Baghajati: „Muslime müssen aufsteigen können“

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Sonntag, 24 August, 2008
Baghajati: „Muslime müssen aufsteigen können“

Was sich Amina Baghajati, Sprecherin der islamischen Glaubens-Gemeinschaft, für ihre Klientel in Österreich wünscht. Und warum sie ein Kopftuch trägt, obwohl sie in einer anderen Kultur aufwuchs

Die Presse: Ein neuer UNO-Bericht kritisiert Rassismus in Österreich. Erleben Sie das auch?

Amina Baghajati: Der Bericht nimmt vor allem auf die Kärntner Ortstafelfrage Bezug. Viele Bürger fragen, warum sich da nichts tut. Was das allgemeine Klima betrifft, sind noch einige Vorkommnisse – Stichwort Grazer Gemeinderatswahlkampf – sehr präsent. Andererseits nehme ich gerade in solchen Phasen Menschen wahr, die sagen: Das wollen wir nicht.

Sie haben kürzlich die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und gemeint, das habe auch mit dem „guten Weg“ Österreichs zu tun. Was ist denn lobenswert?

Baghajati: Zum Beispiel das Islamgesetz von 1912. Damit wird der Dialog institutionalisiert. Jüngstes Ergebnis ist ein gemeinsamer Aufruf der Glaubensgemeinschaften für Fairness im Wahlkampf.

Wie beurteilen Sie den anlaufenden Wahlkampf? Die ÖVP hat das Ausländerthema aufgenommen und spricht von „Kulturdelikten“.

Baghajati: Das wird von Muslimen sehr genau beobachtet. Die ÖVP verwendet Strategien, die man eigentlich von der FPÖ kennt.

ÖVP-Innenministerin Fekter will überprüfen lassen, ob bei im Ausland geschlossenen Ehen eine Zwangsehe vorliegt.

Baghajati: Ich halte es generell für problematisch, wenn signalisiert wird, dass es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die durch ihre Kultur so geprägt ist, dass sie Verbrechen gutheiße oder gar begehe.

Zwangsehen kommen nicht selten vor. Reden Sie da nicht etwas schön? Sie gelten als das sanfte Gesicht des Islam in Österreich.

Baghajati: Sanft, gut! Aber hoffentlich auch hartnäckig, auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft – speziell, wenn es um Frauenrechte geht. Schönreden wäre der falsche Weg.

Was tun Sie dagegen?

Baghajati: Es geht um Empowerment, um Selbstständigkeit durch berufliche Perspektiven, damit Frauen nicht von einem „Ernährer“ abhängig sind, um Mediation bei Gewalt, um Aufklärung. Eine islamische Eheschließung ist ein Vertragsabschluss, der ein freiwilliges Ja-Wort beider beinhaltet. Eine Ehe, die unter Zwang zustande gekommen ist, ist anfechtbar.

In westlichen Gesellschaften gilt das Kopftuch als Symbol von Rückständigkeit und Unterdrückung. Sie haben es freiwillig gewählt – obwohl aus einem anderen Kulturkreis stammend. Warum?

Baghajati: Diese Frage wird mir oft gestellt. Das Kopftuch ist längst zu einem Symbol für alle möglichen Themen im Integrationsbereich geworden – eine zweifelhafte Ehre für die betroffenen Frauen. Erklären ist schwierig. Ich kann mir wünschen, dass man Verständnis dafür hat, dass es Frauen wichtig ist, ihren Glauben leben zu können. Als muslimische Frau erwarte ich mir aber nicht, dass andere das womöglich sogar schön finden. Es muss in dieser Diskussion natürlich auch die Meinung Platz haben: „Tut mir leid, aber gefallen tut mir das nicht. Aber mache, was du möchtest.“ Ich habe mir Zeit gelassen. Fünf Jahre, nachdem ich mich zum Islam bekannt habe, habe ich Kopftuch getragen.

Wollte das Ihr Mann?

Baghajati: Nein, es war eher mein Mann, der sich an das Kopftuch gewöhnen musste. Er hat immer gemeint, dass der Islam nicht auf ein Kopftuch zu reduzieren ist. Das wäre eine fürchterliche Verengung. Jedes Mädchen soll sich selbst entscheiden. Es sollen auch keine Klüfte zwischen Frauen mit und ohne Kopftuch entstehen.

Wie kann jemand, der in einer anderen Kultur aufgewachsen ist, freiwillig das Kopftuch auf sich nehmen? Das ist doch ein Rückschritt!

Baghajati: Als ich begonnen habe, es zu tragen, gab es diese politischen Implikationen überhaupt nicht.

Es ist ein Symbol für Armut. Gebildete Frauen tragen es eher nicht, zumindest nicht in der Türkei.

Baghajati: Aber warum? Weil eine Frau in der Türkei mit Kopftuch nicht zu höherer Bildung kommt. Sie finden hier in Wien viele Türkinnen, weil sie in Österreich auch mit Kopftuch studieren können. Ich bewundere, was sie dafür auf sich nehmen. Das sind selbstbewusste, emanzipierte Frauen.

Was halten Sie vom Burkini (Ganzkörperbadeanzug)?

Baghajati: Es macht Partizipation auch beim Sport möglich. Aber um damit in ein öffentliches Bad reinzumarschieren, braucht es Mut. Dabei ist er schick und funktional. Eine Frau am Meer in Ägypten wurde nett gefragt: „Kommt das aus Paris?“

Muss die Glaubensgemeinschaft nicht dafür werben, sich besser zu integrieren, Bildung besser zu nutzen?

Baghajati: Das Motto der islamischen Glaubensgemeinschaft ist ja „Integration durch Partizipation“.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat heuer bei seinem Deutschland-Besuch sehr viel Aufregung erzeugt: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschheit“, sagte er. Was halten Sie davon?

Baghajati: Eine starke Ansage, die man doch eher mit Völkermord assoziiert. Man darf die Begriffe nicht verwechseln. Oft wird Integration gefordert, aber eigentlich Assimilation gemeint. Die eigene Identität soll nicht verloren gehen.

Kritisiert wird, dass die islamische Glaubensgemeinschaft zu wenig Zugang zu den Moscheen und zu sogenannten „Hasspredigern“ hat.

Baghajati: Der Verfassungsschutzbericht sagt klar, dass sich gefährliche Tendenzen auf eine ganz kleine Personenzahl beschränken. Das spielt sich in Privaträumen ab. In den offiziellen Moscheen gibt es einen Selbstreinigungsprozess. Wenn jemand hetzerisch predigen würde, würde er von den eigenen Leuten von der Kanzel heruntergeholt. Außerdem erhalten Imame ihr Einreisevisum als Seelsorger in Österreich erst, nachdem die Glaubensgemeinschaft die Unterlagen geprüft und grünes Licht gegeben hat. Und sie verpflichten sich auch, Deutsch zu lernen. Wir wünschen uns eine eigene Ausbildung für Imame hier in Österreich.

Es gibt durchaus Muslime, die meinen, Westeuropäer seien zu tolerant gegenüber radikalen islamischen Tendenzen. Der grüne Bundesrat Efgani Dönmez hat vor einer Parallelgesellschaft gewarnt. Tut Ihre Organisation hier wirklich genug?

Baghajati: Welche Möglichkeiten haben wir? Wir können vernetzen und in Konferenzen grundsätzliche Klarstellungen treffen. Das ist zum Beispiel bei diversen Imame-Konferenzen in Wien geschehen.

Wie können Sie auf radikale Tendenzen reagieren?

Baghajati: Zum Beispiel durch den Religionsunterricht. Sie können den Dschihad ansprechen und erklären, dass es nicht um die kriegerische Auseinandersetzung geht, sondern um die Anstrengung auf dem Weg Gottes. Das ist der große Dschihad gegen einen selbst, gegen niedere Instinkte, die einen manchmal drängen, den bequemen Weg zu gehen. Jugendliche müssen auch dafür sensibilisiert werden, dass sie manche Internetseiten, die mit islamischen Symbolen auftrumpfen, aber theologisch falsch sind, durchschauen.

Jugendliche Immigranten sind dafür vielleicht anfällig, weil sie sich als Außenseiter fühlen, oder?

Baghajati: Wir brauchen endlich eine Politik, die Chancengleichheit umsetzt, vor allem in Bildung und Beruf. Integration nützt allen und ist nicht nur eine lästige Pflicht, die lediglich Geld kostet. Muslime müssen in die Mittelschicht aufsteigen können. Dann wäre schon viel erreicht.

Minarette werden in Österreich skeptisch betrachtet. Der Vorarlberger Bischof Elmar Fischer hält den Bau von Moscheen sogar für eine Gefährdung des sozialen Friedens.

Baghajati: Aber Kardinal Schönborn hat eine Klarstellung getroffen (gegen ein Bauverbot, für Religionsfreiheit, Anm.), die die Muslime sehr goutiert haben. Beten kann man natürlich auch ohne Minarett. Aber es gibt ein Bedürfnis nach würdigen, nicht irgendwie improvisierten Gebetsstätten. Die Muslime sind in Österreich angekommen.

Die islamische Kultur gilt als dynamischer und stärker, weil sie den Glauben ernster nimmt.

Baghajati: Wenn ein Pfarrer sich anschaut, wie unsere bescheidenen Gebetsräume am Samstag voll sind mit jungen Menschen, dann kann ich schon nachvollziehen, dass er sich fragt: Und was ist mit unserer Jugend? Aber es wäre falsch, miteinander zu konkurrieren. Im Koran steht das schöne Wort, dass Gott die Pluralität der Religionen gewollt hat.

Leider gab es da zwischendurch aber eine Menge Glaubenskriege.

Baghajati: Da müssen sich die Muslime im Vergleich nicht verstecken. So ist der Dreißigjährige Krieg etwas originär Europäisches.

Die meisten Terroranschläge der Neuzeit haben aber islamischen Hintergrund.

Baghajati: Das ist eine sehr neue Entwicklung – die oft in der Wahrnehmung anderes überlagert, siehe Europolbericht von 2007: von 498 Aktionen ein einziger mit islamistischem Hintergrund. Unsere Glaubensgemeinschaft lehnt Terror klar ab. Uns tut das weh, dass wir beim Vorstellen das Islam nicht mehr unbefangen wie vor 15 Jahren gleich sagen können: „Islam, da steckt Salam – Friede drinnen.“ Umso mehr gibt es einen Auftrag, das Friedenspotenzial des Islam herauszuarbeiten.

Bisherige Gesprächspartner: Thomas Schäfer-Elmayer (7.7.); Josef Zotter (10.7.); Fredy Mayer (14.7.); Ari Rath (16.7.); Renee Schroeder (21.7.); Veronica Kaup-Hasler (24.7.); Thomas Müller (31.7.); Ioan Holender (5.8.); Claudia Bandion-Ortner (11.8.)., Helmut Schüller (18.8.).

ZUR PERSON: AMINA BAGHAJATI

Seit 1987 lebt die im deutschen Mainz geborene Amina Baghajati (42) in Wien. Hier studierte sie Schauspiel – davor, in Deutschland, vergleichende Literaturwissenschaft. Sie konvertierte zum islamischen Glauben. Seit 2002 ist sie Mitglied des obersten Rates der islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs und deren Sprecherin. Baghajati hat vier Kinder, ihr Mann stammt aus Syrien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)

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