TARGET JAHRESBRIEF 2009 samt Textausschnitte

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TARGET JAHRESBRIEF 2009 samt Textausschnitte

Kurzfilme dazu können Sie auf http://www.target-human-rights.de anschauen.

Ausschnitte aus dem Jahresbrief:

15./16. APRIL 2009 – ADDIS ABEBA

Hundert islamische Geistliche sitzen im großen Konferenzraum des Sheraton-Hotels in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Neun Landesfl aggen an den Seitenwänden zeugen von den Herkunftsländern der Gäste: Äthiopien, Djibouti, Sudan, Somaliland, Mauretanien, Ägypten, Katar, Österreich und Deutschland. Thema dieser illustren Gelehrtenkonferenz, zu der TARGET gemeinsam mit dem Äthiopischen Rat für Islamische Angelegenheiten geladen hatte: „DAS GOLDENE BUCH für Ostafrika“ – Grundlage zur Abschaffung Weiblicher Genitalverstümmelung. TARGET setzt bei seinem Kampf ausschließlich auf die Kraft des Islam – weil 85% der Betroffenen Muslimas sind.

Die Flügeltüren zum Saal schwingen auf, das Lied „Allahu Akbar“ erklingt feierlich über dem Raum. 19 festlich gekleidete Afar-Mädchen tragen ein Transparent zwischen den Reihen von Imamen und Muftis nach vorn. Alle diese Mädchen haben den brutalen Brauch ertragen müssen. Voraus schreitet unser Patenkind Amina, in ihren Händen der Mittelpunkt der Konferenz, TARGETs GOLDENES BUCH. Auf dem Transparent steht die Fatwa von Kairo: „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen, das gegen die höchsten Werte des Islam verstößt.“ Sie ist unterzeichnet von Prof. Dr. Ali Gom’a, Großmufti von Ägypten. Nach der Eröffnung spricht der deutsche Botschafter Dr. Claas Dieter Knoop: „Die Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen gegen die Würde der Frauen. Weibliche Genitalverstümmelung ist ein krimineller Angriff gegen islamische Werte und ist in vielen Ländern, wie auch hier in Äthiopien, bereits unter Strafe gestellt.“ Dann beginnen die Reden der Gelehrten. TARGETs Strategie ist, den obersten Religiösen des Islam eine Plattform zu geben, ausschließlich zu diesem Thema zusammenzukommen, zu diskutieren, die Imame zu sensibilisieren und im Gedankenaustausch letztlich den Schutz der Mädchen durch die Religion zu erreichen. Das Thema ist schwierig und birgt viel Zündstoff in ihren Kreisen. Schon gleich nach den ersten Reden ist die Stimmung angespannt. Die Seite derer, die jede Form von Verstümmelung beenden wollen, sah sich denen gegenüber, die am Brauch festhalten. Filmbeiträge werden gezeigt und sollen zur Klarheit verhelfen: Der Großmufti von Ägypten, Prof. Ali Gom’a, zuständig für islamisches Recht, hatte in einem Fernsehinterview ganz klar Stellung bezogen: „Es ist Haram, Haram, Haram! – Es ist Sünde!“

Sheikh Yusuf Al-Qaradawi aus Katar, der gerade in Afrika sehr gehört wird, schickte sogar ein Grußwort an die Versammlung. Darin bekennt er sich voll und ganz zur Unversehrtheit der Mädchen. Mehr noch, er bittet die Addis-Versammlung, gegen das Verbrechen zu stimmen. Ein elfjähriges Afar-Mädchen, Eri, erzählt vor der Versammlung von ihrer Verstümmelung, unsere Dolmetscherin Ebadi berichtet als Betroffene schonungslos von den entsetzlichen Folgen, unter denen sie und die Frauen ihr Leben lang zu leiden haben. Dennoch – am Ende des ersten Tages für uns die bittere Erfahrung: Alles ist offen. Am zweiten Tag geht es emotionsgeladen weiter. Unser Konferenzleiter Tarafa Baghajati aus Österreich kämpft wie ein Löwe für die Mädchen. Selbst in den Pausen mischt er sich unter die Hardliner und scheut keine Auseinandersetzung. Die Aussagen der höchsten Gelehrten Ali Gom’a und Qaradawi geben ihm die besten Argumente. Er macht uns immer wieder Mut, zuversichtlich zu sein. Schließlich berichtete Prof. Dr. Yusuf Lukman, führender Gynäkologe in der Universitätsfrauenklinik in Addis, von den verheerenden seelischen und körperlichen Schäden für die Mädchen und Frauen. Er spricht als Wissenschaftler und als Moslem. Dann, am späten Nachmittag, geschieht für uns ein Wunder: Die Versammlung spricht sich ohne Gegenstimme für DAS GOLDENE BUCH aus!

In der Schlusserklärung heißt es: „Im Namen Gottes des Erbarmers. Einstimmig wurde nach den Vorträgen und Diskussionen in Addis Abeba beschlossen, dass die Verstümmelung und Schädigung der weiblichen Genitalien durch unsere Religion verboten – „Haram“ (Sünde) – ist, und dass sie gestoppt werden muss. Besser heute als morgen.“ Am 17. April um 11.00 Uhr ist die Premiere: In der Sheikh- Mogolle-Moschee in Addis Abeba wird aus dem GOLDENEN BUCH gepredigt. Die Männer lauschen im Inneren der Moschee und über den Frauen und Mädchen, die sich im Vorhof zum Gebet versammelt haben, ertönte die frohe Botschaft weit in die Stadt hinaus.

Krönender Abschluss für Annette und Rüdiger Nehberg sowie die Teilnehmer der TARGET-Konferenz in Addis Abeba war ein Empfang in der Deutschen Botschaft. „Heute ist ein herausragender Tag für Äthiopien, vor allem für die Frauen in diesem Land und vom Horn von Afrika“, betonte der deutsche Botschafter Dr. Claas Dieter Knoop in seiner Begrüßungsansprache an seine zahlreichen internationalen Gäste. „Es ist gut, dass diese neue Botschaft gegen Weibliche Genitalverstümmelung jetzt hier in Äthiopien über DAS GOLDENE BUCH verbreitet wird“, würdigte Dr. Knoop die Arbeit von TARGET. Und er ergänzte: „Für die Menschen ist es wichtig zu erfahren, dass sie kein Gebot des Islam brechen, wenn sie den Brauch beenden.“

Der Botschafter hob hervor, wie bedeutsam es sei, die Religion mit einzubeziehen: „Das ist TARGET gelungen. Es ist ein erfolgversprechender Weg, den Rüdiger und Annette Nehberg gehen.“

Die Tradition der Weiblichen Genitalverstümmelung ist in Äthiopien nach wie vor weit verbreitet, besonders auf dem Lande. Meist sind dort mehr als 90% der Frauen betroffen. Annette Nehberg überreichte dem Botschafter ein persönliches Exemplar des GOLDENEN BUCHES. Es erhielt einen Ehrenplatz neben dem Äthiopien-Bildband, der das Hilfswerk des ehemaligen Schauspielers Karlheinz Böhm dokumentiert. Nachdem Rüdiger ein paar Worte des Dankes gesprochen hatte, ergriff Haji Babekr Ahmed, ein Gelehrter aus der Gambela- Region (Äthiopien), das Wort. Der hagere alte Mann sagte an die TARGET-Gründer gewandt: „Vielen Dank für diese wichtige Konferenz. Wir haben sehr viel gelernt, und ich sehe es als meine religiöse Pfl icht an, das mir anvertraute Wissen auch weiterzutragen.“

Auch für Dr. Knoop und Gattin war der Empfang im Hinblick auf die Gäste etwas Besonderes. 70 Imame waren selbst für die Deutsche Botschaft ein absolutes Novum. Treff beim Scheich Qaradawi:

Er gilt als der bekannteste Islamgelehrte der Welt, ist 82 Jahre jung, hat Energie wie zwei Vierzigjährige und residiert in Doha (Katar) am Arabischen Golf. Dort hat er als Vorsitzender der „Internationalen Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter“ die renommierte „Islamische Universität“ gegründet. Jede Woche spricht er eine Stunde lang auf Al-Jazeera. Sein Name: Yusuf Al-Qaradawi. Sein Wort hat in der islamischen Welt, gerade auch in Afrika, höchstes Gewicht, seine Rechtsgutachten („Fatwas“) prägen den Islam. Man nennt ihn das „wandelnde Lexikon des Islam“ und „Sprachrohr Afrikas“.

Wenn ein Mensch die Muslime dazu bewegen kann, den blutigen Brauch der Weiblichen Genitalverstümmelung aufzugeben, dann ist es dieser Rechtsgelehrte aus Katar. Auf unserer Internationalen Gelehrten-Konferenz 2006 in Kairo hatte Qaradawi für die bahnbrechende Fatwa gestimmt. Die Weibliche Genitalverstümmelung wurde darin von den Konferenzteilnehmern als „Verbrechen wider höchster Werte des Islam“ geächtet. Auf der Homepage von Yusuf Al-Qaradawi hielt sich dennoch hartnäckig sein alter Standpunkt, dass die Entfernung der Klitoris hinnehmbar sei. Und genau auf diese Homepage beriefen sich Befürworter der Verstümmelung. Für uns war klar: TARGET muss mit Yusuf Al-Qaradawi sprechen. Yusuf Al-Qaradawi ist in der westlichen Welt nicht unumstritten. Er bekommt zurzeit keine Einreisegenehmigung in die USA und die Europäische Union, weil er u.a. den Streit um die in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienenen Mohammed-Karrikaturen massiv forciert hat.

Nach zweijährigem Bemühen war es endlich soweit. Die Einladung nach Doha kam kurzfristig für den 2. März. TARGETs langjähriger Vertrauter, der österreichische Imam Tarafa Baghajati, begleitete Rüdiger als Berater und Übersetzer. Aus den gewährten dreißig Minuten wurden fünf Stunden! Dann hatte Qaradawi seine „Fatwa“ formuliert. Er stand zu seiner

in Kairo geäußerten Meinung und ächtete die Weibliche Genitalverstümmelung als „Teufelswerk“, als Sünde, die ein gläubiger Moslem nicht begehen dürfe. Wörtlich heißt es darin: „Weibliche Genitalbeschneidung ist eine Änderung der Schöpfung Gottes und damit ein von Gott verbotenes Werk des Teufels.“

Rüdiger: „Dass sich Qaradawi so klar geäußert hat, ist ein großer Erfolg. Dass ein 82-jähriger Gelehrter seine lebenslang vertretene Meinung ändert, hat mich Demut gelehrt.“ Dass Gelehrte sich bisher immer wieder für den Brauch ausgesprochen hatten, erklärte der Sheikh mit einem bisher unzureichenden medizinischen Wissensstand. Deshalb hatte TARGET renommierte Mediziner nach Kairo geladen. Diese erklärten unmissverständlich jede Form Weiblicher Genitalverstümmelung als schwersten gesundheitlichen Schaden.

Abschließend sprach der Sheikh ein Grußwort an die Gelehrten unserer Konferenz von Addis Abeba in die Kamera. Dies wurde ein wichtiger Beitrag für deren Gelingen. Drei Tage nach dem Besuch in Doha stand Qaradawis „Fatwa“ auf dessen Homepage. Auf unserer Homepage stehen die Fatwa, der Link zur Qaradawi- Seite („Aktuelles“) und sein Grußwort („Filme“).

TARAFA BAGHAJATI, Österreicher, in Syrien geboren und ein Kämpfer für TARGET und die Mädchen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Von Beruf Bauingenieur lebt er jetzt in Wien, hat die „Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen“ gegründet und ist auch als Imam und Gefängnisseelsorger ehrenamtlich tätig. Er spricht vier Sprachen fl ießend und wurde ein wichtiger Berater von TARGET.

Sein Rede- und Verhandlungsgeschick stellte er 2006 zum ersten Mal in Kairo während TARGETs Azhar-Konferenz unter Beweis. 2009 leitete er unsere Gelehrtenkonferenz mit rund hundert hochrangigen Delegierten der Horn-von-Afrika-Länder in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Dabei ging es darum, den Geistlichen TARGETs GOLDENES BUCH vorzustellen. Mit seinem diplomatischen Geschick und seinem Wissen um die Stärken und Empfi ndlichkeiten seiner geistlichen Brüder gelang es ihm, auch die größten Befürworter der Verstümmelung schließlich für den gemeinsamen Schutz der Mädchen zu gewinnen.

Und es war Tarafa, der Rüdiger Nehberg am 2. März 2009 zum Termin beim Großsheikh Yusuf Al-Qaradawi nach Katar begleitete und das Gespräch zum erhofften Erfolg führte. An dieser Stelle einen herzlichsten Dank auch an Dich, Freund Tarafa, besonders im Namen der Mädchen von Afrika!

Ansprechpartner in Deutschland

Annette Weber, Target (Info, Fotos, O-Töne Nehberg)
info [at] target-nehberg.de

Ansprechpartner in Österreich

Tarafa Baghajati
baghajati [at] aon.at

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