Hamas

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Gaza: Die Geschichte von Hamas und der Shisha - الشيشة تواجه الحصار

Wieso das Rauchverbot für Frauen keine gute Idee ist

26.07.2010 | 18:25 | GASTKOMMENTAR VON TARAFA BAGHAJATI (Die Presse)

http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/583693/index.do

Dem Rauchen in öffentlichen Räumen wird zunehmend in islamischen und arabischen Ländern Einhalt geboten, vor allem in Flughäfen, Spitälern und an Universitäten. Die Gastronomie hinkt hinterher, und Nichtraucher werden in Restaurants leider weiterhin zwangsbeglückt; Nichtraucherschutz ist hier noch kein Thema.

Die traditionelle Wasserpfeife ist gesundheitspolitisch gesehen sogar noch ein größeres Übel als die Zigarette. Eine von Anfang bis Ende gerauchte Pfeife entspricht dem zugefügten Gesundheitsschaden von etwa zwei Packungen Filterzigaretten. In diesem Sinne macht es ja nichts, wenn sich die Hamas-Regierung an das beliebte „Spielzeug“ herantastet und unpopuläre Maßnahmen zum Schutz der jungen Bevölkerung trifft. Möchte man meinen. Doch nicht das Gesundheitsministerium hat ein Verbot ausgesprochen – es ist das Innenministerium, das das Rauchen von Wasserpfeifen an öffentlichen Plätzen (meist am Strand) untersagt hat, geschlossene Restaurants und Hotels sind ausgenommen. Und das Verbot gilt nicht für alle, es betrifft ausschließlich Frauen. Dass dieses Verbot nur Frauen gilt hat auch in Gaza für Verwunderung und Verwirrung gesorgt, und viele Lokalbesitzer haben die Regelung missverstanden und die Shishas gänzlich weggepackt.

Ein uniformierter hoher Beamter des Innenministeriums verteidigte das Verbot mit Hinweis auf die „guten Sitten“ des Landes. Mit diesem Gesetz macht die Hamas mehrere Fehler in einer Handlung, und zwar gesellschaftlich, politisch, taktisch, menschenrechtlich und theologisch.

Die Hamas unterschätzt die Frauen in Gaza. Frauen, die seit Jahren am Meer gelegentlich eine Wasserpfeife rauchen, meist bei einem Abendausflug mit den Familienangehörigen, werden sich erstens nicht an diese Bevormundung halten, und zweitens werden sie gegen diese einseitige Maßnahme Stimmung machen; wer glaubt, dass diese palästinensischen Frauen arme Hascherl sind, die sich einfach alles gefallen lassen, der irrt. Politisch ist es also alles andere als eine geschickte Handlung. Insbesondere in einer Zeit, in der die ganze Welt zu Recht sich mit Gaza solidarisch erklärt hat und sich für die sofortige, ja auch bedingungslose Beendigung der Blockade einsetzt, erweckt die Hamas-Regierung den Eindruck, als ob es keine gewichtigeren Probleme in Gaza gebe. Ein Innenministerium, das Shisha-Agenden für sich beansprucht, macht sich einfach lächerlich. Der taktische Fehler liegt zudem darin, dass die Hamas zu vergessen scheint, dass ihre Wähler keinesfalls nur aus dem streng religiösen Spektrum stammen. Hätte die Hamas die von ihr propagierte Lebensweise für Frauen bei den Wahlen in den Vordergrund gestellt, wäre es wohl nie zum überwältigenden Wahlerfolg vom 25.Januar 2006 gekommen.

Aus Menschenrechtsperspektive ist jede Gender-Unterscheidung bei Gesetzesvorgaben ohnehin skandalös. Und theologisch ist es gröbster Unfug, da es aus islamischer Perspektive keine Unterscheidung beim Halal und Haram (Erlaubtes und Verbotenes) zwischen Männern und Frauen gibt. Die wenigen islamischen Länder, hier wäre vor allem Saudi-Arabien zu nennen, die es versuchten, über „Sittenwächter“ eine der Regierung passende Moral durchzusetzen, sind kläglich damit gescheitert. Leider neigen nahöstliche Regierungen, und das gilt nicht nur für die Hamas, „Kulturkämpfe“ zu führen, wenn sie politisch nichts zusammenbringen (können). Nicht anders geht es der „konservativen“ Fraktion im Iran; wenn sie einen bedeutenden politischen Kampf verlieren, setzen sie irgendein Kulturgesetz durch, um zu zeigen, dass sie doch die Kraft haben, Gesellschaft zu gestalten. Es muss der Hamas klar sein, dass ihre Macht in Gaza auf die Verwaltung des „größten Freiluftgefängnisses der Welt“ (Erzbischof Desmond Tutu) beschränkt ist. Und nicht die Frauen-Shisha ist eine Gefahr, sondern die politische Zerrissenheit des palästinensischen Volkes.

Dipl.-Ing. Tarafa Baghajati (geb. am 1.September 1961 in Damaskus, Syrien) ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ).

meinung [at] diepresse.com ()

© DiePresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2010)


 http://www.alquds.co.uk/index.asp?fname=data\2010\08\08-18\18j68.htm

الشيشة تواجه الحصار

تحلق قلوبنا كل يوم مخترقة حدود الزمان والمكان لترف فوق بيوت غزة الحبيبة، لتوصل لأهلها منا كل سلام وحب، ومواساة لهم في محنتهم التي يعيشونها تحت ظل حصار خانق لا يفرق بين طفل وسيدة وعجوز.

نتابع بشغف ولهفة أخبار تخفيف الحصار وقوافل المساعدات والأساطيل البحرية التي تمخر عباب البحار وتصطدم بحدود بحرية موصدة، والأنفاق التي تمثل شريان الحياة لهذا القطاع البائس، حيث تمده بما يحتاج أهله من كل متطلبات الحياة، ومن بينها دخان الشيشة!

وكما نتابع نحن تلك الأخبار التي تتردد في لمح البصر بين جنبات القرية الصغيرة المسماة بالكون الفسيح، يتابعها الملايين في أرجاء المعمورة. منهم من يتلمس خبرا طيبا يطمئنه على أهله، ومنهم من يتربص بخبر يفتح به أبواق الدعاية المعادية لحركة حماس الحاكمة في قطاع غزة.

وبين أولئك وهؤلاء تتناقل الأخبار المبشرة والمنذرة، المأساوية والساخرة، المضحكة والمبكية. ولعل أحدث تلك الأخبار التي أفلتت من خلف أسوار القطاع الساحلي المحاصر، ذلك الخبر الذي تضمن حظرا أصدرته وزارة الداخلية في غزة، على تدخين الشيشة.

وقد عجبت لذلك الخبر لما يحمله من مفارقات عدة، لعل أولها أن قرارا صحيا من الدرجة الأولى كهذا يصدر عن جهة لا علاقة لها بالصحة، ولا أعتقد أن فيها متخصصين معنيين بالشأن الصحي. فدوائر الأمن في أي دولة في العالم، أو قل في أي قرية، لا تملك أن تصدر مرسوما أو قرارا متعلقا بأمور صحية، مثل منع تدخين الشيشة.

فليس عندي أدنى مشكلة عندما تصدر أي جهة صحية في أي بلد حظرا على تدخين الشيشة حرصا على صحة المواطنين مدخنين وغير مدخنين. وحري بأصحاب الرأي والمشورة والسلطة في غزة التدخل لسحب أجندة الشيشة من وزارة الداخلية، التي من واجبها حفظ الأمن والعمل على راحة المواطنين وهدوء بالهم بما فيهم مدخني الشيشة، وأن تعطى هذه الأجندة لوزارة الصحة.

أما المفارقة الثانية فهي أن الجهة صاحبة الحظر قصرت المنع على النساء دون الرجال، بدعوى أن مظهر النساء المدخنات يتعارض مع القيم والتقاليد، واسمحوا لي هنا ألا أتحدث عن المخالفات الشرعية التي يحملها دخان الشيشة معه، سواء صادر عن رجال أو نساء.

والمفارقة الثالثة أن الحظر خوفا على التقاليد والأعراف، لا يمتد ليطول الفنادق والمقاهي المغلقة، بل هو حظر مفروض على الأماكن المفتوحة فقط!! فهل التقاليد يجب الحفاظ عليها في الهواء الطلق خوفا من أن تصاب بلفحة هواء في هذا "الصقيع" الذي تعيشه الكرة الأرضية هذه الأيام؟!

والمفارقة الأخيرة أن يطير إلينا هذا الخبر من غزة؛ حيث مآس العيش لا آخر لها، واهتمامات الحياة وهمومها تطحن الصغير قبل الكبير.

أعترف أنني لست من أصدقاء الشيشة ولا الدخان، بل إنني من أشد المعجبين بالقوانين الأوروبية التي صدرت مؤخرا، وتحظر التدخين في الأماكن العامة.

ولكني أعترف أيضا بحبي اشتمام نكهات معسل الشيشة بطعم الفواكه، كما أنني أستمتع بمشاهدة أصحاب الوجوه التي تختفي وراء دخان الشيشة الكثيف وهي تبدو راضية وادعة مع كل نفس يخرجونه من أفواههم.

فما نسمع به من منع الشيشة على النساء في الأماكن المفتوحة في غزة، لهو أمر تضحك منه الثكلى. فشر البلية ما يضحك. فبينما العالم كله يعلن تضامنه اليوم مع شعبنا المظلوم في قطاع غزة، تعلن حكومته الحرب على الشيشة النسائية!

إننا لا نريد رجال أمن مهووسون يلاحقون "خدش الحياء". فمجتمعاتنا بحمد الله تفرق بجملتها بين ما هو لائق وغيره، ولا تحتاج إلى وصي أمني ولا بسطار عسكري. كما أن مثل هذه المحاولات التي أقدمت عليها دول إسلامية، لم تأت بمردود مطلوب، بل أدت إلى انتشار الظاهرة المطلوب منعها.

فليتم منع تدخين الشيشة في غزة لكل من هم دون الثامنة عشرة، شبابا وفتيات، ولكن اتركوا الناس، رجالا ونساءا في حالهم، فهم أدرى بشؤونهم ويعرفون عند أي حد تمتد حرياتهم الشخصية، ويدركون المدى الذي يجب أن تتوقف عنده .

طرفه بغجاتي

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مهندس/ طرفه عدنان بغجاتي

رئيس مبادرة المسلمين والمسلمات النمساويين

www.islaminitiative.at

عضو مجلس إدارة منتدى "من أجل أوروبا متعددة ثقافياً

Platform for Intercultural Europe PIE

عضو المجلس الاستشاري للشبكة الأوروبية لمناهضة العنصرية

ENAR - European Network against Racism

www.enar-eu.org

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baghajati [at] aon.at

Juden und Muslime: 60 Jahre Entfremdung

Es wäre an der Zeit, dass Juden und Muslime an ihre positive Geschichte wieder anzuknüpfen beginnen

Spätestens seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 ist der Hauptfeind Israels in den besetzten Gebieten die national-religiöse Hamas. Den zweiten Libanonkrieg 2006 führte Israel gegen die islamisch schiitische Hizbullah, die im Jahr 2000 den Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon erzwungen hatte. Und in jüngster Zeit hat Israel erstmals einen nichtarabischen Staat zum Hauptfeind gekürt, die islamische Republik Iran.

Der erste Palästinenseraufstand 1987 bis 1991 im Westjordanland und Gazastreifen stand noch unter der Führung linksnationalistischer Gruppen, der erste Libanonkrieg ab 1982 wurde hauptsächlich noch gegen die PLO und die prosyrische Amal geführt und bis in die 70er Jahre hinein war das sozialistische Ägypten Israels größter Feindesstaat, später dann die von säkularen Bathregimen geführten Länder Syrien und Irak.

Es ist offensichtlich, der Untergang der Sowjetunion und der unaufhaltsame Niedergang des linken Panarabismus führte auf arabischer Seite zu einer Islamisierung des Konfliktes. Auf der israelischen Seite der Barrikade geht diese Entwicklung einher mit einem Niedergang des an der Arbeiterbewegung orientierten aschkenasischen Zionismus. Dieser hat die Besiedelung und Eroberung Palästinas zwar auch mit einem national-religiösem Narrativ aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert legitimiert, das da besagt, es gäbe eine ungebrochene 2000jährige Stammesgeschichte einer jüdischen Ethnie, die die einzig wahre Besitzerin des Landes ist. Doch die nun erstarkende religiöse Rechte und der an Kraft gewinnende politische Messianismus führen diesen religiösen Diskurs bis ins Extrem.

Ein ahistorischer Blick auf den Konflikt läßt einen heute daher rasch zu dem Trugschluß kommen, daß es sich hierbei um einen Religionskrieg handelt, um einen Kampf zwischen Juden und Muslimen. Dieser Gedanke hat an Attraktivität gewonnen, seitdem in der internationalen Politik der „Kalte Krieg“ von der These vom „Kampf der Kulturen“ abgelöst worden ist. In den „clash of civilizations“ läßt sich ein jüdisch-muslimischer Krieg nämlich wunderbar einordnen.

Tatsächlich hat sich die Auseinandersetzung um Israel-Palästina keineswegs verändert. Es handelt sich nach wie vor um einen nationalen politischen Konflikt um Land und Wohnrecht, um einen der letzten Kolonialkonflikte der Weltgeschichte. Die Interessen und Forderungen der Konfliktparteien sind unverändert, lediglich die religiöse Rhetorik ist relativ neu. Dieses Jahr wird, je nach Sichtweise, an 60 Jahre Medinat Israel bzw. an 60 Jahre Nakba gedacht. Dieses Gedenkjahr sollte aber auch dazu genützt werden, um sich in Erinnerung zu rufen, dass das Verhältnis der ältesten und der jüngsten der drei monotheistischen Religionen über viele Jahrhunderte lang sehr gut war. Erinnert sei an dieser Stelle exemplarisch an die muslimisch-jüdische Herrschaft über Spanien, an die vielen jüdischen Minister der Khalifen bis zur Herrschaft von König Ghazi im Irak und der Regierung von Saad Zaglool in Ägypten oder an das gute Zusammenleben, wie es die Kairoer Geniza belegt, der Fund von 200.000 jüdischen Manuskripten in einer Synagoge des 11. Jahrhunderts.

Um den Kulturkämpfern auf beiden Seiten den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss auch hervor gestrichen werden, dass es kaum eine religiöse Feindschaft zwischen Juden und Muslimen geben kann. Judentum und Islam sind theologisch einander viel näher als jeweils zum Christentum. Der Islam hat niemals das Judentum zum „Feind Gottes“ weil „Mörder Gottes“ erklärt. Der Koran hält hingegen zeitlos fest: „Und unter Moses Volk gibt es Leute, welche zu der Wahrheit leiten und ihr gemäß gerecht handeln.“ [7:159] Heute oftmals als antijüdisch interpretierte Passagen des Korans beziehen sich nicht auf theologische Grundsätze oder gar auf alle Menschen jüdischen Glaubens, sondern ausschließlich auf die Politik bestimmter jüdischer Gruppen zur Zeit des Propheten.

Es wäre an der Zeit, dass Juden und Muslime an ihre positive Geschichte wieder anzuknüpfen beginnen. Insbesondere die jüdischen und muslimischen Gemeinden Europas könnten hier Pionierarbeit leisten. Als religiöse Minderheiten sind sie oftmals mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Es bleibt umstritten, ob es möglich ist Antisemitismus und Islamfeindlichkeit miteinander zu vergleichen. Fakt ist allerdings, dass Parallelitäten unverkennbar sind und dass beide Gruppen mitunter rassistischen Ausgrenzungen ausgesetzt sind. Der lange Schatten des Nahostkonfliktes und die sich selbst erfüllende These vom Kulturkampf hat eine Situation geschaffen, die nahelegt, dass man nur entweder gegen Antisemitismus oder gegen Islamfeindlichkeit sein kann, nicht gegen beides zugleich. Es muss den Communities gelingen, sich dieser unsinnigen Dynamik zu entziehen. Hier können gerade Österreichs Juden und Muslime richtungweisend werden.

Bei alldem darf sich Europa nicht saturiert zurücklehnen und dabei zusehen, wie sich „die Muslime und die Juden die Köpfe einschlagen“. Denn die Ursache für dieses Missverhältnis liegt auch in der christlich-europäischen Politik und Geschichte. (derStandard.at, 26.10.2010)

Tarafa Baghajati,  (Wien, Mai 2008 / publiziert Jänner 2010 in derstandard.at)

Tarafa Baghajati
ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen,
Vorstandsmitglied “Platform for Intercultural Europe PIE” und
Mitglied des Ehrenbeirats des European Network against Racism (ENAR)

"Bomben auf Schulen und Moscheen nicht zu rechtfertigen"

Interview mit Omar Al Rawi über den Krieg in Nahost. Ja zu Existenzrecht Israels, aber harte Kritik an Offensive.

"Wiener Zeitung": Im Gelobten Land herrscht wieder Krieg zwischen Israel und den Palästinensern in Gaza – auch ein Krieg gegen den Islam?

Omar Al Rawi: Nein, sicher nicht, das ist ein politischer Konflikt. Und die Islamische Glaubensgemeinschaft legt großen Wert darauf, dass der Nahostkonflikt nicht zu einem religiösen Konflikt zwischen Islam und Judentum wird.

Für Israel, die USA und die EU ist Hamas eine Terrororganisation, was ist Hamas für Sie?

Ich weigere mich, diesen Konflikt nur über die Rolle der Hamas zu definieren; das ist genau das, was uns die Israelis einreden wollen, nämlich dass sie nicht die Zivilisten im Gaza-Streifen angreifen, sondern lediglich die Hamas. Dadurch entsteht eine Teilrechtfertigung für die israelischen Bombardements. Auch zu behaupten, die Proteste gegen die israelischen Angriffe seien Demonstrationen für die Hamas, ist eine unzulässige Behauptung.

Hat Israel nicht das Recht, sich gegen die Raketen der Hamas zu wehren?

Das ist eine sehr verkürzte Darstellung der jetzigen Situation – der Nahostkonflikt ist mindestens 60 Jahre alt und man kann die Geschichtsschreibung nicht immer an einem neuen Punkt beginnen lassen. Vor den Raketen gab es die Blockade Gazas durch Israel, durch die Hunderte starben. Jetzt haben sich die Menschen in Gaza offensichtlich entschieden, laut anstatt nur leise zu sterben.

Warum verurteilen Sie nicht eindeutig die Hamas-Raketen auf israelische Zivilisten?

Das tue ich, jede Religion verurteilt das Töten Unschuldiger. Und trotzdem sind in diesem asymmetrischen Krieg unsere Sympathien eindeutig auf Seiten der Palästinenser. Bomben auf Schulen, Moscheen und Universitäten, wie es in Gaza passiert, sind nicht zu rechtfertigen. Ein Drittel der Toten sind Kinder.

Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, verharmloste kürzlich in einem Interview die Forderung der Hamas nach einer Auslöschung Israels als "Utopie", die Nichtanerkennung sei eine "Trumpfkarte" im Nahostkonflikt. Ist das auch Ihre Meinung?

Schakfeh wollte nicht verharmlosen, sondern versuchte die palästinensische Sichtweise zu erklären. Auch in der Charta der PLO stand bis zur Unterzeichnung des Osloer Friedensvertrags von 1992 die Nichtanerkennung Israels als Programm. Ich halte die Verbannung der Hamas vom Verhandlungstisch, wenn diese die Existenz Israels nicht anerkenne, für einen Fehler – bei der PLO hat man es auch anders gemacht.

Und hat Israel jetzt ein Existenzrecht aus muslimischer Sicht?

Diese Frage wurde mit dem Friedensplan des saudischen Königs Abdullah klar beantwortet, als sich sämtliche arabischen Staaten für einen Frieden bei Errichtung eines Palästinenser-Staates in den Grenzen von 1967 inklusive Ost-Jerusalem ausgesprochen haben.

Also Ja zu einem politischen Existenzrecht Israels?

Ja, es ist Fakt, dass Israel existiert. Aber viele Muslime können keine moralische Legitimation Israels akzeptieren, die auf Verbrechen – dem Holocaust – beruht, die sie selbst nicht begangen haben. Es ist aber eigenartig: Alle reden vom Existenzrecht Israels, aber keiner vom Existenzrecht Palästinas.

Wie ist die Stimmung unter den Muslimen in Österreich?

Es herrscht Wut und Verzweiflung über die Situation, die Umkehrseite ist große Hilfsbereitschaft.

Besteht die Gefahr einer Radikalisierung?

Nein, zumindest nicht im religiösen Sinne – viele Teilnehmer an Demonstrationen sind säkular oder national gesinnt. Und wir achten, dass niemand gegen Juden hetzt – auch Hamas-Fahnen sind nicht erlaubt.

In den letzten Jahren gab es viele gemeinsame Auftritte der Religionsvertreter – warum nicht jetzt, zumindest einen gemeinsamen jüdisch-islamischen Friedensappell?

Ich weiß nicht, warum es dazu noch nicht gekommen ist – die Weihnachtszeit ist vielleicht eine zu billige Ausrede. Es wurde eben von keiner der beiden Seite eine Initiative gesetzt.

Das könnten Sie ja ändern.

Ich werde das Präsident Schakfeh vorschlagen, aber wahrscheinlich sind die Emotionen auf beiden Seiten dafür noch zu groß.

Printausgabe vom Donnerstag, 08. Jänner 2009

Kein "Nachdenkjahr" in Sicht

Kommentar der anderen

Muslimischer Zwischenruf - ein Kommentar der anderen von Tarafa Baghajati

Ein feierliches Gedenkjahr - oder sagen wir vielleicht besser "Nachdenkjahr" - hätte es es auch im Nahen Osten werden sollen. Von nachdenklicher oder gar feierlicher Stimmung ist aber selbst in Israel wenig zu spüren.

Natürlich kann das offizielle Israel schon allein angesichts der Tatsache, dass das zionistische Projekt überlebte, einen Anlass zum Feiern sehen. Bloß: Das heutige Israel entspricht in keiner seiner Konstellationen den Träumen seiner ideologischen Gründungsväter. Auch wenn kolonialistische Gedanken in den Schriften von Theodor Herzl kaum zu verbergen waren, hat er immer auf ein im Endeffekt friedliches Zusammenleben gesetzt. Ein Israel, das sich nur mit F16-Militärjets gegen Gaza, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, zu behaupten weiß, gehörte gewiss nicht zu seinen Träumen. "Was habt Ihr aus meinem Projekt gemacht?", würde Herzl heute wohl aus seinem Grab rufen. Und mit ihm andere zionistische Ideologen. Der real existierende Zionismus hat sich zu einer aggressiven Kolonialisierungsform entwickelt. Aus einer vermeintlich integrativen Idee ist ein Staat entstanden, der seit 60 Jahren ein Fünftel seiner Bevölkerung (Nichtjuden) in institutionalisierter Form diskriminiert. Ein Staat, der seit über 40 Jahren Gebiete völkerrechtswidrig besetzt, ohne sich um die Verpflichtungen einer Besatzungsmacht gegenüber der Zivilbevölkerung zu kümmern. Ein Staat, auf den unter diesen Umständen die Bezeichnung "einzige Demokratie im Nahen Osten" nicht zutrifft.

Andererseits: Hätten die Araber und Palästinenser in diesem "Nachdenkjahr" einen Grund zum Feiern? - Natürlich können die Palästinenser und speziell die PLO für sich die Internationalisierung des Themas beanspruchen. Bis Mitte der 60er (PLO-Gründung 1964) hatte es Israel ja kategorisch abgelehnt, sich überhaupt mit Palästina zu befassen. Symptomatisch dafür: Golda Meirs legendäre Antwort auf die Fage "Was sagen Sie zum Palästinenserproblem?" - Sie blickte sich um und sagte: "Ich sehe hier keine Palästinenser. Sie etwa?" Heute würde ein israelischer Politiker sich mit so einem Verhalten der Lächerlichkeit preisgeben. Jenseits dieses Erfolgs aber ist die Bilanz deprimierend.

Die palästinensischen Organisationen scheinen sich gegenseitig zu lähmen - vor allem Fatah und Hamas, die sich in beschämender Weise gegenseitig zu vernichten versuchen, wissend, dass sie damit auch die palästinensische Sache vernichten würden. Die arabischen Regierungen haben hier am allerwenigsten zu lachen. Die Lage in Palästina wurde vor allem dazu missbraucht, militärischen Regimes Legitimität zu verleihen. Das Bruttoinlandsprodukt wurde großteils zum Selbstbedienungslager für skrupellose und korrupte Geheimdienstapparate, die anscheinend glauben, unter dem Titel "Verteidigung des Landes vom zionistischen Feind" sich alles erlauben können. Ein Nachdenkjahr täte allen Beteiligten gut. Nur leider ist dieses Jahr noch nicht in Sicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2008)

Der in Damaskus geborene Autor ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen.

Buchempfehlung + Artikel: Europa und der Nahe Osten

Buchempfehlung: "Brückenbau in bewegter Zeit"

Die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB) feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestandsjubiläum. Die GÖAB hat sich in dieser Zeit zu einem ganz wichtigen Bestandteil jener Szene entwickelt, welche für Verständnis und Toleranz und gegen Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit auftritt. (Nähere Details siehe Webseite der GÖAB www.saar.at).

Zum Anlass dieses Jubiläums wurde auch eine Festschrift herausgebracht, die den Titel "Brückenbau in bewegter Zeit" trägt. In dem knapp 150 Seiten umfassenden Buch findet sich eine höchst illustere Reihe von Autorinnen und Autoren: 

Tarafa Baghajati, Karl Blecha, Erhard Busek, Fritz Edlinger, Taous Feroukhi, Benita Ferrero-Waldner, Fritz Fröhlich, Alfred Gusenbauer, Michael Häupl, Eva-Maria Hobiger, Nabil Kuzbari, Erwin Lanc, Christoph Leitl, Ulrike Lunacek, Josef Mayer, Wilhelm Molterer, Amre Moussa, Heinz Nußbaumer, Ursula Plassnik, Barbara Prammer, Anton Prohaska, Anas Schakfeh, Herbert Scheibner, Christoph Schönborn, Herbert Strunz, Franz Voves und Petra Weyland.

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Hier zur Information der Artikel von Tarafa Baghajati:

Europa und der Nahe Osten

Wo ist die Verantwortung Europas, Israels und der arabischen Welt? 
Der vermeinliche „Sieg“ der Hamas

Die übereilte Pose des Stolzes, die die Hamasführung nach ihrer totalen Machtübernahme im Gazastreifen an den Tag legte, ist nicht nachzuvollziehen. Hier ging es ja nicht um einen Sieg, sondern um die Folge einer Bankrotterklärung der politischen  Führung der Hauptfraktionen Hamas und Fatah. Was sich mit dem Tod von Yasser Arafat allmählich abzeichnete, ist nun endgültig: Die PLO ist im letzten Kapitel ihrer facettenreichen Geschichte angelangt. Einerseits ist die gepriesene und in den Dokumenten der arabischen Liga festgehaltene „alleinige und rechtsmäßige Vertretung des palästinensischen Volkes“ Geschichte, andererseits kann die de facto Hauptfraktion – die Fatah Bewegung - seit ihrer unqualifizierten Führung der Autonomiebehörde für sich in keiner Weise eine übergeordnete Vertretung der palästinensischen Interessen behaupten.

Dieser vermeintliche „Sieg“ der Hamas ist am ehesten mit einer gelungenen Revolte in einem großen Gefängnis zu vergleichen - nicht um Forderungen gegenüber dem „Gefängnisbetreiber“ aufzustellen, sondern um eine skurrile Machtverschiebung innerhalb der „Gefangenenführung“ zu erreichen.

Traurig und zugleich beschämend ist, wie gezielte Tötungen nun gar unter Palästinensern stattfinden. Eine derartige Vorgangsweise galt bisher als absolutes Tabu. Das viel bemühte Wort von der „Gewaltspirale“ genügt nicht mehr, einen Sog bisher ungeahnter Dimension darzustellen. Problematisch ist das Ausmaß der Verfahrenheit, so dass vorgezogene Neuwahlen hier überhaupt keine Lösung darstellen würden. Keine der zerstrittenen Fraktionen würde selbst bei einem halbwegs eindeutigen Ergebnis bereit sein, die Legitimität der anderen anzuerkennen, geschweige sie zu respektieren.

Das Motto „Alles oder Nichts“ scheint sich im Moment innerpalästinensisch zu verfestigen. Bei einer solchen Einstellung angesichts der Faktenlage darf das Ergebnis - meistens „nichts“ – kaum wundern. Hamas wie auch Fatah flüchten sich in dieser Situation in plumpen Populismus. Dazu kommt, dass die politische Führung beider Fraktionen auch in den eigenen Reihen bis zur Handlungsunfähigkeit geschwächt ist. Die Hamas hat ihren Anhängern über Jahrzehnte ein Programm der großen, aber simplifizierenden Lösungen verkauft. Alles lief auf die Kernbotschaft hinaus eine „totale Befreiung des gesamten historischen Palästinas vom zionistischen Feind“ erreichen zu wollen. Als die Hamas sich reichlich spät, aber doch noch dazu entschloss an den Wahlen teilzunehmen und an der faktischen politischen Gestaltung mitzuwirken, geriet sie in ein unvermeidliches Dilemma: Wie soll die Partei ihren Anhängern, aber auch ihrem militanten Flügel, den Brigaden von Ezz El-Din Al Qassam, die Realität vor Augen führen und zugeben, dass in der Vergangenheit lediglich die Sehnsüchte der Menschen in ein „Programm“ projiziert wurden?

Zusätzlich erschwerend wirkt hier, wie man sich immer wieder auf die Religion Islam berief. Verkompliziert wurde die Lage auch dadurch, dass der pragmatische Teil der Hamas unter dem von Präsident Abbas abgesetzten Ministerpräsident Ismail Hanijah fast nur reagieren, und nie richtig agieren konnte. Die tatsächlichen Aktionen wurden von den nach außen unsichtbaren, meist militanten Gruppen und von der Führung im Ausland um Khaled Mashaal in Damaskus gestaltet. Es spricht vieles dafür, dass die Übernahme Gazas alles andere als eine Entscheidung von Hanijah war. Er wurde hineingezwungen und appelliert nun mit unverkennbarer Verzweifelung an die arabischen Staaten, auf die Fatah vermittelnd einzuwirken. Dass er einseitig den gewählten Präsident Abbas bezüglich Verhandlungen mit Israel für nicht zuständig und eventuelle Ergebnisse für „illegitim“ erklärte, ist ein weiteres Ausrutschen auf dem politischen Glatteis in Palästina. Versäumt haben er und die Hamas in der Stunde des Wahlsieges im Jänner 2006 die saudi-arabische Initiative samt Erklärung der Mitglieder der Arabischen Liga vom 29. 03. 2002 in Beirut als eine verhandelbare Grundlage zu akzeptieren.

Die ganze Welt, damals auch Österreich in der Rolle der EU Präsidentschaft, hatte nach der Nacht vom 25. Januar 2006, als die Hamas die absolute Mehrheit im palästinensischen Legislativrat errang, auf irgendein Zeichen seitens der Hamas gewartet, das sie als „berechenbarer“ Partner ausweisen könnte, der von Parolen zu Politik findet. Sogar eine Anerkennung der UNO Resolution um die Teilung Palästina vom November 1947 hätte etwas geholfen. Obwohl die Führung der  Hamas sich längst mit der politischen Realität abgefunden hat, war die Angst um einen Gesichtsverlust in den eigenen Reihen zu groß. Österreich hat es im Übrigen kläglich verabsäumt, in dieser heiklen Phase seine politische Rolle im Geiste Kreiskys wahrzunehmen, zur Verantwortung Europas kommen wir aber kurz später.

Bemerkenswert ist die Wortklauberei der Hamas bezüglich eines Friedens mit Israel. Um das Wort „Frieden“ zu vermeiden, wird hier von „langem Waffenstillstand“ auf Arabisch „Hudna“, gelegentlich sogar von „unbefristetem Waffenstillstand“ gesprochen. Dabei sollte allmählich auch von der Hamas anerkannt werden, dass man mit Freunden in der Regel keinen Friedensvertrag schließt, und dass eigentlich jeder Friedensvertrag nichts anderes als eine Waffenstillstandvereinbarung ist, bis eine echte Normalisierung der Beziehungen eintritt.

Ein kaum bekanntes Problem der Hamas besteht darin, dass sie zwar für sich die „islamische Vertretung“ in Palästina beansprucht, gleichzeitig aber keinerlei theologische Kompetenz aufzuweisen hat. Und jene, die halbwegs eine theologische Autorität besaßen, wie Scheich Ahmad Jassin, wurden durch israelische Todeskommandos gezielt getötet. Nebenbei kann hier angemerkt werden, dass der gleiche Mangel an theologischen Zugängen zu aktuellen Fragestellungen auch ein Hauptproblem der muslimischen Bevölkerung mit israelischer Staatsbürgerschaft darstellt. Scheinbar banale Angelegenheiten wie die Teilnahme an den israelischen Parlamentswahlen oder das Thema des interreligiösen Dialogs mit den Juden werden mit überholten, mehr als fünfzig Jahre alten  Positionen aus einer anderen Ausgangslage behandelt. Der Mangel zeigt sich am offensichtlichsten beim Thema der so genannten „Märtyrer-Operationen“, bzw. Selbstmordattentaten, die der Hamas und eigentlich auch allen anderen Fraktionen (Im Westen wird oft vergessen, dass auch „säkulare“ Gruppen  dies praktizieren) entglitten sind. Diese Kampfform ist nicht nur aus humanistischer Sicht, sondern auch theologisch mehr als nur fragwürdig und hat bedauerlicher Weise zu einem regelrechten Todeskult geführt, der dem Islam völlig fremd ist. Es schaut danach aus, als ob selbst der militärische Flügel der Hamas darüber keine Kontrolle mehr habe. In Palästina ist das zu einem Art „Selbstläufer“ geworden. Über die Geltung als „Schahid“, also „Märtyrer“, hat es in Palästina bis heute keine nennenswerte theologische Diskussion gegeben.

Mahmud Abbas, der Präsident!

Aber auch Abu Mazen - Mahmud Abbas, handelte alles andere als wie der unangefochtene Präsident aller Palästinenser. Seine schweren politischen Fehler bestehen aus drei Komponenten. a) Er hat es versäumt, seinen Parteigängern aus der Fatahbewegung offen zu sagen, dass demokratische Wahlen anzuerkennen sind, auch wenn der Gewinner nicht der politische Freund ist, was in allen Demokratien der Welt als konsensuale Haltung gilt. b) Er hat sich nie ernsthaft darum bemüht, die auch nach strikten westlichen Maßstäben demokratisch gewählte und von ihm beauftragte Hamasregierung zu unterstützen, wie es eigentlich seine Pflicht als gewählter Präsident gewesen wäre. c) Er hat es nicht geschafft korrupte Personen um ihn, allen voran den früheren Sicherheitschef Muhammad Dahlan, der als Lieblingskind der Amerikaner und der Israelis gilt, politisch zu entsorgen. Dahlan gilt in Palästina auch innerhalb der Fatah als skrupelloser Machtmensch. Sein Ruf als Folterknecht und gewissenloser Selbstbereicherer eilt ihm voraus. Jeder weitere Tag mit solchen Leuten an der Spitze macht Abbas unglaubwürdiger. Nicht von ungefähr wird ein sofortig stattfindender  Gerichtsprozess  für solche Leute selbst von Teilen der Fatah öffentlich verlangt. Die Miliz Dahlans erkannte zu keinem Zeitpunkt irgendeine Autorität an und hat sich in Gaza bis kurz vor der Machtübernahme durch die Hamas unmöglich verhalten. Nicht von ungefähr wird der Wechsel in Gaza von vielen in Palästina als Akt der „Selbstverteidigung“ gesehen, eben als eine unausweichliche Antwort auf die laufenden rücksichtslosen Provokationen von Dahlans Milizen und auf die um sich greifende Anarchie.

Rückblick!

Auch wenn sich die Ereignisse in Palästina wöchentlich, täglich und manchmal sogar stündlich überschlagen, bleibt eine nüchterne geschichtliche Betrachtung notwendig, um diesen komplexen Konflikt umfassend und erschließend zu betrachten. In kaum einem anderen internationalen Konflikt ist die Situation auch dadurch so scheinbar ausweglos, weil  jede Seite jegliche Verantwortung von sich abweist, wobei die verantwortlichen Seiten wohlgemerkt nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Europa und in den USA zu suchen sind.

Während in Israel im kommenden Mai 2008 das 60 jährige Jubiläum der Staatsgründung gefeiert wird, werden die arabischen Nachbarn und das Fünftel israelischer Staatsbürger arabischer Abstammung in Ohnmacht im Gedenken an die Ereignisse jenes Tages verfallen. Als „Al-Nakba“ ist dieser folgenschwere 14. Mai 1948 in die Geschichte eingegangen. Ein Blick ins Wörterbuch lässt die Dimension dieser kollektiven Erfahrung erahnen. Unter „Al-Nakba“ finden sich die Begriffe „Unheil, Unglück, Schicksalsschlag, Katastrophe, Elend“. Linguistisch wird „Al-Nakba“ inzwischen ausschließlich für jenen Tag im Mai gebraucht. In der ganzen arabischen Welt meint man damit einzig den Verlust Palästinas.

Während Israel im gegenwärtigen Jahr 2007 den überwältigenden Sieg über die gesamte arabische Nachbarschaft - Ägypten, Syrien, Jordanien und die Palästinenser - vor genau 40 Jahren feiert, erinnern sich die Araber, insbesondere die Palästinenser, inklusive über eine Million israelische Staatsbürger palästinensischer Abstammung, mit großer Trauer an „Al-Naksa“, die totale Niederlage schlechthin. Dieser 5. Juni 1967 hat seine Spuren in der „arabischen Seele“ hinterlassen. Wörtlich übersetzt bedeutet Al Naksa in etwa „der Rückschlag, der kaum vertragen werden kann“ oder Unheil, Unglück, Schicksalsschlag. Dieser drastische Ausdruck spiegelt wider, dass es sich hierbei für die Araber nicht nur um eine schwere militärische Niederlage handelt, sondern um ein außerordentliches Ereignis mit für Generationen schwerwiegenden politischen Folgen. 19 Jahre nach der vorher erwähnten Staatsgründungs Israel 1948, haben sich die arabischen Führer in unsinniger „Siegesrhetorik“ geübt und ihre Völker mit Propaganda und der Verdrehung von Tatsachen, was die militärische Stärke der arabischen Staaten betrifft, irregeführt. Und dann kam Al Naksa, die aus israelischer Sicht vollendete Tatschen geschaffen hat. Hier fielen Entscheidungen, die nicht durch die Politik Israels zustande kamen, sondern die dessen Militär getroffen hat. Entscheidungen, die einen möglichen Frieden oder die Durchsetzung internationalen Rechts für die nächsten Jahrzehnte zur Utopie verkommen haben lassen. Die Tatsache, dass Israel seit 1967 keinen einzigen Krieg gewonnen hat, obwohl militärisch seinen Nachbarn weitaus überlegen, muss auch Israel zum Nachdenken bringen, ob hier nicht einiges offenbar schief läuft.

Wie ist es zu alldem gekommen? Am 2. November 1917 hatte der damalige britische Außenminister Lord Balfour in einer Deklaration den Weg zur Nakba geebnet, indem dort formuliert wurde, dass „die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk mit Wohlwollen betrachtet“ werde.  Dieser Teil des Papiers wurde mit dem UNO Teilungsplan im November 1947 auf 52% des historischen Palästinas realisiert. Der zweite Teil der Deklaration stellt fest: „… Wobei klar verstanden wird, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nicht jüdischer Gemeinschaften in Palästina ... infrage stellen könnte“. Diese Richtlinie wurde mit Bulldozern, Panzern und Militärstiefeln niedergewalzt. Die Folge war die Vertreibung von ca. 800.000 Palästinensern, die seither als Flüchtlinge leben. Systematisch wurde die komplette demografische Struktur hunderter Dörfer erzwungenermaßen verändert. Massaker wie in den Dörfern und Städten Dair Jassin, Yaffa, Lod, Dawayima, Abu Schuscha und Sahila beschleunigten die Flucht der in Angst versetzten Bevölkerung, ohne dass die Verantwortlichen dafür je zur Rechenschaft gezogen worden wären. Kulturelle Identitätsmerkmale, vor allem Moscheen und Kirchen, wurden zerstört.

Verantwortung Europas!

Die bisher kaum gestellte Frage lautet nun:  Trägt Großbritannien nicht durch seine koloniale Vergangenheit eine politische Verantwortung gegenüber Palästina? Kann eine „Protektoratsmacht“ sich von ihrer völkerrechtlich übernommenen Verpflichtung lossagen? Erstens ist die oben erwähnte Balfour Deklaration an sich völkerrechtswidrig, zumal Palästina zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch ein Teil des Osmanischen Reiches war und zweitens wurde dem Versprechen gegenüber der einheimischen arabischen Bevölkerung in keiner Weise Rechnung getragen.

Auch Deutschland und Österreich können ihre Verstrickung nicht leugnen. Das offensichtliche Unrecht - die koloniale Landnahme durch die zionistische Bewegung und die damit einhergehende Vertreibung der Palästinenser - wäre ohne den Schock über die Schoah von der Weltöffentlichkeit wohl nicht so widerspruchslos hingenommen worden.

All dies spricht dafür, dass Europa sich in Sachen Nahost und für eine gerechte Lösung für die Palästinenser stärker einbringen sollte. Sich verstecken ist die allerschlechteste Lösung. Durchaus soll Europa, auch innerhalb der UNO eine Rolle übernehmen. Eine Statistenrolle wie bisher im „Road Map“ Quartett trägt zu einer vernünftigen Lösung nicht im geringsten bei. Es geht hier nicht darum, eine Wiedergutmachung für die Palästinenser zu verlangen, sondern vielmehr um ein europäisches Engagement zur Durchsetzung internationalen Rechts. Dazu zählt zuerst die Ausrufung eines unabhängigen Staates Palästina mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt, die Aufgabe aller israelischen Siedlungen, die nach dem Sechstagekrieg 1967 entstanden sind und die daher alle völkerrechtswidrig und somit illegal sind und eine offene Diskussion über das Rückkehrrecht der Palästinenser laut UNO Resolution Nr. 194, die von Israel nicht einmal durch eine symbolische Geste Anerkennung findet.

Wo bleibt der Geist Kreiskys?

Sich mit zögerlichen Positionen des Mainstream eher treiben zu lassen, ist bekanntlich keine Stärke in der Nahostpolitik. Der Nahe Osten braucht Mut zu Visionen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Bruno Kreisky und jetzigen österreichischen Politikern. Leider verabsäumte es Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei seinem Israel/Palästina Besuch Anfang September dieses Jahres im Geiste Kreiskys offen über heikle Themen zu reden. Auf den Schulter von Olmert, Peres und Abbas ist nicht unbedingt ein kreativer Ansatz in Richtung Problemlösung zu erreichen. Als Kreisky Arafat zu Gesprächen einlud, galt Abu Ammar (revolutionärer Name Arafats) als Topterrorist, mit dem man einfach nicht reden dürfe! Heute ist es bequem für Fatah und gegen Hamas zu sein, zu angepasst einfallslos um eine politische Rolle spielen zu können.

Die Verantwortung Europas geht nicht nur zurück auf die Staatsgründung Israels bis 1948, sondern begleitet die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist bis heute aktuell. Aber auch in einer Zeit der US Übermacht ist diese historisch erwachsene Verpflichtung dringender denn je. England und Frankreich waren Verbündete Israels im Oktober/November 1956 während des Suezkriegs gegen Ägypten, der wegen der Verstaatlichung des Suez-Kanals ausgelöst worden war, damals sogar zum Missfallen des amerikanischen Präsidenten Eisenhower aber auch des sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin. Nach 1967 wurden mehrere UNO Resolutionen, die unter anderem das Vorgehen Israels in den besetzten Gebieten und vor allem die Annexion Jerusalems verurteilen und die mit Waffengewalt und Häuserzerstörung durchgesetzte demografische Änderung als völkerrechtswidrig bezeichnen, mit Stimmen der Europäer beschlossen. Alle diese UNO Resolutionen waren für Israel höchstens eine Lachnummer. Europa hat sich um keinen Deut um die Durchsetzung geschert. Gemessen an der peniblen Genauigkeit wie heute die Länder der „Achse des Bösen“ behandelt werden, scheint hier die Rede von „double standards“ als nicht übertrieben. Aber auch der Umgang mit der palästinensischen Regierung nach dem Wahlerfolg der Hamas und dessen Boykott verleiht angesichts der Geschichte und Gegenwart der gesamten europäischen Nahostpolitik eine Portion Unglaubwürdigkeit. Die Ernennung von dem auch in Israel als gefährlichen Rassisten und rechtsextrem geltenden Avigdor Liebermans zum Minister für Strategische Bedrohung und zum stellvertretenden Ministerpräsidenten Israels wurde von der EU stillschweigend zur Kenntnis genommen. Niemand geringer als der EU-Vertreter für Allgemeine Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, hat ihn unmittelbar nach seiner Ernennung getroffen.

Israel und die Araber!

Aber auch die Israeli und Araber sind bestens beraten endlich ein Stück Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. In den israelischen Schulbüchern sind die Schattenseiten in Geschichte und Gegenwart des Staates Israel sorgsam ausgeblendet worden. Die Araber wiederum schweigen darüber, dass den jüdischen Minderheit in vielen arabischen Ländern - vor allem Irak, Syrien, Jemen und Marokko - nach der Staatsgründung Israel, ein krasses Unrecht widerfuhr, teilweise auch in staatlich organisierter Form. Loyale Bürger, die übrigens gerade im Irak (wo am meisten Repressalien gegen Juden passierten) überdies oftmals linke Antizionisten waren. In meiner Geburtsstadt Damaskus wurde die legendäre Judengasse, in der ich als Kind mit einem Uronkel einige Male bei einem jüdischen Textilhändler war, in „Amins Straße“ umgetauft. Die Synagogen wurden zwar nicht zerstört, aber geschlossen, angeblich auch weil es kaum noch Juden gibt, die sie besuchen würden, was wiederum nur zum Teil stimmt. Eine allgemeine Stimmung der „Sippenhaftung“ gegenüber Juden würde jegliches normale jüdische Leben ohnehin fast unmöglich machen.

Die arabischen Länder und auch die arabische Öffentlichkeit müssen sich den Spiegel vors Gesicht halten und viele virulente Fragen ehrlich behandeln. War etwa das Beharren auf der Nichtausrufung des Staates Palästina 1948 nicht ein fataler Fehler? Die Behandlung dieser Frage sollte nicht nur erlaubt sein, sondern stellt eine unausweichliche Notwendigkeit dar, um sich überhaupt der Herausforderung einer gerechten und politisch realisierbaren Lösung zu stellen.

Ein Fünftel der israelischen Bevölkerung sind Araber und werden in institutionalisierter Form benachteiligt und diskriminiert. Chancen auf eine Karriere in staatlichen Institutionen sind kaum vorhanden, auch hier muss in einer ehrlichen Diskussion angesetzt werden. Keine Diktatur zu sein ist zu wenig, um den Anspruch zu erheben, „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu sein. Die Hauptsäule einer Demokratie und zwar die Gleichbehandlung und Gleichstellung aller Bürger ist in Israel faktisch nicht vorhanden.

Diese oftmals aufgestellte Behauptung, Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten, ist nur dann aufrecht zu erhalten, wenn man

a)      die Tatsache ignoriert, dass arabische Israeli bis 1967 unter Militärherrschaft lebten und auch nach 1967 systematisch, institutionell und per Gesetz diskriminiert werden.

b)      davon ausgeht, dass die Besatzung zu Ende ist und die palästinensischen Gebiete autonom regiert werden. Davon kann allerdings nicht die Rede sein. Die Besatzung hält seit vierzig Jahren an, und es ist in keinster Weise ein Ende in Sicht. Der israelische Diskurs versucht einerseits die Frage der besetzten Gebiete in kolonialer Manier zum äußeren Problem zu erklären und andererseits den non-permanenten Status der Okkupation zu betonen. Beides spiegelt sich in der Realität der Beherrschung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens nicht wider. Die Formen der Herrschaft verändern sich immer wieder, aber das israelische Management der völligen Entrechtung der Palästinenser ist geblieben und die israelische Führung zeigt keinerlei Anzeichen die Situation verändern zu wollen.

Letztendlich diskriminiert der Staat Israel seine nicht jüdische Bevölkerung, für die er der Souverän ist oder enthält ihnen sogar die fundamentalsten Rechte vor. Ohne Zweifel muss sich eine Demokratie an der Gleichbehandlung und Gleichstellung ihrer BürgerInnen messen. Eine ethnokratische Demokratie (Oren Yiftachel, Professor für Geographie an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva, Israel) führt ihre eigenen Werte ad absurdum. Stolz auf die Abschaffung der Todesstrafe kann Israel in der Region zweifelsohne sein, gezielte Tötungen jedoch auf militärischen Befehl durchzuführen und zwar ohne jeglichen Gerichtsbeschluss wirft Schatten auf dieses Demokratie- und Menschenrechtsverständnis.

Um Frieden zu erreichen, darf Israel nicht nur die Fahne der Faktizität gegenüber den arabischen Nachbarn schwingen  und von ihnen die bedingungslose Anerkennung des Status quo verlangen, sondern muss sich die Frage der Legitimität stellen. Die Debatte um die Anerkennung des Existenzrechts wurde weder mit Ägypten noch mit Jordanien angegangen. Beide Länder haben bekanntlich Friedensverträge mit Israel unterschrieben, somit Israel als Faktum in der Region akzeptiert, haben jedoch nie ein Hehl daraus gemacht, sowohl institutionell als auch intellektuell, dass die unterzeichneten Verträge nicht als „Blankoscheck“ gelten dürfen, oder freie Hand für Besatzung und durchgehende Verletzung des Völkerrechtes geben dürfen.

Ein schwieriger Weg zu einem ehrlichen Frieden!

Die von Condoleezza Rice und Tony Blair neuerlich festgehaltene Zwei Staaten Lösung wurde längst von den arabischen Ländern als gangbarer Weg akzeptiert. Sogar die Hamas deutete oft ihr Einverständnis an. Aber es wird schwierig sein, wenn Israel weiterhin Ostjerusalem als Hauptstadt eines neuen Palästinas ausschließt und die Siedlungen, die alle illegal und völkerrechtswidrig sind, als Bestandteil Israels ansieht.

Sich mit dem Anspruch einer geradezu religiösen Mission ins Geschehen einzumischen, verspricht Popularität. Erste Anzeichen sind bereits da, dass bald weder die Hamas noch Al Jihad Al Islami die einzigen Gruppierungen sein werden, die die islamische Fahne schwingen. In den Wirren findet sich genau jener Nährboden für Einzelne, die auf nichts anderes als den richtigen Zeitpunkt zum Handeln zu warten scheinen, um in Al-Kaida Manier Hamas zu Kollaborateuren des Satans zu deklarieren. Damit wird sich nicht nur die Hamas selbst beschäftigen müssen, die bisher so auftraten als dürfe niemand anderer ihnen den Anspruch auf den „islamischen Weg“ streitig machen, womit sie aber nur solange erfolgreich waren, als sie in Opposition zu Arafat und Abbas standen. Wenn die aussichtlose Situation andauert und eine Art Irakisierung Palästina stattfindet, dann tragen die USA, Europa und Israel dafür ein gerüttelt Maß Verantwortung, weil sie diese unter anderem mit der Nichtanerkennung der demokratisch gewählten Hamasregierung provoziert haben. Spätestens dann werden alle es bereuen, mit der Hamas nicht verhandelt zu haben.

Zu einem ehrlichen Frieden gehört ein Spiegel, in dem sich jede Seite lange kritisch betrachtet. Das Ergebnis dieser Betrachtung sollte eine Portion Mut sein, über die eigenen Fehler laut nachzudenken. Europa darf sich in diesem notwendigen Prozess vor der eigenen Verantwortung nicht drücken.

Tarafa Baghajati, Wien, September 2007
Der Autor, geboren in Damaskus, seit 1986 in Österreich ist Mitbegründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und Vizepräsident von ENAR European Network against Racism

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