IMÖ-Stellungnahme: Kopftuchverbot bis 14 im Regierungsprogramm

IMÖ-Stellungnahme: Kopftuchverbot bis 14 im Regierungsprogramm

Die Antidiskriminierungspolitik der Grünen war für viele Musliminnen und Muslime bestimmend bei den letzten Wahlen den Grünen ihre Stimme zu geben. Umso größer ist die Enttäuschung angesichts des im Regierungsprogramm beschriebenen Kopftuchverbots. Wir rufen in Erinnerung, dass diese populistische Verbotspolitik eine FPÖ-Forderung war, die sogar die ÖVP (und Sebastian Kurz bis 2015) stets kategorisch abgelehnt hatte. Wie auch die kolportierte Sicherungshaft halten wir dieses Verbot für verfassungswidrig.

Tarafa Baghajati
Obmann der IMÖ, Initiative muslimischer Österreicher-innen

IMÖ-Stellungnahme zum antisemitischen Angriff in Halle

IMÖ-Stellungnahme zum antisemitischen Angriff in Halle 

 

Heute sind zwei Menschen einem Angriff unmittelbar neben der Synagoge in Halle zum Opfer gefallen. Als Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen drücken wir unsere Betroffenheit, unser Beileid und vor allem unsere vollste Solidarität aus. Gleichzeitig steigt die Sorge angesichts solcher Gewalttaten um das Klima friedlichen und respektvollen Zusammenlebens und den sozialen Zusammenhalt in Europa. Daher appellieren wir vor allem an politische Verantwortungsträger/innen Maßnahmen zu setzen, die Antisemitismus und jede andere Form des Hasses wirksam entgegenwirken. Von Seiten der Zivilgesellschaft streben wir danach den Dialog zwischen Menschen jüdischen und Menschen muslimischen Glaubens zu intensivieren, um gemeinsam gegen Feindbilddenken anzugehen.

Tarafa Baghajati, Obmann der IMÖ, Initiative muslimsicher Österreicher-innen

Symbolpolitik gegen Abdullah-Zentrum könnte sich rächen

Symbolpolitik gegen Abdullah-Zentrum könnte sich rächen

Der Nationalrat hat beschlossen, das König-Abdullah-Zentrum zu schließen. Das könnte sich als Schuss ins eigene Bein erweisen und dem Ruf Österreichs massiv schaden

Kommentar der anderen / Tarafa Baghajati, Der Standard 17. Juni 2019

 

Im Hauruck-Verfahren hat der Nationalrat am Mittwoch die sofortige Schließung des König-Abdullah-Zentrums für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog, kurz KAICIID, verlangt. Auslöser war die Meldung, Murtaja Qureiris, einem heute 18-jährigen saudischen Staatsbürger drohe die Hinrichtung. Dieser hatte als  Zehnjähriger an einer Demonstration in Saudi Arabien teilgenommen und war anschließend verhaftet worden.

Die Empörung über diesen Fall ist absolut berechtigt. Hier kommen gleich mehrere menschenrechtlich schwerwiegende Dinge zusammen, die nicht einfach hingenommen werden können. Daher sollten schleunigst alle diplomatischen und sonstigen Hebel in Bewegung gesetzt werden, um Murtaja und den anderen Gefangenen in Saudi-Arabien zu helfen.

Möglichkeiten dazu gäbe es: Zahlreiche österreichische Abkommen und Geschäftsbeziehungen mit Riad könnten überprüft werden, bei den Vereinten Nationen könnte Druck gemacht werden.

Was aber macht die hiesige Politik? Sie will das Dialogzentrum KAICIID zusperren, weil Saudi-Arabien dort mit von der Partie ist. Denn Saudi-Arabien ist in der allgemeinen Wahrnehmung längst nicht nur durch den aktuellen Fall abgerutscht in ein Negativimage. Wer dagegen kräftig auftritt, verspricht sich Sympathien. Es geht also vor allem um einen Profilierungsversuch für die Wahlkämpfer. Und es bleibt ein fader Beigeschmack, weil da eher Symbolpolitik betrieben wird, die just jene trifft, die für ein positiv anderes Menschenrechtsverständnis stehen.

Anstatt Saudi-Arabien direkt die Meinung zu sagen (zum Beispiel über die saudische Botschaft in Wien), hat sich die Politik das KAICIID als Sündenbock gegriffen und ihm kurzerhand den Garaus gemacht.

Seit Jahren fokussieren sich weite Teile der österreichischen Politik auf das KAICIID, das ständig als „saudisches Zentrum“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich beim KAICIID eben nicht um eine NGO mit einschlägigem Namen, sondern um eine zwischenstaatliche Organisation. Davon gibt es bekanntlich viele in Der UNO-Stadt Wien.

Im KAICIID-Direktorium sitzen auch keine Ölscheichs, sondern hohe Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften (Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime). Im Rat der Signatarstaaten bestimmen Österreich, Saudi-Arabien und Spanien gemeinsam die Richtung, mit dem Heiligen Stuhl als ständigem Beobachter. Und: Im KAICIID-Sekretariat an der Ringstraße arbeiten rund 60 Leute aus 30 verschiedenen Ländern – die Hälfte davon sind Frauen.

Das ist das Konstrukt, über das sich alle echauffieren. Sieht so ein saudisches Propagandavehikel aus?

Ja, das KAICIID-Budget kommt größtenteils aus Saudi-Arabien. Aber das liegt auch daran, dass Österreich und Spanien sich stets geweigert haben, etwas beizusteuern.

Das KAICIID hat in den letzten sieben Jahren nicht nur große Konferenzen abgehalten, es hat auch praxisnahe und nachhaltige Projekte ins Leben gerufen. Mit dem Muslim-Jewish Leadership Council unterstützt es den jüdisch-muslimischen Dialog, initiiert Programme zur Integration von Flüchtlingen, hat Friedensinitiativen in Krisenherden dieser Welt angestoßen und bemüht sich ernsthaft um Annäherung zwischen den Religionen.

Man kann die Ergebnisse natürlich kritisieren, und es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber was ist denn die Alternative der Kritiker? Wer soll diese Arbeit nun weiterführen? Wird die Republik Österreich einspringen?

Das Votum des Nationalrats war ein Schnellschuss rein destruktiver Natur. Sein scheinbarer Nutzen ist nur im engen innenpolitischen Interesse angesiedelt: Man wischt einem allseits unbeliebten Land etwas aus und möchte so bei der eigenen Anhängerschaft punkten.

Der Beschluss ist eine Ersatzhandlung, die in erster Linie dazu dient, das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Schaut her, wir haben gehandelt, können die Parteichefs jetzt ihren Wählern zurufen.

Das wird aber Murtaja Qureiris und den vielen anderen Verfolgten in Saudi-Arabien wenig helfen. Es wird nicht dazu beitragen, dass sich die Menschenrechtslage dort verbessert. Es wird nicht die reformorientierten Kräfte in Riad stärken, die eine Öffnung des Landes wollen, die ernsthaft den Dialog suchen.

Die unvermittelte Schließung des Zentrums ist auch ein Affront gegenüber Spanien und dem Heiligen Stuhl. Natürlich steht es Österreich frei zu entscheiden, aus dem Projekt KAICIID auszusteigen, dem Zentrum seine Akkreditierung in Wien zu entziehen. Nur: Cui bono, wem nützt das?

Es wäre schön gewesen, hätten die Politiker/innen vorab mit den Betroffenen geredet, sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt, um zu besprechen, wie man das KAICIID reformieren könnte. Den Namen des Zentrums hätte man diskutieren können, seine Finanzierung auch.

Nur war der Wille dafür in der aufgeheizten innenpolitischen Stimmung in Österreich schlicht nicht da. Man hat sich schon zuvor gerne zurückgehalten und zugelassen, dass das KAICIID von interessierten Kreisen als Projektionsfläche benutzt wurde, um Saudi-Arabien zu kritisieren, ohne es direkt anzusprechen.

Das ist keine ehrliche Politik. Die populistische Form der Diplomatie, wie sie im Beschluss des Nationalrats deutlich zum Ausdruck kommt, ist nicht zielführend, und sie schadet dem internationalen Ruf Österreichs.

Man muss es deutlich sagen: Österreich war dem KAICIID kein wirklich guter Gastgeber. Es wäre daher gut, wenn man das Zentrum jetzt nicht einfach zusperrt, sondern das Gespräch sucht und als ein echtes Gründungsmitglied agiert. Denn interreligiöser Dialog ist nicht nur von zentraler Bedeutung für den Frieden in der Welt, er sollte auch ein Aushängeschild Österreichs sein.

 

Dipl.- Ing. Tarafa Baghajati

Obmann der IMÖ, Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Vorstandsmitglied von MJLC Muslim-Jewish Leadership Council in Europe

 

Link zum Original:

 

https://www.derstandard.at/story/2000104958978/symbolpolitik-gegen-abdullah-zentrum-koennte-sich-raechen

 

 

 

"Musliminnen am Wort" - Deklaration muslimischer Frauen

Musliminnen am Wort:

Gegen jede Verbotspolitik auf unseren Köpfen!

Für unser Selbstbestimmungsrecht!

Und die volle Teilhabe an einer pluralen Gesellschaft!

Österreich war über viele Jahrzehnte auf der Basis des Islamgesetzes von 1912 bzw. der IGGÖ seit 1979 ein Vorbild für eine erfolgreiche Politik im Umgang mit der muslimischen Bevölkerung. Dieser bewährte Stil droht dem gegen­wärtigen politischen Diskurs zum Opfer zu fallen. Diese Abkehr vom bewährten Kurs ist ein demokratiepolitisch falsches Signal.

Mit dieser Deklaration von Musliminnen aus allen Teilen der Bevölkerung melden wir uns zu Wort, um vor den negativen gesamtgesell­schaft­li­chen Folgen für das Zusammenleben in Österreich und dem Verlust von Ansehen in Europa und international zu warnen.

Den Beginn der Menschenrechtserklärung von 1948 stellen wir unserer Deklaration voran:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Geschwisterlichkeit begegnen.“

Aufgrund der Analyse des derzeitigen Diskurses halten wir fest:

  • Unsere Köpfe sind keine Werbefläche! Schluss mit Projektio­nen islamfeindlicher Tendenzen auf das Kopftuch!
  • Was das Kopftuch für eine Frau ausdrückt, bestimmt die Trägerin selbst!
  • Muslimische Identität soll für Frauen nicht auf das Kopftuch­tragen zugespitzt bzw. beschränkt werden!

Wir wenden uns gegen in Umlauf befindliche Narrative und definieren uns selbst:

  • Wir muslimische Schülerinnen und Studentinnen sind Zukunfts­trägerinnen!
  • Wir muslimische Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen fördern den sozialen Zusammenhalt!
  • Wir muslimische Mütter rücken das Kindeswohl in den Mittel­punkt!
  • Wir Lehrerinnen und Moscheepädagoginnen stärken Mädchen in ihrer Persönlichkeit!

Wir fordern von der Politik:

  • Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen:
    • Keine Verbotspolitik auf unseren Köpfen!
    • Kein Eingriff in die Religionsfreiheit!
    • Keine Diskriminierung durch eine Lex Islamica mit expliziten Verboten für Musliminnen!
    • „Schutzverständnis“ darf weder zu Bevormundung, noch zu Entmündigung führen!
       
  • Respekt vor dem Kindeswohl:
    • Anerkennung der Erziehungsarbeit muslimischer Eltern und Kooperation mit ihnen statt pauschaler Verunglimpfung!
    • Fokus auf den gesamtgesellschaftlichen Handlungsbedarf im Sinne des Kindeswohls (Herausforderungen wie etwa Gewalt in der Familie, Verwahrlosung, Sucht oder Scheidungswaisen) und die daraus folgende politische Verantwortung in der Bereitstel­lung dringend notwendiger Ressourcen für Hilfsangebote!
    • Chancengleichheit für Kinder und Schutz vor abwertendem oder gar übergriffigem Verhalten ihnen gegenüber; Beachtung der Kinderrechte (Kinderrechtskonvention von 1992, bes. Art. 14)!
       
  • Übernahme von politischer Verantwortung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt:
    • Entgegenwirken bei Feindbilddenken und Polarisierung!
    • Schutz vor jeglicher Diskriminierung!
    • Ausschöpfung der bestehenden Rechtslage im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes!
       
  • Frauenpolitik, die Musliminnen auf gleicher Augenhöhe einbezieht:
    • Mit uns reden, statt über uns!
    • Anerkennung der persönlichen Entscheidung, das Kopftuch zu tragen oder nicht zu tragen!
    • Schluss mit negativen Zuschreibungen und Unterstellungen, um letztlich Diskriminierung zu rechtfertigen!
       
  • Integration von Musliminnen in den Arbeitsmarkt:
    • Fokus auf die Qualifikation von Frauen und nicht auf das Kopf­tuch oder den fremdländisch klingenden Namen!
    • Vorbildwirkung des Staates als Arbeitgeber in der Umsetzung der EU-Antidiskriminierungsrichtlinie (in Österreich ab 1. Juli 2004 implementiert)!
    • Empowerment im Bildungsbereich muss den vollen Zugang zum Arbeitsmarkt – gerade bei höheren Bildungsabschlüssen –  mit­einschließen!

Wir fordern innerhalb der muslimischen Community:

  • Verwirklichung der Beschlüsse der Imamekonferenzen  von 2003, 2006 und 2010:
    • Mehr Teilhabe und Mitsprache von Frauen in der Organisation und Führung muslimischer Vereine und Institutionen!
    • Die Rolle der Frauen als Bildungsträgerinnen stärken und diese in den innermuslimischen Diskurs vermehrt einbeziehen!
    • Die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie!
    • Aktives Eintreten gegen Benachteiligung von Frauen und bei Gewalt gegen Frauen!
       
  • Stärkung von Männern, die sich für Frauenrechte einsetzen!
     
  • Keine Ablenkung von den aktuellen vielfältigen politischen Herausforderungen und dem entsprechenden Handlungsbe­darf durch das Kopftuchthema!
     
  • Frauen allein kommunizieren über das Tragen des Kopf­tuchs!

Erläuternde Bemerkungen
 

  1. Analyse

    Die oben genannten Forderungen entspringen einer Analyse des derzeitigen Diskurses:

  • Es wird mehr über uns muslimische Frauen als mit uns geredet.
     
  • Wir haben es satt, als Opfer hingestellt und bemitleidet zu werden. Egal ob wir Kopftuch tragen oder nicht erleben wir im derzeitigen gesellschaftlichen Klima Druck. Wir sehen uns als selbstständige Akteurinnen und verwahren uns gegen selbsternannte „Befreier“ und „Beschützer“. Besonders zynisch empfinden wir es, wenn man uns, sobald wir Diskriminierungserfahrungen öffentlich machen, auch noch unterstellt, uns in der „Opferrolle verstecken zu wollen“.
     
  • Die immer wiederkehrenden Kopftuchdebatten lenken von den eigentlichen gesell­schaft­li­chen Problemen ab und werden somit politisch instrumentalisiert. Polarisierung droht.
     
  • Aus frauenpolitischer Sicht warnen wir eindringlich davor, dass durch die Fokussie­rung auf das Kopftuch unterstellt wird, nur bei „den anderen, den Muslimen“ würden patriarchale Zustände vorherrschen. Jedoch sind gesamtgesellschaftlich Verbesserun­gen auf dem Weg zu allgemeiner Chancengleichheit und Geschlechter­gerechtigkeit immer noch notwendig, wie auch das Frauenvolksbegehren zeigt.
     
  • Verbotspolitik steht im Widerspruch zum Prinzip der Mündigkeit und der Emanzipa­tion von Frauen. Es ist auffällig, dass die Forderung eines Kopftuchverbotes in der Politik am lautesten von Männern erhoben wird. Die angebliche „Befreiung“ der Frauen mündet im Falle von Kleidervorschriften wieder in der Bevormundung. Somit unterscheidet sich jemand, der zum Kopftuch zwingen will, nicht von jemandem, der es verbieten will. Bei der Entscheidung steht Selbstbestimmung im Vordergrund und diese ist zu respektieren.
     
  • Musliminnen werden einerseits als „Integrationsmotor“ beschrieben (z.B. Studie von Zulehner, 2013) mit der Betonung, dass sie als role models traditionelle patriarchale Rollenbilder aufbrechen. Genau das leben wir auch. Andererseits schafft die Verbots­politik Sanktionen, die sich pauschal gegen alle muslimischen Frauen richten.
     
  • In Zeiten brüchiger eigener Identitäten haben manche politischen Gruppen leichtes Spiel, ihr Selbstbild über die Abgrenzung von anderen scheinbar zu festigen und zunehmende Risse in der Gesamtgesellschaft zu überdecken. Das Kopftuch scheint sich dazu in seiner öffentlichen Sichtbarkeit als Projektionsfläche gut anzubieten.
     
  • Eine angeblich bedrohliche Andersartigkeit der Kopftuchträgerinnnen wird konstru­iert. Das verstellt den Blick darauf, dass sich eine Kopftuchträgerin in ihren Anliegen nicht von anderen Frauen unterscheiden muss: Etwa in ihrem Streben nach einer geschlechtergerechten Gesellschaft, in der die volle Chancengleichheit von Männern und Frauen gewahrt ist.
     
  1. Forderungen

Diese konstruierte „bedrohliche Andersartigkeit“ bedarf der Dekonstruktion!

Ob wir nun Kopftuch tragen oder nicht, lehnen wir grundsätzlich islamfeindliche Projektionen auf dieses Kleidungsstück ab. Die Sichtbarkeit des Kopftuchs ist gegeben. Aber wir wehren uns entschieden dagegen, dass auf unseren Köpfen Politik betrieben und gesellschaftlicher Zwiespalt geschürt wird. Wir lassen uns nicht zur Litfaßsäule von Botschaften machen, die wir ablehnen. Wir fordern:

Unsere Köpfe sind keine Werbefläche – Schluss mit Projektionen auf das Kopftuch!

  • Die muslimische Identität soll sich für Frauen nicht auf das Kopftuch­tragen zuspitzen!
    Viele muslimische Frauen tragen kein Kopftuch. Wir Musliminnen lassen uns nicht gegenei­nander ausspielen oder gar spalten, sondern sind solidarisch miteinander.  Ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht, sagt nicht automatisch etwas darüber aus, ob sie eine „gute Musli­min“ ist. Genauso wenig erlaubt es eine Schlussfolgerung, ob sie „konservativ“ oder „liberal“ ist. Eine Deutungshoheit über die Religiosität einer Frau kommt keinem Menschen zu. Auch hier sind die Gründe sehr individuell. Eine Rechtfertigung für das Nicht-Kopftuchtragen entfällt!
     
  • Was das Kopftuch für sie ausdrückt, bestimmt die Trägerin selbst!
    Die Definitionshoheit über das Kopftuch liegt bei der Trägerin selbst. So vielfältig die Arten des Kopftuchtragens sind, so unterschiedlich können auch die Motivationsgründe und die individuellen Sinnzuschreibungen sein.

    Gemeinsam ist Frauen, die sich für diese Kopfbedeckung entschieden haben, der religiös-spirituelle Zugang in ihrer Lebensgestaltung. Darüber hinaus haben sie viele individuelle Gründe. Eine Rechtfertigung für das Kopftuchtragen entfällt!
     

  • Schluss mit der Zuschreibung, das Kopftuch sei „fremd“!
    Der Islam ist seit 1912 eine in Österreich anerkannte Religion. Österreich ist Heimat - für Musliminnen mit Staatsbürgerschaft, viele von ihnen bereits hier geboren und aufgewachsen, wie für jene, die hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben.
     
  • Schluss mit der Verdächtigung, das Kopftuch sei ein „Zeichen der Abgrenzung“!
    Wir sehen uns als Teil der Gesellschaft und treten – sei es im Berufsleben oder im Alltag – für das Allgemeinwohl ein. Wie sich eine Frau kleidet, ist allein ihre Entscheidung. Unabhängig von ihrem Kleidungsstil verdient sie die gleiche Achtung und den gleichen Zugang zu Ressourcen. Wir stehen für den sozialen Zusammenhalt. Frauensolidarität mit dem gemein­samen Ziel der Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen und alle benachteiligten Gruppen ist uns ein entschiedenes Anliegen.
     
  • Schluss mit der Unterstellung, das Kopftuch sei ein „politisches Symbol“ oder gar ein Zeichen des „politischen Islam“
    Wir haben untereinander vielfältige politische Anschauungen. Von einem Kopftuch kann man noch lange nicht auf die politische Orientierung der Trägerin schließen. Unsere politische Teilhabe – etwa in Ausübung des Wahlrechtes – bezieht sich vor allem auf die Zukunft unse­res Lebensmittelpunktes Österreich. Wir stehen auf dem Boden des demokratischen säkularen Rechtsstaates. In der österreichischen Ausprägung eines Kooperationsmodells zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaf­ten sehen wir die Religionsfreiheit und die persönliche Freiheit jeder einzelnen Person gewahrt. Wir sehen uns als Verteidigerinnen dieses Modells und sind uns darin mit vielen Frauen anderer Religionsgemeinschaften einig.
     
  • Schluss mit der Behauptung, das Kopftuch sei das „Symbol der Unterdrückung“!
    Als Musliminnen treten wir selbstbewusst für unsere Rechte ein. In unserem Islamverständnis sind Frauen und Männer mit der gleichen Verantwortlichkeit ausgestattet. Patriarchale Bevormundung egal welcher Couleur lehnen wir ab.
     
  • Schluss mit der Sexualisierung des Kopftuchs!
    Wir sind überzeugt, dass Männer sich allen Frauen gegenüber respektvoll zu verhalten haben, unabhängig von ihrem Kleidungsstil. Es ist eine unzulässige Umkehr des Verhältnisses Täter - Opfer will man Frauen, gegen die Männer übergriffig werden, aufgrund ihres Kleidungsstils die Schuld für den männlichen Übergriff zuschieben. Frauen sind Subjekte und keine Objekte!
     
  • Schluss mit der pauschalen Abwertung der religiösen Kopfbedeckung!
    Durch das Bündel an ideologischen Zuschreibungen wird das Kopftuch als Kleidungsstück „verdächtig“ gemacht und damit zugleich die Trägerin selbst. Sie wird dann beschuldigt, die mit dem Kopftuch verbundenen negativen Assoziationen bewusst mitzutragen oder sich dafür missbrauchen zu lassen. Dies wiederum führt dazu, Diskriminierung gegen Kopftuchträgerin­nen zu rechtfertigen, angeblich um die „eigenen Werte“ zu verteidigen. Dadurch entstehen Gräben, wo keine sein müssten. Es geht auch nicht, von außen das muslimische Kopftuch an sich als „diskriminierend“ hinstellen zu wollen, um damit Verbotsforderungen einen liberalen Anstrich zu geben.
     
  1. Das eigene Rollenverständnis

    Selbstverständnis und Außensicht klaffen in der Wahrnehmung muslimischer Frauen dras­tisch auseinander. Daher ist es uns ein Anliegen, zentrale Aspekte unseres sozialen Rollenver­ständnisses selbst zu erklären:

  • Wir muslimische Schülerinnen und Studentinnen sind Zukunftsträgerinnen!
    Entsprechend unseren Interessen besuchen wir verschiedenste Schulen und Universitäten, um in der Gesellschaft und im Berufsleben unseren gleichberechtigten Platz einzunehmen:
     
    • Mit allen unseren Potenzialen gestalten wir Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft mit.
    • Wir sind vollständig integriert, partizipieren auf allen Ebenen der Gesellschaft und erwarten uns Chancengleichheit. Als vollwertiger Teil der Gesellschaft wollen wir als solcher wahrgenommen werden.
    • Wir erleben uns selbst als Brückenbauerinnen in vielfältiger Hinsicht, denn wir bringen entsprechende Kompetenzen mit. Als eine davon ist unsere Mehrsprachigkeit ein Gewinn für die Gesellschaft.
       
  • Wir muslimische Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen fördern den sozialen Zusammenhalt!
    Wir sehen uns als wichtige Akteurinnen nicht nur für die Prosperität Österreichs, sondern auch für den sozialen Zusammenhalt:
     
    • Denn wir leben am Arbeitsplatz jene Diversität, die Österreich immer geprägt hat und zunehmend prägt. Dabei
      wird deutlich, dass in dieser Diversität eine Stärke für den Betrieb liegt, und dass in einem guten Team alle auf gleicher Augenhöhe kooperieren.
    • Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es oft sehr schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu finden. Dabei haben es Trägerinnen eines muslimisch klingenden Namens nicht leicht, für Kopftuchträgerinnen ist es noch weitaus schwieriger.
    • Haben wir erst einmal die Gelegenheit erhalten zu arbeiten, wird schnell klar, wo unsere Stärken liegen, u.a.: in unserer vielfältigen Kulturerfahrung, die es uns leicht macht, auf andere Menschen zuzugehen; wir sehen keinen Widerspruch zwischen Glauben und Karriere, keinen Widerspruch zwischen Leistung und Weiblichkeit, keine Grenzen zwischen Spiritua­lität und z.B. einer Managementfunktion.
    • Wir erleben die gleichen Herausforderungen wie andere berufstätige Frauen, vor allem wenn sie Familie haben: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Frage der Kinderbetreuung. Gleichzeitig wollen wir als Vorbilder innerhalb der eigenen Com­munity wirken und dies nutzen, um einen positiven gesellschaftlichen Wandel in Richtung voller Geschlechtergerechtigkeit mitzutragen.
       
  • Wir muslimische Mütter rücken das Kindeswohl in den Mittelpunkt!
    Als Mütter – ob mit oder ohne Kopftuch – ist uns bei unserer Erziehung folgendes wichtig:
    ​​​​​​​
    • Liebe und Zuneigung - gegenüber Buben oder Mädchen - sind Basis unserer Eltern­schaft.
    • Unsere Töchter und Söhne sollen sich zu selbstbestimmten Frauen und Männern entwickeln können, die mit Optimismus und Tatendrang durchs Leben gehen und dabei ihr Glück und ihre Erfül­lung finden.
    • Unsere Töchter und Söhne erziehen wir zu selbstbestimmten Persönlichkeiten, welche die Gleich­wer­tigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter leben.
    • Wir zeigen unseren Kindern, dass gute Charaktereigenschaften wie Fähigkeit zu Empathie, Mut, Geduld, Hilfsbereitschaft und Fleiß allgemeine menschliche Tugenden sind und nicht geschlechtsspezifisch zu definieren sind.
    • Wir geben unseren Kindern notwendige Freiräume für ihre spirituellen und individuel­len Erfahrungen auf dem Weg zur Selbstfindung.
    • Wir sind gegen jede Art von Zwang. Unser verfassungsmäßig garantiertes Erziehungs­recht legen wir so aus, unsere Kinder darin zu unterstützen, mit zunehmender Reife eigene mündige Entscheidungen treffen zu können und diese dann auch vor sich und anderen zu vertreten. Damit liegt die Entscheidung über das Kopftuchtragen bei den Mädchen selbst.
    • Wir sehen die UN-Kinderrechtskonvention (1992) mit ihren wesentlichen Prinzipien als für unser erzieherisches Handeln verbindlich an. Diese Prinzipien können wir auch aus unserem religiösen Verständnis ableiten: Das Recht auf Gleichbehandlung, der Vorrang des Kindeswohls, das Recht auf Leben und Entwicklung und nicht zuletzt die Achtung vor der Meinung des Kindes.
    • In unserer Werteerziehung zeigen wir die Vereinbarkeit einer Identität als muslimisch und zugleich österreichisch-europäisch auf.
       
  • Wir Lehrerinnen und Moscheepädagoginnen stärken Mädchen in ihrer Persönlichkeit!
    ​​​​​​​Als Lehrerinnen an österreichischen Schulen oder Theologinnen und Moscheepädagoginnen (Muallimat) vermitteln wir folgende Prinzipien:
     
    • Das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit ist aus den muslimischen Quellen abzulei­ten.
    • Wir laden ein, über bestehende Widersprüche zwischen Religion und Tradition zu reflektieren.
    • Wir zeigen auf, wie schädliche Traditionen (harmful traditions) auch aus einer islami­schen Argumentation heraus überwunden werden können.
    • Auch wir diskutieren männliche und weibliche Rollenbilder und wie sich diese gesellschaft­lich in Richtung Geschlechtergerechtigkeit verändern können. Gleichzeitig machen wir jungen Menschen Mut, ihre eigene Rolle und ihren eigenen Weg in der Gesell­schaft zu suchen und zu finden.
    • Wir geben jungen Menschen eine spirituelle Verankerung, indem wir Selbstvertrauen in eine Verbindung mit Gottvertrauen stellen.
    • Wir zeigen auf, dass die Werte von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Menschenrechten mit unserem Islam vereinbar sind, ja aufgrund kundiger Auslegung dessen Geist entsprechen.

Die Deklaration wurde mit der Initiative „Musliminnen am Wort“ im Mai 2018 unter der Projektleitung von Carla Amina Baghajati und Zeynep Elibol ins Leben gerufen. Zum Zeitpunkt der öffentlichen Präsentation am 12. März 2019 hatte sie bereits tausende Unterzeichnerinnen.

Rückfragehinweis:

baghajati [at] derislam.at

zeynep.elibol [at] derislam.at

Muslimische Frauen: "Misstrauen in die Politik ist groß"

Zeynep Elibol, Studentin Feyza Cesur und Carla Amina Baghajati präsentieren die Deklaration am Dienstag.

Muslimische Frauen: "Misstrauen in die Politik ist groß"

In der Deklaration "Musliminnen am Wort" pochen Tausende Frauen auf ihr Selbstbestimmungsrecht - auch punkto Kopftuch.

"Wir müssen lauter werden, denn im Moment werden wir nicht gehört", erklären Carla Amina Baghajati und Zeynep Elibol. Mit "wir" meinen die Leiterin des Schulamts der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) und die Direktorin der islamischen Fachschule für soziale Bildung Musliminnen in Österreich. Diese seien unzufrieden mit der Stimmung im Land, fühlten sich gemobbt, entmündigt und bevormundet. Diskussionen über etwaige Kopftuch-Verbote beschäftigen sie ebenso wie der Kampf für mehr Mitsprache innerhalb der muslimischen Community. Darum will man nun mit der Deklaration "Musliminnen am Wort" - sozusagen dem muslimischen Pendant zum Frauenvolksbegehren - an die Öffentlichkeit treten.

Musliminen wollen für mehr Rechte kämpfen

In der Erklärung, die die Projektleiterinnen Baghajati und Elibol am 12. März präsentieren, pochen die Frauen auf ihr Selbstbestimmungsrecht. Sie sprechen sich gegen "eine Verbotspolitik auf unseren Köpfen" aus. Mit Projektionen auf das Kopftuch müsse endlich Schluss sein, heißt es in Richtung der Bundespoltik: Das Kopftuch bedeute nicht, dass eine Frau bevormundet werde, konservativ, fremd oder integrationsunwillig sei. Und es sei auch kein politisches Symbol oder gar Zeichen des "politischen Islam". Die Behauptung der Politik, Musliminnen vor Bevormundung schützen zu wollen, dürfe nicht zu deren Entmündigung führen. Denn was das Kopftuch ausdrücke, entscheide allein die Trägerin selbst.

Forderungen

Weiters müsse die österreichische Politik "die Erziehungsarbeit muslimischer Eltern anerkennen und mit diesen zum Wohl der Kinder kooperieren anstatt sie zu verunglimpfen". Ein Verbot des Kopftuchs im Volksschulalter wäre kontraproduktiv, meinen die Projektleiterinnen. Denn Eltern agierten heuer "viel reflektierter als früher". Heute wisse man, dass Mädchen Raum zur Entfaltung brauchen, so Baghajati. Den Kindern werde nunmehr vermittelt, dass sie das Kopftuch tagen können, wenn sie das wollen; dass es aber auch ok sei, wenn sie es wieder ablegen. Diese Strategie funktioniere gut. Ein staatlicher Verbot würde "den entspannten Umgang mit der Thematik jedoch zerstören und eine Jetzt-erst-recht-Reaktion auf Seite der Eltern provozieren".

Gefordert wird zudem eine Frauenpolitik, die Musliminnen auf Augenhöhe einbezieht. "Redet mit uns, nicht über uns", lautet das Motto. Und auch die Integration in den Arbeitsmarkt wird thematisiert. So müsse der Fokus auf der Qualifikation einer Frau liegen und nicht auf der Frage, ob sie ein Kopftuch trägt oder ob ihr Name ausländisch klingt.

Innerhalb der muslimischen Community fordern die Unterstützerinnen der Frauen-Deklaration die Verwirklichung der Beschlüsse der Imamekonferenzen von 2003, 2006 und 2010. Also unter anderem mehr Teilhabe und Mitsprache in den Verbänden sowie in den Gremien der IGGÖ. Zudem gelte es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Und Männer zu stärken, die sich für Frauenrechte einsetzen.

"Misstrauen in die Politik ist groß"

Rund 3000 österreichische Musliminnen unterstützen die Deklaration bis dato. Dass nicht noch mehr unterschrieben haben, liege am aktuellen Klima, berichten die beiden Projektleiterinnen. "Viele hatten Angst, dass mit ihrer Unterschrift etwas passieren könnte. Das Misstrauen in die Politik ist groß", erklären Baghajati und Elibol. Nachsatz: "Das müsste eigentlich ein Weckruf sein."

Die Erklärung, die in einem ersten Schritt medial verbreitet und IGGÖ-intern in den Gremien und Verbänden verbreitet werden soll, wurde aber keineswegs von einer kleinen Elite formuliert. "Die Deklaration wird zivilgesellschaftlich getragen", betont Baghajati. An der Formulierung der Forderungen und des eigenen Rollenverständnisses seien über mehrere Monate Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und verschiedenster Ethnien beteiligt gewesen: politisch gebildete Intelektuelle ebenso wie solche, die zurückgezogen leben. Schülerinnen und Studentinnen genau wie Hausfrauen "Misstrauen in die Politik ist groß"(die den Terminus ablehnen und sich selbst als Haushaltsmanagerinnen verstehen) und Seniorinnen. 

Die Deklaration beinhalte daher nicht einen Stereotyp - also das Bild der muslimischen Frau, sondern einen roten Faden, auf den sich alle Teilnehmerinnen einigen konnten, betont Baghajati. So verstehen sich muslimische Schülerinnen und Studentinnen als Zukunftsträgerinnen; Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen sagen, sie seien Akteurinnen im Dienste des sozialen Zusammenhalts; Mütter rücken das Wohl ihrer Kinder in den Mittelpunkt und Lehrerinnen meinen, die Persönlichkeiten ihrer Schülerinnen zu stärken. Es gehe darum, „klare Position in einem säkularen Rechtsstaat zu beziehen“, um einen Prozess in Gang zu setzen.

Zeynep Elibol, Studentin Feyza Cesur und Carla Amina Baghajati präsentieren die Deklaration am Dienstag.

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Wieder dienen Studien politische Agenda!

Wieder dienen Studien politische Agenda!

Was auch sonst für die derzeitigen „Islamstudien“ zutrifft, gilt auch hier wieder: Sag mir, wer die Auftraggeber und wer die Ersteller der Studie sind und die Antworten und die daraus abgeleiteten Ergebnisse und mehr noch politischen Maßnahmen sind absehbar.

Aus aktuellem Anlass folgendes:

Wer eine Studie über Antisemitismus in Österreich macht, dabei den Fokus vor allem auf Arabisch und Türkisch sprechende Menschen legt und dann diese Frage einbaut: „Was sagen Sie zu dieser Aussage: „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten“?"

Dann unterstelle ich dieser “Studie”, dass sie mit einem gewünschten Ergebnis erstellt wurde.

Jeder, der nur ein Minimum an Fairness und Kenntnis besitzt, weiß, dass der israelisch-arabische Konflikt primär politisch ist und dass Ablehnung Israels bei den meisten Araber (natürlich auch Türken)nicht automatisch Judenhass bedeuten würde.

Aber solche Methoden greifen derzeit um sich. Wichtig scheint vor allem, sich von allen historischen Belastungen durch ein paar Nie-Wieder Veranstaltungen im Gedenkjahr 2018 und danach sich vom Antisemitismus (speziell in der Regierungspartei FPÖ, aber auch sonst) ebenfalls zu befreien ... und hinsteuern will man dabei offensichtlich auf eine bequeme neue Sicht, gerade angesichts der eigenen Vergangenheit:
Türken und Araber sind die Hauptschuldigen am Antisemitismus in Österreich.

Ist doch praktisch, damit alten Ballast loszuwerden und statt die eigenen blinden Flecken anzugehen auch noch besserwisserisch sich als Held im Kampf gegen Antisemitismus aufspielen zu können.

Das erschreckende dabei ist: Es funktioniert. Denn wer traut sich schon dagegen den Mund aufzumachen?

Karfreitag: Rücksichtnahme auf Minderheiten gefordert

Verein „Plattform Christen und Muslime“
25. Februar 2019
Karfreitag: Rücksichtnahme auf Minderheiten gefordert
Die „Plattform Christen und Muslime“ meldet sich zum Streit um den Karfreitag zu Wort, weil es dabei um die Rücksichtnahme auf Minderheiten geht. Minderheitenschutz ist sowohl in der Verfassung, als auch in den Regeln der EU verankert und bezieht sich auch auf religiöse Minderheiten. Die jetzt geplante Lösung des Karfreitag-Problems ist keine Lösung, weil sie weder den religiösen noch den wirtschaftlichen Interessen dient. Schutz von Minderheiten bedeutet auch, deren Vertreter in die Diskussion um Lösungen einzubeziehen und nicht über deren Köpfe hinweg zu entscheiden, denn eine solche Einmischung steht einem religionsneutralen Staat wie Österreich nicht zu. In Österreich sind alle anerkannten Religionsgesellschaften in der Minderheit, außer der römisch-katholischen Kirche. Soll es zu einer befriedigenden Lösung für alle kommen, ist im Sinne der Ökumene auch diese Kirche einzubeziehen. Die Regierung eines säkularen Staates hat der Wahrung des Religionsfriedens zu dienen.
Susanne Heine und Tarafa Baghajati
Rückfragen:
Dr. Peter Pawlowsky
Schriftführer der Plattform Christen und Muslime

Karfreitag soll Feiertag bleiben

Vollste Solidarität mit der evangelischen Kirche und mit allen Protestanten in Österreich.

Wieder einmal wird über die Köpfe von Minderheiten entschieden. Wie soll bitte jemand um 10:00 Uhr einen Gottesdienst besuchen, wenn sie/er bis 14:00 Uhr arbeiten muss? Wie sollen Familien so einen wichtigen Tag verbringen und ein Feiertagsgefühl haben, wenn die Eltern bis 14:00 Uhr arbeiten müssen? Die neue Regelung strotzt vor Überheblichkeit gegenüber einer Minderheit. Viel ehrlicher wäre ein Tausch mit einem katholischen Feiertag für alle zu machen, und noch besser ein zusätzlicher Urlaubstag (flexibel) für alle. Auch weitere andere Lösungen könnten überlegt und mit der evangelischen Kirche erörtert werden. Muslimische Arbeitnehmer haben sich für ihre evangelischen Kollegen gefreut und nie sich deswegen benachteiligt gefühlt. Kein Zeichen für eine solidarische Gesellschaft und ein weiterer türkis-blauer Schritt gegen den sozialen Zusammenhalt im Land. Als Muslime erklären wir uns solidarisch mit unseren evangelischen Geschwistern.

Tarafa Baghajati
Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher/innen - IMÖ

Mein Wien: Antwort auf Ungarns Kanzleramtsminister János Lázár

Mein Wien

Von Tarafa Baghajati, 8. März 2018

Nachdem  Wien und Budapest städtebaulich durchaus Anknüpfungspunkte für einen Vergleich hätten, disqualifiziert sich Ungarns Kanzleramtsminister János Lázár mit seinem Hetzvideo erst recht. Gerade die Bereiche in Favoriten, die er dabei zeigt, sind ein Beweis für eine unglaublich positive Stadtentwicklung in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten. Wer von uns erinnert sich nicht an die vielen ungepflegten Ecken in diesem Teil der Stadt! Schon in den Achtzigern, als ich als Student aus Rumänien nach Wien zu Besuch kam, waren der Südtirolerplatz und Keplerplatz, vor allem im Bereich der düsteren Unterführungen, hässlich. Aber auch das gesamte Brunnenmarkt-Gebiet wirkte auf mich fast noch abstoßender als heruntergekommene Bereiche in Bukarest. Und gerade diese zwei Beispiele können heute sogar in Europa und der Welt ein nachahmenswertes Beispiel abgeben, wie man neue Grätzel schafft und aus den vorhandenen, aber versteckten Ressourcen komplett Neues entstehen kann. Jeder, der am Abend in Reumannplatznähe in den sommerlichen Abendstunden spazieren geht und die Urbanität erlebt oder ein Kulturprogramm in der Brunnenpassage genießt, würde dies bestätigen.

Ja sogar im Vergleich zum ersten Bezirk und seiner Kärntnerstraße, die zunehmend auf die Touristen schielt, ist das authentisch Wienerische eher in Favoriten und Ottakring zuhause.

Natürlich ändert sich die Demografie in einer lebendigen Stadt, das war seit Jahrhunderten so und wird auch so bleiben. Und natürlich trifft man heute in Wien vieles, was früher nicht bekannt war - kulinarisch, sprachlich und kulturell. Wichtig ist,  dass es hier zu keiner Ghettobildung gekommen ist, was Wien zu verhindern wusste. Nicht zuletzt in den Cafehäusern und Lokalen zeigt sich dies, wo man die hiesige Bevölkerung in allen ihren Schattierungen und ihrer Vielfalt trifft. Der ungarische Minister hat sicherlich eine gute Wiener Mahlzeit genossen und dabei erlebt, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit und ohne Migrationshintergrund, Frauen und Männer locker nebeneinander sitzend eine schöne Zeit genießen.

Natürlich durfte in seinem Video der „Lieblingsfeind“ nicht fehlen und mussten Muslime und Flüchtlinge als die „Bösen“ identifiziert werden. Auch hier zeigt sich, dass die ideologische Brille dem Faktencheck nicht standhält. Viele der bisher schlecht laufenden Geschäftslokale wurden von Flüchtlingen, meist aus Syrien, übernommen und finden heute eine dankbare Kundschaft, die sich über die Wiederbelebung einst toter Geschäftszeilen freut. Nur einen Steinwurf von seinem Standort entfernt  hätte Herr Lázár leicht Dutzende solcher Supermärkte, Modegeschäfte und kleinen Restaurants finden können. Flüchtlinge agieren hier nicht als Sozialhilfeempfänger, sondern als stolze Jungunternehmer, Arbeitgeber und Steuerzahler in dieser schönen Stadt. Für einen neuen Haarschnitt wäre dem Orban-Minister ein Besuch im Frisierladen eines syrischen Flüchtlings zu empfehlen gewesen. Der Name des Salons lautet übrigens „Danke Wien“.

Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer  Österreicher-innen, lebt seit 1986 in Wien, geboren in Damaskus

 

Interview mit Tarafa Baghajati: halal & haram im Islam

Tarafa Baghajati

Das Biber:

INFOKASTEN – was ist halal und was ist haram?

Beantwortet von Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

1. Ist Sex vor der Ehe im Islam erlaubt?

Tarafa Baghajati: Sex ist islamisch gesehen eine wunderbare Sache, zu der aber eine harmonische partnerschaftliche Verantwortung gehört und das ist die Ehe, wobei der Begriff Ehe im islamischen Konzept nicht 1:1 aus der christlichen Tradition zu übernehmen wäre.

2.  Viele muslimische Jugendliche interpretieren die Religion für sich neu, zB sagen sie, dass Sex in einer langjährigen Beziehung okay ist, da das eine Vorstufe der Ehe ist. Ist das erlaubt oder verwerflich? 

Die islamische Ehe hat einige Grundpfeiler:  a) Das gegenseitige Gelöbnis zweier erwachsener Personen, die sich in Liebe und Treue partnerschaftlich verbinden b) Das Bekenntnis vor Zeugen zu dieser Partnerschaft vor einer Vertrauensperson (in der Regel ein Imam) c) Die Bekanntmachung dieses Ereignisses d) Die Verpflichtung gemeinsam Verantwortung zu tragen, falls Kinder aus dieser Beziehung erwachsen. Natürlich ist es besser, diese Vereinbarungen zeremoniell in einem Ehevertrag schriftlich festzuhalten und auch die Familien beizuziehen, vor allem zum Schutz der Frauen vor Missbrauch und deren sozialer Absicherung. In diesem Sinne leben Personen, die die oben angeführten Bedingungen erfüllen, bereits islamisch-theologisch gesehen vor Gott und der Gesellschaft nicht in Sünde.

3. Gibt es irgendwelche „Richtlinien“ an denen sich dies Betroffenen hierbei orientieren können, wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie richtig handeln?

Das ist je nach kulturellem Hintergrund und Tradition verschieden. Bei manchen islamischen Gesellschaften ist es üblich, die in der vorigen Antwort angeführten Bedingungen privat noch vor einer staatlichen Registrierung durchzuführen. Die zwei Partner sind in einer Phase der "Vorstufe zur Ehe".  Außer dem sexuellen Akt an sich sind Küssen und Umarmungen möglich, auch gemeinsam Ausgehen bis hin zu einem gemeinsamen Urlaub. Wenn alles gut läuft, dann feiert man die offizielle Hochzeit und nimmt die staatliche Registrierung vor. Erst danach leben beide richtig zusammen und teilen Tisch und Bett. Bei manchen Muslimen ist diese "Vorstufe" aber verpönt. Dort wird darauf bestanden, gleich eine juristisch und staatlich besiegelte Ehe einzugehen. In Österreich findet man beides. Es gibt auch manche erwachsenen älteren und finanziell unabhängige Leute, die sich islamisch trauen lassen und auf das Standesamt verzichten. Diese wären theologisch Eheleute, aber juristisch vor dem Staat Lebensgefährten. Für mich ist das wichtigste jeglichen Missbrauch im Vorhinein auszuschließen.

3. Ist Alkohol trinken erlaubt?

Nein. Was in größeren Mengen betrunken macht, ist auch in kleineren Mengen zu vermeiden.

4. Ist Marihuana erlaubt?

Haram - "Verboten" hat mehrere Stufen. Haschisch (Marihuana) muss unbedingt vermieden werden, fällt aber nicht in die gleiche Kategorie wie Alkohol und harte Drogen. Faustregel: Generell ist von allen Mitteln, die zu einer Beeinträchtigung des geistigen Vermögens führen und die gesundheitsschädigend sind (also auch Ectasy-Tabletten und ähnliches) aus
islamischer Sicht Abstand zu halten.

5. Ist Glücksspiel erlaubt?

Dort wo Geld im Spiel ist, nein. Das ist absolut haram. An sich wird Geld-und Zeitverschwendung islamisch gesehen als Fehlverhalten eingestuft. Außerdem kann Glücksspiel auch süchtig machen.

7. Was passiert, dem Glauben nach, wenn sie diese Sünden begehen? Im Christentum gibt es ja die Beichte, wie sieht das im Islam aus?

Im Islam ist die Beichte ausschließlich zwischen dem/der Einzelnen und Gott.
Eine ehrliche Reue bringt eine Vergebung der Sünden, wenn damit die Absicht verbunden ist diese Verfehlung nicht wieder zu begehen. Aber Achtung: Sünden gegenüber Menschen sind erst mit den Menschen auszumachen. Bei Verleumdungen, Beleidigungen, Betrug etc. muss erst die Wiedergutmachung und die Verzeihung der Beschädigten kommen. Erst danach kann ein Muslim auch von Allah Vergebung erwarten.

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