Islam in Österreich, kein Grund zum Verstecken!

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Dienstag, 13 März, 2007
Islam in Österreich, kein Grund zum Verstecken!

Das Gastarbeiterimage werden die Muslime in Österreich zunehmend los. Das Ziel endlich selbstverständlich als Bestandteil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden scheint seit 1999 Aufbruchstimmung und Engagement nach dem Motto: „Integration durch Partizipation“. Damals wurde die Führung der Islamischen Glaubensgemeinschaft verjüngt und nach Außen geöffnet. Ein nicht unbeträchtlicher Teil hat die FPÖ mit der damaligen „Überfremdungswahlkampf“ beigetragen. Erstmals schien der Begriff „österreichische Muslime“ keine Utopie, sondern eine Realität mit folgenden Schwerpunkten:

  • Teilnahme im öffentlichen Diskurs durch Medienpräsenz: Nirgendwo gibt es solche hohe muslimische Präsenz in den Mainstream Medien des Landes. Fast überall in Europa müssen sich Muslime ausschließlich mit eigenen Alternativmedien begnügen.
  • Zivilgesellschaftliches Auftreten in der NGO Szene: Gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit aber auch in der Friedensbewegung.
  • Politische Partizipation, nicht nur als Zuschauer, sondern als Gesprächspartner und Mitwirkende im Entscheidungsprozess: Der Wiener Landtag hat drei weibliche und einen männlichen Abgeordneten die sich als Muslime bezeichnen und das ist nicht wenig. Zugegebenermaßen gibt es in den meisten Bundesländern Aufholbedarf.
  • Interreligiöser Dialog: Projektarbeit und nicht nur „Schmusestunden“: und zwar nicht nur zwischen Christentum und Islam, sondern in einer bunten Palette mit Religionen und Weltanschauungen.
  • Innermuslimische Zusammenarbeit und Überbrückung  der ethnischen und kulturellen Differenzen durch die Eigendefinition als „österreichische Muslime“ und die deutsche Sprache als natürliches Kommunikationsmittel: Durch die heterogene Zusammensetzung der Gemeinschaft ist Rassismusbekämpfung und Abbau von Vorurteilen nicht nur Sache der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch ein innermuslimischer Auftrag.

Dies spiegelt sich auch im Vereinsleben wider, etwa bei der Entwicklung der MJÖ „Muslimischen Jugend Österreich“, wo Mädchen und Burschen gemeinsam ihre Schritte abstimmen und Frauen als Führungspersönlichkeiten auch gegenüber jungen Männern keine Seltenheit sind. „Macho“gehabe wird nicht nur theoretisch, sondern im Alttag bekämpft. Mädchen mit und ohne Kopftuch treten gemeinsam auf, das ist auch keine Selbstverständlichkeit.

Und auch bei der Gründung des „Forum Muslimische Frauen Österreich“, die nicht müde werden auch heikle Themen wie Gewalt in der Familie, Zwangsehe, FGM (weibliche Genitalverstümmelung) zu thematisieren und in der Regel auch nichtmuslimische Vortragende einladen. Hier hat Scheich Adnan Ibrahim die Themen „Übernahme von Führungsaufgaben durch Frauen“ und „Reisefreiheit“ theologisch zerpflückt mit dem Ergebnis, jawohl: alle Wege stehen den Frauen offen, nicht zum Gefallen aller anwesenden Männer. Sogar einige traditionsbehaftete Frauen haben sich protestierend zu Wort gemeldet.

Die Imamekonferenzen in Graz 2003, Wien 2005 und 2006 brachten richtungweisende Leitlinien für die Entwicklung der Muslime in Europa und stellten die Kompatibilität des Islam mit Demokratie, Pluralismus, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit in den Vordergrund. Frauenbeteiligung war auch in diesen Konferenzen sichtbar und nicht wegzudenken. In der letzten Erklärung samt Workshops wurden die heißen Eisen angetastet und ausgesprochen. Frauenrechte wurden bestätigt. Antisemitismus wurde ohne wenn und aber verurteilt.

Solche Ergebnisse fallen nicht vom Himmel herab, sondern sind das Ergebnis langjähriger, konsequenter Anstrengung und hauptsächlich ehrenamtlicher Arbeit. Ist somit alles erledigt? Rosen streuen und Vorhang zu? Nein! Wir sind noch am Anfang. Das wichtigste ist die Gewissheit, dass die Richtung stimmt.

Natürlich kann bei einer so rasanten Entwicklung nicht überall gleichzeitig mitgezogen werden. Klar gibt es viele Barrieren, insbesondere sture Traditionen und verfestigte Dogmen, die von Innen für Irritierung sorgen. Ein konvertierter Österreicher erschreckt alle mit einer Bombenattrappe vor dem MJÖ Büro. Seine Begründung: der lasche Kurs ging ihm auf die Nerven. Ein junger Muslim der zweiten Generation will den MuslimInnen Wahlen und Musik verbieten und bezweifelt die Legitimität der IGGiÖ. Beide Personen mit extremistischen Tendenzen waren mit dem „Schmuse und Kuschelkurs“ nicht einverstanden.

Von außen haben sich in den letzten zwei Monaten krude Allianzen gegen die positive Entwicklung gebildet. Auf einmal argumentieren antideutsche Philozionisten auf Punkt und Komma genauso wie die rechtspopulistische FPÖ; manche, zum Glück ganz wenige Journalisten sorgen mit nachweislich falschen Übersetzungen (wie z.B. dass Scheich Adnan Ibrahim dem Papst den Tot gewünscht hätte) und verdrehten Zitaten für Unruhe. Ein als skurriler Sektierer (damit ist die Arbeitsweise gemeint und nicht Sektenanhängerschaft) bekannter österreichischer Konvertit gründet eine Pseudoinstitution und giert mit schrägen Forderungen nach Öffentlichkeit. Heißt das: alles unter den Tisch kehren und zur Tagesordnung gehen. Ganz klar NEIN: Was an diesen Vorwürfen auch ein Kernchen Wahrheit hat ist ernst zu nehmen und zu behandeln. Wer überheblich mit Kritik umgeht wird von der Zeit irgendwann bestraft, bei Minderheiten gilt dieser Grundsatz noch empfindlicher.

Trotz allem ist aber eine gesunde Portion Gelassenheit gefragt. Wofür Österreich überall beneidet wird, sollte allmählich auch in Österreich Anerkennung finden.

Wien, 13.03.2007

Tarafa Baghajati
Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen,
www.islaminitiative.at
Vizepräsident von ENAR - European Network against Racism
www.enar-eu.org

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