Der Karikaturenkonflikt - Chance für Reflexion und Veränderungen

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Bilder und ihre Wirkung

Die mediale Globalisierung verwandelt die Welt in das viel zitierte „global village“. Bilder sind dabei eine abgekürzte Kommunikation, die tieferes Verständnis nicht voraussetzt. Sie sind deshalb so erfolgreich, weil sie schneller als Gedanken sind und lange wirken. Die Macht der Bilder zeigt sich immer wieder, ob gedruckt oder beweglich.

Weil Bilder so stark das Gemüt ansprechen, können sie leicht missbraucht werden, und ganz gezielte Impressionen vermitteln. Wie weit soll das, was mit Bildern gezeigt und ausgesagt wird, aber gehen dürfen?

Diese Fragestellung kann nicht ganz einfach und allgemein beantwortet werden. Sie hängt von vielen Faktoren und vom gesamten Kontext ab. Grundsätzlich wird die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit auch von Muslimen in keiner Weise in Frage gestellt. Die islamischen Quellen fordern übrigens – im modernen Sprachgebrauch gesagt – zu Zivilcourage auf. Es muss ungestraft möglich sein, Kritik zu üben, zu hinterfragen und dies auch mit Humor tun zu können. Eine  Berücksichtigung und Würdigung von Empfindlichkeiten jeder Art ist dabei nicht Zeichen von Schwäche oder Feigheit, sondern Ausdruck des Respekts. Aufgrund der politischen Strukturen ist Meinungsfreiheit in vielen Ländern der islamischen Welt leider nicht Wirklichkeit.

„Etwas ist faul im Staate Dänemarks“ [1]

Die dänischen Karikaturen waren nicht einfach irgendwelche Bilder zu irgendeinem Anlass. Sie bedeuteten die Zuspitzung einer in Dänemark seit Jahren betriebenen, ausländer- und insbesondere islamfeindlichen, von der rechtsgerichteten Zeitung Jyllands-Posten unterstützten Stimmungsmache, aus der politisches Kapital geschlagen werden konnte. Es ist in Dänemark mittlerweile salonfähig geworden, den Islam öffentlich als „Krebsgeschwür“, die Muslime als „Unkrautsamen“ zu bezeichnen. Und wie sich zeigt, ist die Strategie zielführend – die rechte dänische Volkspartei hat nach Umfragen seit Beginn des Konflikts über 4% an Stimmen zugelegt.

Jyllands-Posten bezeichnete ihre Aktion ursprünglich als „Test“ zur Überprüfung der Meinungsfreiheit. Man wusste um das Abbildungsverbot (es wurde sogar bei strikten Imamen von der Redaktion nachgefragt!), man wusste um die Problematik und Empfindlichkeit vieler Muslime in diesem Punkt, die den Propheten Mohammed als ideales menschliches Vorbild verehren und ihm starke Gefühle entgegen bringen. Trotz geduldiger Bemühungen und Proteste der muslimischen Dänen nach dem Abdruck der Karikaturen wurde jeder Dialog verweigert. Es gehe dabei um eine „notwendige Provokation zur Verteidigung der Meinungsfreiheit“ unterstützte Ministerpräsident Rasmussen die Aktion und lehnte ein Treffen mit 11 muslimischen Botschaftern ab.  Diese Behandlung müsse man in einer Demokratie ertragen können. Eine ganz offene und gewollte Provokation mit Unschuldsmiene. Es war klar, dass eine breite, in die Tiefe gehende mediale Auseinandersetzung – im Gegensatz zu Bildern – große Bevölkerungsteile nicht erreichen konnte. Deshalb war auch die Reaktion vieler Europäer auf die muslimische Empfindlichkeit vorauszusehen, nämlich Unverständnis und mehr Ablehnung alles Islamischen. Auf beiden Seiten wurden durch Verkürzungen die irrationalen und rein emotionalen Ebenen gereizt. Differenzierung hatte keinen Platz mehr. Und genau das war gewollt.

So ist es leicht, die Muslime unterschiedslos als gemeingefährlich und gewaltbereit vorzuführen und sich hinter der Meinungsfreiheit zu verstecken. Wenn es tatsächlich um inhaltliche Kritik geht, kann diese in gleicher Schärfe auch mit anderen, weniger verletzenden Mitteln zum Ausdruck gebracht werden, ohne dabei die Würde von anderen anzugreifen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es bei den Protestaktionen in Europa keine Ausschreitungen gab und die Gewalt durchgehend von allen religiösen Autoritäten – auch in der islamischen Welt - verurteilt wurde. Dies blieb allerdings kaum beachtet und änderte nichts daran, dass vielerorts über 1 Milliarde Muslime für einige wenige radikale Gruppen, die medial große Aufmerksamkeit ernteten, in Geiselhaft genommen wurden.

Zunehmende Islamfeindlichkeit

Doch nicht nur die dänischen Muslime beobachten seit längerem ein besorgniserregendes Ansteigen der Islamfeindlichkeit in Europa. Diskriminierende Fragebögen für einwanderungswillige Muslime (nur für diese!) in Baden-Württemberg, Ungleichbehandlung der Religionen (nicht in Österreich, wo der Islam gesetzlich anerkannt ist), islamfeindliche Parolen, besonders in Wahlkämpfen, wie zuletzt bei den Wiener Wahlen vergangenen Herbst, geschändete muslimische Friedhöfe und zunehmende Ressentiments geben Muslimen in ganz Europa Anlass zur Sorge. Nach einer Erhebung in Deutschland (Allensbach) im Jahr 2004 bringen 83% der Deutschen den Islam mit Terror in Verbindung. 82% halten Muslime für fanatisch und radikal, 70% für gefährlich.

Man darf gerade jetzt nicht vergessen, wozu es führen kann, wenn Verhetzung religiöser oder anders denkender Minderheiten betrieben oder geduldet wird. Die Ereignisse in der nationalsozialistischen Zeit müssen als ewige Mahnung stets präsent sein.

Pressefreiheit – freie Medien?

Eine wesentliche Rolle bei der Bewusstseins- und Meinungsbildung spielt die Pressefreiheit. Sie wurde in der westlichen Welt hart erkämpft und ist eine wichtige Errungenschaft. Medien und Presse unterliegen gewissen eigenen Gesetzmäßigkeiten. So lässt sich beobachten, dass Aggressivität besonders medienwirksam ist und kräftigere Anstöße liefert, um die Aufmerksamkeit der Massen zu bewirken oder Sensationslust zu befriedigen. Das Wissen darum, wie die Medien „funktionieren“, birgt aber auch in offenen Gesellschaften die Gefahr der Instrumentalisierung. Medienfachleute und Journalisten tragen enorme Verantwortung.

Wie frei sind die westlichen Medien nun tatsächlich? Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass meint dazu, dass hier Selbstbetrug betrieben werde. Die Zeitungen lebten von Anzeigen und müssten Rücksicht darauf nehmen, was bestimmte wirtschaftliche Kräfte diktieren. Die Presse selbst sei oft Teil riesiger Unternehmensgruppen, die die öffentliche Meinung monopolisierten. Grass konstatiert, der Westen hätte das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen. Man könne nicht dieses geltend machen, ohne zu analysieren, wie es damit wirklich stehe.

Andere Beobachtungen stimmen ebenso nachdenklich: z.B. die „embedded journalists“ im Irak-Krieg und eine allgemeine Tendenz, über das Sterben im Krieg und das Leid der Bevölkerung nicht oder nicht ausreichend zu informieren. Nach dem 9.11. wurde Journalisten ein Maulkorb umgehängt, indem in ihre Arbeitsverträge die Verpflichtung zur Solidarität mit den USA aufgenommen wurde. Auch deutsche Journalisten waren davon betroffen. Während der Kriege in Afghanistan und im Irak wurden sowohl in Kabul als auch in Bagdad die Büros des Senders Al-Djazeera bombardiert und dabei Mitarbeiter des Kanals getötet. Die Bilder des Senders waren an fast alle westlichen Fernsehanstalten verkauft worden. Das war sicher kein Zufall oder Zeichen des Respekts vor der Pressefreiheit. In einigen EU-Staaten sind Rundfunksender parteipolitisch gefärbt. Auch im Westen hat man also Grund, über die Pressefreiheit nachzudenken. Das Beeinflussungspotential auf die Medien und durch die Medien ist unbestreitbar.

Entwicklung durch islamische Erneuerung

Häufig hört man den Ruf nach Aufklärung in der islamischen Welt. Trotz Aufklärung geschah in Europa der Holocaust. Aufklärung ist nicht das Allheilmittel, für das sie oft gehalten wird. Sie hat zur europäischen Geistesentwicklung und zum gesellschaftlichen Emanzipationsprozess zweifelsohne wesentlich beigetragen. Doch Aufklärung muss sich ständig selbst erneuern und darf nicht arrogant auf das bisher Erreichte pochen. Neue und alte Vorurteile und Unterdrückungsmechanismen in moderneren Gewändern müssen laufend weiter hinterfragt werden. Man darf dabei ebenso nicht übersehen, dass sich die europäische Entwicklung nicht auf Länder und Kulturen übertragen lässt, die vollkommen andere gesellschaftliche Strukturen, andere Probleme und eine ganz andere Geschichte hinter sich haben. Vor allem scheint die Forderung nach Aufklärung meist eine grundsätzliche zivilisatorische  Minderwertigkeit zu implizieren. Im Westen wird oft so getan, als seien die häufig beschworenen „europäischen Werte“ hier erfunden worden und in anderen Kulturen unbekannt oder negativ konnotiert.

Die meisten liberalen wie konservativen islamischen Gelehrten sind sich darin einig, dass die islamische Welt in einer Krise steckt. Sie sehen die notwendige Erneuerung aber nicht in einer „Wegsäkularisierung“ der Religion, sondern in Form einer Neuinterpretation der islamischen Quellen. Demokratische Regeln und Menschenrechtsstandards können aus dem Islam selbst abgeleitet werden. Die in den Quellen angelegte Dynamik erlaubt seit jeher Ausgestaltung entsprechend den jeweiligen Herausforderungen der Zeit.  Die Krise liegt sicher auch darin begründet, dass die Vernunft, die im islamischen Denken immer eine zentrale Rolle spielte, heute zu stark vernachlässigt wird. Viele Ursachen der Krise liegen in der islamischen Welt selbst. Es hilft nicht weiter, die Schuld nur bei anderen zu suchen. Doch alles, was von außen aufoktroyiert wird, ist schwer annehmbar. Ein wichtiger Schlüssel ist dagegen Interaktion: das bedeutet, gleichberechtigte, ehrliche Wechselbeziehung, aufeinander bezogen sensibel denken und handeln.

Europas Anteil an der Krise der islamischen Welt

In Europa soll man seinen Anteil an den Entwicklungen nicht vergessen. In einem viel beachteten Artikel forderte die amerikanische Kolumnistin Susan Sontag nach dem schrecklichen 11.9. „ein Körnchen historischen Bewusstseins“ ein, das dabei helfen könne, das Geschehene und das Kommende zu verstehen.

Schließlich haben die früheren Kolonialmächte ein schweres Erbe hinterlassen. Sklaverei und Ausplünderung, weit gehende innere Einmischungen, indem Regierungen ein- und abgesetzt, Bürgerkriege angezettelt wurden, je nachdem, wie es den Herrschenden gerade opportun war. Noch heute müssen die Länder der dritten Welt ihren Tribut an ihre ehemaligen Beherrscher zahlen in Form von Strukturanpassungsprogrammen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Form von Marktöffnung und Handelsliberalisierung, in Form von Entstaatlichungs- und Privatisierungsprogrammen – tödlich in einer Welt der Ungleichheit. Zudem sind in großen Teilen der islamischen Welt 50% der Bevölkerung unter 20 Jahre und ohne Perspektiven. Es gibt keine soziale Gerechtigkeit. Die autoritären Regime wurden und werden oft vom Westen aus Eigeninteresse unterstützt. Vor diesem Hintergrund sind die Ausschreitungen in Teilen der islamischen Welt zu betrachten. Sie hatten zweifelsohne Ventilfunktion.

Zu umfassender Betrachtung gehört auch ein Blick auf den Welthandel. Dieser wird zu 81% von den USA, der EU, Kanada und Japan kontrolliert. Die Erhaltung des Wohlstandes der Reichen geht meist auf die Kosten der Armen. Obwohl die Weltlandwirtschaft zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, es also keinen objektiven Mangel gibt, sterben laut UN-Ernährungsbericht jeden Tag 100.000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Auch das Waffengeschäft spielt eine maßgebliche Rolle. Gewalt fördert die Wirtschaft. Es liegt der Schluss nahe, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR deshalb nicht abgerüstet wurde. Man suchte ein Feindbild und es war einfach, mit Hilfe alter Vorurteile und Klischees ein Neues zu kreieren: „Den Islam“.

Krieg braucht Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Angst der Menschen, bedroht zu sein, einen Feind zu haben, führt zu dieser Akzeptanz. Und der Krieg findet nicht im Westen statt.

Kein „Clash of Civilisations“

Die Geschehnisse rund um die Karikaturen sollten zu einem tieferen Nachdenkprozess führen. Das Aufbauen von Feindbildern wird unsere Welt nicht friedlicher machen. Doch sowohl „der Islam“ als auch „der Westen“ sind keine monolithischen Blöcke, die einander feindlich gegenüber stehen. In beiden Kulturkreisen gibt es mannigfache Ausprägungen von Lebensweisen  und -auffassungen und eine bunte Vielfalt in der Bevölkerung. In beiden Sphären leben zahllose Menschen aus den jeweils anderen Kulturen als Brückenbauer. Die gegenseitige Befruchtung von Orient und Okzident, damals wie heute, wird oft verdrängt.

Lassen wir uns nicht täuschen. Erst im Erkennen von Mechanismen einer Verhetzungs- und Feindbildunkultur liegt die Chance, diese zu durchbrechen. Leider gibt es keine einfachen Rezepte. Doch setzen wir unsere Hoffnung in das Erstarken einer  „planetarischen Zivilgesellschaft“ (Jean Ziegler), in die sich jeder entsprechend seinen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringen soll – und sei es nur durch deren moralische Unterstützung und das Bemühen um Differenzierung.

Wien, am 7. März 2006


[1]  „Hamlet“, Shakespeare

Datum: 
Dienstag, 7 März, 2006
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