Religionsfreiheit

Diese Homepage wurde mit einem neuem CMS aufgesetzt und befindet sich daher in Arbeit ...

Stellungnahme zum Todesurteil in Sudan

Dieser Urteil wird aufgehoben und nicht vollstreckt, da die Botschaften aus dem Sudan eindeutig in diese Richtung gehen. Aber dennoch inhaltlich folgendes:

Aus rein menschlicher Sicht sind derartige drastische Einschränkungen der Religionsfreiheit ohne Wenn und Aber abzulehnen. Aus theologischer Sicht stehen derartige Urteile nicht im Einklang mit dem Koran, der "Kein Zwang in der Religion!" vorschreibt. Nirgendwo ist eine Belegstelle zu finden, die eine diesseitige Strafe für jene, die ihre Religion verlassen, vorsieht.Die islamische Geschichte und Literatur sind reich an Beispielen von Leuten, die der islamischen Lehre den Rücken kehrten, ohne dass ihnen irgendeine Gefahr drohte. Aber wie kann es dann zu Auslegungen kommen, die mit der Todesstrafe drohen?

Hier liegt es ein Hauptmissverständnis darin, dass zwischen dem schlichten persönlichen Religionswechsel und einem für die Gesellschaft folgenschweren Entscheid, sich gewalttätig gegen die Gemeinschaft betätigen zu wollen, nicht unterschieden wird. Urteile werden so mit der Begründung getroffen, dass hier der "Konvertierte" sich zu einem Hauptfeind im militärischen Sinne deklariert hat und somit als Hochverräter die Strafe verdient. Ein Todesurteil bei Religionswechsel wie im Falle der sudanesischen Frau abzulehnen, ist keine "liberale" Interpretation, sondern die Haltung vieler moderner und alter Gelehrter.Auf alle Fälle ist ein innermuslimischer Dialog über Verurteilungen zum Tode vonnöten. Die islamische Weltkonferenz OIC könnte dann diesbezüglich eine von den maßgeblichen Autoritäten in der islamischen Welt getragene offizielle Haltung zeigen.

Tarafa Baghajati,
Obmann der Initiative muslimischer Österreicher-innen

Mobil: 0664-5215080

Redefreiheit und Hetzrede (hate speech)

Ein Beitrag für die EUMC Zeitschrift "Equal Voices" vom Juni 2006

Sollte es Grenzen der Redefreiheit geben oder nicht - und falls ja, welche?

„Das Gute und das Böse sind fürwahr nicht gleich. Wehre das Böse mit dem Besseren ab, und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war, dir wie ein echter Freund werden.“ (Koran 41:34)  

Redefreiheit ist als grundsätzlicher Wert in Europa unumstritten. Demokratie wäre ohne sie undenkbar, und die Hinwendung zu diktatorischen Strukturen bei jeder staatlichen Einschränkung von oben tendenziell nahe. Gleichzeitig ist kaum ein Wort in letzter Zeit so negativ besetzt wie jenes des „Hasspredigers“. Hetzrede kann keineswegs damit rechnen, automatisch unter dem Titel „Redefreiheit“ einfach zur Kenntnis genommen zu werden. So positiv die Redefreiheit besetzt ist, so negativ ist „hate speech“.  

Gesetzgebung und Ethikkodex

Die Gesetzgebung der europäischen Länder hat auf verschiedene Weise auf diesen scheinbaren Widerspruch reagiert. Denn der soziale Frieden und Zusammenhalt einer Gesellschaft sollen geschützt werden. Insofern sind mit unterschiedlicher Akzentuierung Paragraphen aufgenommen, die eine Absicherung vor gemeingefährlichen Einflüssen, etwa durch hetzerische oder herabwürdigende Meinungsäußerungen, darstellen. Deutschland und Österreich haben zu Recht spezielle Vorkehrungen getroffen, die vor Wiederbetätigung und damit einer Hinwendung zum Gedankengut der Hitlerzeit bewahren sollen. Blasphemieparagraphen beziehen sich auf die Religion. Geschützt ist nicht in allen Ländern automatisch jeder Glaube. Noch immer findet sich die Idee einer „Staatskirche“ in Gesetzestexten, die ausschließlich der Mehrheitsreligion besonderen Schutz angedeihen lassen.  

Journalisten haben sich vielerorts einen Ethikkodex gegeben. Damit soll die Pressefreiheit nicht mit Selbstzensur belegt werden, sehr wohl aber an eine Selbstkontrolle im Sinne eines ausgewogenen und fairen Journalismus erinnert werden.  

“ Verantwortung ist ein Schlüsselbegriff in der Ausübung der Meinungsfreiheit.“  

Verantwortung ist somit ein Schlüsselbegriff in der Ausübung der Meinungsfreiheit. Begriffe wie „nach den guten Sitten“ oder „nicht den Anstand verletzend“, die auch in Gesetzestexte eingeflossen sind, zeigen, dass wir hier schließlich in ein Feld vorstoßen, das letztlich nicht nach Punkt und Komma juristisch zu erfassen ist. Der gesellschaftliche Konsens ist einem Wandel unterzogen, was wir etwa an der Herbeiziehung von Blasphemieparagraphen beobachten können. Die „Schmerzgrenze“ hat sich hier in den letzten Jahrzehnten deutlich nach oben verlagert, was das Christentum betrifft.

In Vielfalt geeint - Muslime in Europa

Eine neue Situation ist aber durch den wachsenden Pluralismus der europäischen Gesellschaften eingetreten. Dies bezieht sich auf die innere gesellschaftliche Vielfalt, wie auch auf die aus Migration erwachsene. Ein gemeinschaftliches Empfinden, dass sich dieses oder jenes gewissermaßen „von selbst verbietet“, scheint eher mit Homogenität als mit Vielfalt vereinbar. Das Motto der Europäischen Union „In Vielfalt geeint“ bringt die hierin liegende Herausforderung positiv zum Ausdruck, indem es von einem zu erreichenden Konsens in wesentlichen, das Zusammenleben betreffenden Punkten ausgeht. Dialogbereitschaft ist dazu eine Voraussetzung.

Muslime in Europa haben sich wiederholt deutlich positioniert. Die Abschlusserklärung der ersten europäischen Imamekonferenz in Graz 2003 stellt die Kompatibilität einer Identität als Muslim/e mit den Werten von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Menschenrechten fest. Dezidiert auf die Redefreiheit, die hier natürlich inkludiert ist, ging die erste österreichische Imamekonferenz vom April 2005 ein. Noch unter dem Eindruck des Mordes an Theo van Gogh wurde Freiheit als wichtigstes Gut des Menschen gleich nach dem Leben beschrieben und Gewalt als Reaktion auf missliebige Meinungsäußerungen verurteilt. Wörtlich heißt es: „Niemand soll aufgrund der eigenen Meinung Sorge um sein Leben haben, diskriminiert werden oder bei der Ausübung der Religion, bzw. Weltanschauung behindert werden. Die Unterschiede in den Perspektiven und Auffassungen sind für MuslimInnen als gottgewollt zu respektieren. Alle Formen des Zwangs in der Religion werden daher abgelehnt.“

Beide Erklärungen erhielten ein sehr positives Echo und große Zustimmung. Sie wurden aber auch als Kontrast zur Wirklichkeit in Ländern der muslimischen Welt empfunden. Muslime in Europa sind sich dieser Tatsache schmerzlich bewusst und sehen sich einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Zu betonen, dass mangelnde Redefreiheit in diesem oder jenem muslimisch geprägten Land (beileibe nicht allen!) nicht aus dem Islam herrührt, sondern im Demokratiemangel der dort herrschenden Systeme begründet ist, erscheint darum wichtig. Es wäre ein Trugschluss, jedes Symptom aus dem Islam heraus analysieren zu wollen. Gleichzeitig ist es von größter Bedeutung, einen Diskurs unter Einbeziehung der Theologie zu führen, um die ethischen Richtlinien des Islam nach innen und außen zu unterstreichen. Damit kann innermuslimisch der Ansporn gesteigert werden, sich im Sinne des Allgemeinwohls partizipatorisch einzusetzen. Außerdem kann nach außen ein für das gedeihliche Zusammenleben unverzichtbares Vertrauensverhältnis aufgebaut werden.

„Muslime in Europa sehen sich einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt.“  

Im Islam finden sich starke Argumente für die Bedeutung des freien Wortes in Verbindung mit der Verantwortung für ein funktionierendes Miteinander. Wie bei jeder Handlung ist die Absicht entscheidend und soll so Selbstreflexion anregen. „Weisheit und schöne Rede“ bilden ein Paar. Zivilcourage wird eingefordert, wenn es im Hadith heißt, dass Unrecht auf dem Weg eigenen Handelns oder der Rede, zumindest aber im Herzen (Meinungsfreiheit) zu begegnen sein. „Der größte Dschihad[1] ist ein wahres Wort gegen einen Tyrannen.“ Viele Belegstellen gibt es, die an die weit reichenden Folgen einer unbedachten, vielleicht aus der Emotion geborenen Rede erinnern und so zum Schweigen raten, falls nichts Konstruktives gesagt werden könnte. Zur Beschreibung des Paradieses gehört, dass es dort kein „leeres Geschwätz“ gibt. Vor der Beleidigung dessen, was anderen heilig sein könnte, wird im Koran gewarnt, da dies einen Angriff auf eigene Werte zur Folge haben könnte. Es wird beschrieben, dass Gott jeder Gemeinschaft ihren Weg als schön erscheinen lässt, und das „Wetteifern in guten Werken“ angeraten. „Ein gutes Wort ist wie ein fester Baum, dessen Wurzeln fest sind und dessen Zweige bis in den Himmel reichen“, heißt es in Sure Ibrahim, Vers 24.

Die aktuellste Stellungnahme zum Thema, die von der zweiten europäischen Imamekonferenz in Wien im April 2006 stammt, nimmt indirekt Bezug auf die Diskussion um die Karikaturen des Propheten Muhammad, die mit der Absicht der Provokation in Auftrag gegeben wurden. Die Stellungnahme bekräftigt die Presse– und Redefreiheit als „allgemeines und unverzichtbares Gut“ und stellt keine Forderung nach zusätzlichen gesetzlichen Bestimmungen, um die religiösen Gefühle von Muslimen zu schützen. Betont wird dagegen die Notwendigkeit des Dialogs, um ein gesellschaftliches Bewusstsein zu erreichen, das diese anerkennt und respektiert.

Einige Überlegungen für die Zukunft und weitere Diskussion

  • Redefreiheit und Religionsfreiheit sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie sind als Säulen des Menschenrechtsverständnisses eng miteinander verknüpft.
  • So wie Redefreiheit historisch gesehen von unten nach oben in Europa erkämpft wurde, kann sie als Instrument zur offenen Kritik an den Mächtigen mitunter zur Polemik greifen. Blasphemie ist in diesem Licht abhängig vom jeweiligen Fall zu betrachten. Wenn eine Minderheit von der herrschenden Mehrheit bewusst durch Blasphemie provoziert werden soll, ist dies als Handlung von oben nach unten alles andere als ein emanzipatorischer Akt, sondern diskriminierend.
  • Wo auch immer Felder liegen, die als „doppelte Standards“ wahrgenommen werden könnten, wären diese abzubauen. Dies betrifft z.B. das Rechssytem, wenn Muslime anders als etwa Angehörige der Mehrheitsgesellschaft keine Grundlage finden, die ihre Religion dezidiert schützt. Auch wenn solche Paragraphen im Idealfall nicht zur Anwendung kommen, geben sie doch einen wesentlichen Anstoß dafür, Bewusstsein für religiöse Vielfalt zu stärken im Sinne des erwünschten gesellschaftlichen Konsens’.
  • Abgesehen von der juristischen Seite wäre es unfair, von Muslimen zu verlangen, sie hätten widerspruchslos eventuelle Schmähungen ihrer Religion hinzunehmen. Die Beleidigung wiegt doppelt schwer, wenn die paradoxe Situation eintritt, dass gröbste Verletzungen im Raum stehen, aber das Recht dagegen zu protestieren moralisch abgesprochen wird. Bleiben Schmähungen der Religion Islam ohne Widerspruch, kann als Folge die Schwelle zur Islamfeindlichkeit herabgesetzt sein, vielmals ohne dass dies weiter auffiele.
  • Eine Wissensoffensive über den Islam könnte Klischees, Simplifizierungen, Vorurteile und Projektionen abbauen helfen (Stichwort Frauenthema oder Frage nach der Trennung von Religion und Staat).
  • Eine „Kultur des Respekts“ als weiterführende Stufe des Toleranzgedankens wäre auf diesem erweiterten Horizont aufbauend zu fördern. Schon bei Goethe lesen wir, dass Dulden schließlich Beleidigen heiße. In Würdigung dessen, was der Toleranzgedanke an geistigem Aufbruch in Europa bewirkte, soll bedacht werden, dass hier ein hierarchischer Zugang seine Wurzel hat, der sich des anderen herablassend annimmt und die eigene geistige Überlegenheit voraussetzt. Ein ehrlicher Dialog kann aber nur auf gleicher Augenhöhe geführt werden, in Offenheit für Neues. Verständnis soll dabei nicht mit der Annahme des anderen Standpunkts verwechselt werden.
  • Gelingt die Eigendefinition bevorzugt über die negative Abgrenzung vom „Fremden“, so ist dies eine nicht nur innere Schwäche verratende Tendenz, sondern lädt geradezu ein, dieses „andere“ im schlechtesten Licht darzustellen. Dieses Motiv hinter „hate speech“ sollte sorgfältig beobachtet werden. Problematisch an der Hetzrede ist, dass sie vom Rezipienten als berechtigt und geradezu „wahr“ aufgenommen werden könnte.
  • Absolutheitsansprüche sind ausgrenzend und damit gefährlich. Traditionell stehen gerade Religionen mit ihrem Verkündigungsgedanken im Verdacht, selbstherrlich als Besitzer der alleinigen Wahrheit aufzutreten. Missionseifer und damit verbundene Engstirnigkeit wäre aber genauso zu kritisieren, wenn er von ausgesprochen anti-religiöser Seite stammte. Bemerkenswert erscheint sogar, dass die Einsicht über eine solche Gefahr hier oft kaum vorhanden ist, weil man sich leicht als erhaben über etwas sieht, das man allein der Religion zuschreibt und damit eine höhere Wertigkeit beansprucht. Dass radikale Religionskritik in Europa wiederholt über die Schiene des Islam als willkommenen Platzhalter lief – siehe Voltaire und sein Theaterstück über den Propheten Muhammad – ist keine neue Erfahrung.
  • Politik und Medien sind als Machtfaktoren und Impulsgeber zu besonderer Verantwortung aufgerufen: Abstand zu halten von populistischen Slogans und einer Ausrichtung auf möglichst leichte Konsumierbarkeit. Die Teilhabe von Minderheiten als lebendiger Spiegel der Gesellschaft muss gewährleistet sein.
  • Das Thema „Redefreiheit“ sollte man schließlich nicht abgelöst von jenen Phänomen betrachten, die in Zeiten wachsenden sozialen Drucks und einer um sich greifenden Unsicherheit merklich sind. In einer „Ellbogengesellschaft“ gehören Mobbing und Kampfrhetorik leider oft zum Alltag und schädigen das allgemeine Klima. Dialogkultur ist somit kein bloßes Integrationsthema, sondern betrifft alle.

Der verantwortungsvolle Umgang mit Redefreiheit ist auch an die Mündigkeit des Einzelnen geknüpft. Die Bereitschaft, als Antwort auf eine globalisierte Welt vernetzt zu denken und verschiedenste Ansätze zu berücksichtigen, stellt eine große Herausforderung dar. Ist schon die innere Vielfalt in Europa schwer zu bewältigen, so liegt darin vielleicht der Schlüssel zum Verständnis, warum der Umgang mit der - berechtigt oder nicht -  als „fremd“ bewerteten Vielfalt erst recht schwer wird?

Die Geschichte Europas zeigt im Umgang mit Vielfalt nicht gerade eine positive Bilanz. Gerade religiöse Vielfalt suchte man lange Zeit durch räumliche Trennung zu managen und scheiterte daran.

Wir werden Geduld, gepaart mit der Bereitschaft zu Entwicklung brauchen. Gerade auch, weil die Aufgaben, die man den Muslime auferlegt, auch die eigenen sind. Integration erscheint einmal mehr als beidseitiger Prozess.


[1] Dschihad bedeutet im Islam das individuelle Bemühen darum, ein gottgefälliges Leben zu führen, beispielsweise nicht zu betrügen, nicht zu lügen oder einem Laster anzuhängen. Zur Unterscheidung zwischen dem friedlichen und dem kriegerischen Dschihad wird heute vom großen und dem kleinen Dschihad gesprochen. Nach gängiger Definition ist der große Dschihad ein individuelles oder auch kollektives Mühen, das mit Krieg nichts zu tun hat. Kriegerisch ist nur der kleine Dschihad im Verteidigungsfall.

Die fünf Dimensionen des Karikaturenstreits

Religions- und Pressefreiheit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Es ist unbestritten, dass die dänische Karikatur-Affäre die Beziehungen zwischen der westlichen und islamischen Welt auf eine neue Probe gestellt hat. Große Worte wie Pressefreiheit versus Religionsfreiheit, offene Gesellschaft versus Despotismus, westliche versus islamische Welt sind nur einige Beispiele, mit denen wir es zu tun hatten. Dabei ist dieser Konflikt fünf Monate alt und hatte mehrere Dimensionen, die in Summe die Situation eskalieren ließen:

Bilderverbot:

Der Hintergrund dieses Verbotes liegt in der präislamischen heidnischen Gesellschaft, als die mekkanischen Götzendiener Statuen und Bilder als Götter verehrten. Daher beschränkte sich die islamische Gemeinde auf abstrakte Kunst und Kalligrafie. Als Konsens blieb erhalten, dass weder der Prophet Muhammad noch seine Gefährten und Nachfolger bildlich dargestellt wurden. Die Liebe und der Respekt waren zu groß, um eine Spekulation über das Aussehen zuzulassen, und der monotheistische Glaube an den einzigen transzendenten Gott, dem nichts gleich ist, sollte auch im Mittelpunkt der Anbetung stehen und bleiben.

Herabwürdigung:

Nun wünschen sich Muslime, dass man sich an dieses Verbot hält, wissen aber, dass ihre religiösen Regeln für Nichtmuslime nicht verpflichtend sind. Doch hier war das Problem, dass die Karikaturen herabwürdigend und verletzend waren und sich Klischees bedienten. Wenn man bedenkt, dass die Ursprungsidee, ein Kinderbuch für dänische Kinder, das ihnen den Islam näher bringen soll, ein solches Bild des Propheten liefert, ist das doppelt problematisch. Den Propheten mit Terroristen und tickenden Bomben in Verbindung zu bringen, war für die Muslime zutiefst beleidigend.

Bewusste Provokation:

Ein Spruch des Propheten, der auch als Glaubensgrundlage gilt, lautet, dass die Taten immer nach der Intention beurteilt werden - die dritte Dimension des Konflikts. Die Zeitung Jyllands-Posten handelte nach dem Motto: "Testen wir doch die Muslime und ihre Loyalität zum Staat und zur Gesellschaft durch gezielte Provokation. Und sehen wir nach, ob sie den Mund halten." Im Übrigen eine beunruhigende Tendenz in Europa. Erst kürzlich beschloss das Land Baden-Württemberg mit dem so genannten "Fragebogen" einen Einbürgerungstest für Muslime. Auch dort wird mit provokativen Fragen, die nur muslimische Einbürgerungswillige über sich ergehen lassen müssen, die Loyalität geprüft. Die Zeitung wollte bewusst provozieren, und es ist ihr gelungen. Und zwar weltweit.

Das dänische Umfeld:

Bascha Mika sagt in der "taz", dass es gute Gründe gibt, manche der Karikaturen als geschmacklos zu bewerten. Aber vor allem sind sie angesichts der aktuellen politischen Situation in Dänemark ein Statement der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der muslimischen Minderheit im Land, das durchaus als rassistisch zu interpretieren ist. Wie kaum ein anderes europäisches Land fährt Dänemark in den letzten Jahren einen harten Kurs gegen Einwanderer, vorneweg der Ministerpräsident, der damit zwei Wahlen gewann. Unter der liberalen Oberfläche ist die Ausländerfeindlichkeit in Dänemark keine neue Erscheinung, viele haben vergessen, dass schon 1993 die Regierung Poul Schlüters wegen der so genannten Tamilenaffäre zurücktreten musste. Die seit 1982 amtierende konservative Regierung hatte die Rechte tamilischer Flüchtlinge zur Familienzusammenführung verletzt. Seither nimmt die Ausländerfrage einen zentralen Platz in der Politik Dänemarks ein.

Miserables Krisen-Management:

Als die dänischen Muslime über die Karikaturen empört waren, weigerte sich Ministerpräsident Rasmussen lange, die Botschafter elf muslimischer Länder zu empfangen, weil die Meinungsfreiheit unantastbar sei, und er sprach sogar von "notwendiger Provokation". Viele nahmen ihm dies nicht ab und dachten an eine Schutzbehauptung, die es Rasmussen ersparte, die rechtspopulistische dänische Volkspartei, auf deren Stimmen er im Parlament angewiesen war, zu kritisieren. Wären seine kalmierenden Worte und Feststellungen früher passiert und hätte er die Botschafter bereits im Oktober getroffen, wäre die Affäre eine lokale geblieben.
Mittlerweile hat es sich wie ein Flächenbrand in der islamischen Welt verbreitet. Zu den anfangs auf Demonstrationen und Boykott von dänischen Produkten beschränkten Protesten ist leider auch Gewalt dazugekommen. Gebäude brennen und Europäer werden bedroht. Die dänischen und europäischen Muslime haben die Worte des Bedauerns akzeptiert, jedoch zeigt sich, dass die Empörung in der islamischen Welt nicht auf Knopfdruck zu stoppen ist. Es wäre auch fatal, hinter den Reaktionen nur "Islamisten" oder radikale "Fundamentalisten" zu vermuten. Allein die Besetzung des EU-Büros in Gaza durch die al-Aksa-Brigaden, den militärischen Arm der säkularen Fatah, zeigt, dass hier auch nicht streng oder gar nicht religiöse Menschen mobilisierbar waren.

Es wären alle gut beraten, sich um eine Deeskalation zu bemühen. Vor allem sollte man aus dieser Sache lernen und rechtzeitig den Dialog und die Einbindung von Betroffenen suchen. Pressefreiheit versus Religionsfreiheit sollte nicht im Kontext "entweder-oder", sondern unter der Prämisse "sowohl als auch" behandelt werden. Gegenseitiger Respekt, Rücksichtnahme und mehr Fingerspitzengefühl und vor allem vermeiden, was unnötig verletzt, wären das Gebot der Stunde.

"Kein Zwang in der Religion" soll für alle gelten!

Zu Recht beanspruchen die Muslime Österreichs für sich als anerkannte Religionsgemeinschaft und Teil der österreichischen Realität die gleichen Rechte, Gleichbehandlung und uneingeschränkte Freiheit der Ausübung ihrer Glaubenspraxis. So problematisch das Prinzip der eziprozität ist, indem mit der Formel: "Solange Christen in Teilen der islamischen Welt unterdrückt sind, dann sollen die Muslime in Europa nicht lautstark für ihre Rechte eintreten" Sippenhaftung betrieben würde, entbindet dies Muslime nicht von der Verpflichtung, die Menschenrechtssituation in vielen islamischen Ländern zu kommentieren und kritisch zu hinterfragen.

Den jüngsten Anlass dazu bildet ein in seiner Heimat mit einem Todesurteil bedrohter, zum Christentum konvertierter Afghane.

Aus rein menschlicher Sicht sind derartige drastische Einschränkungen der Religionsfreiheit ohne wenn und aber abzulehnen und zu verurteilen. Aus theologischer Sicht stehen derartige Urteile nicht im Einklang mit dem Koran, der "Kein Zwang in der Religion!" vorschreibt. Nirgendwo ist eine Belegstelle zu finden, die eine diesseitige Strafe für jene, die ihre Religion verlassen, vorsieht.

Der Prophet lebte mit den "Munafiqin", den Heuchlern, bzw. Apostaten, in Medina Tür an Tür. Ihres offensichtlichen Unglaubens konnte er gewiss sein. Doch zu keinem Zeitpunkt wurde ein Urteil verkündet, wie es in Afghanistan im Raum stand.

Die islamische Geschichte und Literatur ist reich an Beispielen von Leuten, die der islamischen Lehre den Rücken drehten, ohne dass ihnen irgendeine Gefahr drohte. Ibn Al-Rawandi, einer der intellektuellsten Denker und Philosophen, wird in vielen Büchern positiv erwähnt.

Seine Leistungen werden einfach anerkannt. Seine Religion ist eine Sache zwischen ihm und Gott. Al-Mutanabbi, der Star aller arabischen Dichter schlechthin, hat für sich einmal sogar das Prophetentum beansprucht und ist bis heute trotz seiner umstrittenen Persönlichkeit der meist zitierte Poet in der arabischen Welt. Die Geschichten von Abu-Nuuas und seiner Liebe zum Wein, aber auch seine homosexuellen Neigungen füllen Bücher mit Anekdoten, etwa dass seine Familie ihn mit einer der schönsten Frauen verheiratete, er aber schon in der Hochzeitsnacht einen Freund vorzog. Abu Al-Alaa Al Maarri und seine offene Religionskritik führten zu keinen Sanktionen. Ganz im Gegenteil sind Bibliotheken, wissenschaftliche Symposien und Straßen nach ihm benannt.

Auch heute ist die Praxis nicht von Schwert und Blut gekennzeichnet. Der Bekannte zeitgenössische Philosoph und Religionskritiker Jalal Sadiq Al-Azm verkehrt jeden Tag auf den Straßen Damaskus und bereist die arabischen Länder und die islamische Welt, ohne dass Leibwächter gebraucht werden.

Aber wie kann es dann zu solchen Auslegungen kommen, die mit der Todesstrafe drohen? Hier liegt es ein Hauptmissverständnis darin, dass zwischen dem schlichten persönlichen Religionswechsel und einem für die Gesellschaft folgenschweren Entscheid, sich gewalttätig gegen die Gemeinschaft betätigen zu wollen, nicht unterschieden wird. Urteile werden so mit der Begründung getroffen, dass hier der "Konvertierte" sich zu einem Hauptfeind im militärischen Sinne deklariert hat und somit (lt. Urteil) als Hochverräter die Strafe verdient. Aber selbst bei dieser Auslegung ist Vorsicht geboten.

Zu Zeiten des Propheten betrieb Hatib Spionage und übermittelte Informationen an die Feinde in Mekka. Auch nach Bekanntmachung seines Verrates geschah ihm nichts. Ein Todesurteil bei Religionswechsel wie im Falle des Afghanen abzulehnen, ist keine "liberale" oder zusammen gebastelte Interpretation, sondern die Haltung vieler moderner Gelehrter, auch wenn sie durchaus dem eher konservativen Lager angehören, wie der syrische kurdische Theologe Said Ramadan Al-Buti und der weit über die Grenzen seiner Heimat Ägypten bekannte Scheich Al-Qaradawi. Im Falle Abdu Al-Rahmans wären die afghanischen Gerichte gut beraten gewesen, ihn nicht für "geistig minderbemittelt" zu erklären, um der Sache auszuweichen und international Schaden abzuwenden, sondern ihn einfach frei zu lassen. Leider war hier Karsai nicht der richtige, "theologischen Mut" zu zeigen. Unter Besatzung können heikle politische Entscheidungen niemals den Charakter wahrer Eigenständigkeit zeigen. Und so bleibt es eine politisch pragmatische Lösung, der man weder ein glaubhaftes Eintreten für die Menschenrechte, noch eine überzeugte religiöse Haltung abkauft.

Auch wenn es nicht direkt mit dem Fall in Afghanistan in Verbindung gebracht werden kann, wäre es auf Grund der Diskussion der letzten Zeit über die Karikaturen in Dänemark ein Fehler die oben angeführte Argumentation dahingehend zu interpretieren, dass somit Tür und Tor einer aggressiven Herabwürdigung der religiösen Gefühle von Minderheiten in Europa geöffnet werden kann. Ein respektvoller Umgang miteinander bleibt immer der bessere Weg. Hier sollte die Bilanz zwischen freier Meinungsäußerung und Respekt gegenüber Minderheiten weiterhin angestrebt werden, und zwar überall und jenseits der rechtlichen Situation. Auch hier gilt aber die Ablehnung von Gewalt, da die Lösung gewiss nicht darin liegt.

Auf alle Fälle ist ein innermuslimischer Dialog über solche Verurteilungen von Nöten und zwar gesellschaftlich, institutionell und theologisch. Die islamische Weltkonferenz könnte dann diesbezüglich eine von den maßgeblichen Autoritäten in der islamischen Welt getragene offizielle Haltung zeigen.

Mehr Gelassenheit im "Karikaturenstreit"

FURCHE Kolumne: Februar 2006

Reflexion als Weg zu mehr Gelassenheit scheint im Karikaturenstreit vonnöten, um Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Keine Dialogverweigerung, sondern Einbeziehen der Betroffenen, um gemeinsam ein Krisenmanagement zu entwickeln. Hätte man dies in Dänemark beherzigt, wäre es wohl nicht zu der bedrohlichen Eskalation gekommen.

Erst recht, wenn nicht Provokation um der Provokation willen betrieben worden wäre. Wer Meinungsfreiheit unter Beweis stellen will, indem er mutwillig auf den religiösen Gefühlen einer Minderheit herumtrampelt, ist kein Held, sondern geschmacklos und verletzend.

Ist die Geschichte nicht auch als Indikator für den viel zitierten innereuropäischen Wertediskurs zu sehen? Hier wurde die Definition über die populistische Abgrenzung, ein Vorführen der angeblichen Minderwertigkeit anderer angestrebt, sonst hätte man die Zielscheibe im eigenen Kulturkreis gesucht. Meinungsfreiheit als Recht sich ohne Furcht vor Konsequenzen der Mächtigen frei ausdrücken zu können soll die Konsequenzen für die Gesellschaft als Frage der sozialen Verträglichkeit im Auge haben. Als Kulturgut soll Meinungsfreiheit mit einer Kultur der Meinungsfreiheit verbunden sein.

Irgendwie ist es paradox: So beruhigend selbstverständlich Meinungsfreiheit im Westen geworden ist, dass es mitunter an einer persönlichen Verinnerlichung mangelt, so verinnerlicht hat man die Sehnsucht nach Meinungsfreiheit in vielen islamischen Ländern – und kann durch die fehlende Selbstverständlichkeit mitunter schwer damit umgehen. Demokratiemangel hat dabei nichts mit einem Mangel des Islam zu tun, aber viel mit dem Wesen von Diktaturen.

Die Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln als unabdingbar bewusst zu machen – dies ist ein wichtiger Beitrag der Religionsgemeinschaften.

Share
RSS - Religionsfreiheit abonnieren