zeit soll die Wunde, die mit einem Faden oder Akaziendornen verschlossen wird, zuwachsen. Ein hineingesteckter Ast oder Strohhalm sorgt dafür, dass eine winzige Öffnung bleibt.

Die Liste der meist lebenslangen körperlichen Folgen ist lang: Das Urinieren kann eine halbe Stunde dauern, die Periode zwei Wochen, es kommt zu Infektionen, oft chronisch. Das führt häufig zu Sterilität. "Und in allen Fällen liegt die Säuglingssterblichkeit deutlich höher, um etwa 55 Prozent", sagt Professor Heribert Kentenich, Chefarzt der Frauenklinik der DRK-Kliniken in Berlin. Manchmal ist eine normale Geburt nicht möglich, doch kein Arzt für einen Kaiserschnitt in der Nähe. Wie viele Mädchen durch die Verstümmelung verbluten, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie viele sich aus Scham und Schmerzen das Leben nehmen.

Bei der "pharaonischen" Variante kommt ein grausamer Aspekt hinzu: In der Hochzeitsnacht müssen die Frauen aufgeschnitten werden, wenn die Öffnung zu klein ist. "Zum Teil geschieht dies durch die Verstümmlerinnen, meistens aber durch die Ehemänner, die Messer und Scheren zu Hilfe nehmen", sagt Kentenich. Häufig verletzten sie dabei Darm oder Blase. Aisha erzählt nur, dass ihre Hochzeitsnacht schlimm gewesen sei, weiter geht sie nicht. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, beide mit Kaiserschnitt in Deutschland geboren.

Mit dem Islam, das will Nehberg zeigen, lassen sich diese Schicksale nicht rechtfertigen. Auch wenn sich immer noch der Mythos hält, entsprechende Anweisungen stünden im Koran. Der Grund sind wahrscheinlich Hadithe, Aussprüche, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden. Nehberg und andere Verstümmelungsgegner hingegen verweisen darauf, dass entsprechende Hadithe unglaubwürdig sind. Außerdem seien die Töchter Mohammeds nicht beschnitten oder verstümmelt gewesen.

Der Aktivist und Abenteurer Nehberg ging auch in seinem neuesten Kampf den direkten Weg. "Ich wollte führende Geistliche des Islam zusammenrufen, damit sie die Genitalverstümmelung verurteilen", sagt Nehberg. Wenn der ehemalige Kampfschwimmer erzählt, ist sein Elan ansteckend. So wurde die Idee im November 2006 Wirklichkeit: An der Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der angesehensten Bildungseinrichtungen der islamischen Welt, kamen die international höchsten Gelehrten des Islam zu einer zweitägigen Konferenz zusammen. Nach teilweise heftigen Diskussionen wurde die weibliche Genitalverstümmelung mit einem Rechtsgutachten (Fatwa) als unvereinbar mit dem Islam geächtet.

Doch wie überbringt man diese Nachricht vielen Millionen Menschen, die häufig in den entlegensten Gegenden leben? Nehberg entwickelte die Idee des "Goldenen Buchs". Es enthält die Fatwa, die Reden der Gelehrten sowie die gängigsten Vorurteile zum Thema und deren Widerlegung - in Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch - sowie die Kernaussagen in Bildern. Tarafa Baghajati, ein in Syrien geborener und in Wien lebender Imam, hält den Ansatz für sehr effizient. "Nichts ist schwieriger, als gegen verfestigte Traditionen anzukämpfen, zumal wenn sie religiös untermauert sind", sagt der 48-Jährige, der ebenfalls an der Konferenz in Kairo teilgenommen hatte. Deshalb sei die Fatwa so wichtig.

Zum Erfolg der Konferenz mag auch Scheich Yusuf al-Qaradawi aus Katar beigetragen haben, obwohl er sein Versprechen von Kairo zunächst nicht einhielt. Qaradawi, der in Ägypten geboren wurde und an al-Azhar studierte, gilt als einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten der Gegenwart. Im Westen wurde er durch seine Verurteilung der Mohammed-Karikaturen und den Boykottaufruf gegen Dänemark bekannt. Auf seiner Homepage tolerierte der 83-Jährige noch lange eine "kleine Form" der Verstümmelung, die Entfernung der Klitoris. "Wir haben ihn immer wieder angeschrieben und angemailt", erzählt Nehberg. Dann, nach insgesamt zwei Jahren, habe der Staatspräsident von Mauretanien kurzfristig einen Termin vermittelt. "Was mich in dem fünfstündigen Gespräch mit Qaradawi am meisten beeindruckt hat, war, dass dieser Gelehrte die Größe aufgebracht hat, seine lebenslang vertretene Meinung zu revidieren." Er wisse, dass Qaradawi umstritten sei, sagt Nehberg. "Aber seine Fatwa wird helfen, immer mehr Frauen vor einem grausamen Schicksal zu retten." Imam Baghajati stimmt dem zu: "Gerade in Afrika gelten die Al-Azhar-Universität und deren Absolventen als erste Instanz."

Nun wird die Nachricht in Form des Goldenen Buchs verbreitet, an Imame, Islamschulen und Gelehrte in Mauretanien, Dschibuti, Äthiopien. Mali, der Sudan, Somaliland und der Tschad sollen folgen. Erste Erfolge sind zu vermelden. Verstümmlerinnen am Rande der Danakil-Wüste ließen sich zu Hebammen umschulen, in der Stadt Barahle haben 60 Mütter bei Allah geschworen, ihre Töchter nicht verstümmeln zu lassen. Wichtig für eine nachhaltige Abschaffung sind auch die Imame, Clanchefs und Bürgermeister. Denn in den Gesellschaften, in denen der Brauch verbreitet ist, gelten unverstümmelte Frauen als unrein und nicht verheiratbar - und fallen damit als Altersversorgung für die Eltern aus. Erst mit einem "Machtwort" von oben kann sich dies ändern.

Das Ehepaar Nehberg wurde für seine Erfolge im Kampf gegen die Genitalverstümmlung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, aber Rüdiger Nehberg geht das alles trotzdem nicht schnell genug. "Zusätzlich möchte ich die Fatwa gern über den TV-Sender al-Dschasira bekannt machen. Meine größte Vision wäre die Verkündung der Fatwa in Mekka, gemeinsam mit dem saudischen König, zur Zeit der großen Hadsch", sagt er mit einem Leuchten in den Augen. Millionen Muslime aus aller Welt, die zum höchsten Heiligtum des Islam nach Saudi-Arabien pilgern - die ideale Plattform. Saudi-Arabien ist eines der konservativsten islamischen Länder, weibliche Beschneidung wird dort jedoch nicht praktiziert.

Aisha ist zuversichtlich. In Dschibuti werde jetzt viel darüber gesprochen, dass Verstümmelung Sünde sei. "Das ist neu, und ich weiß, dass das von Target kommt und von unseren Imamen. Wenn das überall bekannt ist, kann ich vielleicht mit meiner Tochter irgendwann zu meinen Verwandten fahren."

"Galileo Spezial" sendet auf Pro 7 am 20.12.2009 um 19.10 Uhr einen Beitrag über Rüdiger Nehbergs Initiative

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